25.01.2010

GROSSBRITANNIENHumanitäre Intervention

Tony Blair war williger Partner der USA beim Sturz Saddams - jetzt muss er vor einen Untersuchungsausschuss. Hat er die Briten mit List in den Irak-Krieg geführt?
Das Leben eines Ex-Premiers ist schön und hart zugleich. Tony Blair verdient Millionen als Redner und Berater, aber so fröhlich wie früher sieht er nicht mehr aus.
Denn da ist ein Makel, der alles überdeckt: Blair, 56, zehn Jahre lang erfolgsverwöhnter Premierminister des Vereinigten Königreichs und nunmehr Sondergesandter in Nahost, kommt aus dem Schatten des Irak-Abenteuers nicht heraus.
Der Labour-Mann, der nach seinem Ausscheiden aus dem Amt zum Katholizismus übertrat, gilt als gottesfürchtiger Mensch. Sein starker Glaube habe wichtige Entscheidungen in seiner Zeit als Premier geprägt, verkündete er unlängst. Das kam bei vielen an, aber wie verträgt es sich mit der Tatsache, dass ihn die Mehrheit seiner Landsleute inzwischen für einen Lügner hält?
Er habe schlicht einen Vorwand gesucht, um 2003 an der Seite von George W. Bush gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein ins Feld zu ziehen, lautet der Vorwurf. Fast jeder vierte Brite sieht in Blair gar einen Kriegsverbrecher, der vor Gericht gehört.
Freitag dieser Woche kommt es zum Schwur: Blair wird öffentlich aussagen müssen - vor einer Untersuchungskommission, die sich mit den Hintergründen der Invasion des Irak befasst. Per Fernsehen wird die Nation dem früheren Regierungschef dabei in die Augen blicken, und auch die Angehörigen jener 179 britischen Soldaten, die im Irak gefallen sind, warten gespannt auf jedes Wort. Einige werden mit im Saal sitzen.
Die fünf Kommissionsmitglieder haben Einsicht genommen in Geheimpapiere und seit November Dutzende Politiker, Beamte und Militärs befragt. Oft klang dies wie eine Plauderei am Kamin: Keiner der fünf ist Jurist, und keiner hat
das Talent für inquisitorische Fragen. Trotzdem förderte die Runde Neues zu- tage.
Die zentralen Fragen lauten: Warum war Blair so erpicht darauf, Bush bei diesem Kriegsgang beizustehen, selbst ohne die Vereinten Nationen? Welchen Einfluss nahm er auf seinen obersten Rechtsberater, den Generalstaatsanwalt, der den Angriff auf den Irak zunächst als Rechtsbruch ansah? Wie kam es zu dem sogar vom Geheimdienst MI6 kritisierten Dossier, mit dem der Öffentlichkeit eine faustdicke Lüge aufgetischt wurde: nämlich dass Saddam Hussein innerhalb von 45 Minuten Massenvernichtungswaffen einsetzen könne? Und wie war es möglich, dass auch die Briten schlecht vorbereitet waren für den Tag nach Saddams Sturz?
Die Zeugen bisher zeigten wechselhafte Gesprächigkeit. Alastair Campbell, einst allmächtiger Kommunikationsdirektor Blairs, gab zu Protokoll, "sehr, sehr stolz" zu sein auf die Geschehnisse von damals. Er bedauert nichts. Weniger überzeugt hörte sich Jonathan Powell an, Blairs früherer Stabschef. Dass al-Qaida sich das Chaos im Irak nach der Invasion zunutze machen könnte, habe zuvor keiner so geahnt. Die vielen Toten infolge der Selbstmordanschläge seien "eine furchtbare Sache", räumte Powell ein: "Es ist sehr schwer, damit zu leben."
Blair hat gern mit seinem Militär operiert: Er setzte britische Soldaten in Jugoslawien, Sierra Leone und schließlich Afghanistan ein. Die "humanitäre Intervention" empfand er als Verpflichtung, er erhob sie zur offiziellen Doktrin. Auch Saddam war ihm zuwider - und deshalb zögerte er nicht. Schon ein Jahr vor dem Angriff sei Blair nach Zeugenaussagen zur Gewalt entschlossen gewesen.
Im April 2002 traf er Amerikas Präsidenten George W. Bush auf dessen Ranch im texanischen Crawford - dort, so der ehemalige britische Botschafter in Washington, habe er "den Blutschwur" geleistet. Komme, was wolle: Er werde an Bushs Seite stehen, notfalls auch militärisch. Er habe danach, so Campbell, regelmäßig private Briefe an Bush geschickt, immer des Inhalts: Britannien sei dabei, so oder so.
Jack Straw, damals britischer Außenminister, spürte, was in Blair vorging. Zehn Tage vor dem Treffen in Crawford schrieb er ihm ein Memorandum ("geheim und persönlich"). Die Invasion, so Straw, sei rechtlich bedenklich und nicht lohnend.
Vergangenen Donnerstag saß Straw vor dem Ausschuss. Angesichts der vielen Toten empfinde er "tiefes Bedauern", sagte er. Hätte er dem britischen Einmarsch am Ende nicht zugestimmt, "wäre er nicht möglich gewesen".
So viel Schuld wird Blair wohl nie einräumen. Wenn er noch einmal von vorn anfangen könnte, würde er alles genauso machen, hat er noch im Dezember gesagt. Er würde noch einmal Saddam angreifen, selbst wenn er wüsste, dass der keine Massenvernichtungswaffen besitze. In diesem Fall, so Blair, "hätte man dann andere Gründe für das Ausmaß der Bedrohung finden müssen".
Blair war nahezu bedingungslos loyal zu Bush - und das kreidet ihm auch sein Biograf Anthony Seldon an. Er hätte die Unterstützung für den Krieg leicht an Forderungen koppeln können, etwa an die nach einer umfassenden Nahost-Initiative. Das aber tat er nicht.
Die Untersuchungskommission hat noch einiges an Arbeit vor sich. Im Februar oder März wird sie Blairs einstigen Schatzkanzler vorladen - den heutigen Premier Gordon Brown, der gerade mitten im Wahlkampf steht.
Brown sagt, auch er habe nichts zu verbergen. MARCO EVERS
* Mit britischen Soldaten im Irak 2004.
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 4/2010
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