01.02.2010

BUNDESWEHR

Ein deutsches Verbrechen

Von Demmer, Ulrike; Feldenkirchen, Markus; Fichtner, Ullrich; Gebauer, Matthias; Goetz, John; Goos, Hauke; Gutsch, Jochen-Martin; Koelbl, Susanne; Najafizada, Shoib; Schwennicke, Christoph; Stark, Holger

Das Bombardement nahe Kunduz war der blutigste deutsche Militäreinsatz seit dem Zweiten Weltkrieg. Recherchen in Berlin und Kunduz belegen: Die Bundeswehr verstieß gegen Nato-Regeln, der Verteidigungsminister täuschte die Öffentlichkeit, und die Kanzlerin entzog sich ihrer politischen Verantwortung.

Die Sandbank, um die es am Anfang der Affäre geht, ist flach, je nach Wasserstand des Kunduz-Flusses 300 bis 425 Meter lang, an ihrer weitesten Stelle 80 Meter breit. Es ist ein unwirtlicher Ort, die Ufer ringsum sind dicht bewaldet und fallen steil zum Wasser hin ab. Aber in der Vollmondnacht vom 3. auf den 4. September 2009 ist viel Leben auf dieser Furt, Leben, das um Punkt 1.50 Uhr Ortszeit, 23.20 Uhr deutscher Zeit, jäh endet.

Auf Befehl des deutschen Obersts Georg Klein werfen F-15-Kampfjets zwei 500-Pfund-Bomben Typ GBU-38 ab, die Bomben zerstören zwei von Taliban-Kämpfern entführte Tanklaster, deren Räder sich festgefressen haben beim Versuch, den Fluss zu queren. Es sterben viele Menschen, auch solche, die nur gekommen waren, den Sprit zu stehlen. Und es stirbt in dieser Nacht die irrige Hoffnung, Deutschland könne in den Krieg ziehen, ohne sich dabei die Finger schmutzig zu machen.

Schon in den ersten Stunden nach dem Luftschlag wird offenbar, dass weder die deutschen Militärs noch die deutsche Politik großes Interesse daran entwickeln werden, den Vorfall seiner Bedeutung gemäß aufzuklären. Im Feldlager zu Kunduz missachten die Offiziere alle Regeln eines geordneten Berichtswesens, so wie sie zuvor bei der Entscheidung zum Bombenangriff die Regeln des Nato-Einsatzes in Afghanistan zu ihren Zwecken überdehnt, verbogen oder ganz missachtet haben. In der deutschen Hauptstadt Berlin beginnen die Apparate der Regierung ihre Hahnenkämpfe um die Deutungshoheit der Ereignisse, ohne den Ernst der Situation wirklich zu begreifen.

Dies ist der politische Kern der Kunduz-Affäre: dass die Bundesregierung, konfrontiert mit Meldungen über die blutigste Militäroperation, die deutsche Soldaten seit dem Zweiten Weltkrieg befohlen haben, nicht in der Lage ist, adäquat zu reagieren; dass sie keine Prozeduren kennt, den Vorgang sauber abzuwickeln; dass ihre zuständigen Beamten, die verantwortlichen Minister, dass die Bundeskanzlerin die Dramatik des Augenblicks nicht erfassen oder nicht erfassen wollen; dass es wirkt, insgesamt, als sei die deutsche Politik dem Krieg nicht gewachsen - zumal, wenn ihr der Wahlkampf gerade wichtiger ist.

So war es: Die deutsche Bundeskanzlerin klaubt sich, während die Nachricht vom Luftschlag Außen- und Verteidigungsministerien auf der ganzen Welt aufrüttelt, während in Kabul auf den Fluren des Isaf-Hauptquartiers großes Gerenne deshalb herrscht, auf ihrem Mobiltelefon via Google die Informationen zusammen, die zum Thema im Internet gerade so herumschwirren.

So war es: Statt sich auf direktem Weg in den Berliner Bendlerblock zu begeben, um sich mit möglichst allen Details des dramatischen Vorfalls zu beschäftigen, befindet sich Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung auf einer Radtour zu Wahlkampfzwecken durch den Rheingau, Umtrunk und unqualifizierte Fernsehinterviews inklusive.

So war es: Anstatt sich wenigstens einmal über die Ereignisse auszutauschen, zu konferieren, Informationen abzugleichen, touren die Bundeskanzlerin, der Verteidigungsminister und der Außenminister je für sich zu Wahlkampfzwecken durch die Republik. Auf Marktplätzen und in Dreifachturnhallen reden sie über die Rente mit 67 und die Steuerreform. Über Afghanistan reden sie nicht. Und wenn, dann nur in den Floskeln, mit denen das skeptische Volk seit Jahren abgespeist wird: dass der Einsatz notwendig sei; dass Deutschland zu seiner Verantwortung stehe; dass es nicht anders gehe.

Der Luftschlag von Kunduz, befohlen von Deutschen, macht solch leichtfertiges Reden künftig unmöglich. Er markiert einen neuerlichen Wendepunkt in der deutschen Geschichte, weil er die lange gepflegte Illusion, man könne an Kriegen teilnehmen und dabei Pazifist bleiben, beendet. Schlimmer noch: Während die Deutschen weiter glauben wollten, man könne Panzer in die Welt schicken, aber nur um Brücken zu bauen, machten sich ihre Soldaten draußen in der Welt eines Verbrechens schuldig.

Nichts anderes war der Luftschlag von Kunduz, und zwar ungeachtet dessen, ob juristische Prüfungen am Ende zu anderen Schlüssen kommen, ungeachtet dessen auch, dass den befehlshabenden Offizieren, allen voran Oberst Klein, der Vorsatz, gezielt Zivilisten zu töten, nicht zu unterstellen ist. Wo aber im Zuge einer tödlichen militärischen Operation derart fundamentale Einsatzregeln gebrochen werden, wo letztlich ohne Not, ohne eine unmittelbare Gefahr Bomben auf eine Menschenmenge abgeworfen werden, ist ein Verbrechen anzuzeigen.

Dabei steht der Luftangriff von Kunduz am vorläufigen Ende einer logischen Kette, die seit langem Glied um Glied erweitert wird: von Sanitätern zu Uno-Blauhelmen, von Uno-Blauhelmen zu Nato-Friedensmissionen, von Nato-Friedensmissionen zu Isaf-Kampfeinsätzen. Sie alle wurden vom Bundestag letztlich gegen die Mehrheitsmeinung der Gesellschaft beschlossen, aber es bestand eine Art unausgesprochener Deal zwischen Regierenden und Regierten: Die da oben machten, was sie außenpolitisch für nötig hielten, ohne viel darüber zu reden; und die da unten schauten dabei zu und fragten nicht weiter nach. So marschierte Deutschland nicht lärmend auf die Schlachtfelder des 21. Jahrhunderts; man mogelte sich eher still in die ungeliebten Kriegseinsätze hinein.

Der Grund für diese Unehrlichkeit ist leicht anzugeben: Das deutsche Volk ist kriegsmüde wie kaum ein anderes, so als wäre die Erinnerung an den großen Untergang von 1945 noch immer hellwach. Und die Politik, statt mit guten Argumenten die behauptete Notwendigkeit von Militäreinsätzen zu begründen, hat sich entschlossen, die Wähler wie Kinder zu behandeln, denen starke Wahrheiten nicht zuzumuten seien.

Mit einem Schlag muss nun viel Wissen nachgeholt werden, das lange für nicht weiter wertvoll gehalten wurde. Es geht mit einem Mal um Einsatzregeln, Gefährdungslagen, Befehlsketten, um die Stärke von Kompanien und die Struktur der deutschen Armee. Es geht um die Gedanken und Nöte eines unglücklichen Obersts und die kalte Routine von Bomberpiloten. Was eigentlich macht dieses Einsatzführungskommando in Geltow bei Potsdam? Und wer bildet den Einsatzführungsstab im Bendlerblock? Wer legt die Leitlinien deutscher Kampfeinsätze fest? Wer ist verantwortlich, wenn Operationen fehlschlagen? Was treiben die deutschen Sondereinheiten im Ausland? Und wann muss ein Minister seinen Hut nehmen?

Das politische Berlin ist, mit Verzögerung, in seltenem Aufruhr. Ein Minister, ein Staatssekretär, ein Generalinspekteur haben bereits ihre Ämter verloren, ein weiterer Minister steht unter Druck, die Kanzlerin hat Grund zur Nervosität. Die Bomben von Kunduz werfen ihre Splitter auf die Startbahn der im September gewählten schwarz-gelben Koalition. Und der Untersuchungsausschuss zum Thema könnte einer werden, der nicht nur billiges Theater verspricht. Es geht, nach Jahren des kollektiven Verdrängens, endlich ernsthaft um Deutschlands Kriegseinsätze, um Militärpolitik und die Apparate dahinter.

Ein Team von einem Dutzend SPIEGEL-Reportern, -Redakteuren und -Rechercheuren hat sich in Berlin, Kabul und Kunduz auf Spurensuche begeben, hat in den afghanischen Dörfern rund um den Tatort Taliban-Führer befragt, hat einen der Fahrer der bombardierten Lastwagen aufgespürt und in Amerika die Bomberpiloten der Nacht getroffen. Orte der Recherche waren Nato-Gefechtsstände, das Isaf-Hauptquartier in Kabul und Berlin, wo eine lange Reihe direkt oder indirekt beteiligter Politiker, Ministerialbeamter und Militärs befragt wurde.

Gestützt zudem auf eine Fülle geheimer Dokumente und exklusiver Hintergrundgespräche, entsteht das Zeitbild einer Bundesrepublik im Krieg, das Bild einer Gesellschaft, die sich Rechenschaft ablegen muss über sicher geglaubte Grundsätze. Erzählt wird die Tragödie der Nacht vom 3. auf den 4. September. Dabei zeigen die dem SPIEGEL vorliegenden geheimen Protokolle des Funkverkehrs jener Nacht, wie der deutsche Kommandeur und sein Fliegerleitoffizier die skeptischen US-Piloten zur Notwendigkeit eines Bombardements nachgerade überreden mussten. Wer diese dramatischen Dialoge nachvollzieht, muss kein General sein, um zu verstehen, dass hier keineswegs "militärisch angemessen" oder "aus bestem Wissen und Gewissen" gehandelt wurde.

Die Aufarbeitung des Skandals ist der nächste Skandal: Während in Afghanistan ein Nato-Ermittlungsteam alle Handelnden der Nacht als Zeugen befragt und nach und nach die Schichten der Affäre freilegt, bemühen sich in Berlin die Verantwortlichen in Regierung und Behörden, das Ausmaß des Luftschlags und die ihm vorausgegangenen Fehler zu vertuschen.

Letztere Anstrengung misslingt. Die Bundesregierung mit der alten und nach der Bundestagswahl neuen Kanzlerin Angela Merkel vorneweg mag kurzzeitig der Meinung gewesen sein, der Rücktritt des damaligen Verteidigungsministers Franz Josef Jung werde die Wogen glätten. Und sein Nachfolger Karl-Theodor zu Guttenberg mag davon ausgegangen sein, dass der Hinauswurf seiner engsten Mitarbeiter die Affäre beenden würde.

Aber sie täuschten sich, wie sich jeder täuscht, der meint, es könne nun einfach zur Tagesordnung übergegangen werden. Denn die Bomben von Kunduz haben auch die Koordinaten der deutschen Politik verschoben. Das Bedürfnis nach Aufklärung und wahrhaftiger Debatte über Deutschlands Kriegseinsätze ist groß wie nie.

TEIL I: DIE GESCHICHTE EINES KRIEGSVERBRECHENS

3. September bis 4. September

Lasterfahrer Abdul Malek wird von den Taliban entführt. Die deutsche Task Force 47 hört früh davon. Salam, ein Junge aus Yaqob Bai, bezahlt seinen Übermut mit dem Leben. Mohammed Nur, ein Bauer aus Omar Khel, entkommt knapp dem Tod. Taliban-Führer Abdul Rahman ärgert sich. Dude 15, ein F-15-Kampfpilot, hat bei allem ein schlechtes Gefühl. Red Baron 20, ein deutscher Fliegerleitoffizier, drängt US-Piloten zum Luftschlag.

Shir Khan, Grenze zu Tadschikistan, 3. September, 11 Uhr*

Der Tag beginnt gut für Abdul Malek. Ziemlich früh sind der 40-jährige Lasterfahrer der Kabuler Transportfirma Mir Bacha Kot und sein Kollege Hamayon an der tadschikischen Grenze in Shir Khan bereit zum Abfahren. Pünktlich ist Maleks Mercedes-Benz-Tanklaster, Baujahr 1986, mit 23 Tonnen Benzin im Wert von 33 500 Dollar beladen worden. Er hat in einem Holzverschlag an der Grenze Hammelfleisch und Gemüse für eine Suppe gekauft, die die Fahrer nach Sonnenuntergang kochen wollen, wie es der Koran für den Ramadan vorschreibt.

Gut zwölf Stunden kalkuliert Malek für seine Fahrt in die afghanische Hauptstadt. Es sind gut 300 Kilometer, erst durch die Provinz Kunduz, dann über den 3400 Meter hohen Salang-Pass und wieder hinunter nach Kabul, wo er und Hamayon die Ladung beim Nato-Logistikpartner Supreme an der Jalalabad Road abliefern sollen.

Malek kennt die Strecke, 50-mal schon hat er den Laster von der Grenze nach Kabul gebracht. Zwei Monate zuvor erst haben Taliban nahe Kunduz einen Laster von Maleks Firma angegriffen und die beiden Fahrer ermordet.

Aliabad, Haus von Mullah Abdul Rahman, 3. September, 11.30 Uhr

Mullah Abdul Rahman ist zu Hause bei der Familie in Aliabad, er ist ein hagerer,

hochgewachsener Mann, Vater von acht Kindern, er behauptet von sich, 35 zu sein, doch er hat das Gesicht eines 50-Jährigen. Über Abdul Rahmans Stirn läuft eine tiefe Narbe, eine alte Kampfverletzung. Er trägt die Fingernägel lang wie Krallen, sein gestutzter Vollbart ist schon fast ergraut. Es ist gegen Mittag an diesem Donnerstag, als sich einer seiner Kämpfer bei ihm meldet, am Telefon. Abdul Rahman ist der Taliban-Kommandeur von Aliabad, in dem Ort südlich von Kunduz hat er drei, vier Dutzend Bewaffnete unter seinem Befehl.

Die Nachricht des Anrufers ist so kurz wie erfreulich. Späher hätten in Kunduz einen Transport mit Treibstoff für die Nato ausgemacht, sie führen Richtung Süden. Abdul Rahman braucht nicht lange, um die Situation abzuschätzen. Er wählt die Nummer eines treuen Gefolgsmanns. Er befiehlt, ein paar Männer zu sammeln und die Laster zu entführen. Das Benzin, sagt Abdul Rahman, könne man gut gebrauchen.

Angor Bagh, 3. September, 12.30 Uhr

Abdul Malek und Hamayon erreichen in ihren Mercedes-Tanklastern Angor Bagh, als an einer der Achsen von Hamayons Truck ein Radlager blockiert. Sie stoppen kurz hinter der Tankstelle, die nach ihrem Besitzer schlicht Bashir Pump Station heißt. Sie machen sich an die Arbeit, das Lager zu wechseln, nebenbei kochen sie auf einem Gasbrenner die Suppe für den Abend aus Hammelfleisch und Gemüse.

Es dauert, bis die Fahrt weitergehen kann, aber sie kommen nicht mehr weit.

Keine 200 Meter hinter der Tankstelle springen 25 Bewaffnete aus dem Schutz der Bäume auf die Straße. Lumpig sehen sie aus, ihre langen Gewänder sind verdreckt, die Bärte ungepflegt, statt Turbanen haben sie nur staubige Tücher um den Kopf gewickelt, einige haben noch nicht einmal Schuhe an. Aber alle tragen AK-47-Sturmgewehre, Kalaschnikows. Und zwei von ihnen haben sogar Panzerfäuste, sie zielen in Richtung der beiden Laster.

Malek überlegt nicht, er stoppt sofort. Neben der Fahrertür baut sich einer der Taliban auf. Er brüllt: "Dreckiger Sohn von Christen" und fuchtelt mit seinem Gewehr herum. "Dreh den Laster um", schreit der Talib, "wir fahren nach Chahar Darreh."

Malek tut, was die Taliban sagen. In mehreren Zügen wendet er den schweren Laster auf der Straße und fährt Richtung Kunduz zurück. Auf dem Beifahrersitz fummelt der Taliban-Kämpfer an seinem Nokia-Mobiltelefon, er wählt eine Nummer. Dann ruft er ins Telefon: "Bei Gott, Mullah Abdul Rahman", er schreit vor Glück, "wir haben die beiden Trucks, wir kommen jetzt nach Chahar Darreh."

Yaqob Bai, 3. September, 14.30 Uhr

Abdul Salam, der mittlere der fünf Brüder seiner Familie, ist im Dorf Yaqob Bai zum Albern aufgelegt. Die Männer des Hauses sitzen auf der Veranda, vor ihnen am Boden sind auf einem Wachstuch gekochte Kartoffeln ausgebreitet, dazu Joghurt, Brot und frische Trauben, es wird ihre Abendmahlzeit sein, wenn der Dorfgeistliche zum Fastenbrechen ruft.

"Gafurs Frau Kudschi ist wohl sehr glücklich heute", sagt Salam, "weil Gafur ihr Geschenke vom Basar in Kunduz mitgebracht hat, einen Lippenstift und bunte Kleider." In Yaqob Bai gehen alle Frauen tiefverschleiert, nicht mal dem nächsten Nachbarn zeigen sie ihr Gesicht. Salam ist 15 Jahre alt, seine Haut schimmert wie Edelholz, er hat eine lustige Stupsnase. Als einziger Sohn darf er in die Schule gehen, in die Karie-Kasab-Highschool, während die Älteren auf dem Feld arbeiten müssen.

Das Gehöft der Familie liegt im Dorf Yaqob Bai, 50 Häuser, 400 Einwohner, es liegt zwölf Kilometer südwestlich vom Zentrum der Provinzhauptstadt Kunduz.

In der Nähe haben deutsche Soldaten vor Jahren ihr Lager aufgeschlagen. Sie bauten ein paar Brücken im Distrikt Chahar Darreh, zu dem Yaqob Bai gehört, und sie befestigten Straßen mit Schotter. Die Dorfbewohner sind dankbar dafür.

Einmal parkten zwei Militärfahrzeuge der Deutschen neben der Moschee, ein Uniformierter stieg aus und verteilte kleine Radios, die sich mit einer Handkurbel aufladen lassen. Salam kämpfte sich durch die Menge und ergatterte eines. Der kleine Kasten ist seither sein größter Schatz.

Omar Khel, 3. September, 14.30 Uhr

Die zwei Tanklaster der Firma Mir Bacha Kot mit Abdul Malek am Steuer des einen sind nach links abgebogen von der Hauptstraße in Richtung Omar Khel, obwohl Malek die Taliban gewarnt hat. "Wir kommen da nicht durch", hat er ihnen gesagt, "die Straße ist viel zu eng", aber sie wollten davon nichts hören, sie sagten: "Du machst, was wir sagen, sonst bist du tot."

