11.01.2010

ARCHÄOLOGIERaubzug ins Allerheiligste

War der britische Entdecker des Tutanchamun-Grabs ein Trickser und Dieb? In Museen sind heimlich entwendete Objekte aus der berühmten Pharaonengruft aufgetaucht. Dokumente beweisen: Im Tal der Könige entbrannte einst ein rücksichtsloser Verteilungskampf um die goldene Beute.
Es dämmerte bereits, als Howard Carter im ägyptischen Tal der Könige mit einer Brechstange eine versiegelte Grufttür aufstemmte. Mit zittrigen Händen hielt er eine Kerze in den Mauerspalt, aus dem über 3300 Jahre alte Luft entwich. Was er sehe, drängten die Leute hinter ihm. Der Ausgräber stammelte nur: "Wunderbare Dinge!"
Die Szene aus Theben im November 1922 gilt als die Sternstunde der Archäologie. Howard Carter, gerühmt als "letzter und größter Schatzgräber der Moderne", war am Ziel.
Gut 5000 Objekte holte er aus den vier Totenkammern: Möbel, Parfumdosen, Fliegenklatschen und Straußenfedern - ein einziger Traum aus Jaspis, Lapislazuli und Türkis. Selbst ein Zeremonienstab, verziert mit Käferflügeln, kam zum Vorschein.
Jäh hoben die "unerhörten Reichtümer" (Carter) einen bis dahin nahezu unbekannten König ans Licht: Tutanchamun, um 1340 vor Christus geboren, bestieg bereits als Kind den Thron. Eine Statue zeigt ihn mit Pausbacken und zartem Gesicht. Später heiratete er seine ältere Schwester und zeugte mit ihr zwei Kinder - beides Frühgeburten. Die Föten fand man verstaut in prachtvollen Särglein.
Schon mit etwa 18 Jahren starb der Monarch. Als passionierter Rennfahrer (im Grab lagen sechs seiner Streitwagen), der oft in der Ostwüste mit seinem Hund Strauße jagte, war er womöglich mit der Jagd-Kalesche gestürzt und an einer nachfolgenden Blutvergiftung verendet.
Bis heute ist die Neugierde an dem Herrscher mit der Kobra-Krone ungebrochen. In Hamburg läuft gerade eine Repliken-Ausstellung, die bereits 150 000 Menschen anzog. Nichts auch nur annähernd Vergleichbares ist je aus den Zeiten kulturellen Anbeginns hinübergerettet worden: 27 Handschuhe, 427 Pfeile, 12 Hocker, 69 Truhen, 34 Wurfhölzer - schon die schiere Menge an Beigaben ist atemberaubend.
Als Carter in die Kaverne eindrang, duftete sie noch nach Salböl. Auf den Särgen lagen Blaue Lotosblumen und Beeren des Nachtschattens.
Derlei Glanz strahlte auf den Entdecker ab. Carter wurde zum Ehrendoktor ernannt. US-Präsident Calvin Coolidge empfing ihn zum Tee. Horst Beinlich, Ägyptologe an der Universität Würzburg, hält ihn für einen "grundehrlichen Mann voller Idealismus".
Doch das stimmt offenbar nicht. Dokumente belegen, dass der Scherbenheld schummelte: Er manipulierte Fotos, fälschte die Funddokumentation und betrog die ägyptische Antikenbehörde.
Erst in Ansätzen ist der Machtkampf enthüllt, der sich nach der Entdeckung in der mit Pilzsporen belasteten Gruft zu entspinnen begann. Carter wollte möglichst viel an goldener Beute nach England und in die USA schieben. Dagegen regte sich bald Widerstand. Zwar war Ägypten seit 1914 britisches Protektorat. Doch die Antikenverwaltung des Landes lag in der Hand eines störrischen Franzosen.
Zugleich drängte der Staat nach nationaler Freiheit. Er stelle sich auf einen "höllischen Kampf" ein, notierte der Ausgräber 1923, als er mit dem sperrigen Minister Morcos Bey Hanna in Streit geriet.
Am Ende schlug der ganze Plan fehl: Das Erbe des goldenen Pharaos blieb in Kairo - Ende einer Ära rücksichtslosen Kulturgütertransfers. Carter und seine Leute gingen leer aus.
