11.01.2010

KERNENERGIEEin verfluchter Ort

Mit einem neuen Untersuchungsausschuss will die Opposition im Bundestag das geplante Atommüll-Endlager Gorleben zum Scheitern bringen - und damit die schwarz-gelbe Koalition in die Enge treiben. Verhandelt wird eine lange Geschichte des Tricksens und Täuschens.
Die Fahrt hinunter in den Gorlebener Salzstock dauert weniger als zwei Minuten, und wenn sich 840 Meter unter Tage die Gittertür des Aufzugs öffnet, sieht es aus wie in einem Museum für moderne Kunst.
Eine Skulptur aus zerbeulten Cola-Dosen und anderem Schrott begrüßt jeden Besucher, der aus dem Fahrstuhl tritt, sie soll das ungelöste Problem der Gesellschaft mit ihrem Müll symbolisieren.
"Trash People" nennt der Kölner Happening-Künstler HA Schult diese Aktion. Vor wenigen Jahren stellte er eine ganze Armee solcher Schrottfiguren in das geplante Atommüll-Endlager, eine blieb zur Mahnung bis heute dort stehen, neben einem Schaukasten über das Happening ("Stille Tage in Gorleben"). Es könnte auch heißen: Schöne Grüße von Rot-Grün.
Die subversive Aktion - Jürgen Trittin als Umweltminister stand Pate - ist nicht die einzige Hinterlassenschaft von Grünen und SPD. Wichtiger ist der Forschungsstopp, den die damalige Regierung 2000 in Gorleben verhängte. Seither stehen die Bohrmaschinen still. Betriebsam wird es allenfalls, wenn Besuchergruppen erscheinen, mit dem Mercedes-Geländewagen durch die endlosen Stollen gefahren werden und bei Interesse mit der Zunge das weiß-gräulich schimmernde Salz von den Wänden kosten können. Es ist von bester Qualität.
Jetzt sollen die Forschungsarbeiten so bald wie möglich wieder beginnen, statt Künstlern und Salzstock-Touristen rücken wieder Geologen und Strahlenphysiker ein - damit Gorleben endlich zum nationalen Atomendlager ausgebaut werden kann. So hat es die neue bürgerliche Koalition beschlossen.
Doch dazu wird es so schnell nicht kommen. SPD, Grüne und Linke werden den Konservativen den Salzstock nicht kampflos überlassen. Noch in diesem Monat wollen sie einen Untersuchungsausschuss zum Thema Gorleben beantragen. Neben der Kunduz-Affäre wird der Atommüll damit zum zweiten großen Streitthema zwischen Regierung und Opposition.
Fehler und Versäumnisse gleich aus drei Jahrzehnten sollen, so der Antrag zum Untersuchungsausschuss, "möglichst lückenlos" aufgedeckt werden. Um "unzulässige politische Einflussnahme" wird es gehen und um "Interessenkonflikte bei der Bundesregierung" wegen ihrer Nähe zur Industrie. Wurden Auswahl und Erforschung Gorlebens politisch manipuliert? "Der Verdacht steht klar im Raum", sagt die atompolitische Sprecherin der Grünen, Sylvia Kotting-Uhl, die den Untersuchungsausschuss zusammen mit ihrer Partei initiierte.
Akten und Studien aus drei Jahrzehnten werden nun durchleuchtet werden, auf den Prüfstand kommt die Rolle gleich mehrerer Bundeskanzler, Ministerpräsidenten und Fachminister.
Warum legten sich die Verantwortlichen frühzeitig auf Gorleben fest? Wieso wurden - und werden - nicht ernsthaft Alternativen geprüft? Und was passiert, wenn sich der Salzstock im niedersächsischen Wendland am Ende als ungeeignet erweist?
