01.02.2010

AFFÄRENGefangener der Angst

Der Unternehmer Harald Christ, einst im Wahlkampfteam von SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, wurde anonym der Pädophilie bezichtigt. Dahinter soll der umtriebige PR-Berater Norbert Essing stecken.
In der Mittagszeit des 26. Februar 2008 betritt eine Sekretärin das Büro von Harald Christ bei der Weberbank in Berlin. Sie hält ein Fax in der Hand, sie ist kreidebleich, ihre Hände zittern. Christ nimmt das Fax und liest.
Es ist eine Meldung der Deutschen Presse-Agentur vom 24. Februar, die Überschrift heißt: "BND erpresste laut Zeitung pädophilen Banker für Kundendaten". Es folgt ein achtzeiliger Bericht, darunter steht handschriftlich: "An die Weber-Bank, Herrn Graf Strasoldo. Das ist doch sicher Herr Christ, oder?" Ein Absender fehlt.
Graf Strasoldo war damals der Chef der Weberbank. Das Fax ging nicht an seinen Apparat, sondern an die Zentralnummer. So war gewährleistet, dass das Gerücht, Christ sei pädophil, durch die gesamte Bank laufen konnte.
Harald Christ, 37, ist ein kräftiger Mann mit kurzen Haaren und einer schwarzen Brille. Er war Manager bei der Deutschen Bank und der Weberbank. Er ist Mitglied der SPD und war Experte für den Mittelstand im Kompetenzteam von Frank-Walter Steinmeier im Wahlkampf 2009.
Knapp zwei Jahre nachdem er dieses Fax bekommen hat, am Montag vergangener Woche, sitzt er in einem Berliner Restaurant und redet über das, was ihm geschehen ist. Er hat zwei Jahre gebraucht, um seinen Mut zu sammeln und an die Öffentlichkeit zu gehen.
Christ ist homosexuell, er lebt in einer festen Partnerschaft mit einem Mann, Pädophilie ist für ihn ein schweres Verbrechen. Er sagt, dass er damit nicht das Geringste zu tun hat, und er ist auch nicht der Mann, um den es in der Meldung geht.
Nachdem er das Fax bekommen hat, schaut Christ es sich genau an. Am unteren Rand liest er die Kennung "Autobahn Rasthof Nievenheim West". Das liegt in der Nähe von Düsseldorf, und Christ gibt einem Anwalt den Auftrag, das Video der Überwachungskamera zu besorgen, die es dort geben muss.
Dieses Video liegt dem SPIEGEL nun vor. Es zeigt Christs ehemaligen Kommunikationsberater Norbert Essing, wie er am 26. Februar 2008 gegen 12.15 Uhr zum FaxGerät der Tankstelle geht und danach an der Kasse bezahlt. Das sind genau die Daten, die neben der Kennung erscheinen.
Nun, zwei Jahre später, fängt Harald Christ an, sich zu wehren. Er hat dem früheren Bundesinnenminister Otto Schily das Mandat erteilt, eine Anzeige gegen Essing vorzubereiten.
Es geht um versuchte Nötigung und versuchte Erpressung.
Wer sich mit diesem Fall befasst, landet bald in einer Kampfzone, in der mit übelsten Methoden gearbeitet wird, anonym, unsichtbar. Essings liebster Satz über seine Arbeit ist: "Mich gibt es gar nicht." Aus der Deckung heraus nutzt er die Macht der Medien für seine Zwecke.
Im Fall Essing geht es auch darum, was für eine furchtbare Macht die Öffentlichkeit sein kann, wenn sie missbraucht wird. Angst ist ein Wort, das bei den Recherchen in diesem Nebel zwischen PR, Politik, Wirtschaft und Medien oft fällt. Es ist die Angst mächtiger Männer vor schlechten Nachrichten. Essing treibt sein Spiel damit. Der Fall ist auch ein Sittengemälde in der Grauzone zwischen Wirtschaft und Medien.
Christ lernt Essing 2005 im Interconti in Berlin kennen. Norbert Essings Bruder Wolfgang hat den Kontakt vermittelt. Christ erinnert sich an ein Einstecktuch und ein "sehr massives Auftreten". Essing habe einen Bentley-Schlüssel auf den Tisch geworfen. Er habe gesagt, er entscheide darüber, wer in der Deutschland AG oben oder unten sei. Christ war beeindruckt, aber auch irritiert. Essings Großspurigkeit gefiel ihm nicht.