Aber nur offiziell. Unter der Hand griff das Team unerlaubt zu. In mehreren Museen sind jetzt Objekte enttarnt worden, die zum Schatz Tutanchamuns gehören.
Neuestes Beispiel ist ein kleiner Totendiener ("Uschebti") aus weißer Fayence, der im Louvre steht. Als der Ägyptologe Christian Loeben jüngst das Museum an der Seine besuchte, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen: "Auf der Statuette steht der Thronname Tutanchamuns", erklärt er, "sie kann nur aus seinem Grab stammen."
Auch in Kansas City wurde Verbotenes aufgespürt. Es handelt sich um zwei goldene Falkenköpfe. Eine Prüfung ergab, dass sie zu einem Halskragen gehören, der direkt auf der mit 20 Liter Salböl verklebten Haut der Mumie lag. Beim Abnehmen zerriss das Geschmeide. Carter sammelte den Bruch ein und schenkte ihn seinem Zahnarzt.
In Deutschland sind ebenfalls Tutanchamun-Objekte gestrandet. Ein sächsischer Museumsdirektor (der anonym bleiben will) gab dem SPIEGEL gegenüber zu, Besitzer von blauen Fayenceperlen zu sein: "Carter hatte sie beim Ausfegen der Grabräume eingesteckt und später seiner Sekretärin geschenkt."
Über ein Auktionshaus geriet er an die dubiose Ware.
Derlei Umgang mit fremdem Eigentum bestärkt einen Verdacht, den bereits in den siebziger Jahren der ehemalige Direktor des Metropolitan Museum of Art in New York, Thomas Hoving, erhob. Anhand interner Aktennotizen belegte er, dass Carter und sein Kompagnon - der englische Earl of Carnarvon - ungeniert lange Finger machten:
* Dem ägyptischen König Fuad I. schenkten sie eine Spange, die den Pharao auf einem Kriegswagen zeigt.
* Der US-Ölbaron Edward Harkness erhielt einen Ring aus Gold.
Auch Carnarvon selbst gierte nach Nachschub. Er wolle "ungestempeltes Zeug", also schwer identifizierbare Fundstücke ohne Namenskartuschen - das schrieb der Adlige am 22. Dezember 1922 von seinem Schloss Highclere in Richtung Theben.
Einmal wurde Carter beim Mogeln erwischt. Er hatte eine bemalte Büste des jungen Pharao ohne Registriernummer in einem Seitengelass verschwinden lassen. Kontrolleure entdeckten das "Meisterstück antiker Bildhauerkunst" (Hoving) in einer Weinkiste.
Der Brite redete sich heraus, der Skandal wurde nie publik.
Meist aber klappten die Mauscheleien. Eine Reihe von - meist kleinformatigen - Gegenständen verschwand. Wer wann was klaute und wohin die Stücke verschoben wurden, ist bis heute eines der großen Rätsel der Ägyptologie.
Fest steht: Allein im Metropolitan Museum liegen heute rund 20 Gegenstände, die mutmaßlich aus dem Schachtgrab KV 62 stammen, darunter ein Hündchen aus Elfenbein, eine Gazelle, Fingerringe, eine prachtvolle Malpalette und sogar zwei silberne Sargnägel.
Das Brooklyn Museum besitzt unter anderem eine Mädchenstatuette, einen Salblöffel und eine blaue Glasvase. In Cleveland liegt eine geschnitzte Katze aus schwarzem Hämatit.
Auskünfte zu den strittigen Pretiosen verweigern die Eigner.
"Über derlei unschöne Dinge redet keiner gern", erklärt der Forscher Loeben. Jenseits des Kanals gilt Carter als strahlender Widerpart von Heinrich Schliemann. Dass er sein Geld auch mit Antiquitätenhandel verdiente, wird gern verschwiegen.
Die jüngsten Anschuldigungen gehen allerdings noch weiter. Carter soll wissenschaftlich getrickst und damit Generationen von Forschern in die Irre geführt haben. Im Brennpunkt der Kritik steht seine Raubtheorie. Die besagt, dass das Grab schon im Altertum mehrfach geplündert worden ist.
"Gleich nach den Begräbnisfeierlichkeiten" seien Diebe in das Heiligtum eingedrungen, schreibt Carter. Gedeckt von "korrupten Nekropolenbeamten" hätten sie alle Räume durchstöbert. Später, so der Forscher, kamen dann erneut Banditen und stahlen kosmetische Öle.