Im Untersuchungsausschuss wird es um mehr gehen als um Vergangenheitsbewältigung. Er hat das Potential, Gorleben endgültig zu disqualifizieren, die Endlager-Suche wieder auf null zu stellen und die Atompolitik der Koalition zum Scheitern zu bringen. Denn verhandelt wird eine jahrzehntelange Geschichte des Tricksens und Täuschens. Aufzuarbeiten ist die Lebenslüge der Atomindustrie - das anhaltende Vertagen und Verdrängen ihres Müllproblems. Bislang unbekannte Dokumente und Interviews mit Zeitzeugen lassen schon jetzt erkennen: Statt Geologie und Atomphysik prägten von Beginn an Parteipolitik und Machtspiele die Endlager-Suche, und deshalb gibt es bis heute keine tragfähige Lösung. Doch die abgebrannten Brennstäbe müssen irgendwo entsorgt werden, sie können nicht ewig in einfachen Lagerhallen stehen, zumal der radioaktive Müllberg jedes Jahr größer wird.
Die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit schätzt, dass die deutschen Atomkraftwerke jedes Jahr rund 400 Tonnen Brennelemente verbrauchen - hochgiftiger, über Jahrtausende hinweg strahlender Abfall. Geht der Atomausstieg wie geplant weiter, werden mindestens 17 200 Tonnen verheizte Brennstäbe zu entsorgen sein, die verstrahlten Rohre, Filter und Kesselteile aus den stillgelegten Atomkraftwerken nicht mitgerechnet.
In einer von zwei oberirdischen Hallen in Gorleben lagern 3500 Stahl-, Gusseisen- und Betonbehälter mit schwach und mittelschwer verseuchtem Müll: Putzlappen, strahlender Schlamm, mäßig radioaktiver Schrott, der bald im Schacht Konrad vergraben wird. In der zweiten Halle stehen 91 heiße Metallcontainer der Typen Castor, TS 28 V und TN85 mit verbrauchten Brennelementen und Abfall aus der Wiederaufarbeitung; stark strahlender Müll, von dem man hofft, dass er irgendwann irgendwo für immer im Boden verschwinden wird. 43 Container werden in den kommenden Jahren noch auf Schiffen, Lastwagen und Zügen in die Gorlebener Lagerhalle fahren, hochradioaktiver Abfall aus den Wiederaufarbeitungsanlagen La Hague in Frankreich und Sellafield in England. Um die heißumkämpften Castor-Transporte möglichst zu vermeiden, verpflichtete im Jahr 2002 die damalige rot-grüne Bundesregierung die Atomindustrie dazu, Zwischenlager für verbrauchte Brennelemente zu bauen, neben den Kernkraftwerken. Ein Teil des strahlenden Atommülls wartet daher in zwölf quer über die Republik verteilten Hallen, bis ein Endlager gefunden ist.
Aber wohin nur mit dem Strahlenmüll? Zwei frühere Umweltminister stehen im Zentrum dieses Streits, Angela Merkel und Sigmar Gabriel. Beide wissen genau, wie sehr das Kernkraftthema polarisiert. Jetzt sind sie Kanzlerin und SPD-Vorsitzender, und der Strahlenmüll hat alle Chancen, zum Angelpunkt ihrer Gegnerschaft zu werden.
Damit geht es um Politik und nicht um das Wohlergehen künftiger Generationen. Um sie zu schützen, muss ein Ort gesucht werden, an dem der Atommüll fern allen Lebens für Hunderttausende Jahre abkühlen kann. Auch im Jahr 8009 und im Jahr 308 009 muss dieses Endlager noch dicht sein. Sonst könnte sein Inhalt die Lebewesen der Zukunft vergiften - falls sie die radioaktiv verseuchten Behälter als Zeugnisse einer strahlenden Kultur entdecken oder die Altlasten schleichend austreten und die Natur zerstören.
So stellt sich die Frage, warum ausgerechnet - und ausschließlich - Gorleben diese Rolle erfüllen soll?