Trotzdem schloss er einige Monate später einen Beratervertrag mit Essing ab. Dabei hat ihn auch persönlicher Ehrgeiz getrieben. Er kommt aus einer Arbeiterfamilie, aus Gimbsheim bei Worms, er hat sich rasch hochgearbeitet, nun lockt ihn die Aussicht, in der Deutschland AG ganz nach oben zu kommen. Und er glaubt, dass ihm Essings Netzwerk in Medien und Unternehmen dabei helfen kann. Heute sagt er, dass dieser Ehrgeiz blind gemacht habe.
Damals wollte er seine Finanzfirma HCI an die Börse bringen. Das ist immer eine sensible Zeit. Es kommt darauf an, schlechte Nachrichten zu vermeiden und gute zu produzieren, damit der Eröffnungskurs hoch liegt.
Ohnehin hat die Wirtschaftswelt ein schwieriges Verhältnis zur Öffentlichkeit. Es gibt viel Geheimhaltung, damit die Konkurrenz nichts erfährt. Und eine schlechte Nachricht kann Unsummen kosten, weil der Aktienkurs oder der Warenabsatz einbrechen könnte. Zudem ist vielen Managern die Welt der Medien fremd und unheimlich. Gleichzeitig sind manche eitel genug, um gern in der Presse aufzutauchen, natürlich nur mit günstigen Artikeln.
Das ist die Chance der PR- und Kommunikationsberater. Ein Mann wie Essing sitzt nie allein bei seinen Klienten. Er verspricht Öffentlichkeit, die einen bewundern und vernichten kann. Essing gibt vor, die Launen dieser Öffentlichkeit beeinflussen zu können. Das macht ihn für Manager attraktiv und schrecklich zugleich, denn seine Arbeit ist nicht nur eine Verheißung, sondern auch eine Drohung, je nachdem, auf welcher Seite er steht.
Essing hat bei Audi und der Deutschen Börse gearbeitet, bevor er sich 1999 selbständig gemacht hat. Schon nach kurzer Zeit konnte er eine Reihe interessanter Kunden gewinnen. Neben dem Medienmogul Leo Kirch gehörten schon Wirtschaftsgrößen wie der langjährige Metro-Chef Hans-Joachim Körber dazu, Ex-Siemens-Chef Klaus Kleinfeld, Ex-Dresdner-Bank-Vorstand Stefan Jentzsch, aber auch gestrauchelte Figuren wie der ehemalige Infineon-Chef Ulrich Schumacher.
Sie bezahlen Essing fürstlich. Der Umsatz seiner kleinen Firma lag in den vergangenen Jahren jeweils bei rund fünf Millionen Euro - bei überschaubaren Kosten. Seine Einnahmen pro Kunde schätzen Insider auf monatlich bis zu 50 000 Euro.
Den Journalisten wiederum liefert er unentgeltlich Informationen aus den Unternehmen, gute Informationen über seine Klienten, schlechte über deren Gegner. Wer nicht aufpasst, ist bald für Essings Zwecke eingespannt.
Norbert Essing, 49, ist ein schwerer Mann mit einer hohen Stirn. Als er am Mittwoch vergangener Woche zu einem Gespräch mit dem SPIEGEL ins Hotel Crowne Plaza in Schwerin kommt, trägt er eine Jeans und einen grauen Pullover. Er hat einen hellbraunen Lederkoffer dabei, aus dem er sofort einen Laptop holt. Den Computer und drei Handys platziert er nebeneinander auf dem Tisch. Nachdem er ein Kabel zu einer Steckdose verlegt hat, setzt er sich. Er redet viel, wirkt aber ruhig.
Essing lebt in Westerkappeln bei Osnabrück. Er steht morgens um 4.30 Uhr auf und sitzt um 6 Uhr im Flugzeug. Gegen 22.30 Uhr kehrt er zurück. So wie er das erzählt, sind das Ausflüge in einen Krieg. Essing spricht von harten Fronten. Seine Klienten nennt er mal "Krieger", mal "Schäfchen", die er beschützen muss. Das Wirtschaftsleben wird in dieser Erzählung zum Krieg aller gegen alle.
Tatsächlich gab es in den vergangenen Jahren eine große Zahl von Skandalen um deutsche Unternehmen: Mannesmann, Siemens, Telekom, Lidl, Deutsche Bahn, Deutsche Bank, Volkswagen, Infineon, dazu der Kampf um Opel, der Kampf Kirch gegen die Deutsche Bank, Continental gegen Schaeffler. Immer geht es um Spitzenjobs und sehr viel Geld. Es ist ein weites Feld für Kommunikationsberater.
