11.01.2010

NATIONENDas Husten des Kanarienvogels

Was passiert, wenn ein Land kurz vor dem Bankrott steht? In Island musste die Regierung abtreten, Banken wurden verstaatlicht, die Bürger werden auf Jahrzehnte verschuldet sein. Und danach? Beginnt das Experiment, sich selbst neu zu erfinden. Von Hauke Goos
Der Mann, dem Island den Traum vom feinsten Land der Welt verdankt, steht in der Mitte seines kleinen Büros, das er an der Universität von Reykjavík hat, und macht sich für einen Moment ganz klein. Er möchte jetzt ein Mann sein, dem die Geschichte unrecht tat, obwohl er alles richtig gemacht hat.
Hannes Hólmsteinn Gissurarson, 56, liebt solche Auftritte. Er trägt eine schwarze Nike-Hose, Turnschuhe und ein schwarzes T-Shirt. Dann holt er Luft. Und wächst langsam wieder.
Island, sagt Hannes Hólmsteinn Gissurarson, Island erinnere ihn an Ikarus, der hoch hinaus wollte, bis zur Sonne, und der dann abstürzte. Gissurarson macht eine kleine Pause. "Es ist wie eine griechische Tragödie", ruft er dann. "Eine Tragödie mythischen Ausmaßes."
2001 war Gissurarsons Buch "How Can Iceland Become the Richest Country in the World?" erschienen. Das war der Anspruch damals, verkleidet in eine Frage. Die Isländer waren gut ausgebildet und wohlhabend; jetzt wollten sie das reichste Land der Welt werden. Gissurarsons Buch lieferte das Drehbuch für den isländischen Traum.
Man habe alles richtig gemacht, sagt Gissurarson: die Wirtschaft liberalisiert, Firmen privatisiert, Steuern gesenkt. Island als Versuchslabor für die Welt, so hatte Gissurarson sich das vorgestellt.
In seinem Büro hängt ein Foto an der Wand. Es zeigt Gissurarson neben Margaret Thatcher, beide halten ein Sektglas in der Hand. Gissurarson kann Thatchers Art zu sprechen passabel nachmachen, sie ist sein großes Vorbild, immer noch, er bewundert ihre Klarheit, ihre Unbeirrbarkeit.
Die Thesen von Professor Gissurarson wurden schnell Wirklichkeit. In wichtigen Umfragen kletterte Island an die Spitze, die Isländer, so Gissurarson, sahen sich als das reichste und bald auch glücklichste Volk der Erde.
Bis zum Jahr 2004 zu Recht, sagt Gissurarson. Damals kippte das Wunder, ohne dass jemand es bemerkt hätte. Schon immer war die Macht in Island in den Händen einer kleinen Clique gewesen, Männer, die häufig schon in der Schule nebeneinandergesessen hatten.
2004, sagt Gissurarson, war das Jahr, in dem Island aus dem Gleis sprang. Ein starker Premierminister musste einem schwächeren weichen, ohne seine Kontrolle wandelte sich das old boys network in eine Plutokratie. Von den old boys waren viele inzwischen Millionäre geworden, die davon träumten, Milliardäre zu werden. Sie kontrollierten die Aufsichtsbehörden, die Medien. "Wir haben die Gefahr unterschätzt, die darin liegt, die Macht den Plutokraten zu überlassen", sagt Gissurarson. "Damals verlor Island seine Seele."
Gissurarson fühlt sich verraten: von seinen alten Freunden und von Europa, das sich Island als Vorbild genommen habe und das jetzt nur noch an sich selbst denke. Vor kurzem einigte sich Island mit den Regierungen von Großbritannien und den Niederlanden auf einen Vertrag. Es ging um die Guthaben, die Niederländer und Briten bei der isländischen Icesave-Bank besaßen und die in der Finanzkrise verlorengingen. Die britische und die niederländische Regierung streckten den betroffenen Anlegern das Geld vor. Island solle das Geld später zurückzahlen, verzinst mit 5,55 Prozent.