Es waren Helmut Schmidt und Ernst Albrecht, die als Erste in den späten siebziger Jahren im Endlager-Streit aufeinanderprallten, der eine Bundeskanzler, der andere niedersächsischer Ministerpräsident. Beide waren nicht besonders bewandert in Bodenkunde und Strahlenphysik.
Die Bundesrepublik hatte damals, nach der ersten Ölkrise, große Pläne mit der Kernenergie. 50 Atomkraftwerke sollten das Land mit billigem und nie versiegendem Strom versorgen. Deshalb musste auch ein großes Atommüll-Endlager her. Es war sogar klar, was man dafür brauchte: Ein guter Salzstock würde es tun, jene tiefen Erdschichten also, die als besonders wasserdicht und standfest galten.
Pech für die Niedersachsen: Ihre Heimat ist sozusagen komplett versalzen, sie haben Hunderte Salzstöcke. Der Auftrag des Bundes an das damalige Niedersächsische Landesamt für Bodenforschung: Sucht einen aus.
Als eine Art geheime Kommandosache rückten Anfang 1976 Bohrtrupps beispielsweise im Emsland an, nahe der Ortschaft Börger. Hier wolle man, so die Behauptung, nach Erdöl suchen. Die Dorfbewohner wussten es schnell besser, sie grün-deten Aktionsgemeinschaften und schrieben Resolutionen. Landwirte protestierten, sie fürchteten, verseuchte Endlager-Milch nicht verkaufen zu können.
In Betracht kamen acht Standorte, drei davon in Niedersachsen. Gorleben war nicht darunter. Stattdessen erschienen Börger im Westen, Ahlden bei Nienburg und Faßberg bei Uelzen aus Geologensicht geeignet. Aber Geologen sind keine guten Politiker.
Ernst Albrecht hatte schnell genug von den Unruhen in seinem Land, Wahlen standen an, Proteste über vielen Salzstöcken wären politischer Selbstmord, er schickte einen wütenden Brief nach Bonn, an Schmidt. Die Bohrungen bedürften eines "beträchtlichen, personalintensiven Polizeischutzes". Leider könne er den "zurzeit nicht in ausreichendem Maße garantieren".
Albrecht nahm die Sache selber in die Hand, gab seinem Landesamt einen neuen Auftrag, nach einem geeigneten Standort zu suchen. So kam plötzlich Gorleben ins Spiel, im Zonenrandgebiet, extrem dünn besiedelt, praktisch leer, wirtschaftlich völlig unterentwickelt, ein Großprojekt könnte es gut gebrauchen. Das Wendland war also sehr gut geeignet aus Politikersicht. Aber Politiker sind keine guten Geologen.
Gorleben liege in der Erdbebenzone 1, schrieben die Fachbeamten Albrecht in die Kabinettsvorlage - und zwar als einziger aller Endlager-Kandidaten. Auch sei es kritisch, dass der Salzstock von der Elbe überflossen werde. Und dann war da noch die Sache mit den Erdgasvorkommen. Es sei "mit großer Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass sich unter dem Salzstock in einer Tiefe von rund 3500 Metern Gas befindet", bei einer Förderung könnten "großflächige Senkungen" des Erdreichs auftreten. Direkt jenseits der Grenze sei es schon zu "Explosionen" gekommen, als die DDR dort nach Gasvorkommen bohrte, ein Bohrturm sei deshalb drüben schon in die Luft geflogen.
Erdbeben, Erdgas, Explosionen? Solche Begriffe passen schlecht, wenn ein atomares Endlager für die nächsten Jahrhunderttausende zu finden ist, für eine kleine Ewigkeit.
Übrigens spreche auch die große weltpolitische Lage dagegen, belehrte Kanzler Schmidt. Seine Regierung fürchtete, ein Endlager Gorleben könne "von der DDR durch eine ,Handstreichaktion' unterhalb der Schwelle kriegerischer Auseinandersetzungen in Besitz genommen werden". Albrechts Wahl könne deshalb "nicht in Betracht gezogen werden".
