Von Berg, Stefan; Dahlkamp, Jürgen; Friedmann, Jan; Hornig, Frank; Kaiser, Simone; Röbel, Sven; Smoltczyk, Alexander; Wensierski, Peter
So sieht es aus: das Dokument einer Verschwörung. 24 Seiten mit Anhang, auf Latein, herausgegeben von der Glaubenskongregation im Vatikan. Eine "norma interna", eine vertrauliche Richtlinie für alle Bischöfe, die darüber zu schweigen hatten bis in alle Ewigkeit, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Die Instruktion, ergangen im Jahr des Herrn 1962, behandelt ein heikles Thema: Sex im Beichtstuhl. Wobei der Vatikan es vorsichtiger formuliert, wenn ein Priester eines seiner Schäfchen vor, während oder nach der Beichte verführt. Zum Beispiel, indem er sein Gegenüber durch "Worte, Zeichen, ein Kopfnicken, eine Berührung" zu "unreinen und obszönen Handlungen" provoziert.
Jeden einzelnen Fall, so der Befehl aus Rom, hätten die Bischöfe ganz entschieden zu verfolgen: vor allem ganz entschieden so, dass alles in den Räumen der Heiligen Kirche bleibe. Mit internen Ermittlungen kennt sich deren Glaubenskongregation - früher Inquisition genannt - schließlich seit Jahrhunderten gut aus. Ankläger, Verteidiger, Richter, sämtliche Rollen besetzt der Vatikan von jeher mit eigenen Geistlichen, Prozessakten landen in den Geheimarchiven der Kurie.
Geschützt werden soll vordergründig das Sakrament der Beichte. In Wahrheit aber auch der katholische Anspruch als höchste moralische Instanz.
Nichts darf ihn beschmutzen; weder der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, begangen von Tausenden katholischer Geistlicher weltweit; noch die heimlichen Beziehungen zwischen Pfarrer und Haushälterin noch das Verstecken von Priesterkindern oder die Liebe schwuler Klerikerpärchen. Es sind alles Fälle von Doppelmoral, entstanden, weil sich der menschliche Trieb nur schwer einer päpstlichen Enzyklika unterordnen lässt, auch nicht bei Priestern.
Über Jahrzehnte hat diese Omertà gehalten, teils verordnet wie in der Instruktion von 1962, teils informell.
Doch jetzt bricht die Schweigemauer. Erst enthüllte die Berliner Jesuitenschule Canisius-Kolleg vor gut einer Woche die schmutzige Vergangenheit einiger Ordensmänner: den Missbrauch von Schülern in den siebziger und achtziger Jahren. Dann meldeten sich täglich neue Opfer. Bis vorigen Freitag hatten mindestens 40 von ihnen drei Jesuitenpatres belastet, die erst in Berlin, später an der Hamburger Sankt-Ansgar-Schule, dem Schwarzwälder Kolleg St. Blasien und in mehreren niedersächsischen Pfarrgemeinden unbehelligt Kinder und Jugendliche belästigten.
Und selbst dies sei nur "die Spitze des Eisbergs", sagt der heutige Leiter des Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes, der die sexuellen Übergriffe an Schülern öffentlich machte.
Jahrzehntelang versuchten die deutschen Bischöfe, bei sexuellem Missbrauch durch ihre Seelsorger wegzuschauen, ihn zum Einzelfall herunterzuspielen. Jetzt nennen sie, wenn auch zögerlich, erstmals eigene Zahlen. Mindestens 94 Geistliche und Laien stehen oder standen demnach seit 1995 unter dem Verdacht des Missbrauchs von zahllosen Kindern und Jugendlichen. So hat es vorige Woche eine SPIEGEL-Umfrage unter allen 27 deutschen Bistümern ergeben, von denen 24 Auskunft gaben (siehe Grafik seite 65).
Dramatische Ergebnisse lieferte vor einigen Tagen auch ein Zwischenbericht des "Runden Tischs Heimerziehung". Er beschäftigt sich mit dem Unrecht an Kindern und Jugendlichen, die seit den fünfziger Jahren in Heimen lebten - von denen fast die Hälfte katholisch geführt wurden.
In den vergangenen Monaten meldeten sich demnach bereits über 150 Opfer, die sexuell missbraucht wurden, darunter zum Beispiel eine Frau, die als 15-Jährige oft im Beichtstuhl zusehen musste, wie der Priester onanierte. Als sie vor ihm weglief, bekam sie Schläge von den Nonnen, die ihr Heim führten. In wie vielen katholischen Schulen, Heimen und Pfarreien es Missbrauch gab, wurde nie systematisch erhoben, selbst wenn es Hinweise in den Akten gab. Ende des Jahres will der "Runde Tisch" einen Abschlussbericht vorlegen.
Schon jetzt geht eine Erschütterung durch die Kirche, es könnte das Vorzeichen eines Bebens sein, wie es zuvor die katholische Kirche in den USA und Irland erlebte. In beiden Ländern kamen Zehntausende Missbrauchsfälle ans Licht. Folgt nun die Bundesrepublik?
Noch steht alles am Anfang, und doch zieht der Skandal bereits tiefe Spuren. Bei den Eltern, die sich von den katholischen Schulen auch moralische Orientierung für ihre Kinder erhoffen. Bei den Opfern, die sich nach einem halben Leben nun ihrer Vergangenheit stellen. Und bei den Gläubigen, die verstört auf ihre Kirche schauen: nicht nur, weil es dort, wie andernorts auch, Päderasten gibt. Sondern weil sie systematisch Täter schützte und Opfer ignorierte, weil sie sexuellen Missbrauch in ihren Reihen seit Jahrzehnten verdrängte und vertuschte. Und weil sie so pädophilen Priestern erlaubt, im ganzen Land eine Spur der seelischen Verwüstung zu hinterlassen.