Die Einigung sollte Island 3,8 Milliarden Euro kosten, sie hätte die Isländer bis ins Jahr 2024 verschuldet. Kurz vor Jahresende nahm das isländische Parlament den Vertrag an, mit knapper Mehrheit, doch der Widerstand gegen das Schuldenpaket wuchs mit jedem Tag. Ein paar hundert Demonstranten kampierten zwischenzeitlich vor dem Sitz des Präsidenten, innerhalb weniger Tage sammelten Gegner rund 62 000 Unterschriften für eine Petition, etwa ein Viertel der Wahlberechtigten verlangte, den Vertrag abzulehnen. Der Druck wurde so stark, dass der Präsident das Gesetz Anfang vergangener Woche stoppte und einen Volksentscheid in Aussicht stellte.
Das Icesave-Agreement, sagt Gissurarson, er ist inzwischen weitergewachsen, sei vergleichbar mit dem Versailler Vertrag, der nach dem Ersten Weltkrieg Deutschlands Alleinschuld festschrieb. Ein Diktatfrieden. "Wir haben niemanden angegriffen!", ruft er in seinem kleinen Büro.
Tatsächlich sei in der Krise zunächst nur Papiervermögen verlorengegangen, virtuelle Gewinne, die es irgendwie nicht in die Wirklichkeit geschafft hatten. Die Krise sei keine Industriekrise, sie habe lediglich ein Gedankengebäude zum Einsturz gebracht. "Wo sind hier in Island Maschinen zerstört?", ruft Gissurarson. "Wo sind die zerstörten Schiffe, die zerstörten Fabriken?"
Die Gewinne der Boomjahre, heißt das, waren lediglich Papiergewinne, also sind die Verluste nur Papierverluste. Auf den virtuellen Reichtum Islands sei eine virtuelle Krise gefolgt, in der verlorenging, was ohnehin nicht existierte.
Die Wirklichkeit tut nicht so weh, wenn man sie sich von Professor Gissurarson erklären lässt, in seinem kleinen Büro, weit weg vom Rest der Welt. Sie wird brutal, sobald man sich aus Reykjavík entfernt und Orte besucht, die einmal glaubten, es sei eine gute Idee, sich mit Island zu vernetzen, mit den Ideen von Hannes Hólmsteinn Gissurarson.
In Frankfurt am Main gibt es ein Gebäude, Kaupthing Edge, die deutsche Niederlassung der Kaupthing Bank, hatte hier ihre Zentrale, viele Deutsche haben 2008 ihr Geld hier angelegt, weil es gute Zinsen gab.
Michael Kramer war der Geschäftsführer von Kaupthing Edge, er war am Ende dafür verantwortlich, dass auch der letzte deutsche Kaupthing-Kunde sein Geld zurückbekam.
Er öffnet die Tür selbst. Gerade noch hat er am Schreibtisch gesessen, er hat versucht, einen Techniker zu erreichen, wegen des verdammten Servers, jetzt beugt sich Kramer im ersten Stock aus dem Fenster und ruft hinunter auf die Straße, welche Klingel man drücken muss.
Kramer wartet oben an der Tür, er trägt Jeans, Wildlederschuhe und ein offenes Hemd. Wozu braucht man eine Kleiderordnung, wenn es keine Ordnung mehr gibt?
Er läuft voran zu seinem Schreibtisch. Die Türen zu den anderen Büros stehen offen, von seinem Platz aus blickt er auf Schreibtische, an denen niemand mehr arbeitet, auf Computerbildschirme, die langsam einstauben, auf Kaffeebecher, die irgendwo abgestellt und vergessen wurden. Die deutsche Kaupthing-Zentrale sieht aus, als wäre sie in Panik evakuiert worden.
Kaupthing Edge war der Online-Ableger der Kaupthing Bank. Ein Stück Island in Deutschland, wenn man so will. Bis zum Oktober des vorvergangenen Jahres war Kaupthing die größte der drei großen isländischen Banken. Dann versank Island in der Finanzkrise, Kaupthing musste vom isländischen Staat gerettet werden, die deutsche Bankenaufsicht erließ gegen die deutsche Niederlassung der Kaupthing Bank ein Moratorium und fror die Konten ein. Kramer war ein Banker, dem seine Bank abhandengekommen war. Er entließ seinen Marketingmann, den Techniker, den Finanzexperten. Irgendwann war auch die Sekretärin weg.