Es gibt in der Politik abstrakte Risiken und sehr reale Gefahren. Vergleichsweise abstrakt ist die Angst vor Erdbeben oder einem Einmarsch der Nationalen Volksarmee. Sehr real sind Unruhen in der Bevölkerung über etlichen Salzstöcken im Land. Der Streit um ein nukleares Entsorgungszentrum, ahnte Albrecht, werde "um vieles bitterer" sein als um ein "beliebiges Atomkraftwerk". O-Ton aus seiner Kabinettsvorlage: "Art und Größe des möglichen Einsatzraumes, die unabsehbare Dauer der zu erwartenden Demonstrationen und das vorherzusehende, äußerst entschlossene, planmäßige und gewalttätige Vorgehen bundesweit kooperierender radikaler Gruppierungen erfordert einen Polizeieinsatz, wie er bislang noch nie notwendig gewesen ist."
Mit anderen Worten: Je dünner die Besiedlung, desto geringer würden die Proteste ausfallen, desto leichter wäre die Umsetzung. Damit war im Februar 1977 die Entscheidung für Gorleben gefallen. Für die Region begannen konflikt- und gleichsam segensreiche Jahre. Das Kreisgesundheitsamt und auch das Krankenhaus konnten einen Anbau gut gebrauchen, die Feuerwehr zehn neue Löschfahrzeuge - wegen "erhöhter Waldbrandgefahr". Die Bundesregierung zahlte gern, eine "gewisse Großzügigkeit", merkten die Beamten an, könne die lokale Akzeptanz des Projekts fördern. Niedersachsen, Gorleben und seine Nachbardörfer bekamen rund 500 Millionen Mark vom Bund, einen Teil davon spendierte die Atomindustrie.
Und so wurde Gorleben zum Spielball von Politik und Wirtschaft; das war der Geburtsfehler, der die Endlager-Suche bis heute prägt und belastet.
Generationen von Politikern, Wissenschaftlern und Beamten arbeiten sich seither an der Debatte ab, für manche wurde es zum Thema, das sie nicht mehr loslässt.
Einer von ihnen ist Helmut Röthemeyer, Professor, Physiker, es gibt in der Bundesrepublik wahrscheinlich niemanden, der sich so ausführlich mit dem wendländischen Erdreich beschäftigt hat. Jetzt ist er 71 und im Ruhestand, er lebt am Ende einer Sackgasse, keine zwei Kilometer von seinem früheren Büro entfernt in Braunschweig. Auf dem Esstisch liegen Bücher bereit, die er zu dem Thema geschrieben hat, daneben stapeln sich alte Akten.
Röthemeyer, hager und großgewachsen, geht gebeugt zum Tisch, er zittert leicht, als er in den Papieren blättert, es geht um sein Lebenswerk. "Terminplan von 1977" steht da auf einer Seite, "Einrichtung 1990, Betrieb 1994".
So einfach und so schnell hat man sich das damals gedacht. Röthemeyer war Abteilungsleiter in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) und dort für die Akte Gorleben verantwortlich. Der Professor und seine Experten konnten analysieren, so viel sie wollten, immer gab es Probleme mit der Politik. Schon mit Schmidt ging das los, dessen Kanzleramt bereits 1981 die ersten Forschungsergebnisse nutzte, um Alarm zu schlagen. Es gebe Anhaltspunkte, "dass der Salzstock geologisch nicht ideal sei", hieß es in einem Vermerk aus Bonn. Die Fachleute verstanden den Wink. Konsequenzen zog die sozial-liberale Koalition aus dieser Erkenntnis aber nicht; die Zusage aus Niedersachsen sollte wohl nicht gleich wieder aufs Spiel gesetzt werden.
Zwei Jahre später, im Frühjahr 1983, legten Röthemeyer und seine PTB einen weiteren Zwischenbericht vor, Geologen hatten mittlerweile die Gesteinsschichten oberhalb des Salzstocks untersucht, diese seien womöglich nicht dicht. "Ich wollte angesichts der Unsicherheiten bei Gorleben in dem Bericht vorsorgliche Erkundungen an anderen Standorten vorschlagen", erinnert sich Röthemeyer heute.