Wenn sie seriös sind, kümmern sie sich um den Kampf, den es gibt. Wenn sie nicht seriös sind, erfinden sie den Kampf selbst oder schüren ihn.
Harald Christ erzählt, dass ihn Essing häufig gewarnt habe, da draußen seien lauter Feinde, Leute, die den Börsengang torpedieren oder ihn persönlich fertigmachen wollten, innerhalb und außerhalb der HCI.
Im Frühsommer 2007 war klar, dass Christ zur Weberbank wechseln würde. Daraufhin habe Essing von ihm eine Verlängerung des Vertrags verlangt, sagt Christ. Er habe das ebenso verweigert wie Essings Ansinnen, ihn bei der Weberbank zu mandatieren. Schließlich hatte Essing damals einen Beratervertrag mit der Konzernmutter, der WestLB. Am Ende habe Essing einen privaten Beratervertrag von Christ gewollt, zumal dessen Privatleben so "schwierig" sei. Gemeint war die Homosexualität. Essing sagt dazu: "Ich habe Herrn Christ nicht um Verlängerung des Beratervertrags gebeten."
Noch bevor Christ bei der Weberbank angefangen hatte, traf beim Pressesprecher dort ein anonymes Schreiben ein. Ob man wisse, dass Christ mit einem "Küchenhelfer" in Hamburg "schon seit Jahren zusammen wohnt und regelmäßig mit diesem und weiteren Päderasten Partys mit minderjährigen Jungen veranstaltet". Bis heute ist ungeklärt, wo dieser Brief herkommt.
Dann, am 26. Februar 2008, erreichte das Fax, das Christ noch einmal in den Verdacht der Pädophilie rückt, die Weberbank. Christ besorgte sich das Video aus der Raststätte und ist seitdem sicher, dass Essing es abgeschickt hat.
Als Norbert Essing am Mittwoch vergangener Woche vom SPIEGEL in Schwerin mit diesem Video konfrontiert wird, will er erst über etwas anderes reden, dann schaut er auf den Monitor. Der Film zeigt den Verkaufsraum aus Sicht einer Kamera, die schräg hinter der Kasse hängt. Auf der Uhr, die am unteren Bildrand mitläuft, ist es 12.13 Uhr, als ein Mann mit dunkler Hose, hellem Hemd und Krawatte den Verkaufsraum betritt. Er geht zur Kasse und lässt sich zeigen, wo das Fax-Gerät steht. Er hat Papier in der Hand. Um 12.17 Uhr tritt er wieder an die Kasse, bezahlt und verlässt den Verkaufsraum.
Essing sieht sich diesen Film reglos an. Er nimmt die Brille ab, schaut aber nicht die ganze Zeit zu, sein Blick wandert zwischendurch auch auf seinen Laptop.
Der Mann auf dem Video ist eindeutig Essing. Das Blatt, das er in der Hand hält, lässt das Schriftbild des Fax erahnen, das an die Weberbank gegangen ist: ein kurzer Text, darunter viel freier Raum. Essing bestreitet nicht, dass er auf dem Video zu sehen ist und dass er gegen 12.15 Uhr ein Fax aus der Raststätte gesendet hat - aber nicht an die Weberbank.
Später in der Woche erklärt er dazu schriftlich: "Ich habe weder an jenem Tag noch an einem anderen Tag aus einer Autobahnraststätte ein Telefax an die Weberbank gesendet. Insbesondere habe ich nie ein anonymes Schreiben über Herrn Harald Christ verbreitet."
Wie es zu dieser Koinzidenz kommen konnte, erklärt er nicht. Er deutet an, dass es sich um ein nachträglich fabriziertes Fax handeln könnte. Das aber hätte einigen zeitlichen Aufwand bedeutet, da ein Beschatter das Schriftbild von Essings Fax zunächst erkennen und nachempfinden und dann ein Faxgerät hätte manipulieren müssen. Das Schreiben wäre viel später bei der Weberbank eingetroffen. Christs Sekretärin und sein Anwalt bestätigen jedoch den Ablauf, wie ihn Christ schildert.
Christ hat Essing damals nicht angezeigt. Er hat Angst vor der Öffentlichkeit, weil er weiß, dass viele sofort denken: Vielleicht ist ja doch was dran, wer weiß. Es gibt keinen schlimmeren Verdacht als Pädophilie.