Bis heute gibt es vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, dem Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, kein überzeugendes Wort der Entschuldigung, keine entschiedene Geste der Wiedergutmachung an die Opfer kirchlicher Doppelmoral. Ein SPIEGEL-Gespräch lehnte er ab - tagelang hatte er überlegt, gezaudert. Die Amtskirche möchte die Leiden ihrer Opfer lieber nicht zum ganz großen Thema machen. Sie passen nicht ins Weltbild der Scheinheiligen.
Erst ab dem 22. Februar will sich die Bischofskonferenz mit den kirchenweiten Sexskandalen beschäftigen. "Die Enthüllungen zeigen ein dunkles Gesicht der Kirche, das mich erschreckt", sagt Jesuit Hans Langendörfer, Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz., "Wir wollen ausdrücklich die Aufklärung."
Weit entfernt jedoch sind die Kleriker von echter Selbstkritik, von einer tiefgreifenden Analyse. Denn das würde eine Auseinandersetzung mit ihrer verklemmten, von oben verordneten Sexualmoral bedeuten. Es würde eine ehrliche Diskussion über den Zölibat und seine Folgen erfordern, insbesondere für die eigene Personalpolitik. In einer Kirche, die kaum noch Priester findet, vor allem wegen des Eheverbots, ist die Auswahl so klein und die Zahl der richtigen Kandidaten so gering geworden, dass es von den falschen schnell zu viele gibt.
Also wieder nur ein Herumdrucksen, ein Sichdrücken vor den entscheidenden Fragen, wie so oft? Das allerdings wird sich diesmal kaum durchhalten lassen, die Offensive der Jesuiten setzt den gesamten Klerus unter Druck. Der Orden will den Missbrauch in seinen Reihen systematisch aufklären, auch wenn es weh tut, auch wenn er durch die immer neuen Schilderungen seiner Ex-Schüler nun in die wohl tiefste Krise seiner Geschichte stürzt. Von einer "sehr, sehr großen Tragödie, die jetzt sichtbar wird", spricht der deutsche Jesuitenchef, Provinzial Pater Stefan Dartmann.
Denn immer mehr Ex-Schüler melden sich, nach dem Canisius-Kolleg, Sankt-Ansgar und St. Blasien ist nun auch das Aloisiuskolleg der Jesuiten in Bonn-Bad Godesberg betroffen, wo ganze Generationen von Politiker- und Diplomatenkindern zur Schule gingen.
Einer, der die Nächstenliebe eines Jesuiten am eigenen Leibe erleben musste, ist Robert K. Er berichtet über seine Zeit am Godesberger Gymnasium: "Die sexuellen Annäherungen der Patres an uns kleine Jungen waren schwer erträglich. Das reichte von hochnotpeinlichen Befragungen zu den kleinsten Details von ,Unschamhaftigkeit' in der Beichte über die Aufforderung zu Küssen und Kuscheleien bis zu handfesten, sadistisch-sexuellen Übergriffen." Ein Präfekt, Pater Sch., "ließ kleine Jungen auf sein Zimmer kommen, den Unterleib entblößen, dann musste man sich auf das Bett des Paters legen. Mit einem Kleiderbügel und voller Wucht wurde vom Pater auf das Gesäß geprügelt, danach gab es Zärtlichkeiten".
Hinweise auf solche Übergriffe reichen bis in die fünfziger Jahre zurück. Manche konnten ihren Trieb wohl mehr oder weniger unauffällig beherrschen, wie Pater M., ein inzwischen verstorbener Mathematiklehrer am Canisius-Kolleg, der sehr gern Jungs aus der 7. Klasse beim Schwimmunterricht beobachtete. Andere luden ihre Schüler schon zu Touren im eigenen BMW ein, intern als "Fummelbomber" bekannt.
Hinterher verstrickten die Täter sich und ihre Opfer in ein Geflecht aus Schuld, peinlichem Schweigen und erpresster Sühne. Zum Beispiel Pater Peter R., ein dicklicher Religionslehrer mit Koteletten und getönter Brille, der jetzt als einer von drei bekanntgewordenen Tätern gilt - auch wenn er alles bestreitet. Nach außen hin gab sich der Jesuit jovial und jugendnah. Der VW-Bus, mit dem er durch die Gegend fuhr, hatte das Kürzel "SJ" im Kennzeichen, für "Societas Jesu". Später übersetzten die Canisius-Schüler die Initialen sarkastisch mit "Seine Jungs".
Seit 1973 betrieb R. auf dem Gelände des Canisius-Kollegs für insgesamt acht Jahre eine Art Jugendzentrum, damals "Marianische Kongregation" genannt. Aus den Schülern seines Nachmittagsclubs, der sogenannten Burg, wählte er dann Gruppenleiter aus, die er zur "Ausbildung" übers Wochenende gern in ein Jesuitenhaus nach Bayern einlud.
Aufnahmen aus jener Zeit zeigen den Pater, der sich von den Schülern gern nur Peter nennen ließ, im Kreise seiner Lieben: ein Stimmungsmacher, der "seine Jungs" zum Skifahren und ins Hallenbad begleitet. Es sind Heranwachsende in Jeans und Tweedjackett, die Bier und Wein aus der Flasche trinken, rumalbern, manchmal mit nacktem Oberkörper durchs Zimmer stürmen. Auf den ersten Blick: harmlose Fotos einer privilegierten West-Berliner Jugend. Man verstand sich als letzte freie Schule vor Wladiwostok, als verschworene Gemeinschaft.