Als Beweis nannte der Archäologe Einbruchspuren. Er habe sich durch eine Kaskade von aufgebrochenen und schon in der Antike von den Friedhofswächtern wieder verschlossenen und erneut versiegelten Türen kämpfen müssen.
Sodann schilderte der Ausgräber in grellsten Farben die Verwüstungen der Ganoven. Truhen seien durchwühlt, Stöpsel von Alabastervasen auf die Erde geworfen worden. Die Räuber hätten schwere Edelmetallverzierungen von Möbeln und Streitwagen gerissen und eine 30 Zentimeter hohe Statue aus massivem Gold gestohlen.
Das Szenario ist bis heute die herrschende Lehrmeinung. Der britische Ägyptologe Nicholas Reeves geht in seinem Standardwerk "The Complete Tutankhamun" davon aus, dass "60 Prozent" der Juwelen verlorengingen.
Nur stimmt das? Kein unabhängiger Zeuge war zugegen, als Carter erstmals die Kaverne erbrach.
Zudem ist zumindest in einigen Punkten erwiesen, dass er log. So enthüllte sein Mitarbeiter Alfred Lucas, dass der Chef selbst heimlich die Tür zur Sargkammer aufstemmte und hernach mit einem antiken Siegel wieder täuschend echt verschloss, um seinen Verstoß zu verbergen.
Der Bericht erschien 1947 - allerdings nur in einem entlegenen Fachblatt in Kairo. Kaum einer nahm davon Notiz.
Auch Hovings Enthüllungen aus den siebziger Jahren fanden wenig Beachtung. Vielen galt er als Nestbeschmutzer.
Doch der Argwohn nimmt zu - vor allem bei deutschen Ägyptologen. Sie bezweifeln, dass sich die antike Plünderung wirklich so abspielte, wie Carter sie einst schilderte. "Vieles an der Geschichte ist übertrieben", vermutet Loeben. Sein Kollege Rolf Krauss glaubt gar: "Der Einbruch wurde nur vorgetäuscht."
Genährt wird der Verdacht durch die Artikel 9 und 10 der Grabungskonzession. Sie sahen eine vertragliche Teilung nur für beraubte Gräber vor. Bei einer unberührten Pharaonengruft sollten die Beigaben komplett an Ägypten fallen.
"Unter dieser Voraussetzung liegt es auf der Hand, dass die Entdecker versucht sein mussten, die Fundsituation zu ihren Gunsten zu deuten", analysiert Krauss.
Damit gerät ein Mann ins Zwielicht, der zu den schillerndsten Vertretern seiner Zunft gerechnet wird. Schon im Jahr 1891 kam der Sohn eines Tiermalers an den Nil. Der viktorianische Kolonialismus stand in höchster Blüte.
Schnell entwickelte der junge Mann ein Gespür für verborgene Grabkammern. Schon vor seinem Volltreffer mit dem Tutanchamun-Grab hatte er drei - allerdings leere - Königsgrüfte aufgespürt. Zugleich kungelte er gern mit den Mächtigen. Zeitweise arbeitete er für den US-Millionär und Hobbyarchäologen Theodore Davis.
Im persönlichen Umgang gab sich der junge Gentleman sperrig. Nachdem er sich mit französischen Touristen geprügelt hatte, verlor er seinen Job als staatlicher Antiken-Inspektor. Stur und jähzornig sei Carter gewesen, meint Hoving: "Nur wenige konnten mit ihm länger zusammen sein, ohne aus der Haut zu fahren."
An seinem Spürsinn aber gibt es nichts zu deuteln. Um 1907 begann der Mann damit, sich wie besessen an die Fersen jenes Kinderpharao zu heften, dessen Leiche noch immer verschollen war. Jedem Hinweis ging der Detektiv nach.
Schließlich steckte er im Tal der Könige ein Dreieck ab. Dort, unter Bergen von Geröll, sollte das unversehrte Heiligtum liegen.
Einen Geldgeber für den Plan, an dem schon Dutzende vor ihm gescheitert waren, hatte der Ausgräber schnell gefunden. Lord Carnarvon war zwar nach einem schweren Autounfall gesundheitlich angeschlagen. Doch der Dandy und ehemalige Weltumsegler hatte einen Fimmel für schaurige Totenschreine und Balsamierte.
