11.01.2010

KRIMINALITÄT

Koks für den Terror

Von Ulrich, Andreas

Ein Libanesen-Clan aus Speyer soll regelmäßig große Mengen Bargeld nach Beirut geschmuggelt haben. Das Geld stammt aus Kokainhandel - waren die Millionen für die Hisbollah bestimmt?

Den Fußballkollegen beim FC Speyer 09 galt Wissam T., 31, als Musterexemplar gelungener Integration. Der Libanese kam pünktlich zum Training, stellte sich diszipliniert in den Dienst der Mannschaft und schoss so manches wichtige Tor. Mit einer Deutschen verheiratet, wurde er im Sommer zum zweiten Mal Vater. Da störte es auch nicht, dass der Muslim nur Cola trank, wenn die Mitspieler den Sieg mit Bier begossen. "Der Wissam ist ein ganz feiner Kerl", da war sich sein Trainer Oliver Russ ganz sicher.

Seit der Stürmer Mitte Oktober verhaftet wurde, haben Trainer und Mannschaftskameraden jedoch Zweifel an ihrer Einschätzung. Jahrelang, so der Verdacht, sollen Wissam T. und andere Mitglieder seiner weitverzweigten Familie Millionengewinne aus dem Kokainhandel nach Beirut geschmuggelt haben. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt wegen Geldwäsche, gleichzeitig steht aber auch der Verdacht der Terrorfinanzierung im Raum. Vieles spricht dafür, dass die Drogengewinne für die schiitische Hisbollah ("Partei Gottes") bestimmt waren.

Kurz vor Weihnachten waren deshalb zwei deutsche Ermittler im Libanon. Eine heikle Mission, denn seit fünf Monaten vermittelt der Bundesnachrichtendienst (BND) in aller Stille den Austausch des von der Terrorgruppe Hamas gefangengehaltenen israelischen Soldaten Gilad Schalit gegen rund tausend palästinensische Häftlinge - die Recherche, ob die mit der Hamas verbündete Hisbollah am Kokainhandel beteiligt ist, könnte da stören.

Der Verdacht, dass die Terroranschläge gegen Israel teils mit Drogengeld aus Europa finanziert werden, besteht seit Mai 2008. Damals überprüften Zöllner am Frankfurter Flughafen vier Libanesen, die auf eine Maschine der Middle East Airline nach Beirut gebucht waren. In ihren insgesamt neun Koffern fanden sich 8 692 990 Euro, fein säuberlich gebündelt, mit Alufolie umwickelt und in Geschenkpapier verpackt. Die Banknoten verschiedener Stückelung wogen nach Behördenangaben rund 30 Kilogramm.

Dass der Zoll das Gepäck der vier Libanesen kontrollierte, war kein Zufall, sondern das Ergebnis zwei Jahre andauernder Ermittlungen durch das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz. Unter den Augen der Fahnder waren Angehörige des Clans regelmäßig in die Niederlande gefahren und anschließend nach Beirut geflogen. BKA und Zoll übernahmen den Fall, es war die Geburtsstunde der Ermittlungsgruppe "Zeder".

Die Recherchen führten die Fahnder mitten hinein ins kleinbürgerliche Milieu am Stadtrand von Speyer. In einem Häuschen aus den sechziger Jahren mit gepflegtem Vorgarten und Springbrunnen, in dem einer der Verdächtigen lebte, entdeckten die Beamten weitere 565 665 Euro Bargeld sowie das passende Geschenkpapier. Laboranalysen förderten auf den Geldscheinen typische Anhaftungen von Kokain zu Tage sowie die Fingerabdrücke eines Mannes, der als große Nummer im Kokaingeschäft gilt: Justus G., 46, Deckname "Karlos".

Der gebürtige Niederländer, wegen Drogenhandels aktenkundig, lebt im Untergrund; die Polizei vermutet ihn in Belgien. Sein Name taucht in mehreren Großverfahren quer durch Deutschland auf: im Jahr 2000 bei der "Operation Bailarinas" von Polizei und Zoll, die Kokainimporten auf dem Luftweg nachspürte. 2004, als der Stoff auf dem Seeweg in mit T-Shirts vollgestopften Schiffscontainern geschmuggelt werden sollte - die Täter hatten dazu in Peru eigens eine Textilfirma gegründet. Und schließlich 2005, als die Droge zentnerweise über den Atlantik schipperte; etwa auf dem Bananenfrachter "Chile Star" mit Zielhafen Hamburg oder auf der "Santa Lucia", die in Antwerpen gelöscht werden sollte.

