18.01.2010

OLYMPIADie versteckten Spiele

Garmisch-Partenkirchen bewirbt sich an der Seite von München um die Winterspiele 2018. Bereits 1936 war der berühmteste Skiort Deutschlands Olympia-Schauplatz. An die sportlichen Ereignisse von damals erinnert man sich im Alpenidyll gern - die politischen Umstände werden verdrängt.
Ein eiskalter Wind weht durch das Skistadion von Garmisch-Partenkirchen. Alois Schwarzmüller, 66, hat die Hände tief in den Taschen seiner Jacke vergraben. Touristen schlendern durch die Arena, die eine der bekanntesten Wintersportstätten Deutschlands ist. 2011 wird hier die alpine Ski-WM eröffnet, zum Neujahrsspringen der Vierschanzentournee kamen 25 000 Zuschauer.
Die Besucher besichtigen die Tribünen, blicken hoch zur Slalomrennstrecke am Gudiberg, eine Gruppe Japaner posiert für ein Foto vor der großen Sprunganlage. "Und dort drüben, wenn ich mal darauf aufmerksam machen darf: Das ist der Führer-Balkon", sagt Schwarzmüller.
Der pensionierte Gymnasiallehrer steht mit dem Rücken zur Schanze, er deutet auf eine Terrasse über dem Restaurant Olympia-Haus, von der aus man die ganze Arena überblicken kann. "Dort oben stand er", sagt Schwarzmüller. Adolf Hitler, flankiert von seinem Stellvertreter Rudolf Heß, trug einen dicken Wintermantel, als er das bis heute größte Sportereignis in Garmisch-Partenkirchen eröffnete, die Olympischen Winterspiele 1936.
Es waren zehn tolle Tage im Schnee. In Deutschland wurden Gegner des NS-Regimes ermordet oder in Konzentrationslager gesteckt, die Nürnberger Gesetze waren fünf Monate zuvor verabschiedet worden. In Garmisch-Partenkirchen jedoch, dem gediegenen Skiort im Werdenfelser Land, spielten die Nazis dem internationalen Publikum das Bild von der freundlichen Diktatur vor. Eine halbe Million Zuschauer strömten zu den Wettkämpfen. Die zuvor noch überall im Ort sichtbaren Schilder mit der Aufschrift "Juden unerwünscht" hatte man für die Zeit der Spiele abgeräumt.
Die Winterspiele von 1936 sind in Vergessenheit geraten. Olympia unter dem Hakenkreuz, damit verbindet man heute nur noch die Sommerspiele wenige Monate später in Berlin. Das liegt an dem Bombast, mit dem die Nazis das Sportfest in der Reichshauptstadt inszenierten, an den überhöhten Bildern der Leni-Riefenstahl-Filme. Es liegt aber auch daran, dass in Garmisch-Partenkirchen die eigene Geschichte seit Jahrzehnten versteckt wird wie giftiger Müll.
Der Ort zählt zu den Nobeldestinationen in den Alpen, es gibt eine Spielbank, feine Restaurants und Edelboutiquen, die Liftanlage hinauf zur Kandahar-Abfahrt gehört zu den modernsten in Europa. An der Seite von München bewirbt sich Garmisch-Partenkirchen um die Ausrichtung der Winterspiele 2018. Im Februar reist eine Delegation, angeführt von Bundesinnenminister Thomas de Maizière und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer, zu den Olympischen Spielen nach Vancouver, um dort das Konzept vorzustellen, im März wird dann ein erster offizieller Bewerbungskatalog beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) eingereicht.
Aus diesem Anlass wird jetzt in Garmisch-Partenkirchen gern an die sportlichen Ereignisse während Olympia 1936 erinnert - an einer Aufarbeitung der politischen Umstände hat man in der Touristenhochburg indes wenig Interesse.
Alois Schwarzmüller steht jetzt vor dem Ostflügel des Skistadions. Vor Jahren gab es eine Initiative, dort ein Museum mit integrierter Forschungsstelle einzurichten. Das Projekt wurde als zu kostspielig verworfen. Schwarzmüller ist ein angesehener Mann in Garmisch-Partenkirchen. Er saß 18 Jahre lang für die SPD im Gemeinderat. Seit Jahren erforscht er die NS-Vergangenheit seiner Heimat. Er sagt: "Es gibt hier nicht das Bedürfnis, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen."
Das Werdenfelser Land war beliebt bei Nazi-Größen. Hermann Göring floh nach dem gescheiterten Putsch 1923 in München nach Partenkirchen und ließ dort eine Schussverletzung behandeln. 1933 wurde er Ehrenbürger. Hitler wollte in der Region angeblich ein Alpendomizil erwerben, der Bauer, dessen Hof er ausgewählt hatte, mochte aber nicht verkaufen. So blieb Hitler auf seinem Berghof bei Berchtesgaden.