Am Ende blieb nur Kramer übrig. Einer muss schließlich aufräumen. Ein Jahr lang fuhr er jeden Morgen in sein leeres Büro, um das alte Island abzuwickeln.
Michael Kramer war zu Kaupthing geholt worden, weil die Bank frisches Geld brauchte. Er sollte Privatkunden gewinnen, sie dazu bringen, ihr Geld einer Bank anzuvertrauen, die keiner kannte. Er sollte den deutschen Sparern das isländische Wirtschaftswunder verkaufen.
Island als Modell, das war die Idee. Die Insel am Rande Europas hatte stürmische Jahre hinter sich. Aktien, Häuserpreise, Unternehmensanteile, alles war im Wert gestiegen. Island bot die besten Chancen und die besten Renditen, das kleine Land galt als eine Art Versuchslabor der freien Marktwirtschaft. Alles schien möglich zu sein.
Kramer verschmolz deutsche Vorsicht mit isländischem Optimismus. Ein kleines Team, fünf Leute insgesamt, niedrige Fixkosten, offene Türen. "Extrem schlank", sagt Kramer. Wie Island.
Die alte Villa im Frankfurter Westend war ein großartiger Ort, um eine Bank zu gründen. Parkett, Stuck, Kronleuchter unter der hohen Decke, im Regal Bildbände wie "Island - Insel aus Feuer und Eis" oder "Island - Die schönsten Bilder". "Go straight", sagt Kramer, das sei das Motto gewesen, die Stimmung damals. Alles ging so schnell, dass sie nicht einmal Zeit fanden, Bilder aufzuhängen.
Am 17. März 2008, sagt Kramer, "sind wir live gegangen". Das Geschäftsmodell war einfach. 5,65 Prozent Zinsen bot Kaupthing Edge in der Spitze auf Tagesgeld, so viel wie kaum jemand sonst. In den ersten sechs Monaten gewannen sie 80 000 Kunden, Kramer sammelte 800 Millionen Euro ein. "Bis Lehman passierte, war hier alles bunt und schön", sagt er.
Am 15. September passierte Lehman: Die amerikanische Investmentbank brach zusammen, und keine vier Wochen später waren die drei größten Banken Islands verstaatlicht. Island drohte der Bankrott. Auf einmal galt Island als das Crashlabor Europas. Das Land schien vorwegzunehmen, was dem Rest der Welt noch bevorstand: hohe Staatsverschuldung, Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Inflation.
Rund 550 000 Mails trafen damals in Kramers kleiner Online-Bank ein. Die Anleger wollten ihr Geld zurück. Sie hatten auf Island gewettet, und sie hatten die Wette verloren.
Kramer geht hinüber in den Konferenzraum, auf dem großen Tisch stehen Umzugskartons, sie enthalten das, was vom Modell Island übrig blieb. "Überweisungsrückrufe" hat jemand mit Edding auf die Kartons geschrieben, "Zinsforderungen", "100 % Kontolöschungen", "Anwälte". Jeder Brief ein Vertrauensverlust.
Was bleibt, sind Klagen, drohende Prozesse, der ganze juristische Kram.
Die Frage ist, was stattdessen kommt. Was wird aus einem Land, das fast tot war? Kann es zu neuem Leben kommen? Und wenn ja, was ist das für ein Leben?
Das Hauptquartier der einstigen Kaupthing Bank, die inzwischen Arion Bank heißt, gibt es noch immer, und der neue Chef, Finnur Sveinbjörnsson, sitzt in einem Eckbüro, ein schmaler, höflicher Mann Anfang fünfzig. Von seinem Schreibtisch aus hat er einen phantastischen Blick auf die Bucht von Reykjavík und die schneebedeckten Berge dahinter, auf den grünen Wellen leuchten Schaumkronen.
Vor gut einem Jahr wurde Sveinbjörnsson zum neuen Vorstandsvorsitzenden von Kaupthing ernannt, so kam er zum ersten Eckbüro seiner Karriere. Sveinbjörnsson kommt eigentlich von einer Sparkasse, er war lange bei der isländischen Zentralbank beschäftigt, später leitete er die kleine Börse in Reykjavík. Es ist eine solide, ziemlich unglamouröse Laufbahn für einen Banker.