Doch das wurde nicht akzeptiert. Wieder gab es Ärger mit Bonn, diesmal weil der Vorschlag der Fachleute nicht passte; denn nun regierte Helmut Kohl. "Die Frage nach anderen Standorten soll aus dem Papier herausgenommen werden", teilten die Abgesandten des neuen Kanzlers Röthemeyer per Telex mit. Auf keinen Fall wollten sie mit der Suche nach Alternativen Unruhe ins ganze Land hineintragen, lieber die Kräfte konzentrieren, und so schlugen sie weiter die Schlacht um Gorleben mit allen Mitteln der Staatsgewalt, mit Wasserwerfern und Polizeiketten.
Erst Kanzler Gerhard Schröder, SPD, setzte dem ein Ende, seine Regierung stellte 2000 in Gorleben das Erkundungsprogramm ein - als Teil des rot-grünen Atomausstieg-Deals mit den Kraftwerksbetreibern. Es müsse erst geklärt werden, was mit dem Strahlenmüll passieren solle, teilte die Regierung mit; auch an Alternativstandorte sei zu denken.
Röthemeyer war nicht mehr gefragt. "Früher waren wir Deutschen auf internationalen Treffen begehrte Gesprächspartner, weil wir mit Gorleben weltweit führend waren", sagt er. Kein anderes Land sei bei den Forschungen über ein Atomendlager so weit gekommen wie die Bundesrepublik. Mit dem Forschungsstopp änderte sich das. Schweizer und Finnen zum Beispiel geben nun den Ton an. Die internationalen Fachleute haben auf Konferenzen für Röthemeyer nur noch einen kurzen Small Talk übrig.
Im vergangenen Wahlkampf war die Atomkraft eines der wenigen polarisierenden Themen. Sigmar Gabriel hatte die Endlager-Frage auf die Agenda gesetzt, er warf den alten Kohl-Leuten Manipulation vor und Angela Merkel beinahe auch. "Ich finde, Frau Merkel hat Grund, sich nach der Schwarzgeldaffäre von Helmut Kohl das zweite Mal von ihrem Vorgänger zu distanzieren", sagte er unter dem Jubel seiner Anhänger. Wenig später wurde er zum neuen SPD-Chef gewählt.
Noch als Umweltminister verschärfte er drastisch die Anforderungen an die geplante deutsche Atommüll-Deponie. Sicherzustellen ist demnach zum Beispiel, dass über eine Million Jahre "allenfalls sehr geringe Schadstoffmengen aus dem Endlager freigesetzt werden können". Früher war von 10 000 Jahren die Rede.
Außerdem soll im Ernstfall über lange Zeit hin "die Bergung von Abfällen aus dem Endlager möglich sein". Die unter Tage eingesetzte Technik muss zugänglich bleiben und auch für künftige Generationen veränderbar sein. Bislang hatte man den Atommüll unwiederbringlich und letztlich unzugänglich im Salzstock einschließen wollen.
Eine Suche nach Alternativstandorten ist angesichts solcher Vorgaben eigentlich schon fachlich unausweichlich. Und politisch ist sie, jedenfalls aus Sicht der SPD, ohnehin begrüßenswert - sie kann der Union nur schaden. Endlager-Suchtrupps in anderen Teilen der Bundesrepublik werden heute genauso für Aufruhr sorgen wie in den siebziger Jahren die vermeintlichen Erdöl-Bohrteams im Emsland.
Gabriel weiß aus eigener Erfahrung, wie belastend das Müllthema werden kann. Der Stress mit den jährlichen Castor-Transporten hat ihn schon als niedersächsischen Ministerpräsidenten genervt. "Wer die Atomenergie so super findet, soll auch seinen Müll übernehmen", schimpfte er einst auf die unionsregierten Länderchefs.