Während des Tut-Projekts fielen ihm reihenweise die Zähne aus. Fünf Monate nach Auffindung der Gruft starb er an einem entzündeten Moskitostich - Anlass für das Gerücht vom "Fluch des Pharao".
Aber auch Carter hatte es schwer
in der Hitze. Umnebelt von staubigen Winden, trieb er seit 1915 ein Heer von schaufelnden Fellachen an. Eine erfolglose Saison folgte der nächsten.
Nach insgesamt vier Jahren war die Gruppe nur wenige Zentimeter von der Fundstelle entfernt. Plötzlich aber zog der Chef seine Leute ab und arbeitete woanders weiter.
Vieles spricht dafür, dass Carter schon zu diesem frühen Zeitpunkt den Eingang zum Grab aufgespürt hatte - und aus taktischen Gründen schwieg, um eine Trumpfkarte in der Hinterhand zu behalten (siehe Grafik).
Im Sommer 1922, als Carnarvon ihm den Geldhahn abdrehen wollte, ging es jedenfalls seltsam schnell. Carter bettelte um Finanzierung einer letzten Kampagne.
Kaum zurück in Theben, stürmte der Überlieferung zufolge ein Helfer ins Grabungszelt und meldete die Sensation: Man habe eine verschüttete Treppe entdeckt. Diese führte zu einer versiegelten Tür hinab.
Ein abgekartetes Spiel? Das jedenfalls behauptete ein Halbbruder Lord Carnarvons. Er gab an, Carter sei schon drei Monate vorher heimlich in die unterirdischen Kammern gekrochen.
Offiziell ging die Geschichte so weiter: Obwohl der Chef nach eigener Auskunft "fast überwältigt" war von dem Drang, den störenden Mauerpfropf sofort wegzuhämmern, hielt er inne und schüttete den Treppenabgang wieder zu.
Tags darauf, am 6. November 1922, telegrafierte er dem Earl: "Wunderbare Entdeckung im Tal gemacht; ein großartiges Grab mit unbeschädigten Siegeln. Bis zu Ihrer Ankunft alles wieder zugedeckt. Gratuliere."
Dann wartete er - angeblich tatenlos - über zwei Wochen lang auf seinen kettenrauchenden Geldgeber.
Der eilte mit Schiff, Eisenbahn und Nildampfer Richtung Luxor. Zusammen mit Tochter Evelyn, damals 21, stieg er im mondänen Winter Palace Hotel ab und stürmte, kaum ausgeschlafen, hinüber zum alten Pharaonenfriedhof. Nun erst schlug man gemeinsam die versiegelte Tür auf (die bereits Einbruchspuren am Mörtel aufwies).
Dahinter lag ein Korridor, gefüllt mit Schutt.
Bis zum Nachmittag des 26. November schafften die Helfer das störende Geröll weg. Zum Vorschein kam eine weitere vermauerte Tür. Carter stemmte ein Guckloch in die Blockade und sah nun die "wunderbaren Dinge" der Vorkammer (siehe Grafik).
Immer wieder haben Buchautoren den "feierlichen Augenblick" beschworen, als die Ausgräber geblendet, verzaubert und scheu in den "Ort der Ewigkeit" blickten - und dennoch die Nerven behielten. Streng nach Vorschrift, so der Grabungsleiter, habe er innegehalten, um pflichtschuldigst den ägyptischen Generalinspekteur zu verständigen.
O-Ton Carter: "Wir hatten genug gesehen. Wir verstopften das Loch wieder."
Alles Lüge: Was damals wirklich geschah, ist einem (bis heute nicht veröffentlichten) Bericht Lord Carnarvons zu entnehmen, den er kurz vor seinem Tod verfasste. Statt artig zu warten, wie es das Reglement vorschrieb, zwängte sich der Trupp sofort durch den engen Spalt.
Mit Talglichtern und einer schwachen elektrischen Lampe gerieten die Eindringlinge zuerst in die 3,6 mal 8 Meter lange Vorkammer. In dem engen Verlies stapelten sich Goldbetten und schön geschnitzte Sessel. Spieltische und kostbare Vasen waren zu sehen. In eiförmigen Behältern lagen Speisen für den toten Pharao.