Spätestens 2007 sei ihm klar gewesen, dass Island in einer gewaltigen Blase boomte, sagt Sveinbjörnsson. Anfang des neuen Jahrtausends waren immer mehr Banken in Island privatisiert worden. Jahrelang wuchsen sie: Weil kurzfristige Zinsen niedriger waren als langfristige, nahmen sie kurzfristige Kredite auf, um dieses Geld dann langfristig zu investieren. Die Projekte, denen die Banken Kredite gewährten, waren riskant, deshalb verdienten die Banken an den Kreditzinsen.
Der Wert der Banken stieg. 2007 schaffte es Kaupthing als erste isländische Firma auf der "Forbes"-Liste der weltgrößten Unternehmen unter die ersten 800. Am Ende war die Bilanzsumme der drei großen Banken etwa zehnmal so hoch wie das Bruttoinlandsprodukt Islands.
Im Fall einer Krise, heißt das, gibt es möglicherweise niemanden, der die Banken hätte auffangen können. Anfangs, sagt Sveinbjörnsson, habe er auf eine weiche Landung gehofft. Am Ende ging es nur noch darum, dass der Aufschlag nicht allzu hart sein würde.
Inzwischen wurden die riskanten Positionen in einer Art "Bad Bank" untergebracht, die man in die Insolvenz gehen lässt. Sveinbjörnssons Job ist es, aus der großen, risikofreudigen Kaupthing Bank eine kleine, risikoarme Sparkasse zu machen. Islands Strategie ist die Strategie von Landschaftsgärtnern: zurückschneiden, um neu wachsen zu lassen.
Von der alten Belegschaft habe man sich leider beinahe komplett trennen müssen, sagt Sveinbjörnsson und blickt hinaus auf die Bucht. Einige der ehemaligen Banker besuchen wieder die Universität, andere schreiben Gedichte.
Sveinbjörnsson hat einen Ein-Jahres-Vertrag unterschrieben, am Ende der Laufzeit wird seine Stelle neu ausgeschrieben. Man habe jeden Verdacht von Vetternwirtschaft zerstreuen wollen, sagt er. In Island, das sollte das Signal sein, hat das old boys network keine Macht mehr.
Etwa 10 bis 15 Prozent der Kaupthing-Kunden gelten als "Problemfälle"; Kunden, die kurzfristig ihren langfristigen Verpflichtungen nicht nachkommen können. Mit ihnen, sagt Sveinbjörnsson, müsse man "Lösungen erarbeiten": Raten aussetzen, Zahlungsfristen verlängern, Kredite abschreiben. Die Banker sind zu Lebensrettern geworden, zu Seelsorgern. Im isländischen Bankgeschäft geht es jetzt um Sicherheit statt Rendite.
Ein isländischer Verleger hat ein schönes Bild gefunden für die Lage des Landes, es stammt aus der Welt des Bergbaus. Früher hätten die Grubenarbeiter häufig einen Kanarienvogel mit in die Mine genommen. Solange er sang, war das Arbeiten ungefährlich. So gesehen sei Island der Kanarienvogel des internationalen Finanzkapitalismus gewesen. Als er von der Stange kippte, begriffen die anderen Länder dies als Warnzeichen. Heute huste der Vogel, er sehe ziemlich zerzaust aus, aber er habe den Gebirgsschlag überlebt; das sei es, was zähle.
Eine große Frage, sagt Sveinbjörnsson, sei aber noch immer nicht beantwortet. Hatten die Banker im Herbst 2008 einfach Pech? Oder waren sie zu blöd, die Gefahren zu sehen?
Anfang Februar soll der Untersuchungsbericht zur Krise veröffentlicht werden. Von der Antwort auf diese Frage wird es abhängen, ob die Isländer irgendwann wieder Vertrauen fassen - zu ihren Banken, zur Regierung, zum System.
Die Kaupthing-Zentrale, ein lichter Kubus aus Glas und Granit, steht gleich gegenüber von jenem Hochhaus, das Björgólfur Thor Björgólfsson hat bauen lassen, der reichste Mann Islands. Das Hochhaus ist jetzt eine Neubau-Ruine, niemand weiß, was damit geschehen soll.