Von einer Aufbruchstimmung spricht Ansgar Hocke, 52, mit Blick auf die damalige Jugendarbeit der Jesuiten. "Die Zeit der Patres in Soutane, die rumbrüllten, stockkonservativ den Katechismus als einzige Richtschnur ansahen, lief aus", so hätten er und seine Freunde damals gedacht. Junge, sportliche Patres brachten frischen Wind in die Schule. "Wir sahen nicht, wie krank, wie labil sie waren", sagt Hocke.
Das Recht auf sexuelles Glück muss Teil des menschlichen Glücks sein, das war das Postulat der jungen Schüler. "Wir wussten, dass die jungen Priester davon ausgeschlossen waren, wir sahen oft ihre Hilflosigkeit", erinnert sich Hocke. Ihre Komplexe blieben ihm verborgen. Andere litten auf grausame Weise darunter.
Wer zu Pater R.s Kernkreis gehören wollte, musste ständig "Einzelgespräche" über sich ergehen lassen. Die fanden mitunter im Untergeschoss der Burg statt, unter den Schülern schnell als "Onanier-Keller" oder "Verhörzimmer" berüchtigt. "Ich musste mir die Hose ausziehen und mich aufs Bett legen", schildert ein Ex-Schüler die Missbrauchssituation. "Er wollte sehen, wie ich onaniere und fasste mich dabei an." Anschließend habe R. gefragt: "Hat es dir gefallen?"
Eine Mischung aus Scham und Angst, aus ständigen Drohungen, Einschüchterungen, aber auch Zuwendungen und kumpelhaftem Verständnis durch den Priester muss dazu geführt haben, dass seine Opfer jahrelang schwiegen oder bestenfalls untereinander Witze rissen. Der Missbrauch endete damals meist erst, wenn die Schüler älter wurden und nicht mehr dem Geschmack von R. entsprachen.
"Wir hörten damals alle irgendwie davon, dass da diese Onanier-Geschichten am Laufen sind. Wir haben uns das aber eben zurechtgelacht", sagt Johannes Siebner, damals Schüler am Canisius-Kolleg, heute selbst Jesuitenpater und Direktor an St. Blasien.
Briefe, die sich die Schüler damals schrieben, als sie von den Vorwürfen erfuhren, zeigen ihre Verunsicherung:
Für mich war das alles völlig neu, obwohl ich immer so ein Gefühl hatte ... Das Ganze war für mich ein totaler Schock, und ich habe Schwierigkeiten, das zu verarbeiten. Das ist alles so unglaublich, anwidernd, schlimm, ekelhaft ... Und dann das ganze System von Druckmitteln, aus dem man, wenn man erst mal drin war, nicht mehr so schnell rauskam ... Ich verstehe aber auch nicht den Orden, wie der so verantwortungslos sein kann ... Jetzt, wo ich das schreibe, kriege ich ein leichtes Zittern und Angst."
Der Junge, der den Brief bekam, selbst ein Opfer von Pater R., sagt heute als 48-Jähriger, seine Schulzeit sei durch den Missbrauch "verschattet". Die Situation der "Wehrlosigkeit, Demütigung und Lüge" wirke bis heute nach. "Man fühlt sich nur zum Teil als man selbst. Ich kann mir noch immer nicht erklären, warum ich das damals erduldet habe. Ich verlor die Naivität und die Freude am Leben."
Erst nach seinem Abitur fand er 1981 die Kraft, den damaligen Rektor, Pater Karl Heinz Fischer, zu informieren. Der meldete die Vorwürfe nach oben, wenig später wurde Pater R. versetzt. Was danach mit seinem jahrelangen Mitbruder passierte, hat Fischer nicht weiter verfolgt. "Ich habe damals im Rahmen des Möglichen reagiert", sagt er.
Aussitzen oder Versetzen, das wurde zum System, zum bevorzugten Krisenmanagement in der Ordens- und Kirchenhierarchie.
Pater R. und zwei Mitbrüder, Bernhard E. und Wolfgang S., wurden von Berlin quer durch die Bundesrepublik verschoben, sie unterrichteten in Hamburg und im Schwarzwald, betreuten Pfarrgemeinden und Jugendgruppen in Hildesheim, Göttingen und Hannover.
Nie wurden an den neuen Standorten Schuldirektoren, Geistliche, Schüler oder Eltern vor den gefährlichen Neigungen der zugezogenen Seelsorger gewarnt - natürlich nicht, es sollte ja niemand etwas ahnen. Wer nach den Gründen ihrer Versetzung fragte, konnte etwa von finanziellen Unregelmäßigkeiten hören. Dann wurde der betroffene Priester eben fortan von den Kassen ferngehalten: Der Schutz der Finanzen funktionierte, der Schutz der Zöglinge nicht.
Seit langem gelten katholische Schulen vielen Eltern als Ausweg aus der öffentlichen Bildungsmisere, hier erwarten sie engagierte Lehrer, die fordern und fördern, die ihren Schülern nicht bloß Wissen, sondern vor allem Werte vermitteln. "Der Schüler muss jederzeit erfahren, dass er dem Lehrer als sich entwickelnde Person wichtig ist", heißt es im Leitbild der Hamburger Sankt-Ansgar-Schule.
Ausgerechnet jetzt, da an vielen Schulen die Anmeldungen fürs kommende Schuljahr laufen, bekommt dieses sorgfältig gepflegte Image Kratzer.
"Das ist für uns eine Katastrophe", sagt Friedrich Stolze, Schulleiter von Sankt Ansgar, ein Pädagoge in Jeans und Jackett: "Diese Patres haben unendlich viel kaputtgemacht, an ihren Schülern, aber auch für uns heute." Er empfinde "Zorn und Verachtung" gegenüber den Beschuldigten. Es sei klar, dass "der Ruf kirchlicher Schulen Schaden nimmt".