Außerdem macht er den Fehler, dass er Essing im Mai 2008 anonym einen Hinweis schickt, dass bekannt sei, wer das Fax geschickt habe. Wenig später lässt er seinen Anwalt einen Brief an Essing schreiben. Es soll ein "Warnschuss" sein. Essing versichert, er drohe Kunden nicht, insbesondere nicht mit der Veröffentlichung von Vorgängen aus ihrem Privat- oder gar Sexualleben.
Im Juli 2009 wird Christ ins Wahlkampfteam von SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier berufen, wo er für den Mittelstand sprechen soll. Kurz darauf berichtet "Focus", "ein vertrauliches Gutachten bringt Steinmeiers Geheimwaffe für den Wahlkampf, den Top-Manager Harald Christ, in Erklärungsnöte". Was damals in der Presse landete, ist lediglich ein Entwurf der US-Anwaltskanzlei White & Case aus dem April 2008. Die Firma HCI, bei der Christ war, hatte untersuchen lassen, ob seine Spesenabrechnungen korrekt waren. Damals war Wolfgang Essing, ein Bruder von Norbert Essing, Chef der HCI.
Das Dossier strotzt nur so vor unbewiesenen Verdächtigungen. So wird darauf hingewiesen, dass Christ Johannes Kahrs getroffen habe, "Mitglied der Hamburger SPD und homosexuell". Das reicht schon für die Unterstellung, es könne sich um ein "privat veranlasstes Treffen" handeln.
Essing weist gern darauf hin, dass ein Strafverfahren gegen Christ laufe. Die Anzeige stammt von einem bayerischen Anwalt, der eine Woche vor der HCI-Hauptversammlung einige Aktien gekauft hat. HCI erklärt, dass es gegenüber Christ keinerlei offene Forderungen gebe.
Er versichert, dass er seine Spesen stets korrekt abgerechnet habe. Allerdings habe er oft ein paar Dutzend Quittungen aus Restaurants zusammen eingereicht. "Da könnte es auch einmal vorgekommen sein, dass eine betriebliche Rechnung privat bezahlt worden ist und umgekehrt", sagt er. Er habe bereits 150 000 Euro an HCI bezahlt, um sich die bürokratische Fleißarbeit der Rekonstruktion Tausender Belege zu ersparen. Darin sind die 111 604 Euro, die das Gutachten gekostet hat, enthalten. In der wesentlich milder abgefassten Endfassung des Dossiers gehen die Anwälte von erklärungswürdigen Belegen in Höhe von bis zu 50 000 Euro aus.
Essing beteuert, er habe den Entwurf dieses Gutachtens nicht verbreitet, er habe im Wahlkampf gar nichts gegen Christ unternommen. Schriftlich erklärt er dazu: "Um Rat gebeten, habe ich geraten, korrekt mit dieser Angelegenheit umzugehen und die Revision sowie externe Prüfer hinzuziehen. Darüber hinaus bin ich in diesem Zusammenhang nicht tätig geworden."
Der Journalist Hermann Golz* dagegen sagt, ihm sei dieses Gutachten von Norbert Essing angeboten worden. Er arbeitet bei einem bekannten Medium, heißt aber nicht Hermann Golz. Er möchte nicht, dass sein Name derzeit in der Öffentlichkeit auftaucht, weil er sich Sorgen macht. Golz hat Essing so aggressiv am Telefon erlebt, dass er ihm vieles zutraut. Aber er hat mit dem SPIEGEL gesprochen und seine Aussagen schriftlich bestätigt.
Während des Wahlkampfs hat Golz demnach über Harald Christ recherchiert. Der Kontakt zu Essing kam über den Chefredakteur zustande. Dem hatte Essing erzählt, er habe interessante Informationen zu Christ. Golz erinnert sich, dass ihn Essing mehrfach angerufen hat. In den Gesprächen habe Essing viele Vorwürfe gegen Christ erhoben, darunter Bilanzfälschung und den Verdacht auf sexuelle Belästigung eines Praktikanten. Essing hat ihm den Namen des Vaters des Praktikanten genannt. Golz hat dort angerufen, der Vater hat ihm gesagt, er habe einen guten Kontakt zu seinem Sohn, der im Übrigen volljährig sei, und nichts dergleichen gehört.
