08.02.2010

ERINNERUNGENWAS ÜBRIG BLEIBT

EINE JUGEND IM JESUITEN-INTERNAT ST. BLASIEN
"Oxford war in jenen Tagen noch eine Stadt der Aquatinta. In seinen geräumigen, stillen Straßen gingen und sprachen die Männer, wie sie es zu Newmans Zeiten getan hatten; seine Herbstnebel, sein grauer Frühling und die seltene Glorie seiner Sommertage, wenn die Kastanien blühten und die Glocken hoch und klar über den Giebeln und Kuppeln erklangen, atmeten den sanften Hauch tausendjähriger Jugend. Diese klösterliche Gedämpftheit war es, was unserem Lachen seine Resonanz gab."
Als ich Evelyn Waughs "Wiedersehen mit Brideshead" das erste Mal las, war ich sechzehn. Ich war damals Schüler bei den Jesuiten in St. Blasien, "Interner", wie das hieß, "Externe" waren die Kinder aus den umliegenden Dörfern, die nur vormittags in der Schule waren. Evelyn Waugh, der "Brideshead" geschrieben hatte, war ein konservativer britischer Exzentriker, er trat zum Katholizismus über und hat mit "Brideshead Revisited" (1945 erschienen) das vielleicht großartigste Buch über den Untergang des englischen Adels geschrieben. Aber Brideshead war für mich nicht wie Thomas Manns "Buddenbrooks" oder "Der Leopard" von Tomasi di Lampedusa, es war nicht bezaubernd oder berührend, das Buch schien mir damals noch keine untergehende Zeit zu beschwören. Die Stille und Abgeschiedenheit meines Internats machten es möglich, dass ich in Brideshead lebte, Sebastian, sein Teddy Aloysius, Charles Ryder und all die anderen waren für mich echt, sie hätten jederzeit um die Ecke biegen und mich mitnehmen können. Und weil wir jung waren und die Welt außerhalb der Klostermauern noch keine Macht über uns hatte, konnten uns solche Bücher prägen. Mehr kann Literatur nicht erreichen, und das ist nur an solchen Orten möglich. Etwas später lief die wunderbare Verfilmung mit Jeremy Irons im Fernsehen, keiner von uns verpasste eine Folge. Damals durften wir nur einen Film in der Woche ansehen.
Ich war mit zehn Jahren nach St. Blasien gekommen und blieb bis zum Abitur. Die Jesuiten hatten mich aufgenommen, obwohl ich evangelisch getauft war. Salem kam nicht in Frage, es schien zu weltlich, und Roßleben, das passende protestantische Internat, lag in der DDR.
In der ersten Nacht konnte ich nicht schlafen, wir konnten alle nicht schlafen. Zu Hause hatte jeder Wäschenummern in die Kleidung genäht bekommen, meine lautete 222. Wir hatten alle die gleiche Anzahl an Unterhosen, Unterhemden, Hosen, Jacken, Handtüchern und so weiter, die Eltern hatten eine Aufstellung vom Internat bekommen. Die Nummern waren notwendig, damit die Wäscheabteilung die Kleidung sortieren konnte, es waren fast 800 Schüler, und jeder hatte dort sein Fach. Und die Patres, wenn sie uns bei irgendetwas erwischten, konnten in den Kragen sehen und sich die Nummer merken. Alles war fremd. Die Klassen wurden im Internat "Abteilungen" genannt, vielleicht weil Ignatius von Loyola, der Gründer des Ordens, ein Offizier gewesen war. In der ersten Abteilung waren wir 30 Kinder in einem Saal, Bett an Bett, dazwischen kleine Nachttische aus hellem Holz. Zwischen zwei Schlafsälen lag der Waschsaal, 60 Waschbecken nebeneinander, kein warmes Wasser. Im Winter war es so kalt, dass manchmal aus dem Hahn kleine Eiskristalle kamen. In diesem Waschsaal fochten wir Schlachten mit der Parallelabteilung, wir trafen uns nachts, bewaffnet mit Handtüchern, in die wir Knoten gemacht hatten. Es war ein gutes Mittel gegen Heimweh und Einsamkeit. Und es war viel mehr, es war meine Kindheit.