Stolze kam 1981 als junger Lehrer an das Hamburger Gymnasium, als dort auch noch zwei der heute beschuldigten Patres wirkten. Hätten er und seine Kollegen etwas bemerken müssen? "Da war nichts", sagt er, "wir können uns an nichts erinnern." Er ist wütend auf die Oberen des Ordens aus jener Zeit. "Ich kann nicht nachvollziehen, dass jemand einfach an eine andere Schule versetzt wird in der Annahme, er würde dort seine pädophilen Neigungen unter Kontrolle bekommen."
Wann immer an katholischen Schulen, in Pfarrgemeinden, in Jugendgruppen und Heimen Gerüchte auftauchten, Opfer ihre Scham überwanden und ihren Missbrauch meldeten, war seitens der Kirche meist von Einzelfällen die Rede, von bedauerlichen Ausnahmen, Verfehlungen eines sündigen Priesters. So sieht es der Vatikan, so sehen es die deutschen Bischöfe. Sie wollen nicht akzeptieren, dass der Fehler im System liegen könnte. Was aber, wenn die Zahl der Einzelfälle ständig steigt, so wie es in anderen Ländern geschah?
Auch in den USA fielen zunächst nur vereinzelt Geistliche auf, die sich an Messdiener oder Schüler herangemacht hatten. Wie ihre deutschen Brüder versuchten Nordamerikas katholische Bischöfe jahrelang, ihre Priester zu schützen, die Vorwürfe kleinzureden, die Opfer abzubügeln - bis US-Gerichte, Politik und Öffentlichkeit sie zu Antworten drängten. Und zu Entschädigungen. Der Gesetzgeber hob Verjährungsfristen auf, beispielsweise im Bundesstaat Delaware, was zu einer Flut neuer Klagen führte; Urteile zwangen Diözesen, ihre Archive zu öffnen.
Mehr und mehr Opfer meldeten sich, am Ende überrollte die katholische Kirche Nordamerikas der größte Skandal ihrer Geschichte. Die Bilanz der US-Bischöfe: Seit 1950 missbrauchten mehr als 5000 Priester etwa 12 000 Heranwachsende.
Gleich mehrere Bistümer gingen pleite, weil sie die Entschädigungen nicht zahlen konnten, zum Beispiel Tucson in Arizona und San Diego in Kalifornien, jedes Mal hatten Hunderte Betroffene Ansprüche gestellt. Allein die Erzdiözese Los Angeles überwies über 660 Millionen Dollar. Insgesamt zahlte die US-Kirche deutlich über zwei Milliarden Dollar an Entschädigungen.
Reihenweise Sexskandale haben auch Irland erschüttert. Eine Kommission stellte fest: In katholischen Kinderheimen und Waisenhäusern wurden zwischen 1914 und 2000 etwa 35 000 Kinder geschlagen und missbraucht.
Dagegen steht die Aufarbeitung in Deutschland erst am Anfang. 24 von 27 Bistümern antworteten vorige Woche auf eine SPIEGEL-Umfrage nach dem Verdacht auf Missbrauchsfälle in den eigenen Reihen seit 1995. Nur die Bistümer Limburg, Regensburg und Dresden-Meißen verweigerten sich. Man wolle, so ein Dresdner Sprecher, "die aktuelle Diskussion nicht noch befeuern".
Das Ergebnis: Pfarrgemeinden und kirchliche Einrichtungen quer durchs Land haben mit sexuellem Missbrauch durch Seelsorger zu tun. Die Einzelfallthese der Amtskirche lässt sich bei bislang bundesweit mindestens 94 Verdächtigen nicht länger halten, darunter sind auch Laien-Mitarbeiter der Kirche, zum Beispiel Küster, Chorleiter, Angestellte der Caritas oder ehrenamtliche Helfer in der Jugendarbeit.
Fast überall wird deutlich, wie schwer es dem Staat fällt, die Täter zu bestrafen. Häufig sind die Übergriffe seit langem verjährt. Wie bei den Ex-Schülern des Berliner Canisius-Kollegs melden sich Opfer oft erst 20 oder 30 Jahre später. Staatsanwälte haben dann keine Möglichkeit mehr, Anklage zu erheben, sie müssen Ermittlungen entweder umgehend ablehnen oder zügig einstellen.
Allein das Bistum Rottenburg-Stuttgart ging in 23 Fällen dem Missbrauchsverdacht gegen 18 Geistliche und 5 Laien nach. Sechs Vorwürfe konnten gleich am Anfang entkräftet werden, fünf Kleriker und ein Laie waren bereits verstorben. Es blieben elf Verdächtige, gegen die staatsanwaltlich ermittelt wurde, am Ende wurden fünf verurteilt.
Im Bistum Magdeburg wurden zwei Priester auffällig, doch auch hier: Die Fälle waren verjährt. Ein ehrenamtlicher Mitarbeiter kam vor Gericht, nach einem Übergriff während einer "religiösen Kinderwoche".
Erzbistum Paderborn: Ein Vikar bekam 2003 sechs Jahre und drei Monate Freiheitsstrafe, ein zweiter Kleriker zwei Jahre auf Bewährung. Beide wurden von der Kirche entlassen.
München: Drei Fälle von Kindesmissbrauch wurden zur Anzeige gebracht, ein Verfahren wurde eingestellt, ein zweites führte zu einer Verurteilung, das dritte läuft derzeit.
