18.01.2010

AUTORENDas Wunderkind der Boheme

Die Schülerin Helene Hegemann ist erst 17 und lebt in Berlin. In ihrem ersten Roman erzählt sie, wie schwer jungen Menschen die Rebellion fällt, wenn schon die Eltern Rebellen sind.
Aus der Ferne kann einem Helene Hegemann ganz schön Angst machen. Wofür andere ein halbes Leben brauchen, das hat sie in etwas mehr als drei Jahren geschafft. Sie hat einen Kinofilm gedreht, ein Theaterstück geschrieben und als Schauspielerin gearbeitet. Nun erscheint ihr erster Roman: "Axolotl Roadkill"*. Er handelt von harten Drogen, anonymem Sex und exzessivem Ausgehen. Helene Hegemann ist 17 Jahre alt.
Aus der Nähe ist aber alles nur halb so wild. Sie kommt durch den Schnee ins Schoenbrunn gestapft, ein Restaurant im Volkspark Friedrichshain an der Grenze zu Prenzlauer Berg, das eine Geschichte hat wie der Stadtteil: Zu DDR-Zeiten schon offen, war es in den Neunzigern spektakulär heruntergekommen und wurde für sporadische Partys zweckentfremdet. Um die Jahrtausendwende herum wurde es mit viel Marmor und geschickter Beleuchtung renoviert. Jetzt ist es voll mit glücklich lärmenden Jungfamilien und schwulen Paaren. Hegemann wohnt in der Nähe.
Sie hat dunkelblonde Haare, unter denen ihr Gesicht hervorschaut, einen bunten Kopfhörer um den Hals, und sie kann reden, reden, reden. Über die falsche Kapitalismuskritik der Berliner Theater und ihre verlogenen Versuche, die Finanzkrise zur Aktualisierung ihrer verstaubten Inszenierungen zu benutzen. Über die Geschlechterbilder im US-amerikanischen
Rock der frühen Siebziger, über das Luxus-
biotop Prenzlauer Berg, über Kinder und darüber, wie schwer es ist, das Leben zu leben, das man wirklich will.
"Wir Kinder vom Café Schoenbrunn" hätte sie ihren Roman auch betiteln können. Denn der plakative Exzess ist nur die eine Seite. Das Buch erzählt auch davon, wie schwierig es ist, im bunten Berliner Themenpark der alternativen Lebensstile einen Ort für die Rebellion zu finden. Wie es ist, Jugendlicher in einer Umgebung zu sein, die für die Elterngeneration ein großer Abenteuerspielplatz war und in der es nun keine Freiräume mehr zu erkämpfen gibt, weil die Eltern das schon erledigt haben.
"Ich fühle mich ja wohl hier", sagt sie. "Aber viele weigern sich anzuerkennen, dass wir nicht mehr 1994 haben, als hier alles noch umkämpft war. Das ist jetzt ein Erlebnispark. Und eben nicht mehr Punkrock und Revolution."
Als sie 1992 auf die Welt kam, war es noch so. Helene ist die Tochter von Carl Hegemann, dem legendären ehemaligen Chefdramaturgen der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, wo seit 1992 unter dem Intendanten Frank Castorf all die Strategien ausgeheckt wurden, wie man einem Stadttheater neue Relevanz geben kann. Sie haben die Türen weit aufgerissen, das Haus für den Stadtteil geöffnet, die Subkulturen und den Pop hereingelassen. Neben Castorfs eigenen Inszenierungen waren die großen Christoph-Schlingensief-Spektakel die größten Erfolge dieser Freunde des erweiterten Theaterbegriffs. 2006 verließ Hegemann die Volksbühne, um eine Professur in Leipzig anzunehmen. Er pendelt von Berlin aus.
Auch Carl Hegemann kann reden, reden, reden. Als er einmal eine Diskussionsveranstaltung mit Michel Houellebecq moderieren sollte und dieser nicht auftauchte, redete Hegemann einfach anderthalb Stunden mehr oder weniger allein von der Bühne herunter. Es war wahrscheinlich besser, als jedes Gespräch mit dem Schriftsteller hätte sein können.
Das war im Jahr 2000, da war Helene in Bochum. Als Kleinkind war sie oft mitten drin gewesen im Volksbühnen-Wahnsinn, manchmal schlief sie während einer Premierenfeier hinter der Bühne. Dann trennten sich ihre Eltern, sie ging mit ihrer Mutter weg. Mit 14 kehrte Helene, nach dem Tod ihrer Mutter, zurück nach Berlin. Zu einem Vater, der, wie sie sagt, "Angst hatte, ich könnte sein Leben zerstören". Auch das ist Teil des Lebens der Boheme: Die Selbstverwirklichung verträgt sich schlecht mit der Verantwortung für andere.
Helene fing an, die Schule zu schwänzen, und zwar so richtig. "Ich hatte 160 Fehltage pro Jahr", sagt sie. Morgens verließ sie das Haus, fuhr ein wenig mit dem Bus herum, bis um zehn Uhr morgens das Kulturkaufhaus Dussmann aufmachte. Dort setzte sie sich hin und las, bis die ersten Filmvorführungen in einem der Berliner Kinos begannen. Die Folgen waren ernst. Die Polizei stand vor der Tür, Helene war kurz davor, in die Psychiatrie eingewiesen zu werden. "Es war asozial", fasst sie diese Zeit zusammen. "Beinahe hätte ich meinen Film nicht machen dürfen."