In meiner Erinnerung ist St. Blasien ein kalter Ort. Vier Monate lag Schnee, an den Bäumen hingen Eiszapfen, und weil nachts die Fenster offen blieben, wurde es so kalt, dass wir uns morgens unter der Bettdecke anziehen mussten. Ich schrieb oft nach Hause, dass ich nicht mehr dort sein wolle, ich fror fürchterlich. Heizlüfter waren natürlich verboten, wir besorgten sie uns trotzdem, bis sie wieder konfisziert wurden.
Ich weiß nicht, ob es eine sorglose Kindheit gibt, ich glaube es nicht, zu kompliziert ist das meiste, was wir als Kinder erleben. Aber ich erinnere mich an die langen Gänge, über die wir rannten und schrien, an die Nachmittage mit Freunden, an Wochenenden in einer Hütte, die dem Kolleg gehörte, und daran, dass es Zeit für alles gab. Es zählte damals nur, wer man war und was man tat. Fast alles war anstrengend, das Taschengeld war streng festgelegt, und wir konnten in dem Café im Ort nur ein Ei bestellen und saßen stundenlang davor. Später in der Oberstufe gingen wir in das verrauchte Hinterzimmer eines Restaurants, was natürlich verboten war, und aßen das billigste Gericht, den Teller Spätzle. Wir flohen durch den Hinterausgang, wenn ein Pater dort kontrollierte, der Wirt gab uns immer ein Zeichen. Die Welt gehörte trotzdem uns. Ich erinnere mich an den Freund, mit dem ich die erste Baumhütte baute, und ich erinnere mich an die Zugfahrten nach den Ferien ins Kolleg, an das Dunkle des Schwarzwaldtals, das man nur ertrug, weil es die hellen Stimmen der anderen gab.
Ich habe damals mit dem Lesen begonnen, vermutlich aus Langeweile. Nabokov sagt, dass Kinder sich langweilen müssen, daraus entstehe alles. Ich erinnere mich an Gespräche über Bücher und über das Theater, und ich weiß, dass es sie ohne St. Blasien nicht gegeben hätte oder zumindest nicht so intensiv. Vor allem erinnere ich mich an die Freundschaften, die noch nichts Berechnendes hatten und in denen es noch nichts außer den anderen gab. Vielleicht war das das Beste, was die Jesuiten erreichen konnten, und es ist das, was ich heute am meisten vermisse.
Das Merkwürdige war, dass es eigentlich keine Erziehung durch die Patres gab. Vielleicht unterschied das St. Blasien von anderen Internaten. Der Tagesablauf war immer gleich, und er war streng: Schule von 7.30 Uhr bis 13.00 Uhr, Mittagessen bis 13.30 Uhr, Studium von 16.00 Uhr bis 18.35 Uhr und Abendstudium von 19.00 Uhr bis 20.00 Uhr. "Studium" hieß, dass wir in einem Raum mit 30 Holzpulten saßen, still sein mussten und Hausaufgaben machen sollten. Die Zeiten kenne ich nach 25 Jahren noch immer auswendig. Es gab die Messen am Sonntag und unter der Woche, es gab tausend Dinge, die verboten waren. Aber wir hatten auch unendliche Möglichkeiten, jeder konnte alles tun und alles sein, das Internat bot es. Alle Arten von Sport zum Beispiel, und wir fuhren nach Basel und Freiburg in die Theater, es gab einen Werkraum, und auf den ersten Computern konnte man sogar eine Programmiersprache lernen. Markenkleidung wäre dort lächerlich gewesen, und den Jungen, der die erste teure Uhr trug, fanden wir alle peinlich.
Die Kinder erzogen sich selbst, die Jesuiten setzten nur den Rahmen. Nichts davon würde ein moderner Pädagoge ertragen: nicht, wie wir nachts, weil wir laut gewesen waren, das Johannesevangelium abschreiben mussten, bis uns die Augen zufielen, und nicht die Ohrfeigen, die wir manchmal bekamen. Aber es gab großartige Lehrer: Pater Gritschneder, mein erster Lateinlehrer, war im Krieg noch Soldat gewesen und erst danach Jesuit geworden. Er war uralt, hatte Essensflecken auf seiner Weste und begann jede Stunde mit erhobenem Finger und dem Satz "Latein ist was für feine Leute". Es gab in dieser Schule viele Persönlichkeiten wie ihn, einige habe ich sehr gemocht.