Köln: Ein Priester starb, bevor die Vorwürfe geklärt werden konnten, ein anderer wurde verurteilt, drei weitere Verfahren wurden eingestellt. Außerdem stand 2001 ein Kirchenmusiker wegen Missbrauchs vor Gericht, 2002 ein Organist, 2004 der Leiter einer Pfadfindergruppe, 2008 ein Messdiener und aktuell ein Hausmeister der Kirche.
Bamberg: 2008 warfen mehrere Betroffene einem Domkapitular sexuellen Missbrauch vor. Der Mann wurde aus dem Dienst entfernt, doch die staatsanwaltlichen Ermittlungen wurden eingestellt. Aus Würzburg, Münster, Aachen und vielen anderen Bistümern gibt es ähnliche Berichte. In Einzelfällen folgten Urteile, meistens dagegen ist der Staat machtlos, weil die mutmaßlichen Verbrechen lange zurückliegen. Und was tut die Kirche? Warum hielt sie sich mit der Aufklärung der Vergehen so auffällig zurück? Wieso ging sie nicht entschiedener gegen Verdächtige vor?
Im Vatikan überwiegt die Auffassung, hinter dem Aufschrei über die Missbrauchsfälle in der Öffentlichkeit verberge sich nur der alte Hass auf die katholische Kirche insgesamt, die übliche Papstkritik der Aufgeklärten und Er- nüchterten.
Manch einer in der Kurie hält es deshalb für besser zu schweigen, als diesen Kirchengegnern eine Flanke zu öffnen. Die vordringlichste Aufgabe Roms sei es abzuwarten. Nicht allein, um den Sturm auszusitzen, sondern auch, um voreilige Aktionen zu vermeiden. Vor allem die eigenen Leute seien zu schützen, reflexartig gilt der erste Gedanke immer noch dem Wohl der Kirche, nicht den Opfern. Was machen wir mit dem Priester?, ist die erste Frage, nicht: Was können wir noch für die Missbrauchten tun?
Bis sich der Pontifex in personam äußert, vergeht stets eine lange, für die Betroffenen zu lange Zeit: Nachdem Anfang 2002 das Ausmaß des Missbrauchsskandals in den USA bekanntgeworden war, brauchte Papst Johannes Paul II. rund ein halbes Jahr, bis er, auf dem Weltjugendtag in Toronto, Worte suchte, Worte fand, Stellung bezog. Es war Benedikt XVI., der sich als erster Papst mit Missbrauchsopfern zusammensetzte - wenn auch nur inoffiziell, am Rande seiner USA-Reise und erst nach langem Zögern seiner Berater. "Es ist wichtiger, gute Priester zu haben als viele", sagte er stumpf. Eine Wende war das nicht.
Den von einem jahrzehntelangen Missbrauchsskandal erschütterten Iren hat Benedikt bis heute nicht den versprochenen tröstenden Pastoralbrief geschickt. Auch hat es keine Einladung von Opfern in den Vatikan gegeben.
In Joseph Ratzingers papierener Welt aus Studium und Gebet hat das Thema Missbrauch durch Priester keinen Ort. Für ihn sind die Vergehen an Kindern ein letzter, schlimmster Ausdruck einer Kultur der Gottvergessenheit, vor der leider auch die Kleriker nicht gefeit sind. Seinen Seelsorgern empfahl er bei seiner Mittwochsansprache vorige Woche schlicht, sich ein Beispiel am heiligen Dominik zu nehmen und sich ganz dem Gebet und dem Lernen zu widmen.
Und für jene, die schon "schwach" geworden sind im Fleische, hält er die relative Milde eines kircheninternen Verfahrens bereit. Denn im Umgang mit geistlichen Sexualtätern setzt der Vatikan grundsätzlich zunächst auf seinen eigenen Apparat, auf eigene Ermittler und eine eigene Gerichtsbarkeit. So ist er es von jeher gewohnt, die Tradition reicht von der "heiligen" Inquisition bis zur heutigen römischen Glaubenskongregation. Es sind würdevolle Prozeduren, vom Geist der Vergebung und Nächstenliebe gegenüber den Mitbrüdern getragen, gern auf Latein und unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Weil aber nicht sein konnte, was nicht sein durfte, Verbrechen in den eigenen Reihen, war und ist das kirchliche Strafrecht so vernebelnd wie Weihrauch am Altar. "Von einer praktischen Bedeutung des Strafrechts braucht keine Rede zu sein", sagt der münstersche Kirchenrechtler Klaus Lüdicke, die Zahl der bekanntgewordenen Fälle sei in der Vergangenheit "verschwindend klein" gewesen.
Trotzdem will die Kirche am liebsten mit genau diesem Instrumentarium ihre "sündigen" Mitbrüder maßregeln. Allerdings weiß sie nicht einmal, wie sie das Verbrechen definieren soll. Von einem "delictum contra mores" ist die Rede, einem Vergehen gegen die Sitten, hilfsweise wird auch das sechste Gebot ("Du sollst nicht ehebrechen") zu Rate gezogen - dabei sind die Täter nie und ihre Opfer in der Regel nicht verheiratet.
Die Strafen - Versetzung, Exkommunikation - bleiben weit hinter jenen des weltlichen Strafrechts zurück, die strafmildernden Umstände hingegen sind großzügig gehalten. Zum Beispiel, wenn keusche Priester einmal vom "Sturm der Leidenschaft" ("gravis passionis aestus") hinweggetragen werden.
Und überhaupt stimmt schon die Bereitschaft zu Buße, Reue und Umkehr die Richtenden normalerweise milde. Genaues allerdings weiß man nicht: Ihre Urteile sind geheim und verschwinden als "secretum pontificium" im geschlossenen Archiv.
