13.02.2010

DROGEN

Der Erreger ist sehr widerstandsfähig

Gérard Krause, 45, Leiter der Abteilung Infektionsepidemiologie am Robert-Koch-Institut in Berlin, über rätselhafte Milzbrand-Todesfälle unter Drogenabhängigen

Spiegel: In Aachen starb ein Junkie an Milzbrand, derzeit wird ein zweiter Verdachtsfall in Nordrhein-Westfalen untersucht; neun weitere Todesfälle wurden aus Schottland und England gemeldet. Besteht ein Zusammenhang?

Krause: Die meisten Verstorbenen haben Heroin gespritzt oder inhaliert. Daher gehen wir davon aus, dass verunreinigtes Heroin die gemeinsame Quelle ist. Vergleichende Untersuchungen der Patientenproben aus Aachen und Schottland haben ergeben, dass es sich sehr wahrscheinlich um den identischen Erreger handelt. Wir vermuten deshalb, dass das Heroin eine gemeinsame Quelle der Verunreinigung hat.

Spiegel: Wie konnte das Bakterium in das Rauschgift gelangen?

Krause: Der Erreger ist sehr widerstandsfähig und zirkuliert in der Umwelt. Allerdings datiert der letzte Fall in Deutschland aus dem Jahr 1994. Milzbrand-Erreger kommen in Tieren vor und finden sich nach deren Tod etwa im Fell. Das Heroin könnte also beim Transportieren in Taschen aus kontaminierten Tierfellen verseucht worden sein. Denkbar ist auch, dass der Milzbrand-Erreger durch Beimischen von Knochenmehl in das Heroin gelangte.

Spiegel: Besteht über die betroffenen Drogenabhängigen hinaus Ansteckungsgefahr für die Bevölkerung?

Krause: Von Mensch zu Mensch wird Milzbrand praktisch nicht übertragen. In Gefahr schweben allerdings die Heroinsüchtigen, denn der Erreger zirkuliert weiter. Gegenwärtig prüfen wir einen weiteren Verdachtsfall. Die Behörden haben Drogenkonsumenten dringend aufgefordert, sich in Programme mit Ersatzstoffen zu begeben und kein weiteres Heroin vom illegalen Drogenmarkt mehr zu konsumieren.

Spiegel: Was unternimmt die Polizei?

Krause: Sie stellt Rauschgiftfunde vor allem aus der Region Aachen für die Untersuchung auf Milzbrand-Sporen zur Verfügung. Durch die Feintypisierung der Sporen ist auch eine regionale Eingrenzung möglich, so dass wir schon bald mehr darüber wissen werden, wo die tödliche Verunreinigung in das Heroin gekommen ist.


DER SPIEGEL 7/2010
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