11.01.2010

LAOSZocken beim Nachbarn

Weitgehend unbemerkt verschiebt China seine Grenzen nach Süden. Investoren aus dem Riesenreich pachten ganze Ortschaften und lassen die Einwohner vertreiben.
George Huang freut sich. Wenn der Chinese das Fenster öffnet, strömt nicht nur eine frühlingshafte Brise in sein Büro, das geräumig ist wie eine Doppelgarage. Vielmehr dröhnt dann auch der Lärm der Bagger, das dumpfe Pochen der Vorschlaghämmer und der schrille Sound kreischender Betonsägen herein. Was westliche Urlauber in dieser merkwürdigen Touristenstadt Boten, an der laotisch-chinesischen Grenze gelegen, dazu veranlassen würde, ihren Reiseveranstalter mit Klagen zu überziehen, das ist Musik in den Ohren von George Huang.
Der Unternehmer trägt einen feinen, westlichen Nadelstreifenanzug zum schwarzweiß gestreiften Hemd und der grauweißen Krawatte, und er hat von seinem Arbeitsplatz einen wunderbaren Blick auf die sich weit ins Land hinein ausdehnenden Baustellen. Er ist der Chef dieser kleinen Stadt im Norden von Laos. Genau genommen ist er General Manager der Golden Boten City Co. Ltd., der Boten gewissermaßen gehört. Viel lieber aber nennt sich Huang Präsident, und den hageren Mann an seiner Seite, seinen Assistenten, der immer dabei ist, wenn sich nichtchinesische Ausländer in Huangs Büro verirren, nennt er seinen Außenminister.
Aber dass Ausländer hierherkommen, geschieht selten. Denn das eigentlich in Laos gelegene Boten fühlt sich ganz und gar chinesisch an. Hier wird ausschließlich Mandarin gesprochen, die Schriftzeichen an den Geschäften sind chinesisch, die Währung ist der Yuan, und die Uhren zeigen die Zeit von Peking an und nicht die von Vientiane, der laotischen Hauptstadt. Eigentlich gehört die "Goldene Stadt" Boten noch zu Laos, faktisch ist die 21 Quadratkilometer große Wirtschaftszone fest in chinesischer Hand.
Überall in Entwicklungsländern sind derzeit die Scouts wohlhabender Nationen auf Einkaufstour, um Ländereien zu erwerben. Vorneweg in diesem Geschäft sind die Chinesen. Sie sichern sich große Ackerflächen, etwa in Sambia, Uganda oder im Kongo.
Besonders dramatische Ausmaße nimmt diese moderne Form des Kolonialismus aber in Südostasien an, wo Chinas Grenzen nahezu unbemerkt tief hinein in die Gebiete eigentlich souveräner Nachbarstaaten expandieren.
Allein in Laos, diesem armen kommunistischen Tropenstaat mit seinen gut sechs Millionen Einwohnern, haben die Chinesen nach einer Schätzung der deutschen Entwicklungsgesellschaft GTZ schon Konzessionen für rund 10 000 Quadratkilometer Boden beantragt - das entspricht mehr als 4 Prozent der Landesfläche. Insgesamt rund 15 Prozent des laotischen Bodens sollen sich bereits in den Händen ausländischer Firmen, darunter auch vietnamesische und thailändische Großkonzerne, befinden.
"China dominiert bereits einen großen Teil der laotischen Wirtschaft", schreibt die angesehene Internetzeitung "Asia Times", "vom Bergbau und der Wasserkraft bis zu Gummi, zum Einzelhandel und zum Hotelgewerbe können die Chinesen nahezu jeden ökonomischen Sektor kontrollieren." Bereits 2007 war China verantwortlich für fast 40 Prozent aller Auslandsinvestitionen in Laos - mit einem Kapital von weit mehr als einer Milliarde Dollar.
Schon hat die Regierung der chinesischen Grenzprovinz Yunnan einen eigenen Aufbauplan entwickelt, in dem skizziert wird, wie der laotische Norden bis zum Jahr 2020 industriell entwickelt werden soll. Das Konzept mit dem Titel "Nördlicher Plan" liegt der Regierung in Vientiane vor und soll noch in diesem Jahr auf dem 9. Parteikongress der kommunistischen Partei abgesegnet werden. Zentrale Punkte des chinesischen Papiers beschäftigen sich mit Schlüsselindustrien wie Land- und Forstwirtschaft, Strom, Bergbau und Tourismus.
