DER SPIEGEL



PRESSE

Zwei gegen alle

Von Balzli, Beat; Bartsch, Matthias; Brauck, Markus

Lange war es in der Welt der deutschen Nachrichtenagenturen eher ruhig. Doch seit zwei schillernde Finanzinvestoren ddp übernommen haben, geht es drunter und drüber. Das Duo legt sich mit Konkurrenten an und definiert nebenher das Geschäft mit dem Journalismus neu.

Der Mann pfeffert den Brief des gegnerischen Anwalts quer über den Tisch. "Hier, können Sie mitnehmen", sagt er. "Brauche ich nicht noch mal zu lesen."

Es ist eine aggressiv-wegwerfende Geste. Sie soll sagen: Ich nehme es mit jedem auf. Sollen sie doch kommen. Ist mir schnuppe.

Martin Vorderwülbecke ist ein großgewachsener Mann mit schmaler Nase und dünnen Lippen. Nicht nur seine Manschettenknöpfe wirken immer ein bisschen zu gewaltig. Der Mann ist Investor, Unternehmer, Macher.

Ihm und seinem Partner Peter Löw gehört seit nunmehr einem Jahr die kleine Nachrichtenagentur ddp. Vor ein paar Wochen kauften sie noch den deutschen Teil des Konkurrenten AP dazu. Mit markigen Sprüchen holzen sie gegen den Marktführer dpa. Sie werfen Deutschlands größter Nachrichtenagentur "sittenwidrige" wie "rechtswidrige" Verträge vor und unterstellen ihr, sie unterhalte ein "Monopol".

Seitdem ist der bisher eher biedere Kosmos der Agenturen in Aufruhr. Normalerweise beliefern sie den Rest der Medienwelt mit News, Analysen, Reportagen. Sie schaffen den Rohstoff heran, mit dem vor allem Tageszeitungen und Online-Portale ihre Seiten bestücken. Sie besorgen die Informationsbruchstücke aus Wirtschaft, Politik und Kultur, aus denen andere dann Mosaike basteln.

Seit das Duo Löw und Vorderwülbecke die Branche aufmischt, wird sie immer öfter selbst zur Nachricht.

Der Brief, den Vorderwülbecke herüberwirft, ist von einem Anwalt der dpa. "Das fünfte gleichlautende Schreiben", ruft er. Er wird darin aufgefordert, seine Behauptungen zu unterlassen. So etwas ficht ihn nicht an. Er könne belegen, dass die Klauseln zu Vertragsverlängerung und -laufzeiten rechtswidrig seien, sagt er.

Da die dpa nicht nachgeben will, wird man sich wohl vor Gericht sehen. Das wird für ihn sicher kein Problem sein.

Löw und er haben zig Millionen verdient, indem sie marode Firmen kauften, sanierten und weiterverkauften. Sie sind sehr erfolgreich darin und gelten als wenig zimperlich. Von München aus rollen die zwei Sanierungskünstler nun den deutschen Agenturmarkt auf. Sie greifen den Marktführer dpa an und bieten sich den Zeitungen, die mit Agenturmaterial ihre Seiten füllen, als billigere Alternative an.

Sie empfehlen sich als Lösung in einer Krise, in der jeder Verlag sparen muss. Für sie scheint Journalismus vor allem als Geschäft interessant, dessen Gewinn zu maximieren ist. Ihr Kampf ist deshalb auch ein Test dafür, wie sehr sich die Ware Journalismus mit einer Ideologie der Rationalisierung verträgt.

Doch niemand weiß so recht, was Vorderwülbecke und Löw mit dem Agenturkauf letztlich vorhaben. Wollen sie nur Rendite aus dem eigentlich mageren Nachrichtenalltag pressen? Oder wollen die Aufsteiger, denen sonst so glamourfreie Unternehmen wie Pit-Stop und Adler-Mode gehören, ein wenig gesellschaftliches Renommee einfahren?

Immerhin bezahlten sie die Agenturkäufe aus ihrer Schatulle und nicht aus dem Firmentopf, über den sie sonst ihre Investments abwickeln.

Für die Society-These spricht, dass sich die zwei beim Bundespresseball gleich einen der teuren Tische mieteten, um Hof halten zu können. Die Führungsleute der wesentlich größeren dpa blieben derweil tischlos und mussten sich mit Flanierkarten begnügen.

Auch sonst geben sich Löw und Vorderwülbecke eher unbescheiden. Die Zentrale ihrer Beteiligungsgesellschaft BluO liegt mitten in München, genau dort, wo früher die bayerischen Könige residierten. Der Raum ist nicht einfach ein Raum, sondern eine Halle, die sich über zwei Etagen erstreckt.

Diese Halle ist etwas zu kathedralenhaft, die Musik etwas zu laut, der Rock der Assistentin, die den Kaffee bringt, etwas zu kurz. Überall steht Kunst herum, und neben der Kunst sind Tafeln mit Erläuterungen angebracht. Es fehlen eigentlich nur Preisschilder. Wie stellen sich solche Leute Journalismus vor?

