Von Hornig, Frank und Schulz, Thomas
Als er seinen ersten großen Deal endlich unterschriftsreif hatte, war Brad Morrice nicht mehr zu stoppen. Nicht einmal ein Brand nahe seinem Privathaus konnte ihn ablenken an diesem großen Tag. "Pack ein paar Sachen ins Auto und hau ab, ich habe jetzt keine Zeit", riet er damals telefonisch seiner schockierten Frau.
Jahrelang hatte er vorher versucht, Wall-Street-Banken für sein Geschäft mit sogenannten Subprime-Hypotheken zu begeistern, also Immobilienkrediten für Leute, die sich eigentlich kaum die Raten leisten konnten. Lange hatten sie in New York nicht geglaubt, dass sich damit Geld verdienen lässt. Doch auf einmal konnten die Investmentbanken nicht genug bekommen von den billigen Hypotheken.
Morrice' Unternehmen New Century Financial wurde innerhalb kurzer Zeit zum zweitgrößten Anbieter. 7200 Mitarbeiter schafften zuletzt gemeinsam mit einem Heer von landesweit 47 000 Maklern täglich neue Kreditverträge ran, aus denen Banker an der Wall Street dann Pakete schnürten für ihre weltweiten Kunden - Hedgefonds, Pensionskassen und deutsche Landesbanken.
Solange die Immobilienpreise stetig stiegen, schien Morrice das Perpetuum mobile erfunden zu haben. Die Geschäftsidee funktionierte, eine der tollsten Erfolgsgeschichten Amerikas hatte begonnen.
Doch in Wahrheit war es "eine tickende Zeitbombe, die 2007 explodierte", heißt es in einem Untersuchungsbericht des Konkursgerichts von Delaware. Das Ende der Firma habe die "Marktkatastrophe" mit ausgelöst: "Die Folgen sind gewaltig und ohnegleichen."
Im Dezember verklagte nun die US-Börsenaufsicht SEC Ex-Führungskräfte von New Century rund um Morrice wegen Betrugs. Auf 50 Seiten haben die Ermittler in ihrer Klageschrift zusammengetragen, wie die ehemaligen Top-Manager Investoren geschädigt haben sollen: Die Vorwürfe reichen von Bilanz- bis Wertpapierbetrug. Quartalsberichte hätten "falsche und irreführende Informationen" enthalten. Morrice selbst hätte zu verantworten, "dass negative Informationen über das Geschäft nicht veröffentlicht wurden", heißt es in der Klage.
Nun könnte New Century wieder zu einem Symbol werden: dieses Mal allerdings für eine Generalabrechnung mit den Mitverursachern der Finanzkrise.
Brad Morrice ist ein intellektueller Typ, übergewichtig, mit dünnem grauem Haar und einer manchmal nervenden Leidenschaft für endlose Diskussionen. 1995 hatte er New Century mit zwei Freunden in einem Vorort von Los Angeles gegründet. Aus dem Nichts stiegen die vergebenen Kredite bis 2006 auf über 60 Milliarden Dollar.
Die Szene war begeistert, die drei Gründer wurden "Unternehmer des Jahres" in einem Wettbewerb der Wirtschaftsprüfer Ernst & Young. Im "Wall Street Journal" landete die Firma auf Platz drei der "Top Guns"-Liste der leistungsstärksten Unternehmen.
Morrice selbst verdiente prächtig und führte ein Luxusleben in Laguna Beach bei Los Angeles. Immer wieder betonten er und seine Partner unisono ihre konservative Geschäftsphilosophie. Die Qualität der Hypothekenkredite sei "stark" und "sehr hoch", das Ergebnis eines "strikten" und "verbesserten" Risikomanagements.
Doch die guten Zahlen waren das Resultat eines großangelegten Betrugssystems, behauptet die bereits im April 2008 eingereichte Klage eines US-Pensionsfonds, der viel Geld durch New Century verlor. Mit über 30 Zeugenaussagen beschreiben die Anwälte des Fonds detailliert, wie das System funktioniert haben soll.