Jetzt geht es nur noch im Schritttempo weiter, aus der Teerstraße ist ein Feldweg durch kleine Dörfer geworden, immer wieder eckt Maleks Laster rechts und links an Lehmhäusern an, reißt Löcher in die Bauten, kommt nur mit vielfachem Vor- und Zurücksetzen um die engen Kurven. Es dauert eine gute Stunde, bis die beiden Laster das erste Dorf passiert haben.

Immer wieder telefoniert der Mann neben Malek mit Abdul Rahman. Fast drei Stunden dauert es, bis sie endlich in Omar Khel am Kunduz-Fluss ankommen, hier endet der Feldweg am Wasser. Ein Talib vor der Front des Lasters verhandelt mit Dorfbewohnern, er will wissen, wie man die Furt überqueren kann. Abdul Malek sagt seinem Bewacher, das werde schwierig, sie würden einsinken, die Laster seien sehr schwer.

Aber Chahar Darreh liegt auf der anderen Flussseite, sie haben ihre Befehle, sie müssen es wagen. Der Laster sinkt ein, Malek gibt noch einmal vorsichtig Gas, aber bald graben sich die Reifen bis zum oberen Rand in den Grund, es ist sinnlos. Hamayon im zweiten Laster geht es nicht anders, auch er schafft es auf die Sandbank, bleibt dort aber stecken, sie kommen nicht mehr weiter. Ihre Entführer packt darüber die Wut, sie halten den Fahrern die Kalaschnikows ins Gesicht, sie schlagen Hamayon mit dem Gewehrkolben, sie brüllen beide an, sie sollten die Wagen aus dem Sand bringen, irgendwie, jetzt, sofort, aber es geht nicht. Malek hat Angst, erschossen zu werden. Es wird langsam Abend. Sein Bewacher telefoniert. Er sagt seinem Anführer, Abdul Rahman, dass er kommen müsse. Die Operation stecke fest im Sand.

Kunduz, Operationszentrum OCC-P, 3. September, 17 Uhr

Es ist ziemlich genau 17 Uhr, als im OCC-P, dem Operationszentrum der Sicherheitsbehörden von Nato und Afghanen, einem Betonklotz im Hof einer Polizeiwache in Kunduz, ein Mitarbeiter des afghanischen Geheimdienstes NDS anruft. Er berichtet vom Überfall der Taliban auf zwei Laster mit Nachschub für die Nato.

Das Operation Center ist die modernste aller Behörden in Kunduz. Die Wände sind frisch gelb getüncht, auf dem Boden liegt roter Teppich, es gibt eine Elektroheizung für den Winter und Klimaanlagen für den Sommer. Vor acht Monaten haben Deutsche und Amerikaner Einrichtung und Technik für das Zentrum gebracht.

An diesem 3. September ist nur ein Mitarbeiter im Informationszentrum. Die Deutschen haben wie jeden Tag um 16 Uhr Feierabend gemacht und sind mit ihren tonnenschweren gepanzerten Fahrzeugen zurück ins Camp nahe dem Flughafen gefahren. Der Mann von der Armee ist auch nicht auffindbar, der Geheimdienstler ist ebenfalls früher gegangen. Der Bedienstete, allein im Operation Center, tut, was er gelernt hat. Hektisch wählt er nacheinander alle Nummern, die auf einer Liste stehen. Aber er erreicht niemanden.

Omar Khel, Sandbank im Fluss, 3. September, 18 Uhr

Taliban-Führer Abdul Rahman kommt in einem wenige Wochen zuvor erbeuteten grünen Ford Ranger der afghanischen Polizei, vor ihm fährt eine Eskorte aus zwei Motorrädern, sie fahren auf die Sandbank, und Abdul Rahman analysiert die Lage. Er trägt einen weißen Turban und am Körper grünes Tuch, keine Waffe, dafür hat er seine Garden.

Kurz darauf steht seine Entscheidung fest: Das Benzin wird verteilt an die Leute. Sollen die Taliban wenigstens als Wohltäter dastehen. Seine Männer telefonieren, sie rufen Verwandte, Bekannte, Gefolgsleute an. Abdul Rahman fährt im Ford davon. Er ist nicht zufrieden. Die Operation ist ein Fehlschlag.

Bagram Airfield, 3. September, 19 Uhr

Hinter dem Rufzeichen Dude 15 steckt ein Mann mit unwirklich großen blauen Augen in einem schmalen Gesicht, seine Haare sind hell. Er ist aufgewachsen in Kalifornien, keine Stunde Autofahrt vom Strand entfernt. An diesem Donnerstagabend macht er sich bereit für den Einsatz als Pilot eines F-15-Kampfjets. Er kommt früh zum Dienst, er checkt ein bei der 335. Jagdfliegerstaffel in Begleitung seines Waffensystemoffiziers. Dude 15 ist 28 Jahre alt, aber schon ein ziemlich erfahrener Pilot, 850 Flugstunden, der Ausflug diese Nacht wird sein 50. Kampfeinsatz sein.

Sie werden starten auf dem Bagram Airfield eine Stunde Autofahrt nördlich von Kabul, wo der Großteil der Luftflotte dieses Kriegs bewegt wird. Kampfjets stehen dort im Dutzend aufgereiht, umtanzt von Mechanikern, die immer etwas zu schrauben haben. Eine F-15 gleicht einem fliegenden Formel-1-Wagen. Nach jedem Start muss der Hightech-Flieger nachjustiert werden, durchgecheckt, komplett überholt. Das gilt erst recht, wenn seine Waffen eingesetzt wurden.

Wer mit dem Rücken zur Baracke der Jagdfliegerstaffel in Bagram steht, sieht rechter Hand, weit hinten, am anderen Ende des Rollfelds, die Bewegungen von C-130-"Hercules"-Transportern, die in ununterbrochener Folge starten und landen. Es sind ständig Hubschrauber in der Luft, pechschwarze "Apache"-Helikopter, "Black Hawks", "Chinooks", "Kiowas".

Dude 15 und sein Co-Pilot wurden erst Tage zuvor aus North Carolina nach Bagram verlegt, ihre Heimatbasis ist die Seymour Johnson Air Force Base. Die Familie begleitete Dude 15, sie fuhren gemeinsam hin im Cherokee-Geländewagen, seine Frau küsste ihn zum Abschied, und seine beiden Kinder winkten. Vor ihm liegen vier Monate in Afghanistan. Und, an diesem Abend, eine lange Nacht.

Yaqob Bai, 3. September, 19.45 Uhr

Es ist Zeit, zur Moschee zu gehen. Im Dorf Yaqob Bai sitzt Salam noch am Brunnen mit seinem Radio und hört Musik. Sie spielen traditionelle Musik, das mag er am liebsten, ein Sänger erzählt Dorfgeschichten über einen Schäfer, ein scheues Mädchen und dessen strengen Vater. Es ist ein warmer Septemberabend, der Tag war heiß, über 30 Grad. In der Moschee sitzen die Männer nach dem Gebet auf Teppichen unter den alten Platanen. Darunter sind viele, die inzwischen ganz offen die Taliban unterstützen. Seit zwei Jahren sind die Extremisten die heimliche Macht im Ort.

Langsam bauten sie ihre Basis auf. Sie schlüpften bei ausgesuchten Kontaktleuten unter, bei Verwandten, bei bezahlten Unterstützern, bei Brüdern im Geiste, manche waren alles zusammen. Vor allem junge Männer ließen sich beeindrucken von den Reden der Bärtigen, die mit dem Koran in der einen und der Kalaschnikow in der anderen Hand Stärke ausstrahlten, wenn auch die Älteren von Yaqob Bai warnten.

Aber dann töteten sie den Sohn eines Dorfältesten, weil der als Tagelöhner bei einem von der Regierung geförderten Straßenprojekt arbeitete, und die Dorfgemeinschaft, 50 Häuser, 400 Menschen, gab aus Angst um die eigenen Söhne jeden Widerstand auf. Inzwischen kooperieren sie alle, mehr oder weniger, auch wenn die wenigsten von ihnen Überzeugungstäter sind.

Alle Wege durch das fruchtbare Tal am Fluss bei Yaqob Bai sind gesäumt von versteckten Taliban-Posten. Wenn Sicherheitskräfte, egal, in welcher Uniform, in ihren Konvois vorbeifahren, zünden sie versteckte Bomben und feuern Panzerfäuste ab. Die Polizei patrouilliert schon lange nicht mehr. Hamid Karzai, die Regierung in Kabul haben hier keinerlei Macht.

In der Moschee von Yaqob Bai donnert der Imam gegen die Ausländer. "Die Kuffar, die Ungläubigen, sind in unser Land eingefallen, sie sind nicht gekommen, um uns zu helfen, wie sie behaupten, sie sind gekommen, um Muslime zu töten. Deshalb bringen sie ihre Flugzeuge und Bomben, das ist der Beweis, Brüder", so predigt er regelmäßig in der Moschee.

Kunduz, Gefechtsstand der Task Force 47, 3. September, gegen 20 Uhr

Im Bundeswehr-Lager in Kunduz geht der erste Hinweis auf die Entführung der beiden Tanklaster ein. Ein afghanischer Spitzel meldet sich per Handy. Er meldet sich nicht beim normalen Befehlsstand der Deutschen an, er ruft direkt beim Übersetzer der Task Force 47 an, einer Truppe, die im deutschen Militärjargon auch gern Verstärkerkräfte (VerstKr) genannt wird. Beide Begriffe dienen eigentlich nur der Verschleierung, denn hinter der Task Force steht das geheim agierende Kommando Spezialkräfte KSK, das seit Beginn der Mission vollkommen abgeschottet agiert und seit rund drei Jahren in Kunduz zum Schutz des Feldlagers stationiert ist.

120 Männer und Frauen ist die Task Force stark, die Hälfte davon sind KSK-Elitekämpfer, die anderen Aufklärer der Bundeswehr. Sie bauen keine Schulen, sie führen Krieg, immer schon. Niemand weiß darüber viel, weil alles an der Gruppe geheim gehalten wird, alle ihre Mitglieder haben Phantasienamen, und die stehen noch nicht einmal auf ihren Uniformen, wie das bei regulären Truppen der Fall ist.

Sie agieren abseits des normalen Lagerbetriebs hinter einer zwei Meter hohen Betonmauer, dahinter liegt das etwa 500 Quadratmeter große Gelände am nordwestlichen Ende des Camps. Auf den Karten des Lagers ist der Standort der Einheit, strategisch günstig gleich neben dem Hubschrauberlandeplatz gelegen, als "Sonderbaufläche" deklariert, daneben ragen hohe Antennen, Abhöreinrichtungen in den Himmel, sie gehören dem KSA, dem Kommando Strategische Aufklärung, das ebenfalls sein eigenes abgeschirmtes Lager hat.

Hunderte Telefonate von Aufständischen werden in dieser Zentrale abgehört, aufgezeichnet oder gleich von Dolmetschern übersetzt. Einer dieser Dolmetscher, er ist wie alle Übersetzer der KSK ein Afghane mit deutschem Pass und seit Mai 2009 für die Elitekämpfer im Einsatz, bekommt nun die ersten Fakten über die Entführung.

Die Taliban, hört er, hätten zwei Laster auf der Hauptstraße entführt und versuchten, sie nach Westen zu bringen, über den Fluss. Der Übersetzer gibt die Information sofort an einen sogenannten Collector der Task Force weiter. Er reicht sie weiter an einen Aufklärungsoffizier.

Bagram Airfield, 3. September, 20.30 Uhr

Die zum Dienst eingeteilten Crews der 335. Staffel, Dude 15 und sein Waffensystemoffizier, Dude 16 und dessen Copilot, sitzen beim Routinebriefing wie vor jedem Start. Es geht um die Gefahrenlagen in den vielen Regionen Afghanistans, um laufende Operationen, um die Einsatzregeln, die Rules of Engagement, die Roe.

Dude 15 hat vor der Offiziersschule in Alabama Biologie studiert. Nach einem Jahr Flugtraining in Columbus, Missouri, durfte er sich 2006 der 335th Fighter Squadron in Goldsboro, North Carolina, anschließen, ihre Mitglieder nennen sich stolz "The Chiefs". Seine ersten Einsätze in Afghanistan flog er von Januar bis Mai 2008. Und vor jeder Operation wurden sie belehrt über die immer gleichen Fragen. Was darf ein Kampfpilot? Was darf er nicht? Welche Fragen hat er zu stellen, wenn er einem Kommandeur am Boden seine "Bomben verkaufen" soll, so sagen sie: "Sell the bombs"? Welche Probleme sind zu klären? Wann darf er, wann muss er die "rote Karte" ziehen, nein sagen, den Waffeneinsatz verweigern?

Auch an diesem Abend des 3. September wird die Standardprozedur vollzogen, Dude 15 hört die Kürzel, Roe 421, Roe 429, jedes Akronym steht für einen besonderen Gefechtsfall, eine spezielle Situation, er kennt die Regeln im Schlaf, aber das ändert nichts daran, dass der Krieg niemals eine exakte Wissenschaft sein wird.

Yaqob Bai, Platz vor der Moschee, 3. September, 20.30 Uhr

Salam hat seine Gebete gesprochen. Er verlässt die Moschee, draußen herrscht freudiger Tumult. Sein Freund Bashir sitzt auf einem Traktor, er ist der Sohn des Großgrundbesitzers Haji Guldin, hinter ihm hat sich eine Traube junger Männer versammelt, Salams Nachbarn und alte Spielkameraden, sie heißen Latif, Sekrular, Ajmal, Rahmatullah und Nurullah.

Alle klatschen und johlen ausgelassen, als wären sie auf einem Volksfest. "Die Taliban haben zwei Treibstofftransporter der Ungläubigen entführt, sie stecken am Fluss fest, jetzt gibt es für uns jede Menge Sprit umsonst", schreit Bashir, er winkt und bedeutet Salam aufzuspringen. Der ältere Bruder Gafur sagt, er solle nach Hause gehen, er werde sich darum kümmern. Aber Salam hat sich schon auf den Traktor geschwungen. Der Bruder lässt es geschehen.

Auf dem Anhänger ist ein 200-Liter-Fass geladen, das mit Treibstoff gefüllt werden soll. Das halbe Dorf ist auf den Beinen, mindestens 70 Leute. Sie stolpern und rennen hinunter zum Fluss, Bashir fährt mit seinem Traktor voraus.

Omar Khel, Sandbank im Fluss, 3. September, nach 20.30 Uhr

Rund um die Laster herrscht Chaos. Die verbliebenen Taliban, um die 20 Mann, versuchen die herandrängenden Dorfbewohner in Warteschlangen aufzureihen, aber es ist vergebens. Lasterfahrer Abdul Malek hört ab und zu Schüsse, kann aber nicht sehen, wer sie abgibt. Er vermutet, dass die Taliban in die Luft schießen, um die Leute zur Vernunft zu bringen.

Omar Khel, Sandbank im Fluss, 3. September, 20.50 Uhr

Die Kinder und Halbstarken aus Yaqob Bai erreichen die Flussschleife, die Lastwagen werden bereits von Hunderten Menschen belagert. Trotzdem schafft es Bashir, der Sohn des Großgrundbesitzers, Salams Freund, den Traktor seitlich am ersten Tanklaster zu parken. Und wie damals, als es um das kostbare Radio ging, springt Salam auch diesmal als Erster hin und kämpft sich durch die Menge nach vorn. Die Erde um die Trucks ist schmierig, sie hat sich mit Treibstoff und Wasser vermengt. Salam arbeitet sich zum Laster durch, irgendwie, mit jugendlichem Leichtsinn, die Freunde und Brüder hinterher, Salam schafft es zu einer der Öffnungsklappen oben auf dem Laster.

Im Gedränge bilden die jungen Männer eine Kette: Oben sitzt Salam und schöpft Treibstoff mit einer Kelle, sein Bruder Gafur übernimmt die gefüllten Kanister, am Ölfass auf dem Traktor wartet Bashir. Es riecht nicht gut. Aber es macht Spaß.

Omar Khel, Sandbank im Fluss, 3. September, 22 Uhr

Lasterfahrer Abdul Malek und seine Bewacher hören zum ersten Mal Fluglärm, das Brummen ist ziemlich leise. Ein Talib steigt auf einen Truck, er schießt in die Luft, und in die Stille danach ruft er hinein: "Verschwindet hier, es fallen gleich Bomben!" Maleks Bewacher sind nervös, sie starren in den Himmel, suchen nach Bewegung, doch es ist nichts zu sehen. Die Menschen auf der Sandbank ignorieren die Warnung. Sie hängen in Trauben an den Tanklastern und zapfen den Treibstoff ab.

Luftraum über Bargi Matal, 3. September, Mitternacht

Dude 15 und 16 sitzen in ihren Cockpits, auf dem Kopfhörer im Helm drei Funkfrequenzen, Kanal 1 für den internen Verkehr, Kanal 2 für die Kontakte zu den Fliegerleitoffizieren, Kanal 3 für Satcom, wo sich die Kommando- und Kontrollzentralen melden. Es ist ein ziemliches Durcheinander, so als würde man gleichzeitig drei Radiosender hören, auf denen Talkshows laufen.

Sie operieren zwischen 20 000 und 25 000 Fuß, um die 6000 bis 7600 Meter über dem Meeresspiegel, unter ihnen liegt Bargi Matal, liegt die Provinz Nuristan an der pakistanischen Grenze. Die Wetterlage über Afghanistan ist günstig in diesen Stunden, nur leichte Dunstschleier hier und da, das volle Mondlicht füllt die Nacht, sie haben perfekte Sicht. Dude 15 braucht seine Kameras kaum, er kann einfach aus dem Cockpit schauen und die eigenen Augen benutzen, verstärkt durch "night goggles", die wie Lupen eines Uhrmachers vor den Augen der Piloten sitzen.

Über Bargi Matal werden von ihnen keine Bomben angefordert. Die Offiziere am Boden wollen vor allem die Bilder sehen, die gestochen scharfen Aufnahmen, die die Kameras einer F-15 liefern können. Rover heißt die Technik, mit der die Luftbilder in Echtzeit in die Leitzentralen übertragen und dort auf Leinwände gespielt werden. Die Technik macht aus den Flugzeugen die fliegenden Augen der Kommandeure am Boden.

Und sie sind überall schnell einsatzbereit. Eine F-15 kann über zwei Mach fliegen, 2000 Kilometer pro Stunde und mehr, in 20, 25 Minuten können sie fast überall in Afghanistan sein. Das große Land schrumpft unter ihren Flügeln zu einem sehr überschaubaren Operationsgebiet.

Luftraum nahe Kunduz, 4. September, 1.08 Uhr

Die zwei F-15-Kampfjets sind Richtung Norden unterwegs. 129 Kilometer vor Kunduz rufen sie den zuständigen Fliegerleitoffizier der Gegend und "checken ein". Sie sind herbeordert worden kurz zuvor durch Trinity, das ist der Rufname der übergeordneten Lufteinsatzzentrale ASOC, das steht für Air Support Operations Center. Trinity hat sie abgezogen aus Bargi Matal und in Richtung Nordwest dirigiert, nach Kunduz.

