13.02.2010

Der Walkämpfer

Von Goos, Hauke

Global Village: Warum ein isländischer Fischer glaubt, etwas Gutes für die Welt zu tun

Kristján Loftsson steht auf dem Oberdeck der "Hvalur 9", er sucht nach einem Wort, das ausdrückt, was der Finnwal für ihn bedeutet. Balaenoptera physalus, Familie der Furchenwale, bis zu 24 Meter lang, rund 50 Tonnen schwer; nach dem Blauwal ist der Finnwal das größte Tier auf Erden.

"Faszinierend", sagt Loftsson schließlich.

Er wirft einen Blick hinüber zum Boot der Whale-Watcher, das im Sommer auf der anderen Seite der Pier im Hafen von Reykjavík auf Touristen wartet. Walbeobachtung ist ein wichtiger Zweig in Islands Tourismusbranche; viele Urlauber besuchen die Insel nur wegen der Wale. "Auch wir beobachten Wale", sagt Loftsson und lacht. Dann zeigt er mit dem Finger zum Bug der "Hvalur 9". Dort steht die Harpune. Loftssons Harpune.

Kristján Loftsson ist Walfänger, der bekannteste Walfänger Islands, der einzige, der ausgerüstet ist, um Finnwale zu jagen. 125 Tiere haben Loftssons Männer im vergangenen Sommer getötet, im Schnitt einen Wal pro Tag, das sind knapp 2000 Tonnen Walfleisch. Es war ein guter Sommer für Loftsson, der erste seit Jahren, aber vermutlich ist er der Einzige, der sich darüber freut.

150 Finnwale hätte Loftsson erlegen dürfen, das garantierte ihm der isländische Fischereiminister. Die 25 Tiere, die er nicht geschafft hat, darf er in dieses Jahr übertragen. Ein Schlachtfest, klagen Tierschützer. Loftsson selbst spricht von der "Ernte", die er einbringt. Er lebe davon, eine begrenzte Anzahl Wale zu jagen, aus wirtschaftlichen Gründen, sagt Loftsson, während die Walschützer den Abschuss grundsätzlich verbieten wollten, aus moralischen Gründen. Die Tierschützer, sagt Loftsson, hätten von wirtschaftlichen Notwendigkeiten keine Ahnung und von Walen auch nicht.

Loftsson führt ein Familienunternehmen. Sein Vater hatte die Firma Hvalur nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet, Kristján Loftsson ist heute ihr größter Anteilseigner. 1955 kaufte Loftssons Vater das erste Walfangschiff, in den dreißiger Jahren für eine deutsche Reederei gebaut, es liegt heute im Deutschen Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven.

Als Junge ist er ein paar Sommer lang selbst zur Waljagd hinausgefahren, zuerst als Messjunge, später als Deckhelfer. Es waren gute Jahre, alles schien ganz einfach zu sein. Island, eine Insel am kalten, dunklen Rand von Europa, war eine Walfangnation, den Isländern war es egal, was die anderen Nationen über sie dachten. Was die Männer vom Meer nach Hause brachten, ernährte ihre Familien über den Winter, darum ging es.

Bei Hvalur führen sie Buch über die Jagd. Von 1948 bis 1985, sagt Loftsson, hätten sie rund 15 000 Wale erlegt.

Irgendwann wurde die Lage unübersichtlich. Island trat verschiedenen Organisationen bei, beispielsweise der Internationalen Walfangkommission IWC, die Welt wuchs zusammen, aus gleichgültigen Verbrauchern wurden moralische Konsumenten. Es ging nicht mehr allein um die Männer und ihre Familien.

Anfang der Achtziger einigten sich die IWC-Mitgliedstaaten auf ein Moratorium. 1986 wurde der kommerzielle Walfang komplett eingestellt, er sollte erst wieder freigegeben werden, wenn sich die Bestände erholt hätten.

Gejagt werden durfte nur mehr für "wissenschaftliche Zwecke". Die getöteten Tiere werden gewogen und vermessen, ihr Mageninhalt untersucht. Über den Sinn dieser Art von Forschung streiten isländische Walforscher und Walschützer. Loftsson legte seine Flotte an die Kette und wartete. Die kleine Welt des Walfangs war in die große Welt der Politik geraten. Alles war auf einmal sehr kompliziert.

Bis zum vergangenen Frühjahr. Überraschend gab der isländische Fischereiminister 150 Finnwale pro Jahr zur Jagd frei. Er gehörte der konservativen Partei von Ministerpräsident Geir Haarde an, der wegen der Finanzkrise zurücktreten musste. Mit der Entscheidung, die Waljagd freizugeben, habe er die neue Linksregierung ärgern wollen, heißt es, in der die Grünen den kleinen Koalitionspartner stellen. Die Wal-Entscheidung war eine der letzten Amtshandlungen der alten Regierung. Der Finnwal war Teil des politischen Geschachers geworden, ein Bauernopfer.

Bis 2013 ist die Jagd auf Finnwale erst einmal wieder erlaubt, auch die neue Regierung hat daran bisher nichts geändert. Für Loftsson, mittlerweile 66 Jahre alt, ist das Leben auf einmal wieder einfach.

Der Walfang sei immer noch aufregend, sagt Loftsson, es gebe so viele Gelegenheiten, Fehler zu machen. Der Wal taucht auf, bläst fünf-, sechsmal und taucht dann wieder ab, für etwa sechs Minuten, sagt er. Wo wird er das nächste Mal auftauchen? Welche Größe hat das Tier? Wie bewegt es sich?

Der Mensch hat die Technik. Der Wal hat den Instinkt, so jedenfalls sieht es Loftsson. Es gehe darum, sagt er, schlauer zu sein als das Tier.

Das Fleisch verkauft Loftsson nach Japan. Die Japaner, sagt er, müssten 60 Prozent ihres Kalorienbedarfs importieren. Seit 2005 wird Walfleisch in Japan sogar an Schulen und Krankenhäuser verteilt, als "Gesundheitskost".

Selbstverständlich sei er dafür, sagt Loftsson, dass der Finnwal geschützt wird, schließlich profitiert er davon, dass die Bestände nicht kleiner werden. Allerdings vermischten sich die Bestände nicht. Der Finnwal sei zwar auf der Südhalbkugel der Erde vom Aussterben bedroht, im Nordatlantik gebe es jedoch genug Tiere, das hätten ihm Wissenschaftler in Reykjavík bestätigt.

Es gehe darum, nicht gierig zu werden, sagt Loftsson. "Wenn du Maß hältst, kannst du ewig weitermachen." HAUKE GOOS


DER SPIEGEL 7/2010
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