25.01.2010

LEICHTATHLETIK„Ich will nicht lügen“

Die ehemalige DDR-Sprinterin Gesine Tettenborn über die Last mit ihrer Doping-Vergangenheit - und warum sie sich aus den Rekordlisten des Verbandes streichen ließ
Tettenborn, 47, lief unter ihrem Mädchennamen Gesine Walther 1984 in Erfurt mit der 4x400-Meter-Staffel der DDR damaligen Weltrekord in 3:15,92 Minuten. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) führt die Marke bis heute als nationalen Rekord.
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SPIEGEL: Frau Tettenborn, laut internen Unterlagen haben Sie in Ihrer Zeit als Sprinterin in der DDR-Nationalmannschaft über 1000 Milligramm des Anabolikums Oral-Turinabol pro Jahr bekommen. Wie geht es Ihnen heute?
Tettenborn: Ich habe vier gesunde Kinder. Das ist das Wichtigste, einige ehemalige DDR-Sportlerinnen brachten bekanntlich behinderte Kinder auf die Welt. Aber mir fehlt oft der Elan, die Antriebskraft. Ich habe schlechte Nerven, depressive Phasen. Ich merke jetzt, dass ich in ein Leistungssystem hineingepresst worden bin, das mich mit Hilfe der Pillen total vereinnahmt hat. Ich bin 47 Jahre alt, und es ist bitter, dass es mir schwerfällt, mit einer Freundin einfach nur joggen zu gehen.
SPIEGEL: Warum bestreiten DDR-Leichtathletinnen wie Ihre einstige Staffelkameradin Marita Koch noch immer, Dopingmittel genommen zu haben?
Tettenborn: Es gibt eben Sportlerinnen, die haben ihre Identität stark auf ihre Erfolge in der DDR ausgerichtet. Sie leben in der Vergangenheit und zementieren sie damit. Sie tun sich auch 20 Jahre nach dem Mauerfall schwer, ihre Identität zu ändern. Ich bin als junge Sportlerin da hineingeraten und habe nach dem Ende der Karriere Wert darauf gelegt, mich zu verändern.
SPIEGEL: Sie haben den Deutschen Leichtathletik-Verband gebeten, Ihren Namen aus den Rekordlisten zu streichen, weil die Zeiten mit Hilfe von Doping erzielt worden seien. Sie sind die zweite ehemalige DDR-Athletin nach der Sprinterin Ines Geipel,
die sich zu diesem Schritt entschlossen hat. Was hat Sie dazu bewogen?
Tettenborn: Ich hatte lange Zeit keine Beschwerden. Dann bekam ich erstmals Angstattacken. Da begann ich, über die Streichung der Rekorde nachzudenken. Zudem wurde ich hier im Westen immer wieder auf das Dopingsystem der DDR angesprochen. Ich wollte einfach nicht lügen.
SPIEGEL: Sie empfinden es als Belastung, auf einer Rekordliste zu stehen?
Tettenborn: Es tut nicht gut, meinen Namen dort zu sehen. Der DLV streicht die Rekorde nicht von allein. Mir ist bewusst geworden, dass ich für immer dort stehen bleibe, wenn ich nicht aktiv werde. Irgendwie wäre ich also mitverantwortlich dafür, wenn junge Athletinnen dopen, weil sie motiviert sind, diesen Rekord zu brechen. Meine Lügen hätten dem Unrecht Tür und Tor geöffnet. Außerdem verherrlicht jeder Rekord die DDR.
SPIEGEL: Gab es ein persönliches Motiv?
Tettenborn: Ja, es hätte doch so ausgesehen, als hätte ich zu allem ja und amen gesagt, ich hätte in meinem Leben für immer eine Dreckecke.
SPIEGEL: Wie werden Ihre Laufkolleginnen von damals reagieren?
Tettenborn: Mir ist klar, dass ich nun für manche ein Nestbeschmutzer bin, der ihnen die Erinnerung kaputtmacht. Aber ich musste es tun. Für mich.
SPIEGEL: Hätten Sie die Zeiten, die Sie gelaufen sind, auch ohne Doping erzielt?
Tettenborn: Dieses Thema hat mich schon immer beschäftigt. Ich wollte nach dem Umzug 1989 in den Westen wissen, wie schnell ich ohne Chemie laufen kann. Ich bin auf 11,90 Sekunden über 100 Meter gekommen. Mit Doping ist meine offizielle Bestzeit 11,19 Sekunden.
SPIEGEL: Ehemalige DDR-Athleten behaupten, sie wüssten nicht, ob sie Dopingmittel bekommen haben. Woran erinnern Sie sich?