Für zunächst einmal 30 Jahre hat Huangs chinesischer Arbeitgeber das Städtchen Boten vor wenigen Jahren gepachtet, und in dem Vertrag ist festgelegt, dass diese Abmachung noch um zweimal 30 Jahre verlängert werden kann.
Die Chinesen gehen jetzt zügig zur Sache. Sie errichteten in Windeseile das bombastische Royal Jinlun Hotel mit 700 Betten und einem Casino mit elf verschiedenen Sälen zum Spielen.
Derzeit bauen sie an einem weiteren 700-Betten-Hotel, das spätestens im Frühjahr fertiggestellt sein soll, einem Golfplatz, einer Kartbahn, einem Wildpark, einer Pferderennbahn und einem Schießplatz. "Boten boomt", prahlt Manager Huang, "heute leben rund 7000 Menschen hier, aber bald werden es 60 000 sein, wir werden Hotels in allen Preisklassen haben, schon jetzt sind wir permanent ausgebucht."
Und weil in Boten vornehmlich das Laster lockt, trauen sich Laoten nicht mehr in diesen Teil ihres Heimatlandes. Sowohl Glücksspiel als auch Prostitution sind den Laoten untersagt. Und die wenigen Laoten, die hier noch leben, halten Abstand zu den Eroberern aus dem Nachbarland. Es herrscht Apartheid im Norden von Laos.
Zwar behauptet Huang, immerhin noch 20 Prozent der Bevölkerung von Boten seien gebürtige Laoten. Allerdings ist von denen wenig zu sehen und zu hören. Die Polizisten, die auf den Straßen für Ruhe und Ordnung sorgen und in Autos ohne Nummernschilder unterwegs sind, kommen aus dem Reich der Mitte, genauso wie die Köche, die auch schon mal den in China beliebten Bärenbraten zubereiten, das Putzpersonal, die Damen, die kurzberockt vor dem Hotel herumlungern und Kärtchen mit ihrer Telefonnummer verteilen oder die Croupiers in ihren fadenscheinigen Anzügen.
Telefonlinien und Stromverbindungen führen nach China, die Steckdosen sind chinesischer Standard, und Bier ("Tsingtao") und Zigaretten werden aus dem Riesenreich importiert. Selbst der laotische Zoll hat sich zurückgezogen. Die Kontrollen finden nicht an der eigentlichen chinesisch-laotischen Grenze statt, sondern südlich von Boten - ganz so, als gehörte die Stadt gar nicht mehr zu Laos.
Die Mehrzahl jener Laoten, die Boten vor dem Einmarsch der Chinesen bevölkert haben, wohnen nun 20 Kilometer entfernt, am Rand der Landstraße, in einer Barackensiedlung aus Bretterbuden. Kaum war der Vertrag, der den ganzen Ort in eine Spielhölle verwandeln sollte, unterschrieben, rückte die laotische Volksarmee an.
"Sie kamen mit Lastwagen und scheuchten uns auf die Ladefläche", sagt die 35jährige Sida, "dann luden sie uns hier aus und erklärten, wir hätten in Zukunft nichts mehr in unserem Ort zu suchen." Immerhin 800 Dollar bekam jeder Botener für den Neuanfang im Niemandsland. Doch lange wird das Geld nicht mehr reichen.
Sida, die Dreivierteljeans und ein rosafarbenes T-Shirt aus der Altkleidersammlung trägt, hat drei Kinder zu ernähren. Sie röstet Sonnenblumenkerne und verkauft Plastikbadelatschen oder Coca-Cola. Noch darf ihr Mann in einer der übriggebliebenen Salinen in Boten arbeiten. Doch bald soll auch dieses traditionelle Gewerbe abgewickelt werden. Dann bleibt der Familie nicht viel mehr als der Rückzug nach Süden - dorthin, wo Laos noch das Land der Laoten ist. THILO THIELKE
Von Thilo Thielke

DER SPIEGEL 2/2010
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