Schon ab 2003 verabschiedete sich die Firma demnach von vielen Standards und Qualitätskontrollen. Hauskäufer konnten ihr Einkommen auf dem Hypothekenvertrag ohne Nachweis eintragen, nichts wurde überprüft. Das waren die Lügner-Hypotheken, im Fachjargon "Liar Loans" genannt. Ein Eigenanteil war nicht länger erforderlich. Auch die Tilgung des Darlehens drängte nicht. Es reichte, die monatlichen Zinsen zu zahlen.
Die Qualität solcher Hypotheken war "einfach Schrott", sagt ein ehemaliger Mitarbeiter aus Kalifornien heute. Es gab immer jemanden, der ein Darlehen abzeichnen würde, "egal wie schlecht es war", sekundiert eine frühere Vorgesetzte.
"Die Richtlinien wurden aus dem Fenster geworfen", sagt ein Ex-Vertriebsmann aus Ohio, der monatlich 200 Verträge ranschaffte. Lehnte er besonders dubiose Kunden ab, machten ihm Vorgesetzte "die Hölle heiß". "Wer noch einen Herzschlag hatte, bekam auch eine Hypothek", sagt ein anderer, denn am Ende zählte nur eins: "Umsatz, Umsatz, Umsatz".
Jeden Monat verkaufte New Century derart produzierte Hypotheken in gebündelten Paketen an Investmentbanken, die immer mehr davon verlangten. Die Firmenmanager "befriedigten bereitwillig die Nachfrage der Investoren", heißt es in Prozessakten. Sie "verschlossen die Augen vor den wachsenden Risiken".
Als sich der Markt drehte, als die Zinsen stiegen und zahllose Kleinkunden nicht mal mehr die ersten Raten ihrer Hypotheken bedienen konnten, da strömte die verdorbene Ware in immer größeren Wellen in die Firmenzentrale von New Century zurück. Morrice musste sie akzeptieren, so stand es in den Verträgen.
Aber die Gründer hatten keine Rücklagen für diesen Fall gebildet. Intern brach Chaos aus. "Das Finanzteam macht mir große Sorgen", schrieb einer der Großaktionäre und Aufsichtsräte, der Hedgefonds-Manager David Einhorn, in einer E-Mail vom August 2006: "So ziemlich jede Analyse, die man uns vorlegt, ist fragwürdig." Ein anderer Aufsichtsrat bezweifelte die "Seriosität des Managements", es sei "funktionsgestört".
Jahrelang, so der Vorwurf, beschönigten die Manager das Problem. Erst im Februar 2007 gestanden sie den Ernst der Lage ein und berichtigten ihre Bilanzen. Wenig später setzte die Börse den Handel mit New-Century-Aktien aus, die Geldgeber der Firma verschärften ihre Forderungen. Am 2. April meldete die Firma Insolvenz an. Im Sommer 2007 brachen in New York die ersten beiden großen Hedgefonds zusammen.
"Die Aktionäre von New Century wurden doppelt getroffen: Die Bilanzwerte des Unternehmens verfielen zunehmend, das Management manipulierte die Zahlen und verschleierte den Zusammenbruch", sagt der SEC-Chefermittler Robert Khuzami.
Morrice lehnte mehrere Interviewanfragen des SPIEGEL ab und reagierte nicht auf einen detaillierten Fragenkatalog. "Mr. Morrice wird dieses Thema nicht außerhalb eines amerikanischen Gerichtssaals diskutieren", sagt sein Anwalt.
In einer Stellungnahme zur Klage der SEC erklärte er, dass die Betrugsvorwürfe "schlicht falsch" seien und dies im Prozess auch bewiesen werde. "Brad hat alles versucht, um das Unternehmen zu retten und die Aktionäre korrekt über die vielfältigen Herausforderungen zu informieren." Morrice sei selbst "eines der größten Opfer".
FRANK HORNIG, THOMAS SCHULZ
DER SPIEGEL 5/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.