Es geht um zwei entführte Tanklaster, es geht um 50, vielleicht 70 Aufständische, die im Begriff sind, eine befreundete Basis in Kunduz anzugreifen, das ist es, was sie wissen. Dude 15 ist ein fleißiger, interessierter Pilot. Er weiß aus diversen Briefings, dass sich die Gefährdungslage im Norden verändert hat seit einigen Monaten, dass die Isaf-Truppen dort in letzter Zeit mit Autobomben zu schaffen haben, er ist gut im Bild, er hat sogar davon gehört, dass in jüngster Zeit Laster entführt wurden, die den Deutschen als rollende Bomben gefährlich werden könnten.

Es ist also wahrscheinlich, dass da drunten Truppen im Gefecht stehen, so wie sie das im Süden und Osten des Landes ständig haben. Immerhin wurde ein "TIC" erklärt, das heißt "Troops in contact", Feindberührung, die F-15 sind zur Unterstützung bestellt. Jetzt sind sie da.

Die US-Piloten wissen nichts über den Mann am Boden, mit dem sie in der folgenden Stunde viel zu tun haben werden. Sie kennen nur sein Rufzeichen, Red Baron 20, aber sie haben ein gutes Gefühl. Der Mann spricht gut Englisch, er redet klar und deutlich, und seine Anweisungen klingen selbstbewusst.

Kunduz, Gefechtsstand der Task Force 47, 4. September, 1.10 Uhr

Neben Red Baron, sein Name ist Oberfeldwebel Willhelm, sitzen der Geheimdienstoffizier der Task Force 47, Hauptmann Nordhausen, und Oberst Georg Klein, der Kommandeur des Stützpunkts, dies wird die Welt aus Akten und Protokollen erfahren. Der Oberst ist seit 1980 bei der Bundeswehr, er studierte bei der Bundeswehr, wurde Zugführer, Kompaniechef, Adjutant in internationalen Stäben, Referent im Verteidigungsministerium. Nach einer Verwendung als Bataillonskommandeur kam er zur deutschen Delegation bei der Nato, danach ins Personalamt der Bundeswehr, endlich wurde er Stabschef der 13. Panzergrenadierdivision. Den Krieg kennt der Berufssoldat vor allem aus Tischvorlagen.

Er ist erst seit dem 5. April in Kunduz, vorher wurde er in Berlin instruiert: Bis vor kurzem seien die Taliban nur als lose Hit-and-run-Truppe aufgetreten, die Gefahr für das deutsche Camp sei gering gewesen. Jetzt aber änderten die Feinde ihre Taktik, sie seien zu größeren Operationen in der Lage, bis hin zu Attacken in Kompaniestärke.

Wie zur Begrüßung des neuen deutschen Kommandeurs in Kunduz wurde eine Patrouille der Bundeswehr in zwei separaten Attacken von Taliban angegriffen. Vier Soldaten wurden verletzt, ein Hauptgefreiter aus Donaueschingen, 21 Jahre alt, der in der Heckluke eines "Fuchs"-Schützenpanzers am Maschinengewehr kämpfte, starb an seinen Wunden. Er ist der erste deutsche Soldat, der seit dem Zweiten Weltkrieg in einem Feuergefecht fiel.

Auf Oberst Kleins Schreibtisch liegt seit dem 15. Juli eine geheime Warnmeldung des BND. Die Meldung bezieht sich auf einen Speditionslaster, den die Taliban wenige Wochen zuvor in ihre Gewalt gebracht hatten. Laster mit Material fahren im deutschen Camp ein und aus. Der BND glaubt, der entführte Lkw solle zur Autobombe umgebaut und gegen das deutsche Lager eingesetzt werden.

Klein ordnete erhöhte Wachsamkeit an. Kein Fahrzeug darf mehr die Tore passieren, ohne intensiv durchsucht worden zu sein.

Luftraum nahe Kunduz, 4. September, 1.12 Uhr

Die erste Weisung des deutschen Fliegerleitoffiziers an die Piloten der F-15 lautet, eine Runde über dem Zielgebiet zu drehen, aber in möglichst großem Abstand. Red Baron sagt: "Bleibt weg vom Ziel, so weit es geht." Und: Sie sollten sich schon mal auf den Abwurf von sechs 500-Pfund-Bomben vorbereiten.

Die F-15-Crews, die noch kein eigenes Lagebild haben, lehnen das rundheraus ab. Sie denken daran, und sie reden darüber intern auf ihrem Funkkanal 1, dass sie viel lieber "ein bisschen Lärm" machen würden, um die Leute auseinanderzutreiben, durch donnernde Tiefflüge, durch eine "show of force".

Sie sind überrascht, als sie die Koordinate 42 S VF 8903852017 endlich selbst zu sehen bekommen. Da unten im Fluss, auf der Sandbank, treiben sich verdammt viele Menschen herum, so viele Aufständische auf einem Haufen haben sie noch nicht oft vor sich gehabt. Die Taliban operieren in der Regel in kleinen Gruppen zu fünf, zu sieben, zu zehn Kämpfern. Hier sind glatt hundert Leute versammelt, und wenn sie wirklich alle Aufständische sind, dann ist das hier eine große Nummer; vielleicht die größte, mit der sie zu tun hatten.

Luftraum über Kunduz, 4. September, 1.17 Uhr

Die Rover-Verbindung steht, Dude 15 kann jetzt seine Bilder direkt auf die Schirme der Leute am Boden schicken, es sind wertvolle Bilder, man kann hin- und herschalten zwischen Totalen und Nahaufnahmen, man kann die Bilder rastern nach verschiedenen Kriterien. Der Fliegerleitoffizier und der Kommandeur am Boden bekommen einen guten Eindruck von der Situation.

1.18 Uhr

Dude 15 und 16 hören die Stimme von Red Baron 20. Der Mann am Boden sagt, "die Fahrzeuge und einige Individuen sind das Ziel". Dude 15 schlägt vor, im Tiefflug über die Szene zu fliegen, eine "show of force" aufzuführen, damit Unbeteiligte davonlaufen. Red Baron sagt: "negativ". Er weist die F-15 an, sich zu "verstecken". Auf dem internen Kanal der Flieger beginnt eine 20-minütige Diskussion zwischen den Cockpits. Dude 15 hat kein gutes Gefühl, er denkt sogar kurz daran, die rote Karte zu ziehen, aber er muss abwägen. Am Ende geht es immer um dieses Duell: der Pilot in der Luft und der Kommandeur am Boden. Es ist eine heikle Abwägung.

Dude 15 sähe es trotzdem viel lieber, dass sie einmal richtig abtauchen "und die Leute rennen lassen". Mit Dude 16 redet er darüber, welche Einsatzregel hier überhaupt greift. Kann man das da unten für einen Fall von akuter Notwehr halten? Für eine "unmittelbare Gefahr"? Und wo ist der TIC, die Feindberührung? Sie kontaktieren Trinity. Was ist hier los? Auf welcher Grundlage arbeiten sie hier?

1.19 Uhr

Dude 15 fragt Red Baron nach den Lasterfahrern. Die Antwort lautet, darüber lägen keine Informationen vor. Er sei aber "im Besitz von Erkenntnissen, die besagen, dass es sich bei sämtlichen Individuen dort unten um Aufständische handelt".

1.22 Uhr

Dude 15 schlägt zum zweiten Mal einen Tiefflug vor, um die Leute auseinanderzujagen. Red Baron antwortet, sie sollten kurz warten. Danach Pause. Keine Antwort.

1.27 Uhr

Red Baron fragt, was sie von fünf 500-Pfund-Bomben auf die Sandbank halten und von einer aufs Flussufer. Die Piloten empfehlen zwei 2000-Pfund-Bomben, je eine pro Laster, ein paar 500er für die anderen Fahrzeuge am Ufer.

1.28 Uhr

Dude 15 ist aber immer noch unwohl. Er fragt nach dem Status der Leute. Red Baron antwortet, sichere Quellen sagten, sie seien alle feindlich. Jetzt laufen eine Menge Leute plötzlich Richtung Norden, die Lage da unten ist wirklich verwirrend. Und es kommen dauernd neue Fahrzeuge an. Am Ufer stehen jetzt elf Autos, Pick-ups, Traktoren.

1.29 Uhr

Red Baron sagt, das Ziel sei jetzt "time sensitive", das soll heißen: Es eilt jetzt. Er weist die F-15-Piloten an, eine 2000-Pfund-Bombe zwischen den Tanklastern abzusetzen. Dude 15 hat den Eindruck, dass der Kommandeur da unten wirklich scharf auf ein Bombardement ist. Der Ton wird drängender, das kann er spüren.

Omar Khel, Sandbank im Fluss, 4. September, 1.30 Uhr

Mohammed Nur hält in jeder Hand einen Kanister. Er steht vielleicht 20, 30 Meter von einem der Tanklastzüge entfernt, aber es sieht nicht so aus, als würde er schnell dazu kommen, seine Kanister zu füllen. Es ist zu voll. Mohammed Nur ist 25, ein Bauer aus Omar Khel, ein Analphabet. Er ist stolz auf seine Familie, vor allem aber auf seinen jüngeren Bruder Mawlanur, 18 Jahre alt, der in Kunduz die zehnte Klasse der Sharkan-Highschool besucht. Menschen aus den umliegenden Dörfern haben den Tanklastzug noch immer umkreist. Sie kommen aus Omar Khel, Isa Khel, Yaqob Bai, aus Gul Baq. Vielleicht sind es 200 Menschen, vielleicht mehr, schwer zu schätzen für Mohammed Nur. Manche gehen, manche kommen, es ist hektisch und laut, es wird geschrien, gedrängelt, geschoben.

Manche haben den Tanklastzug bestiegen, weil er auch oben einige Öffnungen hat. Sie lassen an Seilen Eimer und andere Gefäße hinunter, um an den Sprit zu kommen. Die meisten der Dorfbe-wohner warten am Boden, so wie Mohammed Nur. Sie stehen vor den drei, vier Öffnungen, aus denen der Sprit fließt. Nur steckt fest in der Menschenmenge, er sieht ein paar Meter ent- fernt bekannte Gesichter, die Söhne eines Freundes, seine eigenen Brüder Mawlanur und Qadir.

Mawlanur ist flink im Kopf und ein guter Sportler, er beherrscht Kung-Fu. Wenn es einem der Brüder gelingen wird, in diesem Chaos einen Kanister zu füllen, dann vermutlich Mawlanur, denkt Mohammed Nur. Im Licht des Mondes sieht er auch drei Taliban-Kämpfer. Sie stehen im Fluss, bewaffnet mit Kalaschnikows und einer Panzerfaust.

Luftraum über Kunduz, 4. September, 1.30 Uhr

Red Baron treibt den Autorisierungsprozess weiter, er erklärt, dass keine eigenen Truppen im Zielgebiet sind, "no friendlies". Er fordert Dude 15 und 16 auf, "one minute out" zu erklären, die Waffen scharf zu machen. Aber so weit sind die Piloten noch nicht. Sie versuchen, Zeit zu gewinnen. Sie diskutieren. Es fühlt sich nicht gut an. Andererseits: Die eigenen Leute da unten am Boden werden schon wissen, was vorgeht. Es ist ihr Beritt, sie kennen sich aus.

1.31 Uhr

Die Bomberpiloten fragen, ob Red Baron jeweils eine 2000-Pfund-Bombe pro Tanklaster haben wolle. Der Offizier am Boden meldet: "negativ", nur eine insgesamt für beide. Aus der Luft fragen sie zurück, wo genau die Bombe explodieren soll - auf den Fahrzeugen? Über den Lastern? Red Baron sagt: zwischen den beiden.

1.32 Uhr

Dude 15 fragt, ob es Red Baron um die Fahrzeuge gehe oder um die Leute. Die Antwort lautet: Es gehe darum, "die Leute auszuschalten", "to take out the people". Aber hat er nicht 14 Minuten zuvor noch gesagt, es gehe "um die Fahrzeuge und einige Individuen"?

1.33 Uhr

Dude 15 schlägt vor, eine höhere Autorität in die Entscheidung einzubinden, am besten das Combined Air Operations Center in Udeid, Katar, "damit wir beide gedeckt sind". Die Piloten nennen al-Udeid gern "Big Brother" oder manchmal nur "Dad". Sie könnten väterlichen Rat gut brauchen. Red Baron antwortet, die Freigabe komme vom Kommandeur des deutschen Wiederaufbau-Teams, "der neben mir sitzt".

1.34 Uhr

Die Checkliste des kontrollierten Tötens wird weiter verfolgt. Die F-15-Piloten sagen, eine 2000-Pfund-Bombe sei nicht genug für die ganze Sandbank. Red Baron sagt, mehr genehmige der Kommandeur nicht. Dude 15 fragt, was sie mit Leuten machen sollen, die nach dem Schlag entfliehen. Sollen auch sie unter Feuer genommen werden? Red Baron sagt: Das sehen wir später.

1.36 Uhr

Dude 15 schlägt zum dritten Mal einen Tiefflug vor, um die Leute zu zerstreuen. Die Verbindung zu Red Baron wird kurz unterbrochen, weil andere Funksprüche dazwischenkommen.

1.38 Uhr

Dude 15 wiederholt zum vierten Mal seinen Vorschlag, per Tiefflug die Leute "rennen zu lassen". Als geeignete Waffen schlagen sie jetzt zwei 500-Pfund-Bomben vor, eine pro Tanklaster. Red Baron meldet, der Kommandeur sei einverstanden mit zweimal 500 Pfund.

1.39 Uhr

Die F-15-Besatzungen fordern zum fünften Mal eine Bestätigung für einen Tiefflug an, Red Baron antwortet: "negativ", er wolle, dass sie direkt angreifen, ohne Vorwarnung, "I want you to strike directly".

1.40 Uhr

Red Baron fragt, wie lange sich der Bombenabwurf noch verzögere. Aus den F-15 hört er jetzt: "five minutes".

1.45 Uhr

Dude 15 und 16 verwickeln Red Baron in eine weitere Diskussion darüber, was nach dem Schlag geschehen soll. Fliehende verfolgen? Nicht verfolgen? Die Frage bleibt offen.

1.46 Uhr

Dude 15 fragt ein letztes Mal, ob die Leute da auf der Sandbank wirklich eine "unmittelbare Gefahr" darstellten. Red Baron bestätigt. Er setzt jetzt den entscheidenden Funkspruch ab. Er sagt: "Ja, diese Leute stellen eine akute Bedrohung dar. Diese Aufständischen versuchen, den Kraftstoff aus den Tanklastern zu bekommen, und danach werden sie sich neu formieren, und wir haben Erkenntnisse über laufende Operationen und darüber, dass sie vermutlich Camp Kunduz angreifen werden." Den Piloten des F-15-Kampfflugzeuges erscheint diese Aussage plausibel. Die Antwort befriedigt sie. Sie melden, dass der Angriff in zwei Minuten erfolgen werde.

1.48 Uhr

Dude 15 erklärt "one minute out", sie sind jetzt eine Minute vor Auslösung der Waffen. Red Baron gibt die Freigabe, er erklärt die F-15 "hot".

1.49 Uhr

Die Waffensystemoffiziere von Dude 15 und 16 werfen zwei 500-Pfund-Bomben ab, Typ GBU-38, gewogen nach amerikanischen Maßeinheiten und also 227 Kilogramm schwer, ungefähr so lang wie ein Mensch, der Form nach ein schnittiger Fisch. Die Entwickler sind stolz auf diese Lenkbombe, sie wird eingesetzt, um Kollateralschäden möglichst zu vermeiden.

1.50 Uhr

Donner zerreißt die Nachtluft, Feuerbälle steigen auf, die Menschen auf dem Tanklaster werden meterhoch in die Luft gewirbelt, der schmale Körper des jungen Salam aus Yaqob Bai fliegt über den Tanklaster und stürzt in den Fluss zurück.

Die Erde brennt, der Fluss brennt. Die Druckwelle schleudert auch Gafur ins Wasser, Salams Bruder, ein glühender Regen geht auf seinem Rücken nieder.

1.50 Uhr

Der Bauer Mohammed Nur aus Omar Khel sieht vor sich einen riesigen Feuerball, grelles Licht, begleitet von einer ungeheuren Wucht, einem Donnerschlag, der ihn von den Beinen reißt. Er rennt, er brennt, am Rücken, an den Schienbeinen, den Füßen. Er wirft sich auf die Erde, wälzt sich, versucht die Hose auszuziehen, aber sie klebt fest, an den Schienbeinen hat sich der Stoff in die Haut gebrannt, er kann die Hose nicht ausziehen.

1.50 Uhr

Es wird taghell um Abdul Malek, den Tanklasterfahrer, ein Blitz schlägt ein, zwei Feuerbälle blasen sich auf. Malek stürzt ins flache Wasser, um ihn herum regnet es blutige Fetzen, Teile von Menschen, Köpfe, Arme, Hände, das Wasser färbt sich rot, es wird warm von der Hitze.

Kunduz, Befehlsstand der Task Force 47, 1.56 Uhr

Ein KSK-Hauptfeldwebel vermerkt im Protokoll des Tages: "tasks closed", Aufgaben beendet. Oberst Klein verlässt den Befehlsstand und geht zu Bett.

Omar Khel, 4. September, gegen 2 Uhr

Mohammed Nur rennt, die Hosenbeine auf die Haut gebrannt, den Weg hinauf nach Omar Khel. Im Dorf trifft er auf seinen Vater, seinen Onkel, sie brüllen: "Mohammed, wo sind deine Brüder?"

Yaqob Bai, 4. September, 2 Uhr

Salams Vater Abdul Wodud ist erwacht von einem lauten Geräusch, und er wusste sofort, was es bedeutet, aber er wusste nicht, dass seine Söhne Salam und Gafur am Fluss sind, seine Frau sagt es ihm, weinend, Abdul Wodud rennt.

Von weitem schon sieht er die Tanklaster, ihm kommen verbrannte Menschen entgegengelaufen, er sieht verkohlte Leichen, verformte Kanister, Krater, die die Bomben gerissen haben und die sich nun mit Wasser füllen. Er findet Salam, seinen Sohn.

Ein Splitter hat sich in seine Brust gebohrt, der Körper ist schwarz, nur das Gesicht ist fast unversehrt, Blut rinnt aus den Ohren. Auch andere Väter und Mütter kommen gelaufen, Onkel, Brüder, sie suchen mit Lampen das Flussufer nach Verwandten ab.

Abdul Wodud schultert sein Kind, der Körper ist sonderbar leicht, durch die Hitze ist Wasser aus ihm gewichen. Er wird die Leiche aufbahren im Garten vor dem Haus. Sie werden ihn in ein Tuch wickeln. Sie werden trauern mit den anderen, es sind viele, die trauern müssen in Yaqob Bai. Salam ist tot, und viele seiner Freunde sind tot und viele Nachbarn.

Wie viele Menschen in dieser Nacht verletzt oder tödlich verwundet werden, wird nie aufzuklären sein. Die Uno wird bald von 109 Toten und 33 Verletzten ausgehen, ohne Zivilisten eigens zu erwähnen; ein afghanischer Regierungsbericht wird von 94 Toten wissen, davon 30 Zivilisten; ein Bericht der Provinzverwaltung Kunduz wird 102 Tote aufzählen, davon 30 Zivilisten; der Distriktbürgermeister von Chahar Darreh wird 82 Tote und 16 Verletzte melden.