Ihr Film und ihr Theaterstück retteten sie. Anstatt zur Schule zu gehen, begann sie zu schreiben. Das Stück "Ariel 15" wurde vor zwei Jahren uraufgeführt. "Der Film "Torpedo" im Herbst 2008. Ein deutlich autobiografisch geprägter Film über ein Mädchen, dessen Mutter gestorben ist und das in die Berliner Kulturszene katapultiert wird. Sie führte Regie, gedreht wurde in dem Haus, in dem Helene und ihr Vater wohnen. "Torpedo" kam im März vergangenen Jahres bundesweit ins Kino. Irgendwie schaffte sie ihren Realschulabschluss. Jetzt lernt sie von zu Hause aus. "Ich habe ,Fernabitur' gegoogelt."
Nun also hat das Wunderkind der Berliner Boheme einen Roman geschrieben. Wieder hat der Rahmen einiges mit Hegemanns Leben zu tun - in deutlichen Grenzen allerdings. "Die schlimmsten Exzesse habe ich ganz nüchtern hingeschrieben, morgens nach dem Joggen", sagt sie.
Das Buch handelt von Mifti, 16 Jahre alt, Schulschwänzerin mit Kulturschaffenden-Papa. Mifti lebt in einer WG mit ihrer Schwester, einer "durchtriebenen Marketing-Bitch", und ihrem Bruder, der sich mit Kiffen, Turnschuh-Sammeln und dem Matratzenlager in seinem Zimmer beschäftigt. Dort sitzen sie am Küchentisch, reden und nehmen Drogen. Dann treibt es sie raus in die Berliner Clubs. Einmal vögelt Mifti mit einem Taxifahrer.
Das Buch lebt allerdings von der Atmosphäre, nicht von einer Geschichte. Von dem Gefühl existentieller Leere, die seine Protagonisten mit Exzessen bekämpfen. Und von der Sprache, die von Begriffen wie "Wohlstandsverwahrlosung", "Duldungsstarre" oder "pseudobelastungsgestört" lebt. Hegemann spricht auch so. Sie benutzt Wörter wie etwa "linksresignativ". Linksresignativ ist das Milieu des Kulturschaffenden-Papas und seiner Freunde. Die Menschen, die die Welt zusammengezimmert haben, in der sowohl die reale Helene als auch die erfundene Mifti leben. "Links", weil sie sich immer noch so fühlen, "resignativ", weil sich kein Wille zur Veränderung mehr aus diesem Gefühl ableitet.
Gegen diese Welt kann man nicht anrennen, so stark das eigene Bedürfnis danach auch ist. Auch weil sie so umfassend ist. Dass Prenzlauer Berg schon mal als der kinderreichste Stadtteil Deutschlands bezeichnet wird, liegt ja nicht daran, dass dort pro Kopf mehr Nachwuchs gezeugt würde als anderswo. Es liegt an einer regionaldemografischen Besonderheit: Ein Stadtteil mit riesigem Leerstand wurde in wenigen Jahren von vielen jungen Leute besiedelt, die nun Familien gegründet haben. Helenes Eltern waren nur besonders früh dran. Aber potentiell sind all die Kita-Kinder, die heute einen Plattenspieler malen, wenn sie die Arbeit ihrer Eltern zeigen sollen, kleine Miftis.
Was tun? Mifti stürzt sich in eine Affäre mit einer Fotografin, taumelt durch die Berliner Technoclubs und landet beim Heroin. Zwischendrin schleppt sie den titelgebenden Axolotl mit sich herum, einen Lurch, der nicht erwachsen werden kann. "Roadkill" nennt man ein Tier, das von einem Auto angefahren wird und am Straßenrand verreckt.
Helene Hegemann will mit ihrem Roman eine Menge. Ohne in verkürzte Kapitalismuskritik zu verfallen, soll "Axolotl Roadkill" von Protagonisten handeln, die ein Leben jenseits gesellschaftlicher Vorgaben leben. Das große jugendliche Rebellionsprogramm, plus Scheitern, plus einem Grundverständnis vom Warum dieses Scheiterns.
Es ist ein Buch, bei dem man sich wundert, wie es seinen Weg zu einem Publikumsverlag wie Ullstein gefunden hat. Nicht weil es von Drogen, Sex und Ausbruchsphantasien handelt - das sind Themen, die sich mit einer 17-jährigen Autorin immer gut vermarkten lassen. "Axolotl Roadkill" ist radikal, sperrig, unfertig und streckenweise schlicht unlesbar.
Und doch: Das ganze Buch wird von einer großen Suchbewegung getrieben, steckt voll treffender Beobachtungen und überraschender Gedanken. "Das ist ja kein Tagebuch oder ein aus Überdruck entstandener Bekenntnisroman. Es ist ein Experiment", sagt die Autorin.
Helene Hegemann wurde die große Bühne angeboten, sie ist draufgesprungen. Und sie ist wirklich erst 17. TOBIAS RAPP
* Helene Hegemann: "Axolotl Roadkill". Verlag Ullstein, Berlin; 208 Seiten; 14,95 Euro. Erscheint am 28. Januar.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 3/2010
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