Nur ein paar Meter entfernt befindet sich das historische Gästehaus, in dem sich 1986 Ronald Reagan und Michail Gorbatschow trafen, um über das Ende des Kalten Krieges zu beraten. In diesem Gästehaus wurde das Ende des Kommunismus besiegelt, schräg gegenüber, bei Björgólfsson, das Ende des Kapitalismus, sagen die Isländer. Sie nennen die Straße inzwischen spöttisch "Boulevard of Broken Dreams".
Wieder nicht weit entfernt davon ist der Mann zu Hause, der die Scherben jetzt zusammenkehren soll, all die Trümmer beseitigen, die Professor Gissurarsons Freunde hinterlassen haben. In der neuen Regierung hat Gylfi Magnússon das Ressort des Wirtschaftsministers übernommen. Er hat früher das alte System kritisiert, also glaubte er, dabei helfen zu müssen, ein neues mit aufzubauen.
Von seinem Bürofenster aus, hoch oben im vierten Stock, ist von der Krise wenig zu sehen. Auf den Straßen von Reykjavík sind noch immer erstaunlich viele Geländewagen unterwegs, Range Rover, Audi und BMW, die vor der Krise so begehrt waren und die jetzt niemand mehr haben will, nicht einmal gebraucht.
Magnússon trägt einen schwarzen Anzug und eine rote Krawatte, er spricht leise, wie ein Bestatter, der Angst hat, die Trauergemeinde zu verstören. Er sagt, man könne im Fall Islands durchaus von einer unsichtbaren Katastrophe sprechen.
Als er sein neues Büro bezog, stellte er sich ein paar Bücher ins Regal. "Why Iceland?", geschrieben vom Chefvolkswirt der Kaupthing Bank, "Fixing Global Finance", "Surviving Large Losses". Ratgeberliteratur. Bücher, die kaum Antworten liefern, aber viele Fragen stellen.
Wie nah war Island dem Staatsbankrott tatsächlich im Herbst 2008?
Magnússon lächelt schmal.
"Wenn die Regierung das Bankensystem nicht gerettet hätte, wäre Island kurz vor der Zahlungsunfähigkeit gewesen. Wir waren nahe dran."
Warum sieht man die Katastrophe dann nicht? Warum geht das Leben weiter, als wäre nichts geschehen?
Viele Firmen seien so gut wie bankrott, sagt Magnússon. Sie haben Kredite aufgenommen, die sie nicht bedienen können, und sie haben ihr Vermögen in Anleihen oder Aktien angelegt, die in der Krise praktisch wertlos geworden sind.
Zudem sind die Importe seit Ausbruch der Krise drastisch zurückgegangen. Möbel, Luxusgüter, für all das gibt es kaum noch Käufer in Island. Die Einfuhr von Autos beispielsweise ist um fast 90 Prozent eingebrochen.
Der Zusammenbruch wurde nur verhindert, weil der Internationale Währungsfonds Island 2,1 Milliarden Dollar zusagte. Das Sozialsystem blieb weitgehend intakt, das neue Bankensystem ist praktisch das alte - nur ohne die Phantasie, den Übermut, den virtuellen Wahnsinn.
2014, sagt Magnússon, werde Island da sein, wo es vor der Krise war. Wenn es keine Überraschungen gibt. "Wir werden fünf, vielleicht sechs Jahre verlieren. Island hat zwar seine Unschuld verloren, die Kosten sind enorm. Aber sie sind keineswegs unüberwindlich."
Magnússon ist von Beruf eigentlich Professor für Ökonomie. Der Job als Minister bietet ihm die einmalige Chance, seine Modelle in der Wirklichkeit zu überprüfen.
Sein Glaube an die Selbstregulierungskraft des Marktes, sagt er, sei "dramatisch ausgehöhlt" worden. "Marktpreise sind nicht immer gerecht. Fehler, die gemacht werden können, werden gemacht."
Andererseits habe die Krise auch gute Seiten. Magnússon, selbst Vater von fünf Kindern, bekam vor kurzem eine Umfrage auf den Tisch. Danach besinnen sich die Isländer auf Traditionen und Werte, die in den Boomjahren in Vergessenheit geraten waren. Sie tragen wieder traditionelle isländische Kleidung, machen in Island Urlaub, kochen einheimische Gerichte. Eltern haben wieder Zeit für ihre Kinder, Zeit zum Wandern und Vorlesen.