Kunduz, Befehlsstand der Task Force 47, 4. September, 2 Uhr

Der Informant der Deutschen meldet sich am Telefon. Er sagt, beim Luftschlag seien 70 Menschen getötet worden, darunter Unterkommandeure der Taliban. Er wiederholt, dass es "keine Opfer unter der Zivilbevölkerung" gebe.

Kunduz, Regionalkrankenhaus, 4. September, 3.30 Uhr

Der diensthabende Arzt des Krankenhauses ist in dieser Nacht Mohammed Naim Mangal, ein 44 Jahre alter Chirurg. Sein Dienst verlief bislang ruhig, ohne besondere Vorkommnisse. Das ändert sich, als ein Mann in die Rettungsstelle gebracht wird, dessen Körper starke Verbrennungen aufweist. Stärker als alles, was Mangal bisher gesehen hat.

Die Rettungsstelle liegt im Erdgeschoss, gleich links am Eingang, an der Tür steht "Emergency Room", aber der Raum ist nicht größer als vielleicht zehn Quadratmeter, es gibt hier drei Liegen, einen Tisch, ein Waschbecken und einen alten, vollgepackten Medizinschrank. Doktor Mangal hat von den Bomben, die wenige Kilometer entfernt explodierten, nichts bemerkt.

Jetzt erzählen ihm die Verwandten des Verletzten von zwei Tanklastern und einem Feuerball und dass bald noch mehr Leute kommen werden. Viele Verbrannte. Auch Mohammed Nur, der Bauer aus Omar Khel, wird in die kleine Rettungsstelle gebracht. Ein Cousin hat ihn gefahren, in einem alten Toyota Corolla. Der ältere Bruder von Nur, Abdul Qadir, ist bereits im Krankenhaus. Nur werden die eingebrannten Stofffetzen von den Schienbeinen und den Füßen geschält, er bekommt Salben, Schmerzmittel, Verbände.

Mit dem Handy versucht er immer wieder, Mawlanur zu erreichen, den jüngeren Bruder, den Schüler und Kung-Fu-Kämpfer. Aber dessen Handy ist tot.

TEIL II: DIE VERTUSCHUNG EINES KRIEGSVERBRECHENS

4. September bis 26. September

Konteradmiral Gregory Smith fällt aus allen Wolken. Angela Merkel surft durchs Internet. Franz Josef Jung weiß nichts von zivilen Opfern. Frank-Walter Steinmeier nimmt es zur Kenntnis. Günter Gloser kämpft für Deutschland. Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan hat keine ruhige Minute mehr. "Washington Post"-Reporter Rajiv Chandrasekaran ist ganz nah dran.

Kabul, Isaf-Hauptquartier, 4. September, 7 Uhr

Konteradmiral Gregory Smith, Chefsprecher der Isaf, steht im Container, der seit drei Monaten sein Zuhause ist, er sortiert Post und Wäsche. Die Sonne steht über der Bergkette, die sich wie ein hochgezogener Tellerrand um Kabul legt, die Great Massoud Road vor den Mauern des Isaf-Hauptquartiers ist wie leergefegt.

Die freie Stunde an diesem Morgen ist Smith willkommen, gewöhnlich dauern seine Arbeitstage von 7 Uhr morgens bis 23 Uhr nachts, jede Stunde Freizeit zählt. Um sicher zu sein, dass nichts Wichtiges anliegt, macht er an diesem Morgen einen kurzen Abstecher in den sogenannten Medienbunker, ein gedrungenes Gebäude mit vielen winzigen Büros, das 300 Meter von seinem Wohncontainer entfernt liegt. Smith will danach gleich zurück, um noch das kleine Badezimmer zu putzen. Aber dazu wird es nicht mehr kommen.

Kunduz, Residenz des Gouverneurs, 4. September, 8 Uhr

Beim Gouverneur von Kunduz klingelt das Telefon. Am anderen Ende ist der Übersetzer von Oberst Klein, der Kommandeur sei "sehr beunruhigt" wegen der Vorfälle in der Nacht. Er wolle nachfragen, ob alles seine Richtigkeit gehabt habe. Mohammed Omar, den hier alle nur Engineer Omar nennen, ist sofort bester Stimmung: "Richten Sie dem Kommandeur aus, er hat der Provinz einen großen Dienst erwiesen. Wir sind stolz auf ihn, die Deutschen haben endlich Taten gezeigt, und die Taliban bekommen, was sie verdienen."

Isaf-Hauptquartier, 4. September, 8.15 Uhr

Isaf-Kommunikationschef Smith erhält einen dringenden Anruf. Der arabische TV-Sender al-Dschasira berichtet über ein Bombardement in Kunduz, angeblich hat es Dutzende Tote gegeben. Taliban seien getroffen, aber auch Zivilisten. Smiths Blutdruck steigt. Tote Zivilisten sind sein "worst case". Und warum muss er via al-Dschasira erfahren, was die eigene Befehlskette längst gemeldet haben müsste?

Smith beeilt sich, in die Kommandozentrale zu kommen, ins Combined Joint Operation Center, es ist ein fensterloser Raum im abgeriegelten Sicherheitstrakt, vollgestopft mit Technik. Satellitenbilder und Karten hängen an der Wand, die Tischreihen sind wie in einem Amphitheater nach unten gestaffelt, an der Kopfseite hängen die Videoschirme für die Konferenzschaltungen und Präsentationen. Alle blicken gebannt auf die Bilder. Die Karte von Kunduz erscheint. Wo ist diese Flussschleife? Wo ist diese Sandbank?

Die wichtigen US-Offiziere haben sich schon hinter ihren Tischen versammelt, alle fragen dasselbe, es sind die frühen, ersten Fragen: Was ist bei euch los?

Es sind die irren Zahlen, die alle erschrecken. Man gewöhnt sich daran, in Afghanistan, von 5, von 10, von 15 Toten in einer Nacht zu hören. Aber 60 Tote? Das wäre eine der höchsten Opferzahlen bei einem einzigen Luftschlag seit acht Jahren. "Das ist ja eine massive Sache hier," sagt Smith, "oder ist es wieder nur eine dieser falschen Beschuldigungen?"

Auf dem Bildschirm erscheint Jörg Vollmer, der deutsche Brigadegeneral, Kommandeur des Regionalkommandos Nord.

Die Nachricht über den Bombenabwurf in Kunduz erreichte ihn selbst erst um 7.45 Uhr, er war noch nicht im Büro, er sieht aus, an diesem Morgen, während die Nato-Offiziere in Kabul Antworten erwarten, wie einer, der seinen Laden nicht im Griff hat. Können zivile Opfer ausgeschlossen werden? Wurden die Einsatzregeln verletzt? Wurden Spuren gesichert im Zielgebiet, wurden die Folgen ordentlich analysiert?

Vollmer meldet, er sei zu keiner Zeit in dieser Nacht über die Vorgänge informiert worden. Er sagt auch: "Ich kann nicht ausschließen, dass Zivilisten betroffen sind."

Erbach, Rheingau, 4. September, morgens

Am frühen Morgen hat Franz Josef Jung einen seiner Adjutanten am Telefon. Er berichtet, dass es in der Nacht einen Luftschlag auf zwei Tanklastzüge gegeben habe. Er spricht von 56 getöteten Taliban. Die Aktion sei ein voller Erfolg gewesen. Es sei gelungen, die Tanklastzüge zu stoppen, bevor sie als fahrende Bomben verwendet werden konnten.

Jung ist glücklich über diese Nachricht. In den Wochen zuvor hatte es Drohungen gegeben, die Taliban sprachen von Anschlägen auf deutsche Soldaten, rechtzeitig vor der Wahl. Kurz darauf telefoniert Jung mit seinem Staatssekretär Peter Wichert in Berlin, so wird sich der Minister später jedenfalls erinnern. Das Ministerium, sagt Wichert, plane eine Pressemitteilung zum Luftschlag. Aus Wicherts Umfeld wird dagegen verlauten, der Staatssekretär habe mit dieser ersten Pressenotiz nichts zu tun. Das Spiel widersprüchlicher Versionen beginnt in dieser Affäre früh.

Yaqob Bai, Friedhof, 4. September, 9 Uhr

Ein Konvoi aus Taxis und Pferdewagen bricht auf zu dem grauen Hochplateau über den Baumspitzen der Siedlung. Dort, im Süden von Chahar Darreh, liegt der Friedhof von Yaqob Bai. Die Sonne wirft lange Schatten, als die Arbeiter die Gräber ausheben. Erst werden diese mit einem Tuch ausgekleidet, dann mit Holz, bevor die Leichen hineingelegt werden. Oft ist es nur ein Arm oder ein Bein, viele wissen gar nicht, wen oder was sie bestatten. Sind es wirklich die eigenen Söhne, das, was von den Kindern übrig blieb?

Sie sprechen ihre Gebete und fahren zurück ins Dorf, das nicht mehr ist, wie es war. Es ist viel stiller in Yaqob Bai. Keine Volleyballspieler mehr auf dem Dorfplatz, kein Salam, der seine nervösen Scherze macht über die Frau seines Bruders Gafur, kein Bashir, der auf dem Feld den Traktor bewegt. 35 Menschen aus Yaqob Bai sind gestorben, jeder sechste Mann, acht von ihnen, heißt es im Dorf, waren Taliban, Abdul Waheed Omarkhel, der ortskundige Distriktchef von Chahar Darreh, kann sie namentlich aufzählen: Anwaruddin, Sohn des Aktar Mohammed, Daoud, Sohn des Imbrahim, Rahmatullah, Sohn des Abdul Dajan, Abdul Latif, Sohn des Mohammed Nader, Aman, Sohn des Abdul Koduz, Amanullah, Sohn des Feroz, Nader, Sohn des Akhtar, Jan Mohammed, Sohn des Jomar Gul.

Alle anderen waren einfach junge Männer, Teenager, halbe Kinder, die Jugend des Dorfes.

Stockholm, 4. September, vormittags

Außenminister Frank-Walter Steinmeier muss wahlkämpfen, deshalb schickt er seinen Staatsminister Günter Gloser zum Treffen der europäischen Außenminister nach Stockholm. Gloser ist ein freundlicher grauer Mann mit Schnauzbart, der zu Willy Brandts Zeiten in die SPD gefunden hat, wegen der Friedenspolitik. Jetzt ist er 59 Jahre alt, Abgeordneter aus Nürnberg-Nord, und soll ein Land vertreten, das Soldaten in kriegsähnliche Situationen schickt.

Als Gloser am Konferenzgebäude vorfährt, warten die Journalisten schon. Sie warten mit Kameras und Mikrofonen auf den Vertreter aus Deutschland, die "Aasgeier", wie Gloser sie scherzhaft nennt. Der Pulk befragt ihn zu den Bomben von Kunduz, gerufene Fragen, aus dem Gerangel heraus. "Es tut mir leid, ich weiß noch nichts", stammelt Gloser, dann verschwindet er in der Sicherheit des abgeschirmten Gebäudes.

Sofort ruft er im Auswärtigen Amt in Berlin an. Wir wissen auch nichts, lautet die Antwort. Aber während der arme Gloser ahnungslos durch Stockholm tappt, fällt halb Europa über sein Land her. Einer nach dem anderen äußern sich die Außenminister vor der Presse. Das Bombardement sei "ein großer Fehler", erklärt der Franzose Bernard Kouchner, man müsse mit dem afghanischen Volk zusammenarbeiten "und es nicht bombardieren". Der Brite David Miliband verlangt eine schnelle Untersuchung, "damit sich ein derartiger Vorfall nicht wiederholt". Der Schwede Carl Bildt, gerade Ratspräsident Europas, belehrt die Deutschen: "Es wäre besser gewesen, die Sache anders anzupacken."

Mit Gloser selbst redet niemand. Er bekommt gar nicht mit, wie er angefeindet wird, wie Deutschland unter Beschuss steht. Es ist, als wäre der Rest der Welt fast schadenfroh. Die Deutschen waren immer sehr stolz auf ihre Strategie in Afghanistan. Sie wollten der Welt beweisen, dass man die Afghanen nicht töten muss, dass es möglich ist, Frieden zu schaffen ohne Waffen. Und sie ließen den Rest der Welt spüren, dass ihre Strategie den anderen Strategien überlegen ist, vor allem in moralischer Hinsicht. Doch plötzlich, hier in Stockholm, klebt ihnen selbst der Tod an den Absätzen.

Kunduz, deutsches Feldlager, 4. September, 10 Uhr

Die Bundeswehr bekommt Besuch. Der Gouverneur der Provinz, Mohammed Omar, erreicht das Lager am Flughafen. Er hat Geschenke mitgebracht, einen Kelim, einen grünen Chapan-Mantel, wie ihn die Männer im Norden tragen, und einen Brief der Anerkennung. "Alle Getöteten waren Taliban", versichert Omar dem verunsicherten Oberst Klein, "Sie haben das einzig Richtige getan."

Omar ist eine schwierige Figur. Der joviale Gouverneur ist ein Chamäleon, er kann freundlich sein, er kann wüten, wer heute Freund ist, wird morgen schon als Feind bekämpft. Ein Jahr zuvor saß er mit dem damaligen Innenstaatssekretär August Hanning zusammen und versprach, eng mit den deutschen Behörden zu kooperieren. Aber der BND fing danach immer wieder Telefonate des Gouverneurs ab, die zeigten, wie eng seine Kontakte zu den Taliban waren. Manchmal konnten die deutschen Lauscher im Stundentakt verfolgen, wie Informationen, die Omar kurz zuvor erhalten hatte, bei den Aufständischen landeten. Der Gouverneur tanzt auf vielen Hochzeiten.

Berlin, Bendlerblock, 4. September, 8.30 Uhr

Jungs Ministerium stellt eine Erklärung ins Internet. Sie wird wortgleich als Pressemeldung an die Medien und an die Mitglieder des Verteidigungsausschusses verschickt, Überschrift: "Erfolgreicher Einsatz gegen Aufständische im Raum Kunduz".

Die Meldung, die folgt, strotzt von inhaltlichen Fehlern. Kapitän zur See Christian Dienst wird später vor der Presse wiederholen, dass "Unbeteiligte nach bisherigem Kenntnisstand nicht zu Schaden gekommen" seien. Im Übrigen verbitte er sich anderslautende Überlegungen, die von Journalisten "im warmen Sessel von Berlin" gemacht würden.

Geltow bei Potsdam, Einsatzführungskommando, 4. September, morgens

Das Einsatzführungskommando ist der globale Gefechtsstand der deutschen Armee. Von hier aus werden die Einsätze in aller Welt koordiniert, dieser Freitag beginnt wie ein ganz gewöhnlicher Werktag. Rainer Glatz, der Chef, leitet eine Besprechung zur vier Wochen zurückliegenden Entführung der "Hansa Stavanger". Es ist eine Sitzung Marke "Lektionen gelernt", aber Glatz wird immer wieder aus dem Raum gerufen.

Seit dem Morgengrauen treffen erste Berichte ein, noch bevor die Bundeswehr aus Kunduz die Videoaufnahmen des Bombenabwurfs nach Geltow überspielen konnte, haben sich die Amerikaner gemeldet. Glatz ahnt, dass etwas mächtig schiefgegangen ist. In Geltow gehen sie von zivilen Opfern aus.

Glatz lässt sich mit Klein und General Vollmer verbinden. Der Ton ist angespannt. Glatz ist außer sich. Es geht jetzt um die Frage, wie ein militärisches Desaster so aufbereitet werden kann, dass es nicht zu einem politischen Desaster wird. Es geht darum, zu retten, was zu retten ist.

Bad Soden, 4. September, vormittags

Der Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, ist zu Hause bei der Familie in Bad Soden, als ihn die Nachrichten erreichen. Seine Uniform hängt auf einem Bügel im Schrank seines Arbeitszimmers. Er hat sich einen Tag frei genommen. Sein Sohn hat ihn eingeladen, einen Vortrag in der Schwedischen Handelskammer zu halten. An seinem winzigen Schreibtisch vor dem Fenster kritzelt er handschriftlich in einem Ausdruck seiner Rede herum. Er mag keine Computer.

Sein Handy klingelt, am Apparat ist Oberst Renk, sein Adjutant. Drei Minuten dauert das Telefonat. Mehr gibt es zu diesem Zeitpunkt nicht zu sagen.

Schneiderhan ist kein großgewachsener Mann. Trotzdem verströmt er Autorität. Seit 44 Jahren ist er Soldat, seit siebeneinhalb Jahren Generalinspekteur. So lange hat vor ihm noch keiner als oberster Soldat gedient. Franz Josef Jung ist der dritte Minister, den er berät. Schneiderhan hat die Bundeswehr modernisiert, verkleinert, professionalisiert. Aber seit Monaten beschäftigt er sich fast ausschließlich mit Afghanistan. Seine Tage beginnen und enden mit Nachrichten aus Afghanistan. Immer seltener sind gute darunter.

49 "Sicherheitsvorfälle" musste er dem Parlament in der Woche zuvor melden. Schusswechsel. Sprengstoffanschläge. Selbstmordattentate. Erst am Vortag sind wieder vier seiner Soldaten im Gefecht verwundet worden. Vor allem aber sind in der vergangenen Nacht zum ersten Mal auf deutschen Befehl Bomben abgeworfen worden. Das ist die schlechteste Nachricht von allen. Schneiderhan denkt: "Jetzt haben wir unsere Unschuld verloren."

Berlin, 4. September, vormittags

Staatssekretär Peter Wichert ist 64 Jahre alt, von geduckter Statur, und wenn jemand das Verteidigungsministerium verkörpert, dann ist er es. Er hat unter vier Verteidigungsministern gedient, das Haus ist auf ihn ausgerichtet. Es gibt Leute, die behaupten, dass es egal sei, wer unter ihm Verteidigungsminister sei. Wichert sagt von sich, er gehe "nach Hause, wenn der Schreibtisch leer ist", oft spät in der Nacht, weil es "immer gefährlich" sei, schwierige Arbeiten liegenzulassen. Er sagt auch von sich, er sei kein Sekretär, sondern ein Staatssekretär, das soll heißen: Er trägt Verantwortung.

Er sorgt dafür, dass die Dinge nicht aus den Fugen geraten. Vor ein paar Jahren hat er dafür gesorgt, dass ihm der Einsatzführungsstab im Ministerium unterstellt wird. Er führt ihn wie eine Art Neben-Kommandozentrale des Einsatzführungskommandos in Geltow. Er hat die Militärs entmachtet, jedenfalls ein bisschen, und sich selbst noch mächtiger gemacht.

Seit längerem schon verändert sich der Berliner Blick auf den Afghanistan-Einsatz. Die Taliban haben auch den Norden des Landes zur Kampfzone erklärt. Sie meinen offenkundig, die Deutschen seien eine eher schwache Nation im Reigen der multinationalen Isaf-Operation.

Der Staatssekretär hat die "Wichert-Runde" etabliert, die erstmals Ende 2008 zusammentrifft. Es gibt keine schriftliche Einladung, wer teilnehmen darf, wird persönlich angerufen. Wichert und Innenstaatssekretär Hanning sind dabei, dazu der Geheimdienstkoordinator des Kanzleramts, der BND-Vizepräsident und "so viele Generäle, dass man geblendet ist vor lauter Sternen".