Als Löw und Vorderwülbecke den deutschsprachigen Dienst der AP kauften, richtete ihre PR-Tochterfirma ddp-direct gleich mal ein unmoralisch klingendes Angebot an die Werbeabteilungen deutscher Unternehmen: "Für Ihre PR-Inhalte" gebe es nun "alleine intern 300 Journalisten, die für rund 85 Prozent der deutschen Tagespresse berichten". Und da ddp künftig auch den internationalen Dienst der AP mit Meldungen über Deutschland beliefere, heiße das: "Auch Sie können Ihre Meldungen weltweit über Associated Press verbreiten."

Weiter unten hing dann gleich eine Preisliste dran: "20 Pressemitteilungen statt 4250,- für nur 1500,- Euro." Es klang, als könnten die Firmen ihre reklamigen Jubelmeldungen künftig für wenig Geld auf einer großen Bühne hinausposaunen.

Bei AP fand man das nicht besonders lustig. "Das haben wir intern aber sehr schnell geklärt", sagt der Frankfurter Chefredakteur Peter Gehrig, der auch unter den neuen Herren bislang im Amt bleiben durfte. "Euphorisch, aber in der Tat missverständlich formuliert" sei der Text gewesen, räumt ddp-direct-Geschäftsführer Wolfgang Zehrt ein.

Zoff scheint jedenfalls beinahe zum Geschäftsprinzip zu gehören: Außer mit der dpa haben oder planen Vorderwülbecke und/oder Löw derzeit noch Ärger mit der mächtigen französischen Agentur AFP, mit den Journalisten der gerade zugekauften AP und sogar mit dem Axel-Springer-Verlag.

Angst vor mächtigen Gegnern kennt Vorderwülbecke nämlich nicht. Als der Springer-Verlag den Vertrag mit AP nicht rasch genug verlängerte, legte er sich gleich mit dem Chef des Hauses, Mathias Döpfner, an: "Sehr geehrter Herr Dr. Döpfner", begann er sein Schreiben an den Vorstandschef. Dann wurde der Ton scharf: "Mein Mitgesellschafter Dr. Dr. Peter Löw hat mich auf die schlechten Erfahrungen hingewiesen, die er bereits im Zusammenhang mit der Weltkunst Verlagsgruppe mit Ihrem Verlag gemacht hat und zur äußersten Vorsicht aufgefordert. Deshalb fordere ich Sie auf, bis zum 18.1.2010 den verhandelten Vertrag von Ihrer Seite rechtsgültig an uns zurückzusenden (Fax reicht). Wir würden ansonsten die Dienste abschalten."

Vier Tage später, erzählt Vorderwülbecke, sei der Vertrag unterschrieben zurückgekommen. Für ihn ist es wohl ein Beweis, dass sich Aggressivität auszahlt.

Hintergrund des Zoffs ist ein Geschäft zwischen Springer auf der einen Seite und der ehemaligen Löw-Firma Arques auf der anderen. Es ist eine windige Geschichte, die ein paar Jahre zurückliegt. Aber sie verärgerte das Haus Springer so nachhaltig, dass man dort noch vor wenigen Wochen überlegte, aus diesem Grund überhaupt keine Verträge mehr mit Agenturen aus dem Hause Löw abzuschließen.

Springer erstattete sogar Strafanzeige gegen Löw und zwei Partner. Die zuständige Staatsanwaltschaft in München hat ihre Ermittlungen im Hinblick auf das laufende Zivilverfahren "zur Klärung zivilrechtlicher Vorfragen" allerdings erst einmal "zurückgestellt", wie Oberstaatsanwalt Ken Heidenreich sagt. Ein anderer Teil der Ermittlungen wurde wegen Verjährung gar komplett eingestellt.

Das ganze Theater ist überhaupt strittig, zumal Löw aufgrund seines Ausstiegs bei Arques mit dem Zivilverfahren nichts mehr zu tun hat, führt aber bis heute zu dicker Luft zwischen den Medienhäusern.

Springer wirft Löw und seinen damaligen Geschäftspartnern vor, einen Scheinverkauf inszeniert zu haben: Löws Firma Arques kaufte dem Springer-Konzern im Jahr 2003 das Unternehmen Weltkunst ab. Zu dem gehörte auch der Verlag Philipp von Zabern. Dieses Filetstück hatte Springer angeblich gesondert verkaufen wollen. Es gab nach Springers Angaben sogar schon einen Interessenten, die Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Die Verhandlungen zogen sich hin, also vereinbarten Löws Leute und Springer, dass der Zabern-Verlag erst später verkauft werden sollte und man sich den Gewinn dann teilen werde. Unter einem Preis von 700 000 Euro sollte überhaupt nicht verkauft werden.