Geschickt brachte Gabriel erdbebensichere Gebiete und wasserdichte Gesteinsschichten aus Ton ins Spiel, die sich möglicherweise besser eigneten als der Salzstock in Niedersachsen. Denn es hatte sich herausgestellt, dass solches Erdreich besonders gut im Süden zu finden ist, in Bayern und Baden-Württemberg. Dort, wo die Union regiert.
Groß war deshalb bei vielen Unionsleuten das Entsetzen, als die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe noch unter der Großen Koalition eine Studie über mögliche Atomendlager-Standorte in Deutschland veröffentlichte. Allein in Baden-Württemberg befand die Anstalt gleich zwei Regionen als "untersuchungswürdig".
Zum Beispiel das Donautal bei Ulm. Noch wird die dortige Opalinus-Tonschicht bloß in Studien als potentiell endlagertauglich gepriesen. Der lokale Widerstand hat sich trotzdem schnell formiert, auch fanden sich zügig Gegenargumente. "Baden-Württemberg gehört zu den erdbebenreichsten Regionen in Deutschland", sagt einer der Wortführer, Karl-Ernst Lotz: "Die letzten Beben waren gut zu spüren."
Auch Bundesforschungsministerin Annette Schavan, CDU, schaltete sich ein - ein Endlager Donautal würde womöglich in ihrem Wahlkreis liegen. "Ein geeigneter Standort ist doch bereits gefunden worden. Bisher hat niemand glaubhaft darlegen können, dass sich der Salzstock in Gorleben nicht eignet", sagt sie.
Ein potentielles Endlager nahe der Schweizer Grenze wiederum würde an den Wahlkreis von Unionsfraktionschef Volker Kauder grenzen. "Man hat in Niedersachsen ein geeignetes Endlager gefunden, das sollte nun endlich verwirklicht werden", sagt er. Übrigens sei der Opalinus-Ton sogar in ganz Baden-Württemberg "ungeeignet", teilte vorsorglich das Stuttgarter Landesumweltministerium mit.
Und was ist mit Bayern, vielleicht böten sich dort Alternativen an, beispielsweise im Fichtelgebirge oder im Bayerischen Wald mit seinen soliden Granitschichten? "In Bayern gibt es keinen Standort, der so gut geeignet ist wie Gorleben", behauptet Landesumweltminister Markus Söder, CSU: "Das haben alle Untersuchungen ergeben."
Neun von 17 derzeit aktiven Atomkraftwerken stehen in Bayern und Baden-Württemberg, die Regierungschefs in München und Stuttgart machen sich traditionell für die Kernkraft stark. Warum übernehmen die beiden Länder keine Verantwortung für den dort produzierten Strahlenmüll? "Das ist keine Frage des Föderalismus, sondern eine der Geologie", sagt Kauder, bislang nicht als Untergrundexperte bekannt.
Auch das Kanzleramt knickte inzwischen ein - dabei gab es dort zunächst durchaus die Bereitschaft, andere Endlager-Optionen zu prüfen. "Von Kanzleramtsminister Thomas de Maizière kam zuerst die Botschaft, auch Merkel trage eine Suche nach Alternativstandorten mit", erinnert sich Gabriel an die Große Koalition, doch dann hätten sich die süddeutschen Ministerpräsidenten quergelegt.
Ihre Haltung zum Müll spiegelt die Mehrheit im Land: 73 Prozent aller Deutschen hielten 2002 in einer Umfrage des Instituts für Technikfolgenabschätzung ein nukleares Endlager für dringend nötig. Aber nur 19 Prozent würden eines in ihrer Nähe dulden. Entsprechend heftig reagieren diejenigen, die am meisten betroffen sind: die Bürger des Wendlands. Nach vergleichsweise ruhigen Jahren nehmen die Proteste seit dem vergangenen Wahlkampf an Schärfe zu.