Tettenborn: Wir waren doch nicht naiv. Ich habe die Pillen sogar in ihrer Originalverpackung von meinem Trainer bekommen. Und ich wusste, dass die anabolen Steroide nicht erlaubt sind. Später habe ich einmal meine Tante darauf angesprochen, die als Ärztin an der Charité arbeitete. Sie kannte die Mittel auch nicht genau. Sie hat gesagt: Lass sie einfach weg. Ich habe dann ein bisschen experimentiert. Aber ich konnte mit niemandem darüber sprechen, weil ich mich in einer schriftlichen Erklärung dazu verpflichtet hatte. Und mein Trainer wäre total ausgeflippt, wenn ich ihm erzählt hätte, dass ich die Pillen nicht mehr will.
SPIEGEL: War das auch der Grund dafür, dass Sie schon mit 22 Jahren den Leistungssport beendet haben?
Tettenborn: Nein, der eigentliche Anlass war mein Bruder, der wegen eines Fluchtversuchs aus der DDR im Gefängnis saß. Später wurden seine Mitgefangenen freigekauft, nur er nicht, weil ich im Leistungssport war. Ich bin dann schwanger geworden und hatte einen guten Grund, mit dem Sport aufzuhören.
SPIEGEL: Sie haben also über vier Jahre lang Dopingmittel bekommen?
Tettenborn: Dass die Einnahme nur über eine relativ kurze Zeit ging, ist aus heutiger Sicht wohl mein Glück. Ich habe mit 17 Jahren angefangen, damals waren wir in der Vorbereitung für die Olympischen Spiele 1980. Ich bin dann als Ersatzsprinterin mit nach Moskau gefahren.
SPIEGEL: Wie fühlten Sie sich während der Einnahme der Dopingmittel?
Tettenborn: Unter der Chemie leidet die Persönlichkeit. Das Lebensgefühl ändert sich. "Du bist irgendwie anders, wenn du das Zeug nimmst", haben meine Mannschaftskolleginnen gesagt. Ich habe deshalb auch die Testosteronspritzen abgelehnt, weil ich die als noch schlimmere Form des Dopings gesehen habe. Es gab deshalb auch Streit mit meinem Trainer.
SPIEGEL: Machen Sie Ihrem ehemaligen Trainer Eberhard König einen Vorwurf?
Tettenborn: Nein, er war wie ein Vater für mich. Ich habe ihm einiges zu verdanken. Ich kann ihn jetzt nicht als Verbrecher hinstellen.
SPIEGEL: Gegen König, der bis vor kurzem noch Bundestrainer war, wurde wegen seiner Rolle im Dopingsystem der DDR ermittelt. Das Verfahren wurde gegen Zahlung einer Geldauflage eingestellt. Haben Sie deshalb so lange geschwiegen, um ihn zu schützen?
Tettenborn: Nein, ich will ihn auch jetzt nicht schlechtmachen. Er hatte durchaus eine soziale Seite. Ich bin im Training einmal 10,60 Sekunden über 100 Meter gelaufen, danach ist mein Kreislauf kollabiert. Daraufhin wurden die Pillen abgesetzt, und ich wurde durchgecheckt. In Erfurt am Leistungszentrum, wo ich trainierte, wurde nicht verantwortungslos drauflosgedopt. Ich sehe das Dopingproblem differenziert: Es gab gewissenlose Trainer, die Kinder gedopt haben. Und es gab Trainer, die haben nur das Nötigste gemacht. Unser Trainer hat gesagt: "Ich will, dass meine Mädchen gesunde Kinder bekommen."
SPIEGEL: Während der Leichtathletik-Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr in Berlin wurde heftig diskutiert, wie man mit belasteten DDR-Trainern heute umgehen soll. Was meinen Sie?
Tettenborn: Ich denke darüber nicht nach. Ich will für mich persönlich ins Reine kommen. Aber ich habe natürlich nicht vergessen, wie im Sport gedacht wurde.
SPIEGEL: Wie?
Tettenborn: Auf die tiefen Stimmen seiner Schwimmerinnen angesprochen, hatte ein DDR-Trainer mal gesagt: "Die Mädchen sollen schwimmen und nicht singen." Über diesen Spruch haben wir in Erfurt alle herzlich gelacht, heute kennen wir die Opfer des Dopings und wissen, wie makaber das alles war. INTERVIEW: UDO LUDWIG
* Dagmar Rübsam, Gesine Walther, Marita Koch und Sabine Busch im Juni 1984.
Von Udo Ludwig

DER SPIEGEL 4/2010
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