Das neue Island ist wie das alte, jenes vor dem Boom, weil das Island, das es dazwischen gab, nicht das wahre war: ein Versehen, ein Fehler, vielleicht, ein Irrtum der Geschichte.
Die neue Zeit lässt neue Köpfe nach oben kommen, schafft Platz für neue Ideen, und einer der Akteure dieser neuen Zeit heißt Gudjón Már Gudjónsson.
Sein Hauptquartier ist ein ehemaliges Möbelgeschäft am Hafen von Reykjavík. Der Möbelhändler ging gleich zu Beginn der Krise pleite, sein alter Laden beherbergt jetzt das "Haus der Ideen".
Gudjónsson trägt ein Buch mit sich herum, "The Idea Book" steht auf dem Umschlag, aber die Seiten sind überwiegend leer. Ab und an schlägt er es auf, um hastig einen Einfall zu skizzieren. Gudjónsson trägt ein graues Hemd und Jeans, seine Augen liegen tief in den Höhlen, er ist ein Nerd, der das Glück hatte, früh mit einer Software-Firma einen Haufen Geld zu verdienen. Das macht ihn frei für Visionen und glaubwürdig bei jenen, die er von seiner Blaupause für ein neues Island überzeugen will.
Mitte November lud Gudjónsson etwa 1500 Isländer nach Reykjavík ein, zu einer Art Nationalversammlung. Sie sollten über Islands Zukunft debattieren, über Werte, darüber, was Island ausmacht. Die Idee, sagt Gudjónsson, sei gewesen, von der "Weisheit der vielen" zu profitieren.
"Das Rettungsprogramm der Regierung betrifft die Vergangenheit", sagt Gudjónsson. "Uns geht es um die Zukunft."
Man müsse von einem Land künftig wie von einer Firma denken. Wikipedia sei das Vorbild für das 21. Jahrhundert, nicht die Encyclopaedia Britannica, Linux, nicht Windows. Gudjónsson will eine Gesellschaft, die über Facebook und Twitter kommuniziert, die Ideen hat und gute Ideen groß machen kann, sein Vorbild heißt nicht Margaret Thatcher, sondern Barack Obama.
Draußen ist es inzwischen dunkel geworden. Gudjónssons Frau ist mit den beiden Kindern zum Haus der Ideen gekommen, sie wartet vor der Tür in der Kälte. Sie klopft, aber Gudjónsson bemerkt sie nicht, er schwärmt von "Wiki Economics", vom "Renaissance-Plan", der im April des kommenden Jahres umgesetzt werden soll, und davon, Island "zu rebooten".
Schließlich ruft sie ihren Mann auf dem Handy an, aber der lässt sie noch einen Augenblick in der Kälte stehen, weil er unbedingt einen Gedanken zu Ende führen will.
Die Gesellschaft habe sich ohnehin ändern müssen, sagt er, die Krise habe diesen Wandel nur dringender gemacht. Die "Weisheit der vielen" müsse man sich vorstellen wie ein Ameisenvolk. Die einzelne Ameise sieht die Gefahr nicht, aber gemeinsam mit den anderen verlegt sie den Hügel an einen sicheren Platz, weil alle die Gefahr erahnen.
Es gehe bei dieser Krise ohnehin nur um Geld, sagt Gudjónsson, nicht um Krieg, wobei es nicht ganz stimmt, dass die Krise für alle gleichermaßen unsichtbar und die Verluste nur virtuell sind. Für Gunnar Hansson, 38, der Name steht für viele Tausende, ist sie ziemlich real.
Hansson ist Schauspieler, gerade dreht er die zweite Staffel einer Comedy-Serie, die in Island sehr erfolgreich ist. Als Treffpunkt hat er das Nationalmuseum in Reykjavík vorgeschlagen, er kommt mit einer knallgelben Vespa durch den Nieselregen, der sich wie ein grauer Lappen über Island gelegt hat.
Hansson liebt Vespas. 2007 machte er Urlaub in Italien, natürlich besuchte er die Zentrale des Vespa-Herstellers in Pontedera, wo er sich nach einem Roller erkundigte. Der Händler dachte, Hansson wolle Vespas nach Island importieren, und weil Hansson daran glaubt, dass man Gelegenheiten, die sich bieten, ergreifen muss, verließ er den Laden als Vespa-Vertragshändler.
