25.01.2010

INTERNET

Dynamik der Meute

Von Bethge, Philip

Computerpionier Jaron Lanier über die entwürdigenden Folgen von Internetwerbung, Mobbing im Netz und die Geburt einer unmenschlichen Digital-Religion

Lanier, 49, ist einer der profiliertesten Denker der digitalen Welt. Anfangs pries der Computerwissenschaftler das Internet noch als ideales Experimentierfeld menschlicher Kooperation. In seinem jüngst erschienenen Buch kritisiert er nun die Schattenseiten des Netzes*.

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SPIEGEL: Herr Lanier, Sie behaupten, im Internet verwandelten sich normale, vernünftige Menschen in einen Mob. Meinen Sie das wirklich ernst?

Lanier: O ja, erst heute habe ich ein anonymes Forum gelesen, in dem die Leute das Ansinnen der "New York Times" kommentierten, künftig Geld für Online-Artikel zu verlangen. Die ersten Kommentare waren noch in Ordnung. Doch bald wuchs sich das Ganze zu einem teuflischen Gemetzel aus. Das ist keine Ausnahme, sondern ein typisches Muster im Netz.

SPIEGEL: Wie kommt es dazu?

Lanier: Die Anonymität spielt eine große Rolle. Wer anonym ist, muss keine Konsequenzen fürchten und erhält dennoch unmittelbare Genugtuung. Da wird ein biologischer Schalter umgelegt, und es entsteht eine richtige Meute. Das lässt sich auch in anderen Lebensbereichen beobachten. Wann immer sich Menschen mit einem starken gemeinsamen Glaubenssystem zusammenschließen, tritt meistens das Schlechteste zutage.

SPIEGEL: Auch das Internet ist für Sie eine Art Religion?

Lanier: Ich spreche von einer neuen, auf Technologie basierenden Religion. Das Internet ist zu einem singulären, antiindividualistischen Apparat geworden, der mit einer Art kollektivem Verstand arbeitet - ähnlich wie ein Bienenstaat.

SPIEGEL: Früher bewerteten Sie das Internet viel positiver. Was ist schiefgelaufen?

Lanier: Der Niedergang begann mit dem Versuch, im Netz Geld zu verdienen. Bislang ist dabei leider nur ein einziges erfolgreiches Geschäftsmodell herausgekommen: das der Werbung, wie Google sie betreibt. Soziale Netzwerke wie Facebook versuchen, diesen Erfolg nachzuahmen. Das Problem ist nur, dass sie dabei soziale Strukturen im Netz zerstören, die anfangs ziemlich gut funktionierten. Die Leute haben ja auch schon vor Facebook über das Internet miteinander kommuniziert.

SPIEGEL: Facebook macht es Nutzern wirklich leicht, mit alten Freunden Kontakt zu halten oder diese wiederzufinden.

Lanier: Aber zu welchem Preis! Machen Sie sich klar: Ihre gesamte Kommunikation mit Ihren Freunden gehört einem Unternehmen. Facebook presst die Nutzer in vorgestanzte Kategorien und reduziert sie zu Multiple-Choice-Identitäten, die an Marketing-Datenbanken verkauft werden können. Für mich ist es offensichtlich, dass, wer Web-2.0-Angebote wie Facebook nutzt, sich der Maschinerie unterwirft und es noch nicht einmal merkt.

SPIEGEL: Übertreiben Sie da nicht? Die Nutzer unterscheiden doch zwischen ihrem Facebook-Account und ihrem richtigen Leben.

Lanier: Ältere Leute nutzen Facebook tatsächlich, um wieder Kontakt zu alten Freunden aufzunehmen. Diese Beziehungen sind zuvor in der realen Welt entstanden. Ihnen ist bewusst, was echt ist und was nicht. Das Problem haben eher die Jungen. Auf sie kann das Facebook-Modell, was ein Freund ist und worum es im Leben geht, einen großen Einfluss haben.

SPIEGEL: Sie halten die jugendliche Begeisterung für derlei Kollektivismus sogar für angstgesteuert.

Lanier: Ja, die Dynamik der Internet-Meute bedingt, dass man am Ende mitmachen muss, um nicht selbst Opfer zu werden. Facebook-Accounts werden irgendwann verpflichtend. Die Teenager kommen nicht mehr darum herum, ihr Profil zu pflegen, weil es Teil ihres Lebens wird.

SPIEGEL: Kann sich denn nicht jeder im Internet so darstellen, wie er es gern hätte?

Lanier: Nein, das Netz lässt nur Konformismus zu. Es belohnt Leute, die in soziale Normen passen. Wer sich außerhalb der Norm bewegt, kann schnell zum Opfer werden. Wir haben inzwischen ein riesiges Problem mit Cyber-Mobbing. Hinzu kommt, dass es das Netz nicht erlaubt, sich selbst neu zu erfinden. Es vergisst nichts.

SPIEGEL: Zur Netzkultur gehört es auch, dass Software, Lieder, Filme oder Texte kostenlos zu haben sind. Sie selbst forderten von den Musikern früher, ihre Songs gratis zu verteilen. Geld sollten diese zum Beispiel mit dem Verkauf von T-Shirts verdienen. Heute kritisieren Sie diese Selbstbedienungskultur. Woher der Sinneswandel?