Zum Beispiel an einem Samstagabend im Herbst am geplanten Endlager Gorleben, als gegen 22 Uhr plötzlich fünf Traktoren hupend aus dem Wald auf das Tor der Sperranlagen zufuhren und der erste nur wenige Zentimeter vor der Nasenspitze einer Polizistin zum Halt kam. 100 Aktivisten standen einer Handvoll nervösen Beamten gegenüber, von einem der Trecker dröhnte das alte Kampflied "Bella Ciao" aus den Boxen. "Blockieren. Sabotieren. Stören" stand auf den Plakaten, alles wirkte wie früher, wie ein Filmschnipsel aus den achtziger oder neunziger Jahren, als sei der Atomausstieg nur eine Episode gewesen in der Geschichte der Republik.
Im Dunkeln pirschten sich Vermummte an den Sicherheitszaun, schnitten den Maschendraht auf und stürmten das Gelände. Wenige Minuten später flammten bengalische Feuer auf und warfen ein blutrotes Licht auf den Förderturm, dessen Aufzug irgendwann den Giftmüll in die Tiefe bringen soll. In aller Ruhe eroberten die Aktivisten das Terrain, besprühten Mauern mit Graffiti. Erst nach einer Stunde kam Verstärkung für die Polizei, Einsatzkräfte verfolgten die Protestler und nahmen einige fest. Die Aktivisten waren sich sicher: "Die Zeichen stehen auf Sturm."
Es sieht so aus, als kämen nun die Zeiten der Sitzblockaden und Wasserwerfer zurück. Spätestens im März muss Umweltminister Norbert Röttgen, CDU, dem Kabinett eine Vorlage über das geplante Endlager präsentieren - diese Frist ist durch das vor bald zehn Jahren verhängte Forschungsmoratorium gesetzt. Es gibt keinen Zweifel, dass die Regierung den Salzstock und die Forschungsarbeiten wieder eröffnen wird. "Wir müssen uns jetzt auf Gorleben konzentrieren", sagt Röttgen.
Einen zügigen Einmarsch der Atomlobby in die Stollen des Salzstocks wird es auch unabhängig vom Untersuchungsausschuss nicht geben können. Erst einmal sind neue Mitarbeiter einzustellen und zu schulen, Konzepte müssen überarbeitet, Bohrmaschinen entstaubt werden. Frühestens 2013 könnten die Arbeiten wieder beginnen, hat das zuständige Bundesamt für Strahlenschutz in einem "Konzept für die Wiederaufnahme des Endlager-Projektes Gorleben" ermittelt; aber auch nur, wenn der Bund einen Jahresetat von 150 bis 200 Millionen Euro bewilligt. Alles also sehr "zeit- und kostenintensiv".
Und dann, so die Beamten, sei da noch ein juristisches Problem von "höchster Priorität": Was passiert mit den Nutzungsrechten für den Salzstock? Anders formuliert - mit wessen Erlaubnis will die Regierung eigentlich unter Tage weiter Tunnel buddeln lassen?
Das Erdreich ist schließlich im Privatbesitz von Bauern, Landadel und Kirchengemeinden. Einige der 125 Eigentümer stellen sich schon von jeher quer, andere haben dem Bund in den achtziger Jahren die Nutzungsrechte nur begrenzt überlassen. 2015 laufen diese Vereinbarungen aus. Dann können die Eigentümer den Bund ganz einfach des Feldes verweisen.
Andreas Graf von Bernstorff lenkt seinen Landrover über einen sandigen Forstweg in der Nähe des Erkundungslagers, durch einen Forst aus Kiefern und Birken. "Der Wald gehört mir", sagt er.
Vor vielen Jahren wollte die Atomindustrie seinen Wald kaufen, um darunter ihren Müll zu lagern. Es war ein sehr gutes Angebot, 27 Millionen Mark für 670 Hektar Sandboden mit Baumbestand, zehnmal mehr, als die Waldfläche wert war. Aber Bernstorff verkaufte nicht.