Die Deutsche Bischofskonferenz verweist gern auf ihre 2002 verabschiedeten "Leitlinien" zum Verhalten beim Verdacht auf sexuellen Missbrauch. "Ein wichtiger Schritt", sagt Sekretär Hans Langendörfer: "Wir wollen das Thema offen angehen und tun das spätestens seitdem auch."
Doch bei genauerer Betrachtung steckt auch in diesen Leitlinien das alte Denken der Kirche, wie es vom Heiligen Stuhl 1962 unter Johannes XXIII. und noch einmal 2001 bekräftigt wurde. Nach dieser bis heute gültigen Anweisung müssen potentielle Missbrauchsfälle der Glaubenskongregation gemeldet werden. Sie verbietet Bischöfen in aller Welt, ohne direkte Weisung aus Rom Maßnahmen zu ergreifen, die über eine erste Untersuchung der Anschuldigungen hinausgehen. Die gesamte Prozedur unterliegt dem "pontifikalen Geheimnis", der zweithöchsten Geheimhaltungsstufe des Heiligen Stuhls. Wer ohne päpstliche Erlaubnis das Geheimnis bricht, kann bestraft werden.
Entsprechend sind auch die Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz formuliert: Sie setzen die diskrete innerkirchliche Untersuchung an die erste Stelle. Vor seiner Entscheidung muss jeder Bischof vor allem daran denken, den Ruf des Priesters zu schützen und das Ansehen der Kirche zu bewahren. Spätestens wenn Rom die Untersuchungen übernimmt, können manche Missbrauchsfälle in Geheimprozessen aus der Welt geschafft werden.
Deutschlands katholische Kirche sieht sich nach eigenem kanonischem Recht nicht verpflichtet, Missbrauchsfälle in ihren Reihen staatlichen Behörden sofort anzuzeigen, damit diese etwa Hausdurchsuchungen vornehmen können. Kritiker sprechen schon vom Straftatbestand der Strafvereitelung, solange der Klerus Fälle nur intern verhandelt.
Vergebens fordern kritische Katholikengruppen seit langem eine Korrektur der bischöflichen Leitlinien. Bernd Göhrig zum Beispiel, Geschäftsführer der "Kirche von unten", verlangt die Einführung unabhängiger Ombudsstellen. Sie sollen sich anstelle der parteilichen Diözesanbeauftragten um die Opfer kümmern. Anders geht es vermutlich nicht, denn sowenig sich der deutsche Papst mit dem verbotenen Sex befassen will, so wenig wollen es in Wahrheit seine deutschen Bischöfe.
Selbst nach dem gewaltigen Missbrauchskandal in den USA 2002 sah der Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann, damals Chef der deutschen Katholiken, keinen besonderen Handlungsbedarf. "Den Schuh der Amerikaner zieh ich mir nicht an", sagte er in einem SPIEGEL-Interview. In seinem Bistum werde jeder, der "wirklich pädophil ist, sofort aus dem pastoralen Dienst entfernt". So jemand dürfe "nicht einfach an einen anderen Ort versetzt werden".
Schon wenige Wochen später jedoch war er im eigenen Bistum - bei Darmstadt - mit einem neuen Missbrauchsfall konfrontiert. Vor wenigen Monaten stellten nun Eltern in einer Kleinstadt nahe Frankfurt am Main entsetzt fest, dass der neue Leiter ihres Kinderchors, Pfarrer E., ebendieser Mann war, der seine vorherige Pfarrstelle einst wegen fragwürdiger Beziehungen zu Minderjährigen verlassen musste. Lehmanns Apparat hatte den Geistlichen mehrfach hin- und hergeschoben.
Auch das Bistum Aachen hat sich bei seinem jüngsten Fall kaum anders verhalten als früher. Obwohl die Personalabteilung der Diözese darüber informiert war, dass Pfarrer Georg K. jahrelang minderjährige Ministranten in seine Privatsauna im Pfarrhaus eingeladen hatte, offenbar nicht nur zum gesunden Schwitzen, wurde der Mann lediglich in eine deutsche Auslandsgemeinde in Südafrika geschickt.
Dort fiel er sofort nach einer Freizeit mit Erstkommunionskindern auf, weil er sich diesen im Schlafsaal nach Ansicht der Ermittler unsittlich genähert hatte. Über den Vorfall an seiner alten Wirkungsstätte wurde seine neue Gemeinde nicht informiert, erst als Betroffene die Medien einschalteten, reagierte die Kirche und verwies auf ihren Missbrauchsbeauftragten, dem man "Belastendes", aber bitte auch "Entlastendes" melden möge.
Und was soll man halten von den Zuständen in Berlin, wo Kardinal Georg Sterzinsky Anschuldigungen gegen den Priester der Heilig-Kreuz-Gemeinde schon seit Juli 2009 bekannt sind? Obwohl auch hier Verjährung droht, die Anschuldigungen betreffen das Jahr 2001, schleppt sich die kircheninterne Untersuchung durch eine "unabhängige" Berliner Kirchenkommission dahin. Auch im Vatikan wurde ein, allerdings geheimes, Verfahren eingeleitet. Die Entscheidung über die Anzeige bei der Polizei überließ man dem Opfer.
Solche Missbrauchsfälle, die nur einige Monate oder wenige Jahre zurückliegen, zeigen, dass sich allen Bekenntnissen zum Trotz an der Haltung der Kirche noch wenig verändert hat. So erlebt es auch Johannes Heibel von der bundesweiten Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt, die seit vielen Jahren Opfer von Priestern berät.