Am Telefon hat Golz von Essing so wüste Beschimpfungen gegen Christ gehört,
dass er den Eindruck hatte, es gebe eine starke emotionale Komponente in dieser Angelegenheit. Er wollte das Dossier von White & Case nicht haben und hat keinen Artikel geschrieben.
Wenn man im Abstand von 18 Stunden mit Essing und Golz redet, ähnelt das einer Reise von einem Planeten zu einem anderen. Essing wirkt bei der Konfrontation ja nicht wie ein böser Mensch. Je weiter sich das Gespräch von dem Video entfernt, desto entspannter ist er. Er redet ruhig, sanft geradezu, und nur hin und wieder bricht aus dieser Sanftheit sein Furor gegen Harald Christ hervor.
Dann nennt er ihn eine "menschliche Sau" oder eine "arme Sau". Sofort danach ist er wieder bei den Flötentönen. Er beteuert häufig, absolut offen und ehrlich zu antworten.
Er schmiegt sich in die Fragen ein und gibt ausführlich Auskunft. Dann trifft man Golz und hat erhebliche Zweifel an vielem, was Essing gesagt hat.
Auch dem SPIEGEL hat Essing das Dossier von White & Case gegeben. Und auch dem SPIEGEL hat er angeboten, den Kontakt zu dem angeblich missbrauchten Praktikanten herzustellen. Im Fall White & Case ist kein Artikel erschienen, weil das Dossier zweifelhaft war, der Geschichte mit dem Praktikanten ist der SPIEGEL nicht nachgegangen. Doch in anderen Fällen waren Informationen von Essing Grundlage für Recherchen des SPIEGEL wie vieler andere Medien auch.
Ein Mann, den Essing bei der Konfrontation im Crowne Plaza häufig erwähnt, ist Thomas Fischer. Ihn stellt er gleichsam als Musterklienten dar. Auf den lasse er nichts kommen, dem gegenüber sei er absolut loyal.
Thomas Fischer, 62, ist eine schillernde Figur im eher biederen deutschen Finanzwesen. Er war im Vorstand der Deutschen Bank, er war Chef der WestLB, und er ist ein Boxer. Er hat schon mal mit dem damaligen Weltmeister im Mittelgewicht, Arthur Abraham, geübt und macht seinen Gesprächspartnern gern und mit einem freundlichen Grinsen klar, dass er sie mit einem Schlag umhauen könnte. Zudem gilt er als Intellektueller, der überzeugt ist, dass Wirtschaften eine ethisch-moralische Grundlage brauche.
Essing hat Fischer beraten, als der bei der WestLB war, und Fischer hat immer noch einen Beratervertrag mit Essing, obwohl er seit zweieinhalb Jahren keine Bank mehr leitet. Und auch die Aufsichtsratsmandate Fischers sind in den vergangenen Jahren weniger geworden, derzeit sitzt er nur noch bei RWE in dem Gremium.
Viele in Fischers Umfeld fragten sich, warum er den Beratervertrag unter diesen Umständen aufrechterhielt, warum er Essing noch heute einige tausend Euro in den Rachen wirft, Monat für Monat.
Darauf angesprochen, reagierte der Banker im Bekanntenkreis schmallippig - doch einem Vertrauten gegenüber hat er zu erkennen gegeben, dass er schon lange aus dem Vertrag habe aussteigen wollen. Allerdings gab es in regelmäßigen Abständen und oftmals zu ungünstigen Zeitpunkten negative und störende Presseberichte - mit Informationen, die nur wenige hatten. Zunächst habe Fischer das mit einem flauen Gefühl im Magen als "merkwürdige Zufälle abgetan". Die Zufälle häuften sich, aber Beweise hatte Fischer nicht. Essing bestritt, hinter den Veröffentlichungen zu stehen. Dem Berater zu kündigen, das sei Fischer jedenfalls zu riskant erschienen.
Fischer will noch nicht über diese Sache reden. Er lässt nur mitteilen, dass er einen Anwalt beauftragt habe, der die Vorfälle prüfe, in jedweder Hinsicht. Also auch in strafrechtlicher. Freunde berichten, dass Fischer seither regelrecht auflebe. "Mir geht es blendend", sagte er kürzlich einem Vertrauten. "Es riecht nach Freiheit."
Wenn man mit Managern über Norbert Essing redet, trifft man häufig auf Angst, auf Zurückhaltung, auf Schweigen. Der Unternehmer und Politiker Christ hat dieses Schweigen nun gebrochen, Fischer steht an der Schwelle, ihm zu folgen.