Im Oktober, so stellt es jedenfalls Springer dar, soll die Wissenschaftliche Buchgesellschaft den neuen Eigentümern 1,5 Millionen Euro für das Objekt geboten haben. Doch die verkauften es kurz vor Weihnachten 2003 an eine Beteiligungsgesellschaft namens Valiva - für nur 710 000 Euro. Später verkaufte Valiva den Zabern-Verlag dann weiter an die Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Der Preis soll deutlich über einer Million gelegen haben. An dem Erlös war Springer dann nicht mehr beteiligt. Löw bestreitet alle Vorwürfe, will sich aber sonst nicht äußern.

Ob die Sache überhaupt jemals angeklagt wird, ist völlig offen. Klar ist: Es wird mit harten Bandagen gespielt.

Das bekamen auch die Mitarbeiter der zugekauften deutschen AP bereits zu spüren. Vorderwülbecke hatte sie kurz nach dem Kauf Anfang Dezember noch eingelullt, AP sei ein "Juwel", das "wir schützen werden". Seitdem wird der Edelstein kräftig geschliffen.

Kurz vor Weihnachten wurde zehn als Pauschalisten beschäftigten Fotografen der Agentur der Vertrag gekündigt. Wer noch für die mittlerweile in DAPD umbenannte Ex-AP-Deutschland weiterarbeiten wolle, müsse die neuen Verträge akzeptieren: keine festen Monatspauschalen, kein Urlaubsgeld, Kündigungsfrist: eine Woche.

Nach Weihnachten dann bat der von Löw und Vorderwülbecke installierte DAPD-Mitgeschäftsführer Franz Maurer die ersten acht Festangestellten zum Kündigungsgespräch in sein Büro.

Als Kollegen einwendeten, der Verzicht auf die zum Teil hochspezialisierten Kollegen reiße riesige Löcher in den Agenturbetrieb, entgegnete der Österreicher Maurer nach Darstellung von DAPD-Redakteuren, dann müssten eben andere die Arbeit machen.

Mit weichem Wiener Akzent wischte er die Bedenken im kleinen Kreis weg: "A Schurnalist is a Schurnalist."

In einem Brief an die neuen Eigner schrieben die Redakteure jetzt, in der Belegschaft herrsche "tiefes Misstrauen gegenüber allen Verlautbarungen der Geschäftsführung", deren Äußerungen "in krassem Gegensatz zu der für uns alle erschütternden Realität stehen". Aber das Macher-Duo attackiert weiter.

Nächster Gegner auf der Liste der ddp-Eigner ist die französische Agentur AFP. Eine renommierte Anwaltskanzlei hat für Vorderwülbecke schon eine Beschwerde bei der Europäischen Kommission vorbereitet.

Die Agentur müsse ihr Geschäftsgebaren in Deutschland ändern, dröhnt Vorderwülbecke. "Die AFP muss ihre Preise in Deutschland mindestens verdoppeln, um kein Dumping mehr zu betreiben. Das haben wir den Herren schon mitgeteilt."

In der Beschwerde geht es außer um schon bekannte Alimentierungen der AFP durch den französischen Staat auch um staatliche Kredite, die die AFP angeblich nicht zurückzahlen musste, um 20 Millionen Euro Sonderhilfen für ein Multimediaprojekt und um Steuerbefreiungen.

"Die AFP lebt von unerlaubter staatlicher Beihilfe und macht uns in Deutschland mit ihrem subventionierten Angebot das Leben schwer", schimpft Vorderwülbecke. Am liebsten wäre ihm wohl, die Franzosen würden mit ihren Diensten aus Deutschland komplett verschwinden. Löw und Vorderwülbecke seien "Branchenfremde", kontert die deutsche AFP. Eine Klage sei "aussichtslos".

In Deutschland gehört der AFP auch der Sport-Informations-Dienst. Und da Sportnachrichten im Angebot von Löw und Vorderwülbecke bisher fehlen, wäre das eine perfekte Ergänzung. Doch ohne Druck werden die Franzosen das Feld wohl nicht räumen. Dazu sagt Vorderwülbecke knapp: "Wir führen keine Gespräche."

Doch selbst das Scharmützel mit der AFP ist nur ein Nebenkriegsschauplatz im Kampf gegen Branchen-Goliath dpa. Ohne einen vernünftigen Sportdienst können Löw und Vorderwülbecke ihr Ziel nicht erreichen, ein Komplett-Gegenangebot zur größten deutschen Agentur zu bieten.

"Viele Verleger sind froh, dass es mit uns endlich eine Alternative gibt", sagt Vorderwülbecke. Er richtet sich in der schwarzen Ledercouch auf. Daneben steht ein Kunstwerk. Es heißt: "Stück von einer Frucht". Mehr will das Duo auch von der Konkurrenz nicht übrig lassen.

BEAT BALZLI, MATTHIAS BARTSCH,

MARKUS BRAUCK


DER SPIEGEL 6/2010
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