Hanning befürwortet einen härteren Kurs, weg vom Brückenbauen, hin zur Taliban-Jagd. Jagen oder gejagt werden, das ist aus Hannings Sicht die Alternative.

Die hochrangige Geheimrunde hat - ganz informell - einen stillen Paradigmenwechsel eingeleitet: Aus den Brückenbauern sollen Kampfsoldaten werden, aus einer defensiven Haltung wird eine offensive.

Wichert ist stets bemüht, die Fäden in der Hand zu behalten. Das gilt auch für die Aufarbeitung der Bombennacht von Kunduz. Im Bendlerblock wird er bald eine "AG Kunduz" einrichten. Sie soll die laufenden Ermittlungen der Nato beobachten und vor allem Schaden abwenden von der Truppe - und von Oberst Klein.

Rostock, 4. September, vormittags

Frank-Walter Steinmeier ist an diesem Morgen von Berlin nach Rostock aufgebrochen. Es stehen Wahlkampftermine an, erst in Mecklenburg-Vorpommern, später in Brandenburg.

Zwischen den Terminen hat er einmal den Kollegen Jung in der Leitung. Es habe da einen Einsatz mit Todesfolgen gegeben, sagt der Verteidigungsminister. "Nach unseren Erkenntnissen sind 56 Taliban getötet worden." Steinmeier bedankt sich für die Unterrichtung. Viel mehr will er darüber gar nicht wissen.

Kabul, Isaf-Hauptquartier, 4. September, 15 Uhr

Rajiv Chandrasekaran ist auf den Fluren des Isaf-Hauptquartiers unterwegs, er kommt gerade vom Interview mit einem amerikanischen Drei-Sterne-General, an seiner Seite geht ein Presseoffizier. Chandrasekaran ist 36, ein Amerikaner mit indischen Eltern, er studierte Politik in Stanford, sein Arbeitgeber ist die "Washington Post", er ist einer ihrer Reporter seit Jahren. Er kennt die Szenerie gut, die militärische Maschine, er kennt den Krieg und seine Gesichter. Anderthalb Jahre war er Büroleiter der "Washington Post" in Bagdad, über diese Zeit hat er ein Buch geschrieben, und er ist ziemlich stolz darauf, dass sein Werk unter dem Titel "Green Zone" gerade verfilmt wird. Matt Damon wird die Hauptrolle spielen, der Kinostart ist geplant für März 2010.

Es ist sein dritter Besuch in Afghanistan in diesem Jahr, am Morgen hat er im Internet mit verschlafenen Augen eine Meldung gesehen über einen angeblichen Luftangriff im Norden, in Kunduz, aber es war nur eine rohe, ziemlich nichtssagende Notiz. Jetzt aber kreuzt Gregory Smith hektisch seinen Weg, der Isaf-Kommunikationsdirektor. Chandrasekaran fragt den Offizier neben sich: "Hey, wo rennt Greg denn hin?" Zur Antwort bekommt er: "Wahrscheinlich Kunduz, wir schicken ein kleines Untersuchungs-Team hin."

Der "Washington Post"-Reporter ist verkatert an diesem Morgen, die Nächte in Kabul können lang sein und feucht, aber er erinnert sich an die kleine, nichtssagende Meldung vom Morgen, er fragt: "Könnte ich mitkommen?" Der Presseoffizier macht eine Geste, dann fängt er zu rennen an, seinem Chef Smith hinterher. Kurze Zeit später ist er wieder da, er sagt: "Geht klar, du kannst mitkommen. Aber sie starten jetzt gleich. Hast du Helm und Schutzweste dabei?" - "Nein", sagt der Reporter, "die sind im Hotel." - "Egal", sagt der Pressemann, "dann organisieren wir dir ein Set. Aber jetzt: Beeilung."

Der Reporter sitzt bald in einem der bulligen Geländewagen des Offiziersstabs, die vor der Kommandozentrale rangieren. Vorn im Wagen sitzt Paddy Teakle, ein Brite, er ist der stellvertretende Chef-Koordinator der Isaf-Luftoperationen und der Chef des Untersuchungs-Teams. Chandrasekaran fragt ihn: "Wann werden wir denn ungefähr zurück sein heute Abend?" Teakle lacht. "Heute Abend? Die Sache wird mindestens drei Tage, eher vier dauern. Wollen Sie immer noch mit? Ich gebe Ihnen 30 Sekunden für die Entscheidung." Chandrasekaran bleibt. Sein Instinkt sagt ihm: bleib.

Kunduz, Flugplatz, 4. September, 16.37 Uhr

Der Flughafen von Kunduz hat nur eine Landebahn. Passagiere gehen zu Fuß über das Rollfeld hinüber zu dem weiß-blauen Gebäude, in dem die Flüge abgefertigt werden. "Washington Post"-Reporter Chandrasekaran kommt im Tross des Initial Action Team in Kunduz an. Über die abgesenkte Heckklappe des Lufttransporters steigen sie aus: Brigadegeneral Teakle, Konteradmiral Smith, dann die Obersten Bechtold aus den USA und Neumann aus Deutschland und vier weitere Team-Mitglieder.

Die Reisegruppe wird am Rollfeld von Oberst Klein und dem Vizechef des afghanischen Geheimdiensts NDS im Raum Kunduz, Mohammed Karim Atrafi, empfangen. Klein macht einen stabilen Eindruck, er wirkt wie ein Mann, der sich seiner Sache sicher ist. Die Männer beziehen einen VIP-Raum im Flughafen. Team-Führer Teakle und Kommunikationsdirektor Smith erläutern ihren Auftrag. Es geht um viel, für die gesamte Nato-Operation.

Sie bitten den Deutschen, gleich am Flughafen, um einen aktuellen Lagebericht. Reporter Chandrasekaran sitzt dabei, er erinnert sich, dass Klein vor allem sagt, ein Besuch der Bombenabwurfstelle sei im Moment nicht zu empfehlen und auch nicht machbar. "Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass wir beschossen würden." In Chandrasekarans Notizbuch steht: "Begräbnisse finden statt, es könnte Ärger geben." Team-Chef Teakle sagt: "Nun, wir wollen nicht direkt in einen Kochtopf steigen."

Geheimdienstmann Atrafi berichtet, die Anspannung im Zielgebiet sei zwar groß, aber die Leute seien dennoch sehr froh, dass in der Nacht so viele Taliban getroffen worden seien.

Kunduz, deutsches Feldlager,

4. September, 18.30 Uhr

Das Initial Action Team aus Kabul erreicht das deutsche Lager, dort steckt im Sand ein Schild wie an deutschen Ortsausgängen: Unten steht, schwarz auf gelb, "Kunduz", rot durchgestrichen. Darüber steht "Leipzig 4640 Kilometer". Oberst Klein bittet in seinen Besprechungsraum. Reporter Chandrasekaran ist insgesamt überrascht vom deutschen Camp. Er sieht gut gepflegte Rosenbeete, der Boden des Konferenzraums ist mit einem schönem roten Teppich ausgelegt, in einer Ecke steht ein Kühlschrank, gefüllt mit tschechischem Budweiser-Bier.

Die Offiziere aus Kabul heizen dem Deutschen ziemlich ein, sie wollen über zivile Opfer reden. Klein weist alles zurück. "Alle Offiziellen, die ich spreche", sagt Klein, "bestätigen mir, dass wir ausschließlich Aufständische getroffen haben." Er sagt den Gästen aus Kabul: "Ich hatte das Gefühl, wenn ich sie mit diesen Tanklastern ziehen lasse, werden sie sie zu Bomben umbauen und Polizeistationen oder sogar unser Lager angreifen."

Dann geht es um die Frage, warum Klein keine Bodentruppen eingesetzt habe, warum es nach der Bombardierung keine korrekte Ortsbegehung und Spurensicherung gegeben habe, warum er nicht wenigstens eine Aufklärungsdrohne losgeschickt habe?

Klein ernüchtern die Fragen. Die Sache läuft gegen ihn, und es ist absurd: Die Afghanen feiern ihn, aber die eigenen Leute wollen ihn fertigmachen. Einmal muss er telefonieren. Er verlässt den Raum, am Apparat ist Brigadegeneral Vollmer, sein Chef. Nach einer Weile kommt er zurück und sagt, "die Leute in den Dörfern behaupten, dass 14 Menschen getötet wurden, die mit dem Überfall auf die Laster nichts zu tun hatten."

Omar Khel, Sandbank im Fluss, 5. September, 8.15 Uhr

Das Initial Action Team überfliegt den Schauplatz des Luftangriffs in einem CH-53-"Sea Stallion"-Hubschrauber. 30 Stunden nach den Ereignissen sind die Deutschen so nervös, dass sie den Ermittlern verbieten, sich aus dem Helikopter zu lehnen, um bessere Sicht auf das Gelände zu haben. Reporter Chandrasekaran notiert: "Wir überfliegen die Stelle zweimal. Man sieht sie immer nur für die Dauer eines Wimpernschlags. Wir sehen Laster, ein halbes Dutzend Leute lungert herum." Nach elf Minuten ist die Visite aus der Luft vorbei. Der Pilot steuert den Helikopter zur Basis zurück. Im Isaf-Team wächst das Gefühl, bemerkt Chandrasekaran, von den Deutschen "verarscht zu werden".

Kunduz, Regionalkrankenhaus, 5. September, 8.55 Uhr

Zwölf Verletzte liegen im Krankenhaus von Kunduz, unter ihnen junge Bauern, halbe Kinder, ein zehnjähriger Junge, sie wurden zu Opfern in der Nacht. Kurz vor neun Uhr kommt das Initial Action Team im Krankenhaus an, sie fahren vor in einem Konvoi aus acht Fahrzeugen, Oberst Klein ist dabei, aber ihm gefällt der ganze Ausflug nicht. Im Krankenhaus drängt der Deutsche wiederholt zur Eile. Aber Isaf-Pressechef Smith hat überhaupt keine Eile. Er hält Krankenhäuser für kriegsentscheidende Orte, für Schlachtfelder im Krieg um die Herzen und Hirne der Afghanen.

Smith kniet sich zu Verletzten, er setzt sich zu Angehörigen, er sucht Kontakt, er hört zu, er will zeigen, was er auch der Truppe vorschreibt: Mitleid, Mitgefühl, Verständnis. Er tritt auch an das Eisenbett des jüngsten Patienten, zu dem Zehnjährigen, er ist am ganzen Körper bandagiert. Smith hat selbst Kinder, er kann fühlen wie ein Vater, später sagt er: "Ein Zehnjähriger hat doch keine Wahl, Taliban zu sein oder nicht, natürlich sind das Zivilisten." Klein drängt zum Gehen, wieder und wieder, aber Smith zischt ihn an: "Hier bekommen Sie die wahren Erkenntnisse, durch solche Leute."

Rheingau, bei Groß-Gerau, 5. September, 10 Uhr

Franz Josef Jung hat für diesen Tag eine Fahrradtour durch seinen Wahlkreis geplant. Alle Bürger sind eingeladen mitzufahren oder an den Haltepunkten hinzuzustoßen. Die Tour beginnt um 10 Uhr in Groß-Gerau, Treffpunkt ist am "Haupteingang der Fasanerie hin zum Ebbelwoipädsche". Unterwegs sind mehrere Umtrunke vorgesehen. Als Jung und seine Mitradler gegen 14 Uhr am Zielort in Trebur-Kornsand angekommen sind, beschleicht den Minister ein komisches Gefühl. Per Fax und per SMS erreicht ihn die Nachricht, dass die Außenminister der Partnerstaaten den deutschen Einsatz kritisieren. Um sich Gewissheit zu verschaffen, lässt er sich über sein Dienst-Handy direkt mit Oberst Klein in Kunduz verbinden. Es ist ihr erstes Gespräch seit dem Luftschlag.

Klein erklärt ihm, dass die Kritik unbegründet sei, es habe keine zivilen Opfer gegeben. Man habe sich die Sandbank noch einmal in Ruhe angesehen, nichts deute darauf hin. Über mögliche Fehler oder Verstöße gegen die Einsatzregeln reden die beiden nicht. Jung erklärt seinem Oberst, dass er seine volle Unterstützung habe. Klein ist erleichtert. Jung ist ebenfalls erleichtert.

Kunduz, deutsches Feldlager, 5. September, 13.30 Uhr

Die Stimmung zwischen Isaf-Pressechef Smith und Oberst Klein ist jetzt spürbar nicht mehr gut. Es geht darum, dass der Häuptling, General McChrystal, am Nachmittag persönlich vorbeikommen wird. Klein sagt: "Er bringt meine Leute in Gefahr, wenn er da rausfahren will. Wir haben Warnungen vor einem Hinterhalt. Und der Distriktchef dort rät auch davon ab."

Smith übergeht Kleins Einwände. Er sagt dem Oberst, es wäre für ihn besser, einen Plan zu machen, wie McChrystal das Schlachtfeld begehen könne. "Er wird nicht sehr glücklich darüber sein, wenn es diesen Plan nicht gibt."

Stralsund, 5. September, vormittags

Angela Merkel ist in ihrem Wahlkreis unterwegs, in strömendem Regen hält sie eine Rede in Stralsund. Nach dem Auftritt liest sie in Agenturmeldungen, was ihr Verteidigungsminister zu den Vorfällen in Kunduz erklärt: dass es wohl keine zivilen Opfer in Kunduz gegeben habe. Merkel ist skeptisch. Sie surft fast jede freie Minute mit ihrem Mobiltelefon im Internet auf der Suche nach Neuigkeiten. In den Berichten der Online-Dienste findet sie etliche Hinweise auf zivile Opfer, von denen Journalisten vor Ort nun zunehmend berichten.

Sie wählt die Nummer von Jungs Mobiltelefon. "Herr Jung, sind Sie sich sicher?", fragt die Kanzlerin. Ja, sagt Jung, es lägen ihm keine Erkenntnisse über getötete Zivilisten vor.

Stockholm, 5. September

Steinmeiers Vertreter Gloser erhält auf dem Gipfel der europäischen Außenminister einen Anruf aus dem Verteidigungsministerium. "Was ist denn bei euch in Stockholm los?", fragt der Parlamentarische Staatssekretär Christian Schmidt. "Was soll das mit der Vorverurteilung?", Gloser entschuldigt sich. "Ich kann auch nichts dafür", sagt er, "mit mir spricht ja keiner."

"Wisst ihr denn inzwischen, was los ist?", will er von Schmidt wissen. "Wir prüfen noch", sagt Schmidt. Am Nachmittag beginnen die EU-Außenminister ihre Aussprache zu Afghanistan. Es soll um die Zukunft des Einsatzes gehen, um die Ausbildung von Polizei und Militär. Gloser meldet sich zu Wort. "Wie ich aus der Presse erfahren habe, haben sich einige von Ihnen ziemlich klar zu den Vorfällen in Kunduz geäußert", beginnt er. "Ich kann nur raten: Bevor hier eindeutige Schlüsse gezogen werden, sollten wir erst mal die Untersuchungen abwarten." Gloser kämpft für die Bundesrepublik.

Kunduz, deutsches Feldlager, 5. September, 15.20 Uhr

General McChrystal ist da, er gibt Oberst Klein noch nicht einmal die Hand, er geht im Schwarm seiner Stabsoffiziere, ein Amerikaner von A bis Z, er hat die Aura eines Mannes, der durch nichts zu überraschen ist. Stanley McChrystal ist erst seit kurzem der neue Oberbefehlshaber der multinationalen Afghanistan-Mission. Die Erwartungen an ihn sind hoch.

Er ist seit über 30 Jahren in der U. S. Army, darf sich die Abzeichen eines Fallschirmjägers, eines Rangers, eines Special-Forces-Mannes an die Ärmel heften. Er weiß, was Krieg ist, aber er kennt auch die Strudel der Politik. Jetzt tritt er an als erklärter Schüler und Freund des Kommandeurs aller US-Streitkräfte im Nahen und Mittleren Osten, David Petraeus. Es geht darum, Petraeus' Erfolgsformeln aus dem Irak nach Afghanistan zu übersetzen.

In seiner neuen taktischen Richtlinie heißt es: "Ich erwarte von den militärischen Führern auf allen Ebenen", schreibt McChrystal, "den Einsatz von Luftunterstützung gegen Wohngebiete und andere Orte, an denen zivile Opfer zu befürchten sind, genau zu überprüfen und zu begrenzen." Auch Oberst Klein hat diese Richtlinie erhalten.

McChrystal will das Ruder herumreißen, nach acht Jahren vergeblicher Mühen einer der größten Staatenkoalitionen, die es je gab. "Unsere Strategie kann nicht darauf zielen, Gebiete zu erobern oder aufständische Kräfte zu zerstören", schreibt der General, "unser Ziel ist die Bevölkerung." Aus Sorge um den Schutz eigener Truppen habe Isaf auf eine Weise operiert, "die uns - physisch und psychologisch - von den Menschen entfernt, die wir schützen wollen. Hinzu kommt, dass wir Gefahr laufen, strategisch zu scheitern, indem wir kleine taktische Erfolge erzielen, die zu zivilen Opfern und unnötigen Kollateralschäden führen".

Reporter Chandrasekaran hatte McChrystal zwei Tage zuvor in Kabul im Interview, jetzt nicken sie sich zu zum Zeichen gegenseitigen Erkennens. Aber McChrystal richtet das Wort als Erstes an die Afghanen. Er sagt: "Wir wollen Ihnen unser Beileid für die Opfer übermitteln." Der Vorsitzende des Provinzrats, Mohamadullah Wardak, unterbricht ihn. "Wer stiehlt, bekommt, was er verdient. Noch drei solche Operationen - und es wird Frieden herrschen in Kunduz."

Omar Khel, Sandbank im Fluss, 5. September, 16.38 Uhr

Entgegen neuerlichen Warnungen durch Oberst Klein besteht General McChrystal darauf, den Ort des Geschehens selbst zu sehen, nicht aus der Ferne, sondern am Boden, vor Ort, zu Fuß.

Ein gewaltiger Militärkonvoi setzt sich zu diesem Zweck in Bewegung, 28 Minuten später erreicht er das Flussufer. McChrystal steigt aus und geht direkt Richtung Sandbank, die Beine bald bis zu den Knien im Wasser. Die Deutschen, notiert Reporter Chandrasekaran, wirken schockiert. Sie können es nicht fassen, wie selbstverständlich sich dieser Vier-Sterne-General die Stiefel und die Hosen nass macht.

Als der Tross nach einer Weile von der Sandbank zu den Fahrzeugen zurückgeht, fällt in der Nähe irgendwo ein Schuss. Die Deutschen wollen McChrystal dazu bewegen, sofort in Deckung zu gehen. Aber der General beachtet sie nicht. Er bleibt aufrecht. Er duckt sich nicht. Er geht einfach weiter. Zurück zu den Fahrzeugen.

Kunduz, deutsches Feldlager, 5. September, 17.50 Uhr

Oberst Klein sieht von Stunde zu Stunde gestresster aus, die Sache läuft gegen ihn, sie machen ihn fertig. Nach den Gesprächen stellt sich McChrystal einer Handvoll Reportern, die vor Ort eingetroffen sind. McChrystal sagt: "Es ist klar, dass einige Zivilisten zu Schaden gekommen sind. Dies ist ein sehr ernster Vorgang. Er wird ein Testfall dafür sein, ob wir mit solchen Ereignissen künftig offen und transparent umgehen und ob wir klarmachen können, dass wir hier sind, um das afghanische Volk zu beschützen."