Pater S., der gestanden hat, die Jungen in Jesuitenschulen missbraucht zu haben, war Sportlehrer. Die alte Sporthalle ist heute längst abgerissen. Sie wurde durch eine moderne, mit großen Fenstern und technischen Raffinessen, ersetzt. Die alte Halle mochte ich lieber. Sie sah nicht aus wie eine Sporthalle, sie hatte einen abgetretenen Holzboden und raue Wände voller Ballabdrücke. In dieser Halle habe ich vom Einmarsch der Russen in Afghanistan erfahren, und in dieser Halle hatte ich meine erste Bänderzerrung. Über der Halle, nur zu erreichen über die schmalste Treppe, die ich jemals gesehen habe, war das winzige Kino mit kaum 20 Plätzen, verstaubt, eng und dunkel, aber ich habe dort zum ersten Mal "Der dritte Mann" gesehen und nächtelang Alpträume gehabt, und ich habe dort "Casablanca" gesehen und wollte wie Humphrey Bogart sein. Diese Sporthalle war auch gleichzeitig das Theater des Kollegs. Ein eiserner Vorhang, der fürchterlich schepperte, wenn ein Ball dagegenklatschte, trennte die Halle von der Bühne, er musste von Hand hochgekurbelt werden. Auf meinem Schreibtisch liegt jetzt ein zerlesenes Reclam-Buch, "Leonce und Lena". Ich spielte damals den Leonce, und Lena war das erste Mädchen, das ich geküsst habe - ich habe ihr Gedichte geschrieben, und ich kann mich nicht erinnern, jemals glücklicher gewesen zu sein. Unvorstellbar, dass Pater S. in dieser Halle unterrichtete.
Der Untertitel von Brideshead lautet: "Die heiligen und profanen Erinnerungen des Hauptmanns Charles Ryder". Ich habe das Buch später noch ein halbes Dutzend Mal gelesen, und immer klarer ist mir geworden, dass das mein Lebensbuch ist, so, wie es einen Lebensmenschen gibt. Vor ein paar Jahren war ich zu einem Abendessen in Castle Howard eingeladen, das riesige Schloss, in dem der Film gedreht wurde. Nach dem Essen bin ich allein durch die Hallen gegangen, durch die Bibliothek und die Schlafzimmer. Sebastian gab es nicht mehr, alles war mit roten Kordeln abgesperrt und sehr aufgeräumt, die Touristen müssen Eintritt bezahlen, und ihnen soll schließlich etwas geboten werden. Das Haus gehört heute einer Stiftung und ist so vergangen, wie die Welt meiner Kindheit vergangen ist. Alle Erinnerungen sind profan, und alle Erinnerungen sind heilig. Wir haben ja nichts anderes.
Der Freund, dessen Bett in der ersten Nacht vor 35 Jahren neben meinem gestanden hatte und mit dem ich später Abitur gemacht hatte, rief mich nach den Meldungen über Pater S. an. Wir kannten ihn nicht, wir waren zu alt gewesen, als er nach St. Blasien gekommen war, er hatte wohl nur in den unteren Abteilungen unterrichtet. Wir sprachen über den damaligen Internatsleiter, der ihn rausgeworfen haben soll, und natürlich machten wir dumme Witze über Pater S.
Als ich auflegte, wurde mir klar, dass St. Blasien plötzlich einen anderen Klang bekommen hatte und die Erinnerungen nie wieder die gleichen sein würden.
Ferdinand von Schirach, 45, lebt als Anwalt und Schriftsteller in Berlin. Er war von 1974 bis 1984 interner Schüler im Kolleg St. Blasien im Schwarzwald. Im Piper-Verlag hat er den Kurzgeschichtenband "Verbrechen" veröffentlicht.
Von Ferdinand von Schirach

DER SPIEGEL 6/2010
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