Justus G., alias Karlos, soll laut Ermittlern seit Jahren Kontakt zu der libanesischen Großfamilie um Wissam T. haben. Ihren Lebensunterhalt bestritten Wissam und sein ebenfalls verhafteter Bruder Hamze, 26, vom Gebrauchtwagengeschäft. Ihr Büro war auf dem Gelände ihres Onkels Ibrahim gemeldet, der ebenfalls mit Autos handelt. "Wissam und Hamze haben mit der Hisbollah nichts zu tun, sie sind unschuldig", beteuert der Onkel. Seine Neffen hätten nach Beirut lediglich Einnahmen von libanesischen Geschäftsleuten aus ganz Europa gebracht, die den Banken nicht trauten: "Vielleicht war ein bisschen Schwarzgeld dabei, mehr aber nicht." Die Rechtsanwälte der Verdächtigen wollten sich nicht äußern.

Die Ermittler nehmen die Geschichte von den Kurierdiensten aus Gefälligkeit nicht ab. Sie sehen die Brüder T. vielmehr als Teil eines internationalen Netzes: Denn klar ist inzwischen, dass der mutmaßliche Empfänger des Geldes einer Familie entstammt, die enge Verbindungen in höchste Kreise der Hisbollah und zu deren Führer Hassan Nasrallah pflegen soll.

Dass sich unter dem Mantel der Hisbollah Terrorismus und Organisierte Kriminalität erfolgreich verbinden, vermuten Sicherheitsleute schon länger. Bereits 2007 stellte die libanesische Armee eine Lkw-Ladung mit Waffen für die "Partei Gottes" sicher, die nach Angaben der dortigen Ermittler mit Drogengeld bezahlt wurde, das aus Deutschland in den Libanon geschafft worden war. Das britische Fachmagazin "Jane's Intelligence Review" berichtete Anfang 2009 von einem Geldwäscherparadies im Dreiländereck zwischen Argentinien, Brasilien und Paraguay, in dem rund 25 000 Menschen arabischen Ursprungs leben und in dem die Palästinensergruppe Hamas sowie die Hisbollah laut US-Kongress über erheblichen Einfluss verfügen sollen.

Die Hisbollah soll zudem mit der Farc in Kolumbien kooperieren. Im Oktober 2008 hob die kolumbianische Staatsanwaltschaft eine Bande internationaler Kokainhändler und Geldwäscher mit Verbindungen zur Hisbollah aus. US-amerikanischen Angaben zufolge soll die "Partei Gottes" ebenso am Verkauf synthetischer Drogen in den Vereinigten Staaten und am Handel mit gefälschten Markenprodukten partizipiert haben.

Auch der deutsche Blick auf die Hisbollah ist seit der vorweihnachtlichen Libanonreise der beiden Bundesermittler geschärft. In Beirut erhielten die Kundschafter Hinweise, wonach die beiden Verhafteten aus Speyer, die aus Cfar Malki im von der Hisbollah dominierten Südlibanon stammen, in einem Camp der "Partei Gottes" ausgebildet worden sein sollen.

Ob es politisch opportun ist, die Erkenntnisgewinne der deutschen Strafverfolger sofort zu nutzen, scheint jedoch fraglich. Der BND unterhält traditionell gute Beziehungen zur Hisbollah. Ein Deutscher Agent war maßgeblich daran beteiligt, als Israel im Januar 2004 mehr als 400 palästinensische Gefangene im Austausch gegen die sterblichen Überreste von drei israelischen Soldaten freiließ.

Diesen Kontakten war es auch zu verdanken, dass der BND Beziehungen zur Hamas knüpfen konnte, mit der ein deutscher Vermittler derzeit über die Freilassung des Soldaten Schalit verhandelt. Nach Einschätzung von Experten stehen die Gespräche kurz vor dem Abschluss - wenn nichts dazwischenkommt. ANDREAS ULRICH


DER SPIEGEL 2/2010
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