Weitgehend unaufgeklärt waren bislang auch die Vorfälle in Erziehungsheimen, die Anfang der sechziger Jahre bundesweit immerhin 220 000 Plätze hatten. Michael-Peter Schiltsky, der selbst in einem kirchlichen Heim im hessischen Westuffeln von Diakonen mehrmals missbraucht wurde, hat die Berichte von zahlreichen Leidensgenossen gesammelt, darunter allein 40 aus katholischen Heimen. Einer von ihnen ist Peter Rueth, einst Messdiener im Heim der Salvatorianer bei Paderborn:
Ein Pater schloss eines Morgens, als er allein mit mir in der Sakristei war, die Türe zu, um mir vor der Messe die Beichte abzunehmen. Er sagte: Nur ein reiner Geist dürfe Gott dienen. Ich musste mich auf einen Stuhl setzen, der Pater verband mir mit seiner Stola die Augen, fesselte meine Hände mit einem anderen Band und begründete dies damit, dass man bei einer Beichte ja den anderen nicht sehen dürfte. Er fragte mich nach Sünden, und als ich solche bekannte, forderte er mich auf, zur Strafe den Mund zu öffnen und einen Essigschwamm darin aufzunehmen, ,wie ihn einst der Herr am Kreuze gereicht bekommen hätte'".
Nach dem folgenden Oralverkehr musste der Junge drei Vaterunser beten und sich den Mund auswaschen.
Der Berliner Heinz-Jürgen Overfeld war im gleichen Salvatorianer-Heim. Er schrieb vor 14 Tagen an Bundespräsident Horst Köhler, man möge einem anderen Pater aus diesem Heim das Bundesverdienstkreuz wieder abnehmen. Auch dieser Kirchenmann habe sich an Kindern vergriffen. Overfeld hat den Täter inzwischen zur Rede gestellt. Es sei doch alles verjährt, habe der greise Pater nur gesagt.
"Für mich ist nichts verjährt", schreibt Overfeld an Köhler, "alles ist wieder da." Die Antwort des Bundespräsidenten steht noch aus.
Verjährungsfristen gehören zu den wichtigsten Problemen für Missbrauchsopfer. In der Regel nach zehn Jahren sind solche Sexualverbrechen strafrechtlich verjährt, gezählt wird ab der Volljährigkeit des Opfers. Wer im Alter von 13 Jahren missbraucht wurde, muss sich also spätestens mit 27 an die Behörden wenden, sonst kommt der Täter ungestraft davon. Der Anspruch auf Schadensersatz verfällt bereits drei Jahre nach dem 21. Geburtstag.
7000 Unterschriften hat deshalb ein anderes Kirchenopfer, Norbert Denef, inzwischen gesammelt. Mit seiner Initiative will er erreichen, dass die Verjährungsfrist wenigstens zivilrechtlich aufgehoben oder verlängert wird - damit es zumindest einen finanziellen Ausgleich geben kann. Er selbst erhielt vom Bistum Magdeburg nach jahrelangem Streit um eine Schweigeverpflichtung 25 000 Euro Schmerzensgeld, ein bislang beispielloser Fall.
Mindestens so wichtig wie die juristische Aufarbeitung wäre für die Kirche aber eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Sexualmoral.
"Wenn man von Amts wegen zu einem Leben ohne Frau und Kinder gezwungen wird, ist das Risiko groß, dass eine gesunde Integration der Sexualität misslingt, was beispielsweise zu pädophilen Akten führen kann", schrieb der Theologe Hans Küng schon 2005 im SPIEGEL. Sein Vorschlag: "Zu wünschen wäre neben der römischen Glaubenskongregation eine römische Liebeskongregation, die jeden Erlass der Kurie überprüft, ob er der christlichen Liebe entspricht."
Sein Kollege Eugen Drewermann spricht von einer "Kirchenstruktur, die repressiv ist in Gefühlsbereichen und in Fragen der Liebe". Beiden Theologen entzog der Vatikan wegen solcher und ähnlicher Ansichten die Lehrerlaubnis.
Vor allem der erst seit 1139 allgemein verbindliche Zölibat gilt als Hauptgrund für den unterdrückten und manchmal brutal aufbrechenden Triebstau im Klerus. Eheverbot und Keuschheitspflicht sind hohe Anforderungen, längst nicht alle Geistliche werden ihm gerecht.
Umfragen und Studien kommen zu sehr unterschiedlichen Zahlen über sexuelle Verhaltensweisen bei katholischen Priestern. Gemeinsam liefern sie nur eine Erkenntnis: Die scheinheilig vorgelebte Keuschheit entspricht sehr oft nicht der Realität. Nach einer US-Umfrage halten sich angeblich nur zwei Drittel der Seelsorger daran, die anderen haben Sex in allen möglichen Kombinationen und Arten - heterosexuell, bisexuell, homosexuell, monogam, promisk.
Inzwischen steht außer Zweifel, dass dieses Klima der unterdrückten Sexualität Übergriffe auf Kinder in Schulen, Heimen oder Pfarrgemeinden befördert. In den USA liegt nach mehreren Studien der Anteil pädophiler Geistlicher an der Gesamtzahl katholischer Priester bei etwa zwei Prozent.
Auf Deutschland übertragen könnte dies bei insgesamt 20 000 katholischen Klerikern gut 400 potentiell betroffene Seelsorger bedeuten.
Längst wollen Laienverbände wie "Wir sind Kirche" deshalb mit den Bischöfen eine Grundsatzdiskussion über Sexualität führen. Sie sprechen von einem Strukturproblem: Strenge Sexualmoral und ein autoritäres System ergäben zusammen eine gefährliche Mischung. Doch die Hirten verweigern das Gespräch.
Das Ende des Zölibats und die Ordination von Frauen fordert auch Wunibald Müller, beides sei "eine Form der Prävention". Müller, ein katholischer Theologe und Psychologe in der Benediktinerabtei Münsterschwarzach, berät Priester in Lebenskrisen. Seit Jahren plädiert er für mehr Offenheit in Sachen Sex: "Die Erfahrung von Leid und Schmerz kann uns zu Gott führen, aber auch Erotik und sexuelle Leidenschaft."