Am Abend schreibt Reporter Chandrasekaran den ersten Artikel über die Vorgänge. Sein Text erscheint am Sonntag, 6. September, in der "Washington Post", Überschrift: "Entscheidung zum Luftschlag in Afghanistan stützte sich auf nur einen Informanten." Wer ihn liest, lernt fürs Erste, dass ein Nato-Untersuchungs-Team die Zahl der getöteten Menschen auf 125 schätzt, von denen mindestens zwei Dutzend - "vielleicht aber viel mehr" - nicht zu den Taliban zu zählen sind.

Kabul, Isaf-Hauptquartier, 6. September, morgens

Das Ermittler-Team um Brigadegeneral Teakle ist schnell und fleißig. Über Nacht hat es seine Erkenntnisse zusammengetragen, aufgeschrieben und redigiert. 27 Seiten hat der Bericht, den es General McChrystal vorlegt. In der Betreffzeile steht, unmissverständlich: "Initial Action Team Report - CIVCAS EVENT - 4. September 2009". Civcas heißt ausgeschrieben "civilian casualties", zivile Opfer. Die Nato-Ermittler schreiben, zwei Tage nach den Ereignissen: "Während es keinerlei Zweifel daran gibt, dass eine große Zahl Aufständischer getötet oder verwundet wurde, ist es gleichzeitig in hohem Maße wahrscheinlich, dass auch Zivilisten getötet oder verletzt wurden."

Berlin, 6. September

Die "Bild am Sonntag" veröffentlicht ein Interview mit Verteidigungsminister Jung. Er wird zitiert mit den Worten: "Nach allen mir zurzeit vorliegenden Informationen sind bei dem durch ein US-Flugzeug durchgeführten Einsatz ausschließlich terroristische Taliban getötet worden."

Düsseldorf, 6. September

Im ISS-Dome wartet die Basis der CDU auf den Beginn des offiziellen Wahlkampfauftakts ihrer Partei. Sie hält orangefarbene "Angie"-Schilder in den Händen. Auf der Bühne spielt die Band Swinging Fanfares gerade "I will survive" von Gloria Gaynor, als sich Merkel und Jung in den Katakomben der Arena zu einer Unterredung zurückziehen. Die Kanzlerin zeigt sich sehr besorgt, sie hat die Pressemeldungen über zivile Opfer genau verfolgt, sie kennt den Bericht der "Washington Post", sie hat die Kritik der Außenminister im Ohr.

"Wir können das mit den zivilen Opfern jetzt nicht mehr ausschließen", sagt Merkel. Jung betont noch einmal, dass seinem Ministerium keine Erkenntnisse über zivile Opfer vorlägen, aber er hat den Hinweis der Kanzlerin verstanden. Er verlässt den Warteraum und sucht draußen im Saal nach den Fernsehkameras. Er möchte ein Statement abgeben, er will jetzt vorsichtiger klingen, aber er wirkt unsicher dabei.

Er sagt: "Uns geht es darum, dass selbstverständlich aufgeklärt wird, dass, auch wenn es zivile Verletzte oder Opfer auch gegeben hat, das natürlich unser Bedauern auslöst."

Später steht der Verteidigungsminister zwischen den anderen Spitzen der Union auf der Bühne. Sie verfolgen die Rede der Kanzlerin, als Jung plötzlich einen Hinweis bekommt und sich von der Bühne schleicht. General McChrystal ist am Apparat, Jung hatte um ein Gespräch angefragt. Auf Englisch beschwert er sich jetzt über die öffentlichen Äußerungen des Generals. Er halte es für falsch, was McChrystal über zivile Opfer gesagt habe. "Ich habe da eine andere Einschätzung", sagt McChrystal. Dann berichtet Jung dem General, was Oberst Klein ihm am Vortag am Telefon erzählt hatte: dass am Tatort nichts auf zivile Opfer hindeute. McCrystal wiederholt, dass er einen anderen Eindruck habe. Jung kritisiert den General auch dafür, dass er sich von einem Reporter der "Washington Post" habe begleiten lassen, der nun alles aufgeschrieben habe. Das sei nicht in Ordnung gewesen.

Berlin, Kanzleramt, 6. September

Der britische Premier Gordon Brown ist zu Gast, Merkel und er haben zwei Stunden über die Finanzkrise und strengere Regeln für die Märkte gesprochen, es gilt das G-20-Treffen Ende des Monats in Pittsburgh vorzubereiten. Nun stellen sie sich im ersten Stock des Kanzleramts der Presse. Merkel wird nach dem Bombardement von Kunduz gefragt.

"Ich möchte zuerst zu dem Vorfall in Kunduz deutlich machen, dass es der Bundesregierung und mir persönlich darum geht, dass jetzt schnell ein Nato-Untersuchungs-Team bereitgestellt wird, das umfassend und zügig aufklärt, wie die Zusammenhänge dort sind, und auch aufklärt, ob es zivile Opfer gegeben hat. Wenn es zivile Opfer gegeben hat, dann würde ich das natürlich zutiefst bedauern." Es ist die erste öffentliche Äußerung der Kanzlerin, 50 Stunden sind seit dem Bombardement verstrichen.

Berlin, Kanzleramt, 7. September

Kanzlerin Merkels für die Bundeswehr zuständiger Militärberater telefoniert jetzt viel mit Staatssekretär Wichert, auch an diesem Montag. Das politische Karussell nimmt langsam Fahrt auf. Für den Militärberater geht es um die Frage, wie die Kanzlerin sich verhalten soll. Das Kanzleramt hält tote Zivilisten für wahrscheinlich, also wie soll Merkel agieren? Wichert rät dringend davon ab, dass sich die Kanzlerin entschuldigt oder tote Zivilisten bedauert, das seien doch alles Spekulationen, sagt er am Telefon, nichts sei bewiesen. Ob er wohl die bisher vorhandenen Dokumente einsehen könne, fragt der Mann aus dem Kanzleramt. Wichert verspricht, die Originaldokumente weiterzuleiten, sobald sein Ministerium sie ausgewertet habe. Das könne dauern. Der Unmut im Kanzleramt ist groß. In späteren E-Mails werden sie schreiben: Der Beitrag des Verteidigungsministeriums sei "gänzlich unbrauchbar".

Falls Wicherts Hinhaltespiele die Kette aufwärts gemeldet werden, gehen sie vom Mitarbeiter zum Abteilungsleiter Christoph Heusgen, von Heusgen zum Kanzleramtschef Thomas de Maizière. De Maizière ist befreundet mit Wichert. Er könnte zum Hörer greifen und die Akten auf dem ganz kurzen Dienstweg anfordern. Aber die Spitze des Hauses wird nicht aktiv, auch die Kanzlerin nicht. Es wirkt, als habe das Kanzleramt am Ende nichts dagegen, dass die schmutzige Affäre in der Rohrpost zwischen Bendlerblock und Kanzleramt steckenbleibt.

Berlin, 7. September, abends

Generalinspekteur Schneiderhan, Minister Jung und Staatssekretär Wichert treffen eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen: Sie beschließen, es solle keinen eigenen deutschen Untersuchungsbericht geben. Sämtliche Unterlagen sollen direkt nach Geltow gehen, zum Einsatzführungskommando. Schneiderhan weist den dortigen Chef Rainer Glatz an, sämtliche Unterlagen in Geltow zusammenzuhalten und nicht zirkulieren zu lassen, auch das Rohmaterial. Das ist ein Befehl.

Man kann diesen Befehl als Versuch interpretieren, innerhalb der Nato keine Verwirrung zu stiften und die Untersuchung der offiziellen Kommission zu überlassen. Man kann aber auch denken, die versammelte Spitze des Bendlerblocks wolle eine kritische Untersuchung verhindern.

Kabul, Isaf-Hauptquartier, 8. September

General McChrystal stellt einen formellen Untersuchungsausschuss zusammen, um die Vorgänge in Kunduz aufzuklären. Vorsitzender der Gruppe wird Generalmajor Duff Sullivan, ein Kanadier kurz vor dem Ruhestand, seine Adjutanten sind zwei US-Offiziere und der deutsche Oberstleutnant Björn Voigt.

Berlin, Reichstagsgebäude, 8. September, 9.03 Uhr

Angela Merkel tritt ans Rednerpult, sie wirkt wach wie selten. Sie hat Sorge, dass die Bombennacht "alles" verändern könnte, dass sie zum wahlentscheidenden Thema avancieren könnte, das will sie vermeiden. Sie traut es dem zuständigen Minister Jung nicht zu, die Affäre abzuarbeiten. Deshalb muss eine rasche Regierungserklärung her.

Nun ist es so weit. Merkel tritt auf im Bundestag, sie sagt: "Herr Präsident, meine Damen und Herren, letzte Woche Freitag hat eine der schwersten militärischen Auseinandersetzungen der Bundeswehr mit den Taliban im Rahmen des Isaf-Einsatzes in Afghanistan stattgefunden. Zahlreiche Menschen haben ihr Leben verloren, über die Folgen, insbesondere über zivile Opfer, gibt es widersprüchliche Meldungen. Umso mehr sage ich aber eines vorweg, und zwar ohne jede Umschweife: Jeder in Afghanistan unschuldig zu Tode gekommene Mensch ist einer zu viel."

Sie fügt noch an, dass sie sich Vorverurteilungen, ausgesprochen im In- oder Ausland, verbitte.

Berlin, Kanzleramt, 8. September

Es gibt einen Ort, der prädestiniert dafür ist, ein Thema wie Kunduz in der Bundesregierung und ihren Behörden zu besprechen. Dieser Ort liegt in der vierten Etage des Kanzleramts und heißt das Lagezentrum. Jeden Dienstag um 10.30 Uhr trifft hier die sogenannte nachrichtendienstliche Lage zusammen. Etwa 20 Spitzenbeamte sitzen an einem Tisch, Ministeriale vom Kanzleramt selbst, dem Innen- und Verteidigungsministerium, dem Auswärtigen Amt und den Sicherheitsbehörden. Es geht darum, die Regierung auf einen Stand zu bringen, manchmal geht es auch darum, eine Linie abzusprechen.

An diesem Dienstagmorgen steht Kunduz auf der Tagesordnung, das Wort geht an Staatssekretär Wichert. Er lässt ein paar Folien an die Wand werfen, sie zeigen die Geografie Nordafghanistans, Kunduz und den Raum drum herum.

Wichert referiert, was längst in der Zeitung steht, der Vortrag ist so dürr, dass es keine Nachfragen gibt. Von Opfern unter der Zivilbevölkerung ist nicht die Rede. Probleme? Keine Spur. Wer Wichert an diesem Morgen zuhört, bekommt den Eindruck, dass hier nichts Außerordentliches verhandelt wird.

Berlin, Bendlerblock, 8. September

U-Boot heißt der Raum 04/100 im Verteidigungsministerium, in dem die Obleute des Verteidigungs- und Außenausschusses über Dinge informiert werden, die relevant sind für die Sicherheit Deutschlands, von denen die Öffentlichkeit aber nichts erfahren soll. Wolfgang Schneiderhan, der Generalinspekteur, betritt den fensterlosen, holzgetäfelten Konferenzraum im vierten Stock des Bendlerblocks an diesem Morgen müde und mit leichtem Magengrimmen.

Er setzt sich neben den Minister an die Stirnseite des zu einem Hufeisen aufgebauten Konferenztisches. Schneiderhan ist an diesem Morgen um fünf Uhr aufgestanden. Er hat sich rasiert und noch einmal intensiv das Papier studiert, das jetzt vor ihm liegt. Es ist der Report des Initial Action Teams der Nato. Haben deutsche Soldaten unbeteiligte Afghanen getötet?

Seit vier Tagen reißen die schlechten Nachrichten nicht ab. Noch am Freitag hatte er über das Einsatzführungskommando um eine schriftliche Stellungnahme von Oberst Klein gebeten, irgendwie in der Hoffnung, dass es für das Bombardement eine logische Erklärung gibt. Er war in Siegburg bei Freunden, als ihn Kleins Meldung am Tag nach den Bomben, am Samstag um 17.30 Uhr erreichte.

Allein die Übergabe der Meldung hatte ihm gezeigt, wie korrekt und pingelig viele seiner Soldaten sind. Zum Grillen war er ohne Uniform erschienen. Deshalb hatte der Kurier, ein Feldjäger, dem Generalinspekteur das Papier erst ausgehändigt, nachdem er seinen Personalausweis zeigte. Nach der Lektüre der zwei Seiten wusste Schneiderhan, dass in Kunduz nicht ganz so korrekt gearbeitet worden war.

"Am 4. September um 1.51 Uhr entschloss ich mich, zwei am Abend des 3. September auf der LOC Pluto durch Aufständische entführte Tanklastwagen sowie die an den Fahrzeugen befindlichen Insurgents durch den Einsatz von Luftstreitkräften zu vernichten", schreibt Oberst Klein im ersten Satz. Es folgt eine Reihe Begründungen, die Stellungnahme schließt mit den Worten: "Ich gab letztendlich den Befehl zum Einsatz der Bomben, weil ... ich nach allen mir zum Zeitpunkt des Waffeneinsatzes zur Verfügung stehenden Informationen davon ausgehen konnte, ... mit höchster Wahrscheinlichkeit dabei nur Feinde des Wiederaufbaus AFGHANISTANS zu treffen." Mit höchster Wahrscheinlichkeit. Beruhigend klang das nicht.

Am Montag dann hatte Schneiderhan das volle Ausmaß des Dramas auf dem Schreibtisch im Bendlerblock. 27 Seiten hat der "Initial Action Team Report", und schon nach dem ersten Querlesen war ihm klar: Das wird uns um die Ohren fliegen. Klein hatte Feindberührung gemeldet, obwohl es keine gab. Klein hatte sich auf eine einzige Quelle verlassen, einen Afghanen, der den Ort des Geschehens nicht einmal sah. Klein hatte die Einsatzregeln nicht eingehalten. Was um alles in der Welt hatte den Oberst getrieben?

Berlin, 9. September

Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums nennt den Bericht des Initial Action Teams einen "Reisebericht". Er sagt: "Der Bundesregierung liegen nach wie vor keine gesicherten Informationen über getötete Zivilisten beim Nato-Luftangriff in Nordafghanistan vor."

Masar-i-Scharif, 13. September

Die große Untersuchungskommission der Nato unter Vorsitz von Generalmajor Sullivan macht sich an die Arbeit, sie wird in den kommenden Tagen und Wochen zwischen Kabul, Kunduz und dem Kriegsflughafen Bagram hin und her springen. Im Regionalkommando Nord hört sie den deutschen Oberbefehlshaber Vollmer, Rechtsberater Holste, die Offiziere Miszori, Werner, Drath, Stockl-Stillfried und Ennen. Für jedes Interview nimmt sie sich eineinhalb Stunden Zeit. Vollmer sagt, er sei in jener Nacht weder unmittelbar nach dem Luftschlag informiert worden, noch habe man ihn vorher oder währenddessen konsultiert. Er hat keine Erklärung dafür, warum Oberst Klein ihn nicht eingebunden hat. Er sagt, dass er bislang immer eingebunden worden sei. Er sagt: "Es ist inakzeptabel, dass ich erst so spät Notiz davon erhalten habe."

Kunduz, Büro von Oberst Klein im deutschen Feldlager, 14. September

Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan sitzt bei Oberst Georg Klein. Nachdem er lange gezögert hat, zu lang vielleicht, will er nun doch selbst sehen, was vorgeht. Klein hat ihn auf dem Rollfeld in Kunduz in Empfang genommen. Sie haben vor dem Eingangstor unter dem Schild des PRT-Kunduz für ein Foto posiert und gelächelt, als würden sie gerade ihren Jahresurlaub beginnen. Mit dem schwarzen Barett, das sie beide im Büro abnehmen, haben sie auch das Lächeln abgelegt. Schneiderhan hat auf dem Sofa unter den goldgerahmten Fotos von Bundespräsident Köhler und Afghanistans Präsident Karzai Platz genommen. Klein versinkt in einem klobigen Sessel am Fenster gegenüber. Sein Kinn zittert.

Wie sie auf die anfänglich genannten Opferzahlen gekommen sind, will Schneiderhan wissen. Es waren Schätzungen, sagt Klein. Wo war denn die Quelle?, fragt Schneiderhan. Ich weiß es nicht, sagt Klein. Warum haben Sie Feindberührung gemeldet, obwohl es keine gab?, fragt Schneiderhan. Als Antwort schildert Klein die Bedrohung, die von den Tanklastern für das Camp ausgegangen sei, weil die Fahrzeuge zu rollenden Bomben hätten umfunktioniert werden können. Schneiderhan nickt nur noch müde. Kleins Version überzeugt ihn nicht.

Aber er ist Kleins Vorgesetzter. Er kann ihn nicht einfach an den Pranger stellen. "Sie können sich auf mich verlassen. Wir stehen das gemeinsam durch", sagt Schneiderhan nach dem etwa einstündigen Gespräch.

"Möchten Sie noch etwas?", fragt Klein zum Abschied. "Einen Schnaps", antwortet Schneiderhan. Er weiß selbst nicht so genau, ob das jetzt ein Witz sein soll oder nicht. Klein nimmt seinen Wunsch jedenfalls ernst. "Das verstößt gegen die Lagerordnung", sagt er, "aber wenn Sie einen wollen, dann bekommen Sie einen."

Kunduz, deutsches Feldlager, 17. September

Die Nato-Ermittler haben an diesem Donnerstag vier Zeugen auf ihrer Liste, darunter den Aufklärungsoffizier der Task Force 47. Er ist für sie eine Schlüsselfigur, weil er einer der drei Männer war, von denen bekannt ist, dass sie in der Nacht vom 3. auf den 4. September im Gefechtsstand anwesend waren, neben Oberst Klein und Oberfeldwebel Willhelm, Rufname Red Baron 20. Außerdem ist er der Führungsoffizier des Spitzels, der die Deutschen die ganze Nacht über mit seinen Informationen belieferte.

Der Offizier spielt während seiner Befragung den intellektuellen Skeptiker. Die Quelle sei für gewöhnlich sehr zuverlässig gewesen, sagt er. Er habe aber den Kommandeur wiederholt darauf hingewiesen, dass ein Fehler nie ganz auszuschließen sei und dass es auch im Bereich des Denkbaren liege, "dass der Informant sein eigenes Spiel" spiele.

Kabul, Isaf-Hauptquartier, 22. September

Die Nato-Ermittler hören den Offizier und drei seiner Mitarbeiter, die in der Nacht vom 3. auf den 4. September Trinity waren, die Stimme aus dem Kabuler Gefechtsstand für Luftunterstützung. Sie erinnern sich an die Diskussionen mit Red Baron, ob ein TIC zu erklären sei, eine Feindberührung. Der Fliegerleitoffizier aus dem Hauptquartier sagt, es sei durchaus möglich, auch dann einen TIC zu erklären, wenn Bodentruppen nicht direkt unter Beschuss stehen. Sie gingen dann in Kabul davon aus, dass eine Gruppe Aufständischer identifiziert sei und von "feindlicher Absicht" ausgegangen werden könne.

