01.02.2010

Mimmos Utopia

Global Village: Wie ein kalabrischer Bürgermeister Hunderte Bootsflüchtlinge rettete und sein Dorf dazu
Es begann alles mit einem Boot. Einem Boot voller Kurden, weswegen sie ihn jetzt Mimmo nennen, "Mimmo, den Kurden". Domenico Lucano, ein Mann von 51 Jahren, ist Bürgermeister des Dorfes Riace, ein Hühnerauge an der Fußsohle Kalabriens, drei Kirchen, zwei Schutzheilige, Schafe an den Bergwänden, Mandarinenbäume in den Tälern.
Aber das auch: Città Futura, Zukunftsstadt. Ein Ort, der fast tot war, weil die Menschen fortliefen, nach Mailand, Turin, Genua, nach Deutschland und Amerika. Keine Bar, kein Restaurant, keine Metzgerei mehr, keine Kinder in der Schule. Bis Domenico Lucano beschloss, sein Dorf wiederzubeleben: mit Einwanderern aus Somalia, Eritrea, Afghanistan, aus Bosnien, dem Irak und dem Libanon.
Das Boot kam vor zwölf Jahren, am 1. Juli 1998. Domenico Lucano, Lehrer noch damals, fuhr die Küstenstraße entlang, als er die Menschen aus dem Wasser waten sah, 300 Frauen und Männer, ein paar Kinder, kurdische Flüchtlinge allesamt, gestrandet vor seinem Heimatdorf. Genau dort, wo Jahre zuvor zwei Bronzestatuen im Meer gefunden worden waren, der Schatz von Riace. Für Lucano war es ein Zeichen. "Der Wind hat uns eine besondere Fracht gebracht, und wer sind wir, dass wir sie abweisen?" Die Griechen waren einst über das Meer nach Kalabrien gekommen, dann die Araber und die Normannen, jetzt kamen die Flüchtlinge.
Domenico Lucano bat die Kurden in sein Dorf, ihnen folgten mehr Flüchtlinge, Treibgut der Kriege und des Elends weltweit. Lucano beschloss, einen Ort zu schaffen, an dem Flüchtlinge und Einheimische gemeinsam arbeiten und leben. Ein globales Dorf, in der ärmsten Gegend einer der ärmsten Regionen Italiens, einem Landstrich der gescheiterten Träume, gegossen in Beton. Er gründete einen Verein und gab ihm einen großen Namen: Città Futura.
Europa schrumpft, in Italien kommen so wenig Kinder auf die Welt wie kaum irgendwo auf dem Kontinent, und Domenico Lucano glaubt, dass er vielleicht ein Rezept dafür gefunden hat, wie man dieses Europa wieder zum Wachsen bringen kann. Man kann Flüchtlinge ansiedeln, wo sonst niemand mehr leben will. Wo die Bevölkerung schwindet, schwindet auch die Angst vor Übervölkerung.
Sein Büro richtete Lucano ein im Palazzo Pinnarò, ein edler Name für ein einfaches Haus, und obwohl er seit sechs Jahren Bürgermeister ist, sitzt Lucano noch immer dort, an seinem abgewetzten Holzschreibtisch, um ihn herum Weltkarten, ein Che in Pastell und ein Poster mexikanischer Zapatisten. Ein kleiner Mann mit großen Träumen und einem Lieblingswort: Utopia. Er ist in keiner Partei, und so trat er bei den Wahlen an mit nichts als einer einfachen Idee: Die Ärmsten sollen Riace retten, und dafür würde Riace sie retten. Die Leute wählten ihn.
Seitdem bringt Lucano Flüchtlinge in den leerstehenden Häusern im mittelalterlichen Stadtzentrum unter, sie dürfen umsonst wohnen, auch Essen und Strom sind gratis. Dafür müssen sie Italienisch lernen und arbeiten, die Frauen fertigen Kunsthandwerk, die Männer renovieren Häuser, die an Touristen vermietet werden.
Helen aus Äthiopien, schwanger im achten Monat, als sie über das Meer fuhr, webt kalabrische Stoffe aus feiner Wolle. Mohammed aus dem Irak, verfolgt von den Mahdi-Milizen, grillt Kebab und hilft auf dem Bau. Shukri, eine zierliche Somalierin, die 23 ist, aussieht wie 13, aber zwei Kinder hat, bläst Schmetterlinge aus Glas.
1600 Riacesi leben im Dorf und 220 Immigranten, und der Bürgermeister hofft, dass es eines Tages wieder 3000 Menschen sind, so wie früher. Die neuen Bewohner eröffnen Geschäfte, ihre Kinder füllen die Schule, Touristen kommen, um einzukaufen. "Der Ort, aus dem die Menschen einst weggingen, ist nun ein Ort der Ankunft", sagt Lucano, er ist stolz.
Erst vor ein paar Wochen protestierten im nahen Rosarno die afrikanischen Obstpflücker, Tageslohn 25 Euro, die Dorfbewohner schossen und schlugen zurück. Weil Lucano danach im Fernsehen sagte, wer wolle, könne nach Riace kommen, stehen an diesem Tag drei Männer aus Guinea in der Tür, Jungen fast noch, einer mit einer Schusswunde an der Hüfte. Lucano erklärt ihnen die Regeln: zwei Euro Taschengeld am Tag, dazu 500 Euro für einen Monat Arbeit. Die Jungen nicken benommen, sie können es noch nicht so recht glauben.
Es klingt ja auch zu gut. Aber es scheint zu funktionieren. Lucano hat die Alten im Dorf überzeugt, die Angst hatten vor den Fremden, und die Jungen, die um ihre Jobs fürchteten. Inzwischen ist Città Futura der größte Arbeitgeber im Ort, für Flüchtlinge und Einheimische.
Nur der kalabrischen Mafia gefällt nicht, dass sie in Riace nichts mehr zu sagen hat und nichts zu kassieren. Sie ließ Lucanos drei Hunde vergiften und zwei Kugeln in die Tür der Taverne "Donna Rosa" feuern. Ein Kompliment, sagt Lucano. Das bedeute, er habe alles richtig gemacht. Zwei Nachbardörfer übernahmen das Konzept von Lucano, die Regierung von Kalabrien erließ ein Gesetz, damit bald noch mehr Dörfer folgen. Politiker pilgerten nach Riace, im vergangenen Herbst kam dann auch noch Wim Wenders, der Filmemacher.
Eigentlich wollte er einen Film über Bootsflüchtlinge machen, aber es wurde vor allem einer über Riace und seine neuen Bewohner, in 3-D, halb Dokumentation, halb Hollywood, 27 Minuten lang. "Il Volo" heißt er, der Flug. Kurz darauf hielt Wim Wenders eine Rede in Berlin, der 20. Jahrestag des Mauerfalls war gerade vorbei. Er sagte: "Die wahre Utopie ist nicht der Fall der Mauer, sondern das, was in Kalabrien erreicht worden ist, in Riace."
Domenico Lucano hat den Satz auf seine Neujahrskarten drucken lassen, er hat ihn in die Welt verschickt, er hofft, dass sich das Wunder von Riace verbreitet.
JULIANE VON MITTELSTAEDT
Von Juliane von Mittelstaedt

DER SPIEGEL 5/2010
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