Lanier: Wenn das Kostenlosmodell funktionieren würde, hätten wir inzwischen Tausende Musiker, die ihre Musik kostenlos anbieten und trotzdem gut leben würden. Das ist nicht der Fall. Inzwischen glaube ich, dass es langfristig für alle besser wäre, wenn geistige Erfindungen bezahlt würden. Wenn alles Immaterielle gratis ist, werden wir alle zu digitalen Bauern, die für Lords der digitalen Wolken wie Google oder YouTube kostenlose Inhalte bereitstellen. Wenn man aber eine dynamische Welt will, in der jeder noch selbst erfinden, denken und seinen eigenen Weg suchen darf, brauchen wir Kapitalismus - gerade auch für den Geist. Intellektuelle Leistung muss wieder belohnt werden, und zwar individuell. Ein weiterer zentraler Fehler der derzeitigen digitalen Kultur ist es, Information aus verschiedensten Quellen so fein zu zerhacken, dass man am Ende nur noch einen einzigen globalen Brei hat.

SPIEGEL: Das Internetlexikon Wikipedia funktioniert so. Jeder trägt ein Stück dazu bei. Am Ende wäre das Wissen der Welt an einem Ort vereint und für jeden frei zugänglich. Was ist dagegen einzuwenden?

Lanier: Wikipedia funktioniert vielleicht für bestimmte Themen, etwa für Wissenschaft oder für Popkultur. Aber für geschichtliche und humanistische Themen ist Wikipedia untauglich. In diesen Bereichen gibt es viele Aspekte und Sichtweisen, die alle ihre Berechtigung haben. Sie zusammenzuquirlen macht die Dinge bedeutungslos. Es kann sogar geschehen, dass wir die Realität als Bezugspunkt verlieren. Ein Beispiel: Wikipedia bietet ellenlange Artikel über imaginäre Armeen oder Charaktere aus Fantasy-Romanen. Echte, historische Armeen oder Figuren der Zeitgeschichte dagegen werden oft weitaus kürzer abgehandelt. Wozu führt das? Ich fürchte, es besteht die Gefahr, dass wir irgendwann Geschichte und Fiktion verwechseln. Wir reduzieren Geschichte, und am Ende verlieren wir Geschichte.

SPIEGEL: Aber Wikipedia ist ja nicht die einzige Quelle ...

Lanier: ... sie könnte es aber irgendwann werden. Stellen Sie sich vor, wir schaffen Bücher ganz ab und arbeiten nur noch mit Software-Systemen, die Informationen zu digitalem Brei verquirlen. Dann könnten wir eine Welt kriegen, in der es nur noch so etwas wie Wikipedia gibt. Am Ende haben wir nur noch ein einziges Buch für die ganze Menschheit - eine Art heilige Schrift, ähnlich wie die Bibel, geschrieben von Autoren, die irgendwann in Vergessenheit geraten und dadurch überhöht werden können. Es entsteht der Eindruck des Übernatürlichen. Wenn es da ein Buch gibt, das keiner geschrieben hat, dann muss es Gott geschrieben haben.

SPIEGEL: Wird der Eindruck, dass das Internet zu einem Überwesen wird, auch durch die Struktur des Netzes gefördert?

Lanier: Ja. Das Design des Internets bewertet Informationen höher als die Individuen, die sie liefern. Die Regeln des Netzes wurden von Technikfreaks geschrieben, die nicht viel mit menschlicher Ausdrucksweise am Hut hatten. Dadurch haben wir den Menschen die Würde geraubt.

SPIEGEL: Gab es Versuche, das Netz anders zu organisieren?

Lanier: O ja. Die erste Idee war die beste, wurde aber leider nicht umgesetzt. Ted Nelson ...

SPIEGEL: ... ein amerikanischer Soziologe, Philosoph und Computerpionier, der in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Grundlagen des heutigen World Wide Web schuf ...

Lanier: ... schlug vor, ein universelles Mikrobezahlsystem zu schaffen und gleichzeitig jede Datei nur einmal im Netz bereitzustellen. Das hätte viele Vorteile. Der Markt würde Angebot und Nachfrage regeln, und Musik, Bücher oder Zeitungsartikel würden sehr schnell einen vernünftigen, angemessenen Preis bekommen.

SPIEGEL: Was schlagen Sie außer einem Bezahlsystem vor, um das Internet zu verbessern?

Lanier: Vielleicht müssen wir Monopole zerschlagen, so dass wir beispielsweise nicht mehr nur ein Google haben, sondern mehrere. Suchmaschinen sind unabdingbar, und die Methode, Internetseiten nach Beliebtheit zu ordnen, ist gut. Ich würde es jedoch gern sehen, dass Suchmaschinen werbefrei werden. Im Moment steuern wir auf eine Situation zu, in der man im Netz in eine Art Todesspirale kommt und verschwindet, wenn man keine Werbung betreibt. Man taucht dann schlicht nicht mehr oben in den Ergebnislisten der Suchmaschinen auf. Wenn wir Internetsuche und Werbung entkoppeln würden, bekämen wir eine ehrlichere und wahrhaftigere Welt.

SPIEGEL: Das werden die Aktionäre von Google nicht gern hören.

Lanier: Natürlich würde das einige Menschen bei Google oder bei Microsofts Suchmaschine Bing, die wirklich alle sehr nett sind, ziemlich unglücklich machen. Aber bedenken Sie: Alle anderen würden profitieren. Ein bisschen Werbung ist nicht schlimm. Doch sie darf nicht überbetont werden. Wenn Werbung das Zentrum der Zivilisation wird, um das sich alles dreht, dann ist sie wahrhaft teuflisch.

INTERVIEW: PHILIP BETHGE

* Jaron Lanier: "You Are Not a Gadget: A Manifesto". Knopf, New York; 224 Seiten; 24,95 Dollar.

DER SPIEGEL 4/2010
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