Es war eine Geschäftsidee, die sich einem Missverständnis verdankte. Die isländischen Banken, die er um Rat fragte, waren trotzdem begeistert. Aber schon im Dezember 2007 wurden sie plötzlich zögerlicher. Sie versprachen ihm ein Darlehen, aber sie verlangten Hanssons Apartment, als Sicherheit.
Anfangs lief alles rund. Hansson stellte seine Roller in jenem Möbelhaus aus, in dem heute das Haus der Ideen untergebracht ist, inmitten der Sofas, bis September 2008 waren die ersten 80 Stück verkauft. Hansson machte reale Geschäfte mit dem virtuellen Reichtum der anderen, und er verdiente gut dabei.
Allerdings verlor die isländische Krone immer mehr an Wert, Hansson musste mit jeder Lieferung die Preise erhöhen. Als der Möbelladen Anfang Oktober 2008 in Geldschwierigkeiten geriet, zog er in ein Autohaus um.
Am Ende des Jahres 2008 ging auch der Autohändler pleite, plötzlich, sagt Hansson, "erstarrte alles". Im Mai des vergangenen Jahres nahm Hansson die letzte Lieferung Vespas in Empfang, wenig später verkaufte er das Geschäft, ohne Gewinn, aber auch ohne nennenswerten Verlust.
Weniger Glück hatte er mit dem Apartment, das er im Februar 2007 gekauft und der Bank als Sicherheit angeboten hatte. Der Kredit auf das Apartment lautete anfänglich auf isländische Kronen. Weil der Kredit allerdings an die Inflationsrate gekoppelt war, wuchsen Hanssons Schulden, obwohl er pünktlich die Raten bezahlte.
Die Bank riet ihm, den Kredit in ein sogenanntes Fremdwährungsdarlehen umzuwandeln. "Überall, in Zeitungen oder im Fernsehen, hieß es damals: Fremdwährungsdarlehen!", sagt Hansson. "Banken riefen ihre Kunden an: Fremdwährungsdarlehen!"
Hansson entschied sich für japanische Yen und Schweizer Franken, die sichersten Währungen auf der Welt, das hatte ihm sein Bankberater geraten. Als die isländische Krone in der Krise abstürzte, verdoppelten sich Hanssons Schulden, heute hat er Verbindlichkeiten von rund 46 Millionen isländischen Kronen.
Wie viel das in Euro sind?
Hansson klickt auf seinem Handy einen Taschenrechner herbei. "Keine Ahnung", murmelt er, "bisher hatte ich nie den Mut, das auszurechnen." Er tippt ein wenig, starrt auf das Display und sagt dann, sichtlich beeindruckt: "250 000 Euro."
So gesehen ist ausgerechnet Hansson einer jener Isländer, für die die virtuelle Krise am Ende sehr real geworden ist. Am virtuellen Boom nahm er nicht teil, mangels Geld, mangels Gelegenheit, aber die Folgen muss er tragen, und vielleicht noch seine Kinder.
Ihm bleibe immerhin die Hoffnung, sagt er nach einer Pause, dass irgendwann die Krone wieder steige. Dass die Schulden, die in der Krise gewachsen waren, eines Tages wieder schrumpfen.
Vielleicht ist dies das neue Modell Island, "Island rebooted" sozusagen: Disziplin, Bescheidenheit und Zuversicht; ein Land mit dem Blick für das Machbare, ein Beispiel dafür, wie man aus einer virtuellen Krise reale Konsequenzen zieht.
Hanssons Darlehen hat eine Laufzeit von 35 Jahren. Mit 73 Jahren, spätestens, wäre er schuldenfrei. "So werden wir jeden Tag daran erinnert, wie groß der Crash war", sagt er. "Es gibt so viele Dinge, die er berührt, so vieles, was der Crash verändert hat, möglicherweise für immer."
Dann geht er nach draußen. "Früher war ich stolz, wenn ich als Isländer ins Ausland kam. Heute schäme ich mich."
Er steigt auf seine knallgelbe Vespa, die einzige, die ihm geblieben ist, zurrt den Helm fest und fährt los, bald ist er verschwunden, der Nieselregen hat ihn verschluckt.
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 2/2010
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