Was Essing vielen in der Branche so suspekt macht, sind auch seine möglichen Interessenkonflikte. So arbeitete er seit 2002 für die Bankgesellschaft Berlin und deren damaligen Chef Hans-Jörg Vetter. Ab 2003 hatte Essing einen Vertrag bei der WestLB, den Thomas Fischer fortführte, als er 2004 den Chefposten übernahm. Essing behauptet, er habe beide Manager über die gegenseitigen Mandate informiert.
Die beiden Institute hatten gelegentlich konträre Interessen. So kaufte die WestLB im Jahre 2005 die Weberbank von der Bankgesellschaft Berlin. Essing versichert, er habe sein Mandat in dieser Zeit nicht wahrgenommen.
Im Jahr 2007 bot die WestLB sogar für die gesamte Bankgesellschaft, in dieser Zeit aber seien die Interessen der beiden Häuser "gleichlaufend gewesen", sagt Essing. Deshalb habe er in dem Doppelmandat kein Problem gesehen.
Ähnlich war sein Interessenkonflikt in der Übernahmeschlacht um Opel. Seit Jahren vertritt er Magna, den österreichischen Autozulieferer. Und seit Jahren vertritt er auch RHJI. Beide boten für Opel.
"Bei Interessenkonflikten lege ich diese, wie etwa bei Magna und RHJI im Fall Opel, gegenüber beiden Kunden offen", versichert Essing, "und stelle meine Tätigkeit für eine der beiden Seiten ein." Und er fügt hinzu: "Im Übrigen bringt es die Natur meiner Tätigkeit mit sich, dass man sich, wenn man sich für seine Klienten einsetzt, offensichtlich auch Gegner macht."
Essings Gegner werden mehr. Sie sammeln Material, ein Dossier kursiert unter Managern. Es gab bereits einmal eine anonyme Strafanzeige gegen Essing, in der dessen Methoden thematisiert wurden. Doch für ein Ermittlungsverfahren reichten die Verdachtsmomente nicht aus. Nun kommt der nächste Anlauf für ein Strafverfahren, diesmal offen, diesmal von Harald Christ.
Bei einem kleinen Spaziergang über die Berliner Friedrichstraße räsoniert er darüber, warum Essing ihn so hartnäckig verfolgt hat. Er glaubt, dass dessen System nur funktioniert, wenn alle bei der Stange bleiben. Schert einer aus, ist das ganze System bedroht. Essing nennt Mario Puzos Mafiaroman "Der Pate" oft als sein Lieblingsbuch.
An einer roten Ampel spricht Christ über die Angst, die ihn so lange gequält hat. Das Wort "feige" fällt. Andererseits kann er sich auch verstehen.
Er weiß, dass sich nun jeder mindestens eine Sekunde lang fragen wird, ob es nicht doch sein kann, dass Harald Christ Kinder sexuell missbraucht hat. Und er kann nur sagen, dass es nicht stimmt. Er muss jetzt darauf vertrauen, dass andere ihm vertrauen. Diesen Schritt wagt er gerade.
Es ist ein großer Schritt: Das, was ihm lange so viel Angst gemacht hat, die Öffentlichkeit, soll ihm jetzt helfen, sich von der Angst zu befreien.
FRANK DOHMEN, DIRK KURBJUWEIT,
WOLFGANG REUTER
Anm. der Redaktion:
Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf hat das Ermittlungsverfahren gegen Norbert Essing im März 2011 gem. § 153a StPO ohne Schuldvorwurf gegen Zahlung eines Geldbetrags in Höhe von 40.000 Euro eingestellt.
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DER SPIEGEL 6/2010 vom 8.2.10
Der SPIEGEL berichtete ...
... in Heft Nr. 5/2010 "Affären - Gefangener der Angst" über die Auseinandersetzung zwischen dem Unternehmer Harald Christ und seinem früheren PR-Berater Norbert Essing sowie dessen merkwürdige Methoden im Umgang mit seinen Kunden.
Vergangene Woche bat der Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung", Hans Werner Kilz, seine Redakteure, bis zur Klärung der Vorwürfe den Umgang mit PR-Berater Norbert Essing zu meiden. In anderen Verlagshäusern, wie etwa beim Düsseldorfer "Handelsblatt", werden ähnliche Schritte diskutiert.
* Name von der Redaktion geändert.
Von Frank Dohmen, Dirk Kurbjuweit und Wolfgang Reuter

DER SPIEGEL 5/2010
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Gefangener der Angst

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