Für die Nazis war Winterolympia in Bayern die Generalprobe für die Sommerspiele im selben Jahr in Berlin. Die Dörfer Garmisch und Partenkirchen wurden zwangsvereinigt. Das alpine Panorama mit Deutschlands höchstem Gipfel, der Zugspitze, bot eine imposante Kulisse. Sorgen bereitete den Organisatoren jedoch der entfesselte Antisemitismus in der Region.
Schon kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 wurde Juden der Zuzug erschwert, Zettel und Tafeln mit der Aufschrift "Juden sind hier nicht erwünscht" wurden aufgehängt. 1934 wurde "das Handeln in jüdischer Sprache verboten" und Juden untersagt, im Ort eine Wohnung zu mieten oder zu kaufen.
Neun Monate vor Beginn der Spiele hatte die Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung ein solches Ausmaß angenommen, dass der Chef des Organisationskomitees, Karl Ritter von Halt, im Innenministerium in Berlin Alarm schlug. Er wolle nicht missverstanden werden, schrieb Halt, "ich äußere meine Sorge nicht deshalb, um den Juden zu helfen". Aber "wenn die Propaganda in dieser Form weitergeführt wird, dann wird die Bevölkerung von Garmisch-Partenkirchen so aufgeputscht sein, dass sie wahllos jeden jüdisch Aussehenden angreift und verletzt".
Die Hetze im Alpenidyll blieb dem Ausland nicht verborgen. Ein englischer Reporter, der im Vorfeld der Spiele ins Werdenfelser Land gereist war, hatte das Vereinshaus des "Ski-Clubs Partenkirchen" fotografiert, an der Wand ein Plakat mit der Aufschrift: "Juden Zutritt verboten!" Das Bild ging um die Welt. In den USA war bereits eine Boykottbewegung entstanden. Halt fürchtete nun um das gesamte deutsche Olympia-Projekt: "Wenn in Garmisch-Partenkirchen die geringste Störung passiert - darüber sind wir uns doch alle im Klaren -, können die Olympischen Spiele in Berlin nicht durchgeführt werden, da auch alle übrigen Nationen ihre Meldung zurückziehen werden."
Berlin reagierte. Der NSDAP-Gauleiter Adolf Wagner sorgte dafür, dass alle antisemitischen Schilder und Plakate entfernt wurden. Olympia konnte beginnen.
Kurz vor der Eröffnungsfeier herrschte mildes Föhnwetter, doch rechtzeitig fielen die Temperaturen, und als Hitler am 6. Februar 1936 um 10.55 Uhr mit dem Regierungssonderzug am Bahnhof Kainzenbad direkt am Skistadion eintraf, lag der Schnee 20 Zentimeter hoch. "Jubelnde Heilrufe steigerten sich zum Orkan", als Hitler auf dem Balkon im Skistadion erschien, so hieß es später im offiziellen Olympia-Bericht. 1100 Sportler und Funktionäre aus 28 Nationen marschierten ins Stadion ein. Viele reckten vor der Ehrentribüne ihren rechten Arm. Den olympischen Eid sprach Willy Bogner, dessen Sohn heute der Chef der Bewerberorganisation "München 2018" ist.
Das Sportfest lieferte die von den Nazis gewünschten Bilder. In den Hauptstraßen waren Hakenkreuzfahnen geflaggt. Das Publikum bejubelte großen Sport. Die Goldmedaille in der Alpinen Kombination holte der Berchtesgadener Franz Pfnür, abgeschlagen auf Platz 20 landete der polnische Meister Bronislaw Czech. Pfnür wurde später zur Belohnung zum Kaffee beim "Führer" auf den Obersalzberg eingeladen; außerdem trat er der SS bei. Czech schloss sich nach dem deutschen Überfall auf Polen einer Widerstandsgruppe in seiner Heimat an und arbeitete als Kurier. Über das Tatragebirge schmuggelte er Menschen und wichtige Dokumente nach Ungarn, bis ihn sein ehemaliger Trainer, ein Österreicher, an die Deutschen verriet. Als Häftling Nummer 349 kam Czech ins KZ Auschwitz. Dort starb er am 5. Juni 1944, mit 35 Jahren.
Olympia '36 hat Garmisch-Partenkirchen geprägt. Die Spiele bedeuteten für den Ort den Start in den Massentourismus. Dieses Jahr feiert die Marktgemeinde 75jähriges Bestehen.
Zum 60-jährigen Jubiläum der Winterspiele ließ man eine Festschrift drucken. Sie liegt auf dem Tisch im Büro von Bürgermeister Thomas Schmid. Er hat sie bringen lassen. Als Beweis.
Schmid, 48, ist seit 2002 im Amt, gilt als Modernisierer. Er hofft auf Olympia 2018, wodurch neue Luxushotels, ein neues Kongresszentrum, eine bessere Bahnanbindung an München entstehen würden.
