08.02.2010

FESTSPIELESalzburger Sumpf

Im Skandal um veruntreute Gelder bei den Salzburger Osterfestspielen (OFS) kommen jetzt immer mehr Details zutage. Der Berliner Anwalt Peter Raue, der die OFS interimistisch leitet und sich inzwischen einen Überblick über das Ausmaß der Missstände verschaffen konnte, hat jetzt Strafanzeige gegen den bisherigen, inzwischen fristlos entlassenen Geschäftsführer der OFS, Michael Dewitte, gestellt. Die Osterfestspiele sind eine von den Sommerfestspielen unabhängige Gesellschaft, die 1967 von Herbert von Karajan gegründet wurden und jeweils zehn Tage dauern. In seiner Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Salzburg führt Raue aus, dass Dewitte, 43, der die Osterfestspiele zwölf Jahre geleitet hatte, ein reguläres Jahresgehalt von 117 000 Euro bezogen hat. Zusätzlich habe er sich "ohne Rechtsgrund" bis zu 232 000 Euro pro Jahr Sonderzahlungen anweisen lassen. Zwischen 2002 und 2009 habe Dewitte, so Raue in der Strafanzeige, insgesamt Sonderzahlungen von 550 500 Euro kassiert. Darüber hinaus habe er sich Reise- und Bewirtungskosten genehmigt, die "nicht vertragskonform" seien, allein im Zeitraum 2008/9 rund "91 000 Euro". Aufgelistet sind dabei auch drei Übernachtungen der Ehefrau von Dewitte in Paris à 680 Euro sowie eine überhöhte Taxirechnung für eine Fahrt von Salzburg zum Münchner Flughafen über 565 Euro. Dewittes Frau sei ein Jahr (2008/09) beim Festival angestellt gewesen und habe dafür 45 250 Euro bekommen. Für die Art und den Umfang ihrer Arbeit gebe es allerdings keine "erkennbare Unterlage". Besonders dreist erscheint Raue Dewittes Vorgehen bei einer Spende eines russischen Mäzens. Der Oligarch hatte 2,5 Millionen Euro in Aussicht gestellt und 800 000 als erste Tranche überwiesen. Dewitte habe unverzüglich 300 000 Euro für die angebliche Vermittlung des Geschäfts als zwölfprozentige Provision für die Gesamtsumme überweisen lassen. Michael Dewitte, ein gebürtiger Belgier, war zuvor Mitarbeiter der Sommerfestspiele und zwei Jahre lang Assistent von Claudio Abbado, dem damaligen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker. Dewitte nannte die Vorwürfe inzwischen "unhaltbar". Klaus Kretschmer, technischer Direktor der Sommerfestspiele, wurde ebenfalls entlassen. Er soll, trotz eines Verbots von Nebentätigkeiten, für die OFS direkt oder indirekt über Tarnfirmen gearbeitet und mehrere 100 000 Euro dafür bekommen haben. Er sieht sich als "Bauernopfer". Kretschmer unternahm vergangene Woche einen Selbstmordversuch, den er schwerverletzt überlebt hat. Zu Unregelmäßigkeiten in Salzburg konnte es offenbar kommen, weil sich, so Raue, hier "ein System selbst kontrolliert" habe. Buchprüfungen renommierter Firmen hatten bislang keine Unregelmäßigkeiten ergeben.

DER SPIEGEL 6/2010
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