An den Pfosten vergoldeter Bahren prangten Tierfiguren, die im schwachen Kegel der Lampe wie Ungeheuer aussahen. Man schob Truhen herum, trampelte auf bröckeligen Bastkörben herum und steckte sich Parfumschatullen in die Tasche. Auch in der Seitenkammer wurden Kästen geöffnet.
Nur: Wo war die Mumie? Endlich entdeckten die Frevler einen weiteren zugemauerten Durchgang. Er war von zwei lebensgroßen schwarzen Schildwachen umrahmt. Obwohl ein Ertappen sie die Lizenz gekostet hätte, brach die Gruppe einige Steinblöcke aus der Tür. Alle zwängten sich durch.
Nun standen sie im Raum mit den vierfach ineinander gestapelten vergoldeten Holzschreinen, in denen sich vier weitere Särge befanden. Im Innersten von ihnen lag - mit einer Perlenkappe auf dem geschorenen Kopf - die Mumie. Carter rüttelte an der äußeren Tür, die Angel sprang knarrend auf. Erst als ihm ein neuerliches Siegel den Zugang versperrte, schauderte er und hielt inne.
Nach Stunden verließen die Verschwörer den unterirdischen Grabbau. Überwältigt und glückselig zugleich ritten sie im fahlen Mondlicht auf ihren Eseln heim und vereinbarten Stillschweigen. Nur Lady Evelyn machte in einem Brief eine Andeutung: Sie dankte Carter, dass er sie ins "Allerheiligste" geführt hatte.
Diese nächtliche Untat hat bis heute schlimme wissenschaftliche Auswirkungen. Niemand weiß, wie die Höhle im jungfräulichen Zustand wirklich aussah. Zwar verwies Carter immer wieder auf die Barbareien der antiken Diebe. Doch das Durcheinander könnte auch von ihm stammen.
Auf jeden Fall übertrieb er die Schäden. Bei den Weinkrügen seien die Siegel erbrochen gewesen, erklärte der Pionier. Nur: Wo sind dann die Reste dieser Siegel? Aus den Truhen seien Gegenstände gestohlen worden. "Doch das lässt sich anhand der angehefteten Inhaltsetiketten nicht belegen", sagt Loeben.
Auch die Behauptung, die Räuber hätten von den Wagen Goldfiguren abgerissen, hält er für Unsinn: "Derlei Zierrat gab es gar nicht."
So bleibt der Verdacht, dass der Entdecker gezielt trog und täuschte. Er wollte das Tut-Sanktuarium als geschändetes Grabmal darstellen. So hoffte er, gemäß Lizenzvertrag die Hälfte der Funde außer Landes schaffen zu können.
Dass die britischen Schatzsucher schließlich dennoch leer ausgingen, hängt mit Carnarvons frühem Tod im April 1923 zusammen. Dadurch erlosch die Grabungslizenz, und die Karten wurden neu gemischt. Selbst das US-Außenministerium griff damals (auf Carters Seite) in das politische und juristische Tauziehen um die Beute ein.
Am Ende gewannen die Ägypter. Carnarvons Erben erhielten nur 36 000 Pfund Entschädigung für die entstandenen Grabungskosten.
Dass der Antiquitätenhändler Howard Carter trotzdem keck Tut-Pretiosen abgriff und die 3300 Jahre alte Zaubergruft als Selbstbedienungsladen missbrauchte, lässt sich inzwischen kaum mehr leugnen. Die Details der Schummelei sind aber erst in Ansätzen gelüftet.
Und auch Carters Theorie von der großen Grabschändung im Altertum hat längst an Schlagkraft verloren. Immer klarer wird, dass seine Argumente auf Übertreibungen beruhen. Oft sind sie schierer Humbug.
So behauptete der schnurrbärtige Brite, er habe auf einem weißen Bogenkasten in der Gruft einen "Fußabdruck der letzten Eindringlinge" entdeckt.
Der Ägyptologe Krauss prüfte das entsprechende Beweisfoto aus den zwanziger Jahren. "Man sieht darauf in der Tat eine Fußspur", erklärt er, "sie stammt allerdings nicht von ägyptischen Sandalen, sondern von modernen Schuhen mit Absätzen."
Sein Verdacht: "Das könnten Howard Carters eigene Hacken sein."
MATTHIAS SCHULZ
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 2/2010
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