Olympia '36? Alles bestens aufgearbeitet, sagt Schmid, "wir beschönigen nichts, wir gehen mit der Sache offensiv um". Ein Beispiel sei die Festschrift.
Auf dem Cover ist ein Skispringer in der Luft zu sehen. "Weltweit Bekanntheit und Anerkennung" habe Garmisch-Partenkirchen durch die Spiele 1936 erlangt, schreibt Schmids Vorgänger Toni Neidlinger im Vorwort, dann fügt er an, dass "die damaligen politischen Umstände keinen unbeschwerten Rückblick erlauben".
Es folgen Berichte über die sportlichen Ereignisse, Texte über deutsche Sieger wie Christl Cranz, Goldmedaillengewinnerin in der Alpinen Kombination. Die politischen Verhältnisse werden ausgeblendet.
Was kaum verwundert. Herausgeber der Schrift ist der Historiker Gert Sudholt, 66, ein Stiefsohn des einstigen stellvertretenden NSDAP-Reichspressechefs Helmut Sündermann. Sudholt leitet die Verlagsgesellschaft Berg, die seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet wird, er veröffentlicht Bücher, in denen die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg abgestritten wird. Sudholt ist Referent der "Gesellschaft für freie Publizistik", der größten rechtsextremistischen Kulturvereinigung in Deutschland. Er hatte den Text eines Holocaust-Leugners verbreitet und dafür 1993 einige Monate im Gefängnis gesessen, drei Jahre bevor er im Auftrag der Gemeinde Garmisch-Partenkirchen jene Festschrift
herausgab, die jetzt von Bürgermeister Schmid als Beleg für vorbildliche Aufarbeitung präsentiert wird.
Schmid sagt, er habe bislang nichts von diesen Hintergründen gewusst. Er wirkt peinlich berührt, als er davon erfährt.
Natürlich steht in der Festschrift auch nichts darüber, was nach Olympia in Garmisch-Partenkirchen geschah. Die antijüdischen Schilder wurden wieder aufgestellt. Ab 1937 legte die Kurverwaltung allen Prospekten, die innerhalb Deutschlands verschickt wurden, Zettel bei, auf denen zu lesen war, dass "Juden unerwünscht" seien. Am 10. November 1938 mussten die letzten etwa 50 Juden, die noch in Garmisch-Partenkirchen lebten, innerhalb weniger Stunden den Ort verlassen. Einige von ihnen nahmen sich aus Verzweiflung das Leben. Das örtliche "Tagblatt" schrieb: "Nun sind wir wieder unter Deutschen!"
Im Juni 1939 vergab das IOC die Winterspiele 1940 trotzdem nochmals an Garmisch-Partenkirchen. Aber es kam nicht so weit. Wenige Monate nach dem IOC-Beschluss überfiel die Wehrmacht Polen, der Zweite Weltkrieg hatte begonnen.
Eines der antijüdischen Schilder, die in Garmisch-Partenkirchen aufgestellt waren, hat Alois Schwarzmüller bei sich zu Hause aufbewahrt. Eine Bekannte, die es auf einem Dachboden gefunden hatte, überließ es ihm. Das kreisrunde Schild, mit Hakenkreuz auf gelbem Grund und der Aufschrift "Juden unerwünscht", wäre ein gutes Dokument für eine offizielle Ausstellung.
Alois Schwarzmüller glaubt nicht mehr daran. Er hat im Rathaus einen "verdrucksten, verklemmten" Umgang mit der NS-Geschichte ausgemacht. "Man fürchtet einen Imageschaden für den Ort", sagt Schwarzmüller.
So war es auch im Fall des Garmischer Fußball- und Leichtathletikstadions. Bis vor vier Jahren trug die Arena noch den Namen des Präsidenten vom Organisationskomitee der Winterspiele von 1936, Karl Ritter von Halt. Das damalige IOC-Mitglied war drei Monate nach Hitlers Machtübernahme der NSDAP und der SA beigetreten, später avancierte Halt als Vorstandsmitglied der Deutschen Bank zum Geldboten für den "Freundeskreis Heinrich Himmler". Der SS-Chef berief Halt noch kurz vor Kriegsende zum "Reichssportführer".
Nachdem sich ein Tourist darüber beschwert hatte, dass das Stadion nach einem hochrangigen Nazi benannt ist, wurde es im Sommer 2006 umgewidmet. Es heißt jetzt "Stadion am Gröben".
In einer E-Mail wurden Gemeinderatsmitglieder über die in aller Stille vollzogene Umbenennung informiert - mit der Bitte, "auf eine Behandlung dieses Themas in der Öffentlichkeit zu verzichten".
ANDREAS MEYHOFF, GERHARD PFEIL
* Beim Verlassen des Olympia-Hauses in Garmisch-Partenkirchen 1936.
Von Andreas Meyhoff und Gerhard Pfeil

DER SPIEGEL 3/2010
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