18.01.2010

IRANNeue Handschrift

Das Attentat auf einen Wissenschaftler in Teheran bringt das Regime in Bedrängnis: Musste der Professor sterben, weil er in der Opposition aktiv war?
Wenn der Physiker Ahmad Schirsad, 49, über seinen Kollegen Massud Ali Mohammadi spricht, weiß er "nur Gutes" zu berichten. Tief bewegt erzählt Schirsad, Professor in Isfahan, dann von "24 Jahren Freundschaft" und dem gemeinsamen Studium der Physik, Auslandssemester in Italien inklusive.
Sein Freund Mohammadi starb am Dienstag vergangener Woche. Er war gerade auf dem Weg zu seiner Vorlesung an der Teheraner Scharif-Universität, als ein Sprengsatz in einem präparierten Motorrad explodierte.
Der Anschlag ist einer der rätselhaf- testen in der an Attentaten nicht gerade armen Geschichte der Islamischen Republik. War der Professor ein wichtiger Nuklearexperte? Einer, der im Verborgenen mit an der iranischen Atombombe baute? Lösten gar ausländische Agenten den Zünder aus, um so dem Nuklearprogramm des Landes einen Schlag zu versetzen?
Zumindest tat Teheran alles, um den Eindruck zu erwecken, dass hinter dem Anschlag fremde Mächte steckten. Parlamentspräsident Ali Laridschani erklärte Mohammadi zum "hochangesehenen Nuklearenergieexperten", die Medien nannten ihn einen "revolutionären Wissenschaftler". Das Außenministerium sprach vom "Dreieck der Bösartigkeit aus Zionistenregime, Amerika und den von ihnen gekauften Agenten".
Mohammadi war der Märtyrertod als treuer Diener des Regimes gewiss.
Es stimmt zwar, dass die israelische Regierung nichts mehr fürchtet als Atomwaffen in den Händen eines fanatischen Regimes, das seine Existenz bedroht. Richtig ist auch, dass in der Vergangenheit bereits mehrere hochrangige Politiker und Wissenschaftler verschwanden, darunter Vizeverteidigungsminister Ali Resa Asgari, der zur CIA übergelaufen sein soll. Andere starben unter mysteriösen Umständen, etwa Ardeschir Hassanpur, ein Fachmann aus der Uran-Anreicherungsanlage von Isfahan. Er wurde vergiftet aufgefunden.
Aber warum hätten die Agenten dann ausgerechnet Mohammadi töten sollen? Sein Freund Schirsad kann sich "nicht erinnern, dass er je zu Atomfragen geforscht hat". Er sei "kein Angestellter" der Behörde gewesen, erklärte die iranische Atomenergie-Agentur.
Das Attentat könnte daher auch eine Warnung der Regierung an alle Abtrünnigen und Aufmüpfigen gewesen sein. Angeblich wollte Mohammadi, wie so viele Wissenschaftler, ins Ausland gehen. Vor der Präsidentschaftswahl im Juni warb er offen für Hossein Mussawi, den schärfsten Herausforderer von Mahmud Ahmadinedschad. Mit über 400 Wissenschaftlern steht sein Name auf einer Internetseite zur Unterstützung des Oppositionsführers.
Mohammadi soll Mussawi sogar besucht haben. Es heißt, er sei anschließend festgenommen und vom Geheimdienst mehrere Stunden verhört worden. Erst vor einigen Tagen griffen Milizionäre den Physikprofessor bei einer Podiumsdiskussion scharf an. Die Schergen der Führung sind nicht zimperlich, allerdings waren sie bisher für schlichteres Vorgehen bekannt: Sie räumten ihre Gegner bevorzugt durch vorgetäuschte Unfälle aus dem Weg, sie erschossen, erschlugen, verschleppten sie.
Eine Gruppe aus dem Libanon, die zu ihren schiitischen Glaubensbrüdern in Iran engste Verbindungen unterhält, hat hingegen Erfahrung mit der Liquidierung durch Sprengsätze: die militante Hisbollah, die "Partei Gottes", die mit Teherans Hilfe seit vielen Jahren aus dem Süden des Zedernstaats den Erzfeind Israel bekämpft. Auch gegen die "grüne Rebellion" auf den Straßen sollen Hisbollah-Mitglieder die Fanatiker in Iran unterstützen. Demonstranten berichteten im Sommer, dass ihnen in Straßenschlachten immer wieder "Araber" gegenübergestanden hätten.
Wäre eine Verwicklung der Hisbollah, über die Oppositionelle spekulieren, eine Erklärung für die neue Handschrift, die der Anschlag auf den Professor trägt?
Andererseits: Teherans Geheimdienste sind technisch hoch versiert und könnten jeden Sprengsatz selber bauen.
So rätselhaft Mohammadis Tod - vorerst - bleibt, so bizarr verlief seine Beerdigung. Jeder zweite der etwa tausend Trauernden wurde der Opposition zugerechnet. Den Leichnam trugen dem System ergebene Revolutionsgardisten.
Wen immer aber Teherans Staatsanwalt Abbas Dschafari Dolatabadi als Täter präsentieren wird: Zur Hisbollah oder zum Sicherheitsapparat dürfte er kaum gehören. Deren Mitglieder gelten im Gottesstaat als unantastbar. DIETER BEDNARZ
Von Dieter Bednarz

DER SPIEGEL 3/2010
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