Von Matussek, Matthias
Hédi Kaddours 750-Seiten-Epos "Wal-tenberg" ist der gewaltigste wenig beachtete Roman der vergangenen Jahre*. Eine respektvolle längere Verneigung in "Le Monde", eine Notiz im "Guardian", ein paar Zeilen in der "Brigitte", das ist es fast schon. Vielleicht liegt es daran, dass dieser Roman eine Zumutung ist.
Ein ungeheures Unterfangen aus Stimmen und Stimmungen und Aromen, aus militärischen und ideologischen und künstlerischen Strategien. Eine Rückschau auf ein ganzes blutiges Jahrhundert, und sie beginnt mit einer Reiterattacke 1914, die den Untergang einer Epoche ins Bild nimmt.
Französische Dragoner bei Montfaubert, einige haben noch die Krummsäbel von 1882 in Händen, hinein in den Kugelhagel eines "Spandau" MG 08/15, die Leiber über dem Pferdehals, sie greifen eine deutsche Stellung an, Geschrei und Mut und Blutgeruch, der ganze heldenhafte Wahnsinn auf dieser Lichtung, ein letztes Mal.
Später werden sie den neuen Feind stellen, eine weitere verrückte Ersatzhandlung, Attacke auf stehende Aeroplane in der Nähe, Stiche ins Tuch, Hiebe in die Propeller, die neue Zeit, die Zukunft.
Beim ersten Angriff wird Hans Kappler gefangen genommen, ein deutscher Idealist und Schriftsteller, der französische Journalist Max Goffard trifft auf ihn, auch er im Grunde Idealist, sie werden Freunde und bleiben es, das ganze blutsäuferische Jahrhundert über.
Max und Hans, das ist die Geschichte. Dazu noch Lena, die beide lieben, eine amerikanische Sängerin, nie deutbar, später Spionin für Roosevelt. Dann Lilstein, auch er ein Spion, eine Jahrhundertfigur, ein Tänzer zwischen den Fronten, wer seine Reinheit bewahren will, muss den Verrat lernen. Lilstein beginnt als Marxist, gerät in die Mördermühlen des Stalinismus, gewinnt das Vertrauen Ulbrichts und wird später an die CIA verraten.
Der tunesischstämmige und in Frankreich lebende Autor Hédi Kaddour ist bisher als Lyriker hervorgetreten, was unüberhörbar ist. "Waltenberg" schlägt auf jeder Seite unerwartete Töne an, hingetupfte Beschreibungen, ein Buch wie ein Traum, in dem Vergangenheit und Gegenwart durcheinanderwirbeln, mal die Totale und mal die leuchtende Einzelheit, und nicht immer ist klar, wer da spricht.
Wir sind über den Tälern des Atlasgebirges während des Rif-Krieges und in der französischen Botschaft in Moskau, wo hektisch nach einer Wanze gesucht wird. Wir sind bei einem Krocketspiel in Singapur, wir diskutieren mit Malraux über die erotische Symbolik in seinem Roman "La condition humaine", während der Botschafter die Auswahl seiner Weine verflucht und einer seiner Gäste unter dem Tisch mit einer Dame füßelt.
Ein zentraler Schauplatz dieses Ideenromans, der gleichzeitig Liebesgeschichte und Spionageaffäre ist, ist das Belle-Epoque-Hotel "Waldhaus", das nicht weit entfernt liegt vom Bergdorf Sils-Maria. Eine Woche im Jahr 1929 voller Gedankenschlachten, Monokel, Prunk, Galanterie, die Männer machen Gesetze, die Frauen bestimmen die Umgangsformen. Paneuropäer, Marxisten, Nationalisten, Christen, Technikverächter, Stahlproduzenten, ein frühes Davos.
John Maynard Keynes zieht die Zuhörer am Kamin in seinen Bann, Willi Münzenberg schwärmt vom Bolschewismus, Heidegger geistert vorbei, die junge Hannah Arendt; tagsüber geht es im Telemarkschwung die Hänge hinab, abends gibt es Lieder von Lena, die in die Runde ruft: "Die Musik ist nicht dazu da, euch euer schlecht geführtes Leben abzunehmen."
Wenn die Gefechte zwischen Naphta und Settembrini in Thomas Manns "Zauberberg" die pessimistischen und lebensbejahenden Polaritäten des Lebens um die Jahrhundertwende austragen, so wird im "Waltenberg", am Rande des Abgrunds, die ganz neue Welt erstritten.
Motive werden fallen gelassen und tauchen auf wie Webschiffchen, Hans Kappler und Max finden sich wieder, und Lilstein, ein 16-Jähriger, begeistert und voller umstürzlerischer Energie, verliebt sich auf Anhieb in Lena und klopft in der letzten Nacht vergebens an ihre Türe.
Über seine Liebe zu Lena wird sich Hans ausschweigen. Er will einen Roman darüber schreiben. Max will ihm helfen, den Geburtshelfer spielen für ein Geheimnis und eine vermutlich weitere interessante Geschichte, denn darum geht es in den Verästelungen dieses Riesenkraken von Roman: die schöne, die interessante Geschichte.
Vielleicht ist das dann auch dessen Schwäche: lauter Geschichten statt einer einzigen großen; lauter Episoden, Fragmente, Neuansätze, aber vermutlich lässt sich dieses zerschossene Jahrhundert gar nicht anders erzählen.
Die Falle für Lilstein wird in einer Pariser Buchhandlung zuschnappen, folgerichtig also an einem Ort des Wissens, wo eine junge Frau über ihrer Seminararbeit brütet. Thema: Ist die Vernunft historisch oder die Geschichte vernünftig? Wenn Vernunft die Geschichte beherrschte, sagt sie sich, gäbe es kein Ereignis mehr, von dem zu erzählen wäre. Kaddour schlägt sich ausufernd auf ihre Seite.
Es bleibt ein Rätsel, wie diese Pretiose, dieser beeindruckend geknüpfte Erzählteppich, in unseren Feuilletons so unbeachtet bleiben konnte. MATTHIAS MATUSSEK
DER SPIEGEL 2/2010
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