Er ist ein freundlicher, zerstreuter Gutsherr, trägt Hut und raucht Zigarre, "Ich bin eher konservativ", sagt er. Als in den Siebzigern erstmals über Atomkraft gestritten wurde, war er Mitglied der CDU. Andererseits besaß er als Statthalter des Gräflich von Bernstorff'schen Geschlechts auch Pflichten. Das Familienstatut verlangt, dass der eigene Grund und Boden möglichst unbeschädigt an kommende Generationen weitergegeben werden muss. Den Ahnen verbunden, den Nachfahren verpflichtet, so sieht er das. Bernstorff versuchte, die Bauern auf seine Seite zu bringen, doch nicht alle konnten der "Versuchung" der Atomindustrie widerstehen, sagt er.
Ökos und Hippies kamen in seinen Wald und bauten ein "Anti-Atom-Dorf" gegen die Kernenergie. "Wir haben alles probiert", sagt der widerspenstige Graf, "irgendwann kam sogar mal ein Indianer und hat den Ort verflucht." Der Indianer hieß Chief Archie Fire Lame Deer, Medizinmann vom Stamm der Lakota. Bernstorff klettert aus seinem Landrover und streicht mit der Hand über einen verwitterten Indianerpfahl. Jeden zweiten Sonntag treffen sich hier, bis heute, Kernkraftgegner und beten.
Nicht nur diesen spirituellen Widerstand wird die Bundesregierung deshalb überwinden müssen, vor jeder weiteren Erkundung steht die Einigung mit Bernstorff oder zumindest mit den Bauern in seiner Nachbarschaft, und die wird teuer. "Der Preis muss stimmen", droht bereits Klaus Wohler von der Interessengemeinschaft der Salzrechteinhaber.
Und nach den Waldbesitzern kommen die Anwohner. Bislang hatten Bundesregierung und Industrie den Salzstock unter Ausschluss der Öffentlichkeit erkundet. Vieles spricht dafür, dass künftig in Gorleben ein ordentliches Planfeststellungsverfahren mit Beteiligung der Bürger laufen muss. Es drohen Zehntausende Einwendungen und eine öffentliche Anhörung, die zum Tribunal gegen den Staat geraten könnte wie einst bei der Wiederaufarbeitungsanlage im bayerischen Wackersdorf.
Sollte es jemals zu einem Planfeststellungsbeschluss kommen, scheint eine Prozesslawine unausweichlich. Ohne neutralen Standortvergleich und harte wissenschaftliche Auswahlkriterien wird es keinen gerichtsfesten Beschluss für ein Endlager Gorleben geben. "Ergebnisoffen" heißt dieser Ansatz unter Experten.
Die Kanzlerin dagegen hält "eine Erkundung alternativer Standorte vorerst für nicht notwendig". "Ergebnisoffen" klingt das nicht.
Und was passiert, wenn Wissenschaftler in fünf oder zehn Jahren den Salzstock im Wendland für nicht geeignet erklären oder der Protest in der Bevölkerung zu groß wird? Wie sicher kann sich die Regierung sein, dass 2025 ein Projekt vor Gericht Bestand hat, das unter den Umständen des Jahres 1980 durchgezogen wurde? Deutschland stünde nach jahrzehntelangen Forschungsarbeiten und verpufften Milliardeninvestitionen wieder ganz am Anfang.
Selbst in der Union gibt es Minister, die mit einem solchen Ergebnis rechnen. "Wenn Sie mich fragen, wird unser hochradioaktiver Atommüll eines Tages nicht in Gorleben landen", sagt einer von ihnen, "sondern in einem russischen Endlager, das nach westlichen Standards errichtet wird." SVEN BECKER, MICHAEL FRÖHLINGSDORF,
FRANK HORNIG, CHRISTOPH SCHEUERMANN,
CHRISTIAN SCHWÄGERL
Von Sven Becker, Michael Fröhlingsdorf, Frank Hornig, Christoph Scheuermann und Christian Schwägerl

DER SPIEGEL 2/2010
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