Einiges ging schief in jener Nacht. Trinity wollte wohl die übergeordnete Luftleitzentrale in Katar erreichen, bekam aber keine Verbindung. Das Regionalkommando Nord reagierte nicht auf Textnachrichten. Deshalb schalteten sie in Kabul einen höherrangigen Offizier ein, der über eine geheime Isaf-Nummer die Kommandantur in Kunduz anrief. Er fragte nach, ob die Deutschen einen TIC erklären wollten oder nicht. Die Deutschen sagten, sie würden es tun.

Dabei sei klar gewesen, dass Kommandeure am Boden den TIC häufig erklären, einfach, um die Aufklärung aus der Luft zu bekommen, nicht unbedingt, um am Ende wirklich Waffen einzusetzen. Nur 20 Prozent, sagt der Offizier, mündeten am Ende in "kinetics", das heißt: Nur in 20 Prozent der TIC-Fälle steht am Ende wirklich ein Bombardement.

Bagram, 335. Jagdfliegerstaffel, 23. September

Die Isaf-Ermittler hören Dude 15 und 16 und ihre Waffenoffiziere, außerdem den Chef der 335th Fighter Squadron. Die Piloten sagen, ihre größte Sorge sei gewesen, dass sich am Boden auf und um die Sandbank Zivilisten befinden könnten. Sie fürchteten, die Lastwagenfahrer könnten dort unten sein, denn immerhin waren die Tanker ja entführt. Hätten sie gewusst, sagt Dude 15, dass dort unten die Lasterfahrer sind, "hätten sie ihre Waffen nicht eingesetzt".

Kunduz, deutsches Feldlager, 25. September

Die Nato-Ermittler vernehmen den Übersetzer der Task Force 47, der in der Nacht mit dem Informanten telefonierte. Er liefert ein wichtiges Details. Die Quelle vor Ort habe berichtet, dass mindestens einer der Lasterfahrer noch am Leben gewesen sei, als die Tanker auf der Sandbank festsaßen. Aber hatte nicht Red Baron 20 auf Nachfrage der Piloten gesagt, über das Schicksal der Fahrer liege keine Information vor?

Kunduz, deutsches Feldlager, 26. September

Die Nato-Ermittler vernehmen ihre beiden vielleicht wichtigsten Zeugen. Dreieinhalb Stunden lang werden sie mit Oberfeldwebel Willhelm, Red Baron 20, sprechen. Danach zwei Stunden mit Oberst Klein. Die Versionen beider, die in der Nacht vom 3. auf den 4. September so eng beieinandersaßen und gemeinsam so weitreichende Entscheidungen fällten, fallen schockierend weit auseinander. Offenkundig waren sich beide, ohne sich darüber auszutauschen, über nichts einig, was diesen Einsatz betraf. Der Fliegerleitoffizier glaubte weder daran, sagt er, dass sich auf der Sandbank ausschließlich Aufständische befanden, noch sah er eine "unmittelbare Bedrohung" heraufziehen. Alle Elemente zusammengenommen seien nach seiner Ansicht zu wenig gewesen, um wirklich einen TIC zu erklären.

Willhelm ist ein Saarländer, der sich gefällt darin, Englisch mit breitem amerikanischem Akzent zu sprechen. Im Dienst trägt er gern Baseballkappen, darunter stramm zurückgegeltes Haar, es ist seine zweite Tour in Afghanistan, fünfmal schon hat er als Fliegerleitoffizier "kinetics", Waffeneinsätze, koordiniert. In jener Nacht, sagt er vor den Nato-Ermittlern, sei er die ganze Zeit im Unklaren darüber gewesen, ob sein Kommandeur und er auf derselben Grundlage arbeiteten. Oberst Kleins Entscheidung zum Angriff, sagt Willhelm, habe im Moment des Eintreffens der F-15 bereits festgestanden. Er, Willhelm, sei dabei immer davon ausgegangen, dass die Fahrzeuge das Ziel seien, nicht die Menschen.

Am Ende seiner Befragung sagt Willhelm alias Red Baron, wie zu seiner eigenen Entlastung: "Der Kommandeur bleibt der Kommandeur, und ich bin ein Soldat."

Kunduz, deutsches Feldlager, 26. September

Oberst Klein kennt die Aussage seines Fliegerleitoffiziers nicht, als er Generalmajor Sullivan und seinen Leuten gegenübersitzt. Er lobt Willhelm als einen der besten Mitarbeiter seines Stabs, dem er immer voll vertraut habe. Klein schildert die Bedrohungslage in und um Kunduz, die Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit, er zeichnet das Bild eines Schlachtfelds. Klein erzählt vom Krieg, in dem sich die Deutschen seit langer Zeit befinden.

Am 3. September seien seine Leute im Distrikt Archi an der Grenze zu Tadschikistan in einem Hinterhalt unter Feuer geraten. Drei Soldaten seien verwundet worden, fünf Fahrzeuge zu Bruch gegangen, ein Laster sei so stark beschädigt worden, dass er zurückgelassen werden musste. Er verlegte seine Schnelle Eingreiftruppe zur Unterstützung, aber sie wurden um elf Uhr in schwere Gefechte verwickelt, die bis zum Nachmittag dauerten. Am späten Nachmittag erst konnte er die Truppe auf einen Außenposten in der Nähe von Emam Saheb nördlich von Kunduz zurückziehen. Sie seien, sagt Klein, erschöpft gewesen, und er selbst sei ebenfalls müde gewesen.

Am Nachmittag oder Abend hörten sie von den entführten Lastern. Er zog in Erwägung, Bodentruppen einzusetzen, aber bei Licht betrachtet, hatte er nicht zwei Kompanien, die nötig gewesen wären, die Lage zu bereinigen. Zeitgleich liefen Bemühungen, den im Norden zurückgelassenen Laster zu zerstören, um ihn nicht den Aufständischen in die Hände fallen zu lassen. Ein B-1-Bomber war in der Luft, schickte Bilder, aber die Gefahr eines Kollateralschadens war zu groß, deshalb wurde das Fahrzeug nicht bombardiert. Aber man nutzte die Gelegenheit, den B-1-Bomber zu den entführten Tankern umzulenken. Nur mit Bildern aus der Luft wäre zu klären, was vorgeht.

Mittlerweile war es gegen 23 Uhr. Klein verließ den Gefechtsstand, um 23.30 Uhr war er in seiner Unterkunft. Er hinterließ seinen Leuten den Befehl, ihn zu rufen, wenn die Tanklaster gefunden würden. Dieser Ruf erfolgte um 0.15 Uhr. Klein ging zur Task Force 47, deren Gefechtsstand er häufig nutzt, er verfügt über die bessere Technik; dort könne man die Luftbilder in Echtzeit und hervorragender Qualität betrachten, sagt Klein.

Der Task-Force-Mann dort berichtete von den Informationen seines Spitzels. Er habe Klein gesagt, es handele sich um eine zuverlässige Quelle, die bereits sehr gute und zuverlässige Informationen geliefert habe. Von der Skepsis, über die der Geheimdienstler während seiner eigenen Vernehmung so viel gesprochen hatte, bemerkte Klein nichts. Er sah nur, dass die Auskünfte des Informanten, über die ihm der Task-Force-Mann berichtete, genau zu den Bildern aus der Luft passten. "Mindestens siebenmal" habe er sich die Information des Spitzels bestätigen lassen, "dass es keine Zivilisten dort gäbe". Ihm wurde jedes Mal gesagt, sagt Klein, dass alle Personen vor Ort Aufständische seien.

Die Isaf-Ermittler fragen ihn nach seiner Definition von "Zivilist". Klein sagt, ja, der Begriff könne irreführend sein, weil die Taliban ja keine Uniformen trügen. Deshalb, sagt er, würde er lieber davon reden, ob die Leute "beteiligt oder unbeteiligt" seien oder in die Aktivitäten der Aufständischen verwickelt. Für ihn waren alle Leute vor Ort an der Entführung der Fahrzeuge und dem Versuch, die Fahrzeuge aus dem Schlamm zu befreien, beteiligt. Sagt Oberst Klein.

Der B-1-Bomber musste dann abdrehen, Klein überlegte, ob er eine unbemannte Aufklärungsdrohne vom Typ "Luna" losschicken solle, aber er schätzte, dass es 40 bis 60 Minuten gedauert hätte, bis eine startklar sei. Er überlegte, Luftunterstützung anzufordern, aber nicht, um das Ziel zu bekämpfen, sondern einfach um Luftaufklärung zu haben, Bilder vom Geschehen, Informationen. Sein Fliegerleitoffizier habe ihm geraten, die Lufteinsatzzentrale ASOC zu kontaktieren, um Luftunterstützung zu erhalten. Zu den Fragen, wie ihm das gelungen sei und warum ein TIC erklärt werden musste, sagt Klein nicht viel; er gibt aber zu, dass die Voraussetzungen für einen TIC gar nicht vorlagen. Das hätten jedoch seiner Meinung nach alle Beteiligten sowieso gewusst.

Als er die Bilder der F-15 sah, habe er sich zum Waffeneinsatz entschieden, weil alles hundertprozentig zusammenpasste. Wenn es den Aufständischen gelingen würde, die Tanklaster freizubekommen, könnten sie ganz schnell Autobomben werden, sagt Klein, eingesetzt gegen Polizeistationen, gegen Checkpoints, gegen das deutsche Lager. Welche Macht der Welt die zwei versunkenen Tanklaster aus dem Sand hätte befreien sollen, ist nicht Gegenstand der Zeugenvernehmung.

Klein sagt: "Ich musste meine Soldaten, die afghanischen Sicherheitskräfte und die afghanische Bevölkerung in diesem Gebiet schützen." Anschließend habe er deutlich gemacht, dass er die "kleinstmögliche Waffenwirkung" wolle, dass sie die "kleinstmögliche Bombe" einsetzen sollten. Er sagt, dass es seine Absicht gewesen sei, "die Sandbank zu treffen und die Tankfahrzeuge auszuschalten sowie die Personen, die die Fahrzeuge entführt hatten".

TEIL III: DIE FOLGEN EINES KRIEGSVERBRECHENS

26. Oktober bis heute

Minister Jung ist nicht zu halten. Minister Guttenberg ist nicht aufzuhalten. Generalinspekteur Schneiderhan tritt vor die Presse und zurück. Auch Staatssekretär Wichert hat bald seinen letzten Arbeitstag. Bundeskanzlerin Merkel redet von Aufklärung.

Berlin, Bendlerblock, 27. Oktober

Franz Josef Jung wird Arbeitsminister, an seinem letzten Arbeitstag im Bendlerblock übergibt er in seinem Büro die Geschäfte des Verteidigungsressorts an seinen Nachfolger. Er weist Karl-Theodor zu Guttenberg darauf hin, dass der Nato-Untersuchungsbericht zu Kunduz bald kommen und dass im Einsatzführungsstab schon an einer Stellungnahme dazu gearbeitet werde. Nur eine Vorlage, sagt Jung. Er müsse sich nicht daran halten. Er selbst habe das auch nicht immer getan.

Berlin, Bendlerblock, 28. Oktober, 22 Uhr

Ein Kurier der Nato bringt persönlich eines der wenigen Exemplare des abschließenden Nato-Berichts in den Bendlerblock. Der Bote ist aus Kabul über Usbekistan und Köln-Wahn mit einer Sondermaschine angereist. Seit dem Morgen ist Guttenberg Verteidigungsminister.

Der Bericht - mit dem Seite für Seite wiederholten Vermerk "Nato Secret - For Official Use Only" - ist knapp 500 Seiten lang. Er gliedert sich in einen mehr als 70 Seiten langen Bericht mit Bewertungen und über 400 Seiten Anhänge, Karten, Fotos, Funkabschriften, Textnachrichten. Den größten Raum nehmen die Protokolle der Zeugenbefragungen ein. Die Bewertungen sind katastrophal. Auf jeder zweiten Seite werden die Aktionen und Einschätzungen von Oberst Klein als "nicht angemessen" oder "unzureichend" beurteilt, bestimmte Befehle "erfüllten nicht die Anforderungen", andere zeugten von "mangelndem Verständnis" der Einsatzregeln, so zieht sich das durch den gesamten Text.

Zudem sieht die Nato einen Hauptgrund für die vielen Regelverstöße in Oberst Kleins Nähe zur Task Force 47. Klein, so heißt es im Bericht, "isolierte sich vom System der gegenseitigen Kontrolle und gemeinsamen Verantwortung". Die Ermittler schreiben auch, es sei möglich, "dass der Einsatz hauptsächlich von Personal der TF-47 initiiert und ermöglicht wurde".

Guttenberg ist neu im Amt, ein junger Minister, er ist müde vom Wahlkampf, von den Koalitionsverhandlungen. Zum ersten Mal seit langem nimmt er sich deshalb drei Tage frei. Den Nato-Bericht nimmt er mit, liest quer, liest schnell, angeblich alles, es kommt zunächst auch nicht so genau darauf an. Er hat schließlich seinen Wichert und seinen Schneiderhan, Mitarbeiter, die in die Materie gut eingearbeitet sind, auf ihr Urteil muss er sich verlassen können. Und die beiden geben im Großen und Ganzen Entwarnung, jedenfalls versteht er sie so. Es habe wohl Regelverstöße gegeben in der dramatischen Nacht, sagen sie; aber alles in allem lasse sich die Lesart "militärisch angemessen" rechtfertigen.

Berlin, Bendlerblock, 29. Oktober, 12.15 Uhr

Wolfgang Schneiderhan tritt hinter das Rednerpult und nickt kurz in die Runde. Die Einladung zu seiner Pressekonferenz ist erst vor knapp zwei Stunden über den Mail-Verteiler des Presseinfostabs verschickt worden. Trotzdem drängeln sich die Journalisten hinter der Absperrung. Er vermeidet ihre Blicke, seine Augen fixieren das Blatt Papier, das vor ihm liegt. Wort für Wort verliest er einen Text.

"Bei Kenntnis des jetzt vorliegenden Untersuchungsergebnisses habe ich keinen Grund, daran zu zweifeln, dass die deutschen Soldaten auf der Grundlage des Mandats der Vereinten Nationen angesichts der schwierigen Lage in operativer Hinsicht militärisch angemessen gehandelt haben", das ist der Satz, den die Agenturen in wenigen Minuten auf den Ticker geben werden.

Wochenlang haben sie an diesem Text gearbeitet: der Einsatzführungsstab und die von Wichert eingesetzte Arbeitsgruppe zum Kunduz-Bombardement. Rechtsberater Voigt, Mitglied im Stab des Isaf-Untersuchungsteams, hatte das Ministerium über die Ermittlungen auf dem Laufenden gehalten. So war die Stellungnahme zum Nato-Bericht im Bendlerblock Woche für Woche, Zeile für Zeile gewachsen, sozusagen parallel zu den Zeugenbefragungen.

Dass es eine Pressekonferenz zum Nato-Bericht geben sollte, hatten sie entschieden, bevor der Rapport den Bendlerblock überhaupt erreicht hatte. Schneiderhan findet die vorbereitete Erklärung eigentlich unangemessen. Aber er spielt das Berliner Spiel. Das Papier, das vor ihm liegt, ist die juristisch nicht angreifbare Verharmlosung eines ganz und gar nicht harmlosen Vorgangs. Und am Vortag hat Schneiderhan selbst einmal zu Mitarbeitern gesagt: "So kann ich doch nicht reden." Aber nun hält er doch den Kurs, den er und Wichert schon die ganze Zeit verfolgen, es geht um Schadensbegrenzung, um den Schutz eines Obersts und den der ganzen Truppe.

Berlin/Bratislava, Bendlerblock, Schneiderhans Hotelzimmer, 6. November

Schneiderhan weiß schon, warum Guttenberg anruft. Der Generalinspekteur ist auf Dienstreise in Bratislava, in Berlin daheim will der neue Minister nun auch eine Pressekonferenz zum Nato-Bericht geben, seine eigene. Immerhin surft er gerade auf einer wunderbaren Erfolgswelle, er hat per "Bild"-Zeitung die "kriegsähnlichen Zustände" in Afghanistan ausgerufen, seither wird er gefeiert wie ein Held, vor allem in der Truppe selbst. Er will das weiter ausreiten, Guttenberg, "the Rocking Baron", wie englische Zeitungen schreiben, gefällt sich gut im Licht der Scheinwerfer.

Durch Berlin schwirren viele Gerüchte. Die "Leipziger Volkszeitung" meldet, Guttenberg wolle sich von Schneiderhan distanzieren. In den Redaktionen brummen die SMS, die Schneiderhans Rücktritt vorhersagen. Doch Guttenberg ist am Telefon aufgeräumt und freundlich. "Ich lasse Sie nicht im Regen stehen", sagt er. "Sie brauchen auch nicht zu kommen. Ich mache das schon." Er bespricht mit dem Generalinspekteur ein paar Details dessen, was er sagen will, bald betritt er die Bühne.

Um 14.15 Uhr schreitet er auf dem Weg zum Rednerpult im Besucherzentrum des Bendlerblocks weit aus. Er geht im Bewusstsein von einem, der sagt, was Sache ist, er will nicht sein wie so viele Kollegen, aus deren Mund immer nur die Berliner Holzsprache quillt. Er redet Klartext.

"Meine Damen, meine Herren. Grüß Gott! Guten Tag! Ich will vorausschicken, dass ich keinen Zweifel an der Einschätzung des Generalinspekteurs hege", sagt Guttenberg. Warum sollte er auch: In einer achtseitigen Stellungnahme des Einsatzführungsstabes zum Nato-Abschlussbericht haben ihm die Experten seines Hauses unter Punkt 1, "Kurzzusammenfassung", noch einmal schwarz auf weiß hingeschrieben, dass Oberst Klein trotz einiger Verfahrensfehler "auf der Grundlage der ihm zum damaligen Zeitpunkt zur Verfügung stehenden Informationen und vor dem vorliegenden Bedrohungshintergrund militärisch angemessen gehandelt" habe. Schneiderhan hat das ein paar Tage vorher ja auch so ähnlich gesagt.

Nur hat er es eben in der guten, alten Holzsprache gesagt, mit allen juristischen Girlanden vorneweg. Die, so denkt Guttenberg, muss man aber weglassen, wenn man rüberkommen will beim Volk. Und deshalb sagt er jetzt einen Satz, dessen Folgen er nicht absieht: "Selbst wenn es keine Verfahrensfehler gegeben hätte, hätte es zum Luftschlag kommen müssen."

Berlin, Kanzleramt, 14. November

Die "Frankfurter Allgemeine" erscheint mit einem großen Merkel-Interview. Die "FAZ" fragt: "Verteidigungsminister Guttenberg spricht von einem Kriegseinsatz in Afghanistan. Und Sie?" Merkel antwortet: "Ich teile die Meinung von Verteidigungsminister zu Guttenberg, dass aus der Sicht unserer Soldaten kriegsähnliche Zustände in Teilen Afghanistans herrschen, auch wenn der Begriff 'Krieg' aus dem klassischen Völkerrecht auf die jetzige Situation nicht zutrifft." Das ist alles.