Geistliche müssten sich mit ihrer Sexualität auseinandersetzen, "sie dürfen diesen Bereich nicht unterdrücken, sonst sucht er sich Schlupflöcher und bringt den Menschen an einer anderen Stelle ins Schlingern", sagt er.
Besonders verkrampft ist die Einstellung des Vatikans zur Homosexualität, einer Lebensform, die gerade in den eigenen Reihen verbreitet und relativ toleriert scheint, solange nicht darüber gesprochen wird. Weil der Vatikan gelebte Homosexualität für Sünde hält, weil er seit einigen Jahren sogar Überprüfungen vorschreibt, um Schwule vom Priesterberuf fernzuhalten, verdrängen viele Betroffene ihre Gefühle. Müller spricht von einer "unreifen Homosexualität", die manche Priester "anfällig" im Umgang mit Jugendlichen mache.
In fast allen Bereichen der Gesellschaft wurde Sexualität in den vergangenen Jahren enttabuisiert - womit auch die Bereitschaft von Opfern wächst, sich zu outen. Nur die Kirche hält an ihren jahrhundertealten Moralvorstellungen fest. Viele Priester, die zu Sexualstraftätern würden, sagt Müller, hätten nie gelernt, innige und intime Beziehungen zu entwickeln. Manche seien auf der Stufe kindlicher Sexualität stehengeblieben oder hätten andere Probleme damit. Doch niemals würden sie es wagen, sich das einzugestehen, gar in eine Therapie zu gehen.
Angesichts des Nachwuchsmangels nimmt die Kirche beinahe jeden, der sich entschließt, Priester werden zu wollen. Dass darunter immer mehr junge Männer sind, die den Priesterberuf auch deshalb reizvoll finden, weil sich dort ihre sexuellen Probleme scheinbar am besten kaschieren lassen, das wollen in der Amtskirche nur wenige wahrhaben.
Es ist ein Teufelskreis. Da sich immer weniger junge Männer zum Priester weihen lassen, 2008 nur noch knapp hundert, wurde die Masse der 20 000 Pfarrer und Diakone in der erzkonservativen sexualfeindlichen Kirchenwelt der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre ausgebildet. Das gilt insbesondere für viele Kirchenobere in den Diözesen, die dann die jungen Priester mit ihren Problemen viel zu lange alleingelassen haben.
Dass radikale Veränderungen in den Priesterseminaren notwendig wären, ist unter Experten unumstritten: Wie steht es um die emotionale Reife der Kandidaten? Wie kann man offen mit ihnen darüber reden, dass sie vielleicht Hilfe brauchen und auch annehmen?
Doch die Amtskirche hält störrisch am Keuschheitsgebot und der Pflicht zur Ehelosigkeit fest, als wäre dies Garant - und nicht etwa eine Gefahr - für ihren Fortbestand.
Bischöfe wie der Passauer Wilhelm Schraml schwärmen immer wieder von der "freiwilligen Lebensform des Zölibats", die sich seit Jahrhunderten bewährt habe. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner nannte den Priesterstand in einem Hirtenbrief jüngst gar ein "heilsames Zeichen der Provokation" gegen den Mainstream. In einer Gesellschaft des hektischen Genusses möge die ehelose Priesterexistenz ja "wie ein sinnlos verschwendetes Leben" wirken. Tatsächlich aber sei sie eine kostbare Gabe des Heiligen Geistes.
Klaus Beier ist einer der renommiertesten deutschen Sexualmediziner. An der Berliner Universitätsklinik Charité hat er das "Präventionsprojekt Dunkelfeld" in-itiiert, um pädophilen Männern zu helfen. Auch Gläubige sind zu ihm gekommen, für sie war der Weg in sein Institut besonders schwer. Mehrere Priester, darunter auch Ordensleute, hat er begutachtet, mal in Prozessen, mal auf Bitten einer Kirche.
"Sie müssen erst einmal feststellen, dass ihnen der Glaube nicht geholfen hat", sagt Beier: "Wer soll offen über seine Neigungen reden, wenn schon sexuelle Phantasie als Sünde gilt?"
Dabei sei Prävention hier besonders nötig, weil "die Attraktivität der Orden für Menschen mit pädophilen Präferenzen besonders hoch ist", so Beier. Er ist überzeugt, dass den Seelsorgern geholfen werden kann.
In einem Brief an Papst Benedikt XVI. hat der Sexualmediziner deshalb im Herbst 2008 der Kirche seine Unterstützung angeboten. Seine klinischen Erfahrungen, schrieb er dem Heiligen Vater, könnten "betroffenen Geistlichen besonders zugutekommen".
Und - welche Überraschung - der Heilige Stuhl antwortete ihm tatsächlich. "Im hohen Auftrag danke ich Ihnen für Ihre Mitsorge um das Wohl der Kinder und um geeignete Hilfestellungen für die Betroffenen", schrieb ihm das vatikanische Staatssekretariat. Die Ausführungen würden "sorgfältig zur Kenntnis genommen und an die zuständigen Stellen weitergeleitet".
Eine Wende? Wohl kaum. Vermutlich landeten sie, neben etlichen Prozessakten, im geheimen Archiv der Kurie.
STEFAN BERG, JÜRGEN DAHLKAMP,
JAN FRIEDMANN, FRANK HORNIG, SIMONE KAISER, SVEN RÖBEL, ALEXANDER SMOLTCZYK, PETER WENSIERSKI
DER SPIEGEL 6/2010
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