Seit Wochen bleibt die Kanzlerin bei dieser Art Minimalprogramm. Sie hat sich, anfangs, nicht weiter um die Sache gekümmert, nur den Finger in die Luft gehalten, um die ungefähre Windrichtung zu spüren. Sie hat, vier Tage nach den Ereignissen, eine Regierungserklärung abgegeben, aber das war zu einem Zeitpunkt, als sie sich noch bequem darauf berufen konnte, die vorliegenden Berichte seien "widersprüchlich". Immerhin hat sie gleich ihr Bedauern über mögliche zivile Opfer bekundet. Mittlerweile hat ihr Amt aber Dokumente vorliegen, mittlerweile könnte sie sich viel kompetenter äußern, sie hätte auch einen Blick in die Texte werfen können, um sich schlauer zu machen, aber sie unterlässt es; oder sie macht es, unterlässt es aber, sich dazu zu äußern.

Sollen sich andere die Flecken auf die Weste machen, es ist nicht ihre Baustelle. Sicher, wenn dieser Afghanistan-Einsatz zum Krieg erklärt würde, wäre die Kanzlerin laut Verfassung die Oberbefehlshaberin der Streitkräfte. Aber es ist ja, Gott sei Dank, kein Krieg. Jedenfalls nicht "nach dem klassischen Völkerrecht". Und dabei möchte es Merkel belassen. Sonst müsste sie am Ende womöglich klar Stellung beziehen. Die Richtung vorgeben. Entscheidungen fällen. Befehle erteilen.

Berlin, Ministerbüro Guttenberg, 25. November, 14.15 Uhr

Guttenberg ist seit genau vier Wochen Verteidigungsminister. Mit der Kanzlerin hat

er über Kunduz nicht geredet, auch im Kabinett waren die Bomben kein Thema. Ihre Druckwelle ist, seit drei Wochen ungefähr, eigentlich gar nicht mehr zu spüren. Aber an diesem Morgen hat sich die "Bild"-Zeitung im Bendlerblock gemeldet und mit Papieren in Sachen Kunduz gewedelt, die er nicht kennt. Guttenberg ist außer sich, er verliert die jungenhafte Siegessicherheit, die er sonst so gern verströmt.

Ein Feldjägerbericht ist aufgetaucht, mit dem die Springer-Leute tags darauf Schlagzeilen machen werden unter der Überschrift: "Die Wahrheit über den Luft-Angriff in Afghanistan". Guttenberg und sein Pressestab wissen nicht, wovon die Rede ist. Sie werden erfahren, tags darauf, dass "Bild" der Videomitschnitt aus dem Cockpit der beteiligten F-15-Kampfjets vorliegt, die Redaktion wird aus dem Feldjägerbericht zitieren.

Der Minister bestellt seine beiden Spitzenkräfte ein. Um 14.15 Uhr sitzen sie vor ihm, Generalinspekteur Schneiderhan und Staatssekretär Wichert, aber nur dieses Faktum ist unstrittig; über die weiteren Begebenheiten herrscht Uneinigkeit, so dass nur die Gewissheit bleibt: Eine der hier beteiligten Parteien lügt.

Ist es Schneiderhan? Er sagt, der Minister habe ihn und Wichert ein paar Minuten zuvor überraschend zu sich zitiert. Sie sitzen zu viert um das große hölzerne Oval des Konferenztischs im Ministerbüro. Wichert und Schneiderhan sitzen Guttenberg gegenüber, am Kopf des Tisches hat Sabine Bastek, Guttenbergs Büroleiterin, Platz genommen.

Ob es noch mehr Berichte über das Bombardement in Afghanistan gebe, will Guttenberg wissen. Schneiderhan versteht nicht, worauf der Minister hinauswill. Ob es nationale Berichte gebe, die er nicht kenne, fragt Guttenberg ein weiteres Mal. Schneiderhan antwortet, es gebe eine Meldung von Oberst Klein, den Report eines Obersts Neumann, der im Initial Action Team eingesetzt war, und einen Bericht der Feldjäger. Wichert nennt noch den Report des Internationalen Roten Kreuzes. Den Guttenberg allerdings längst hat, denkt Schneiderhan bei sich. Das Papier war das erste, das nach Guttenbergs Amtsantritt das Ministerium erreichte.

Zehn Minuten dauert die kleine Aussprache. Dann sind Schneiderhan und Wichert entlassen mit dem Auftrag, die Berichte zu beschaffen. Sie sind noch nicht entlassen im Sinne von: des Amtes enthoben. Das kommt erst drei Stunden später. Jetzt stehen sie erst noch auf dem Flur und fragen sich: Hätten sie Guttenberg alle Berichte vorlegen sollen? Müssen? Im großen Nato-Bericht stand doch alles drin. So geht Schneiderhans Version.

Lügt er? Oder lügt Guttenberg? Der Minister sagt: Es waren nicht vier, es waren fünf Leute im Raum an jenem 25. November. Nicht nur Sabine Bastek als Zeugin, sondern noch jemand, dessen Identität bis heute niemand kennt und die Guttenberg nicht preisgeben will. Und diese beiden, sagt Guttenberg, hätten sogar mitgeschrieben, also nicht richtig Protokoll geführt, sagt er, aber mitgeschrieben.

Und zwar diese Version: Guttenberg habe "erst mal ganz unschuldig" gefragt, ob es weitere Berichte gebe. Und Schneiderhan und Wichert antworteten: "Von uns gibt es keine weiteren Berichte."

Guttenberg fragt, nach seiner Version, noch einmal: "Gibt es zu dem mir bekannten Nato-Bericht weitere Berichte?" Und die Antwort lautet wieder: "Nein." Und weil es ja sein könne, sagt er, dass einem auch mal was entgehe, habe er auch noch ein drittes, viertes und fünftes Mal gefragt, ob es abgesehen vom großen Nato-Abschlussbericht Berichte gebe, "die eine nationale Handschrift tragen?"

Darauf wird ihm geantwortet: "Ach, Sie meinen den Rot-Kreuz-Bericht, den wir Ihnen vor zwei Wochen zugesendet haben." Aber Guttenberg meint nicht den Rot-Kreuz-Bericht, den kennt er ja längst. Er meint den Feldjägerbericht, mit dem die "Bild"-Zeitung wedelt - und so muss er feststellen, dass er seinen eigenen Leuten nicht trauen kann. Dass die eigenen Berater ihm Akten vorenthalten, dass sie, so wird es ihm bei "Maybrit Illner" rausrutschen, Material "unterschlagen". So geht Guttenbergs Version.

Das Problem ist, dass es noch eine dritte gibt, nämlich die von Wichert. Der entlassene Staatssekretär äußert sich öffentlich noch nicht zu dem Vorgang; er behält es sich für den Untersuchungsausschuss vor. Die Version aber, die er engen Vertrauten erzählt, bestätigt praktisch wortwörtlich, was Schneiderhan über diesen Nachmittag zu sagen hat. Somit steht hier nicht einfach Aussage gegen Aussage; es steht, in Sachen Wahrheitsfindung, aus Sicht des Ministers 1:2 gegen ihn.

Berlin, Bendlerblock, 25. November, nach 17 Uhr

Karl-Theodor zu Guttenberg, 15. Verteidigungsminister in der Geschichte der Bundesrepublik, ruft Generalinspekteur Schneiderhan, dann Staatssekretär Wichert in sein Büro, dankt ihnen für ihre Verdienste - und entlässt sie, das heißt, er bittet sie, um ihre Entlassung nachzusuchen.

Berlin, Katholische Akademie, 26. November, 8 Uhr

Franz Josef Jung besucht den Frühgottesdienst. Einmal im Monat hält ein Prälat in der Katholischen Akademie eine Messe für Abgeordnete des Deutschen Bundestags ab. Kurz vor Beginn bittet der Prälat den neuen Arbeitsminister, die heutige Lesung zu übernehmen, vorgesehen ist eine Passage aus dem Alten Testament, das sechste Kapitel aus dem Buch Daniel, der Titel: "Daniel in der Löwengrube". Jung macht das gut. Nach dem Gottesdienst steigt er bestens gelaunt in seine Dienstlimousine, wo die Zeitungen des Tages bereitliegen.

In der "Bild"-Zeitung liest Jung auf Seite eins über den Feldjägerbericht, ein Dokument, von dem er schon einmal gehört hat. Die Nato-Ermittler um Generalmajor Sullivan haben das Papier wegen mangelnden Neuigkeitswerts einfach vernichtet. An diesem Tag taugt es trotzdem zu großen Schlagzeilen. Guttenberg, Jungs Amtsnachfolger, hatte am Vorabend versucht, ihn zu erreichen, aber sie telefonierten aneinander vorbei. Jetzt, auf der Fahrt in den Bundestag, reden sie miteinander.

Guttenberg erzählt ihm, dass er Wichert und Schneiderhan entlassen habe. Jung hat nicht das Gefühl, dass das etwas mit ihm zu tun haben könnte. Er ahnt nicht, dass er noch einmal in die Löwengrube muss. Er ist doch jetzt Arbeitsminister, was geht ihn Kunduz an?

Berlin, 26. November

Angela Merkel sagt: "Ich habe immer darauf gedrungen, dass es volle Aufklärung gibt." Insofern habe Verteidigungsminister Guttenberg ihre volle Unterstützung, "wenn er sozusagen das aufklärt, was vielleicht noch aufzuklären ist, und auch die notwendigen Konsequenzen trägt und vollzieht".

Sie bleibt ihrer Linie treu. Der folgenschwerste deutsche Militäreinsatz seit dem Zweiten Weltkrieg ist nichts, was sie unmittelbar etwas angeht. Dafür hat sie den "Herrn Verteidigungsminister", der die Konsequenzen, die er zieht, am besten auch ganz allein trägt.

Sie behandelt Kunduz wie eine irrtümlich bei ihr abgegebene Postsendung, die sie immer gleich ans Verteidigungsministerium weiterschickt, per politischen Nachsendeantrag sozusagen.

Berlin, Arbeitsministerium, 27. November, 13.30 Uhr

Franz Josef Jung tritt "nach reiflicher Überlegung" als Arbeitsminister zurück. Wegen Kunduz.

Berlin, 1. Dezember

Bundeskanzlerin Merkel sagt, dass "wir jetzt eine Phase haben, in der noch einmal eine Neubewertung erfolgt". Es müsse "ganz deutlich gemacht werden, dass es ein Bedauern darüber gibt, dass in Folge deutschen Handelns zivile Opfer - damals war diese Sache noch nicht völlig klar - zu beklagen sind und dass Deutschland dafür die Verantwortung übernimmt". Mit "damals" meint sie den Zeitpunkt ihrer Regierungserklärung am 8. September. Deutschland übernimmt die Verantwortung. Die Kanzlerin lieber nicht.

Berlin, Reichstagsgebäude, 3. Dezember

Der Bundestag diskutiert an diesem Vormittag die Drucksache 17/39, die "Fortsetzung der Beteiligung bewaffneter deutscher Streitkräfte an dem Einsatz einer Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe". Es geht um die Zukunft des deutschen Afghanistan-Einsatzes.

Eigentlich ist alles gesagt, der nächste Tagesordnungspunkt wartet, da lässt sich Verteidigungsminister Guttenberg überraschend das Wort erteilen.

"Gestatten Sie mir", beginnt der Minister, "dass ich eine Neubewertung der Vorfälle in Kunduz vornehmen werde." Sein Kopf leuchtet rot, er wirkt aufgeregt. Am Vorabend hat er Angela Merkel informiert, dass er diesen heiklen Schritt am nächsten Morgen zu gehen gedenke. Sie hat ihm ihre Unterstützung zugesichert.

Leider ist der entscheidende Satz nur schwer zu verstehen, was verwunderlich ist bei einem, der sich bislang für seine klare und deutliche Sprache rühmte. "Obgleich Oberst Klein - ich rufe das auch den Offizieren zu, die heute hier sind - zweifellos nach bestem Wissen und Gewissen sowie zum Schutz seiner Soldaten gehandelt hat, war es aus heutiger, objektiver Sicht, im Lichte aller, auch mir damals vorenthaltener Dokumente militärisch nicht angemessen."

Guttenberg verschachtelt den Schlüsselsatz, als wolle er seine Aussage unkenntlich machen, als sei sie ihm unangenehm. Das "auch" liegt im Satz wie Fallobst. Ähnlich ungelenk klingt der nächste Satz: "Nachdem ich - ohne juristische Wertung, das ist mir wichtig - meine Beurteilung diesbezüglich rückblickend mit Bedauern korrigiere, korrigiere ich meine Beurteilung allerdings nicht betreffend mein Verständnis bezüglich Oberst Klein."

Es ist der vermutlich schlechteste Auftritt Guttenbergs in der deutschen Öffentlichkeit. Und was der Minister sagt, ist ziemlich verquer: Wenn der Militärschlag also doch unangemessen war - wieso stellt er sich dann immer noch breitbeinig vor den Oberst, der ihn befohlen hat?

Berlin, Bendlerblock, 3. Dezember, abends

Verteidigungsminister Guttenberg hält die Abschiedsrede auf Wichert und Schneiderhan, die so positiv ausfällt, dass sich die Anwesenden zuraunen: "Warum stellt er sie dann nicht gleich wieder ein?" Wichert hält eine launige, abgebrühte Rede, Schneiderhan wirkt ernster. Er spricht vom "positiven Effekt seines Hinauswurfs", er sagt: "Immerhin hat das den Vorteil, dass ich die enge Weste der Loyalität aufknöpfen kann." Jeder im Saal versteht das als Drohung.

Berlin, Bundespressekonferenz, 4. Dezember

"Die Bundeskanzlerin kann die Neubewertung gut nachvollziehen", sagt Regierungssprecher Ulrich Wilhelm, er kommentiert den Auftritt Guttenbergs im Bundestag.

Kabul, Isaf-Hauptquartier, 5. Januar 2010

Konteradmiral Smith sitzt in seinem Büro im Medienbunker. Der Chef der Isaf-Kommunikationsabteilung hatte eine harte Woche um Neujahr: Sieben Mitarbeiter der CIA wurden in der Khost-Provinz von einem Qaida-Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt, die Kanadier verloren vier ihrer Isaf-Soldaten, zwei französische Journalisten wurden entführt, und Isaf wird beschuldigt, in der Provinz Kunar zehn Zivilisten erschossen zu haben. Die Bomben von Kunduz? Sind weit weg.

Smith zeichnet mit dem Finger eine Kurve in die Luft, er nennt das die "Storyline von Kunduz". Sie steigt steil an, das ist die Aufregung in der Welt kurz nach dem Vorfall, die Spitze ist die Reaktion in Afghanistan, die jedoch gleich wieder steil abfällt. Kein großer Schaden also für die Gesamtmission in Afghanistan. Dann gleitet sein Finger jedoch noch lange auf halber Höhe weiter, das sei die Lage in Deutschland. Keine Beruhigung bisher.

EPILOG

Ein Minister ist entlassen, ein Staatssekretär musste gehen, ein Generalinspekteur hat das Amt verloren. Der beliebteste Minister der Deutschen wird bezichtigt, mit Unwahrheiten zu hantieren, womöglich glatt zu lügen, die Bundeskanzlerin steht im Verdacht, die tödlichste Operation deutscher Militärs seit dem Zweiten Weltkrieg aus Angst um ihre Wiederwahl erst weggedrückt zu haben, um sie nach dem Sieg zu Ende auszusitzen; es sind dramatische Geschichten, die am 4. September auf einer Sandbank im Kunduz-Fluss, fast 5000 Kilometer von Berlin entfernt, beginnen.

Zwischenzeitlich schien es, nach den ersten Hinauswürfen, als wäre die Angelegenheit, das Bombardement unschuldiger Menschen, befohlen durch einen deutschen Oberst, politisch einigermaßen abgegolten, aber das ist ein Irrtum.

Dem Kunduz-Untersuchungsausschuss bleibt viel Arbeit. Er muss ermitteln, was das Kanzleramt wann wirklich wusste und warum sich die Kanzlerin entgegen ihren eigenen Versprechen nicht viel aktiver in die Aufklärung einschaltete. Er muss Antworten geben darauf, ob im Verteidigungsministerium Strukturen entstanden sind, in denen sich die militärischen Zirkel von der politischen Leitung ablösten. Es geht darum, ob der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr - am Bundestag vorbei - Richtung Offensive verschärft wurde, so dass sich Oberst Klein womöglich im Recht und gedeckt fühlen durfte bei dem, was er tat. Es geht auch um Deutschlands politische Kultur: Gehört die Lüge zum Standardrepertoire der Berliner Politik?

Was auch immer der Untersuchungsausschuss zu diesen Fragen in den nächsten Monaten zutage fördern wird, ein Ergebnis hat die Bombennacht von Kunduz schon jetzt: Deutschland, wenigstens daran kann seit dem 4. September niemand mehr vernünftig zweifeln, führt Krieg am Hindukusch.

Die deutschen Soldaten stehen regelmäßig, kaum dass sie die schützenden Mauern ihres Camps am Flugfeld von Kunduz verlassen, unter Feuer. Und sie werden nicht nur beschossen, sie schießen auch zurück, sie töten, und sie werden getötet, und die politische Klasse in Deutschland sollte nun nicht länger behaupten dürfen, es verhalte sich anders.

Die Bombennacht ist der Moment einer unsanften Ankunft in der Wirklichkeit. Seit 1991 befinden sich deutsche Soldaten Tag für Tag in irgendeinem Auslandseinsatz, in Afrika, in Asien, in Ex-Jugoslawien, im Mittelmeer. In der Nato wie in der Europäischen Union ist Deutschland einer der größten Truppensteller. Aktuell finden parallel ein Dutzend Bundeswehreinsätze im Ausland statt, und sie haben mit der Verschickung von Sanitätern wie anfangs nach Kambodscha nichts gemein.

Derlei Fakten zählen nicht zum Gemeingut der politischen Debatte, und das ist ein Armutszeugnis: Wie auch immer der Bundestag im abgelaufenen Jahrzehnt besetzt war, wer immer die Regierung führte, es hat nur wenig daran geändert, dass über die Militäreinsätze verdruckst und am Ende verlogen diskutiert wurde.

Am 4. September nun ist die Glückssträhne gerissen, nachdem auf diesem historischen Schleichweg so lange kaum nennenswerte Kollateralschäden entstanden, sich nur wenige Unfälle ereigneten und schuldhaftes Verhalten selten war.

Mit einem Schlag mussten die Deutschen am Morgen des 4. September begreifen, wovor sie jahrelang die Augen verschlossen hatten, um das sympathische Selbstbild einer friedliebenden, vom Krieg für immer geheilten Nation aufrechterhalten zu können: Sie mussten lernen, dass Deutschland Krieg führt. Und dabei nicht einmal die Regeln einhält, die gelten, wenn Krieg ist. ULRIKE DEMMER,

MARKUS FELDENKIRCHEN, ULLRICH FICHTNER, MATTHIAS GEBAUER, JOHN GOETZ, HAUKE GOOS, JOCHEN-MARTIN GUTSCH, SUSANNE KOELBL, SHOIB NAJAFIZADA, CHRISTOPH SCHWENNICKE, HOLGER STARK

* Die angegebenen Uhrzeiten sind jeweils Ortszeit. Um 12 Uhr in Afghanistan ist es in Deutschland 9.30 Uhr Sommerzeit.* Beim Großen Zapfenstreich für Generalinspekteur Schneiderhan (l.) und Staatssekretär Wichert (r.) am 3. Dezember 2009 in Berlin.

DER SPIEGEL 5/2010
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