DER SPIEGEL



SPIEGEL-GESPRÄCH

Der kleine Dämon in mir

Von Leick, Romain

Die französische Autorin Catherine Millet über ihr neues Buch "Eifersucht", Freiheit, Sexualität und die qualvolle Seite der Liebe

SPIEGEL: Madame Millet, der Titel Ihres Buchs verblüfft: Wie kann eine Frau, die das sexuelle Leben der Catherine M. geführt hat, eifersüchtig werden?

Millet: Das ganze Buch ist die Auseinandersetzung mit einem Paradox. Im Französischen hat es einen anderen Titel: "Jour de souffrance".

SPIEGEL: "Tag des Leidens". Das klingt poetischer als das etwas hässliche Wort "Eifersucht".

Millet: Ich litt doppelt, einmal unter der Eifersucht an sich, am Schmerz darüber, dass der Mann, mit dem ich zusammenlebte, Verhältnisse mit anderen Frauen unterhielt - eine Entdeckung, die mich aus der Bahn warf. Und dazu noch am Widerspruch, in dem ich mich mit mir selbst befand. Ich hatte immer ein außerordentlich freizügiges Leben geführt und mich dessen auch gerühmt. Und nun diese totale Spaltung meiner selbst. Mit diesem Gegensatz wurde ich nicht fertig. Jacques Henric, mein Mann, hat ihn mir bei unseren Auseinandersetzungen oft genug vorgehalten.

SPIEGEL: Sie haben 2001 Ihr Buch "Das sexuelle Leben der Catherine M." veröffentlicht. Es wurde ein Weltbestseller. Sie haben dort auf eine sehr nüchterne Art, ohne jede Frivolität, Ihr promiskes Sexualleben beschrieben, über einen Zeitraum von dreißig Jahren. Haben Sie sich jemals gefragt, ob nicht Sie Ihrem Mann reichlich Grund zur Eifersucht gegeben hatten?

Millet: Es herrschte bei mir sicher eine Art Blindheit. Ich dachte gar nicht daran, dass ich etwas tat, was Jacques verletzen konnte, und so stellte sich die Frage nach der Möglichkeit seiner Eifersucht nicht, jedenfalls so lange nicht, bis ich selbst diese Eifersucht empfand.

SPIEGEL: Wussten Sie von nichts? Sie konnten doch nicht wirklich überrascht sein.

Millet: Ich hatte einige Ahnungen, aber die hatten mich vorher nicht in Alarm versetzt.

SPIEGEL: Sie führten doch eine offene Ehe und machten einander nichts vor?

Millet: Natürlich, er kannte mein sexuelles Leben und Vorleben, wenn auch nicht in allen Einzelheiten. Manchmal, wenn ich nachts sehr spät nach Hause kam, war er beunruhigt, sogar wütend. Ich habe darin Eifersucht gesehen, aber ohne mir viele Gedanken zu machen.

SPIEGEL: Vielleicht machte er sich einfach Sorgen um Sie?

Millet: Ja, in seinem Zorn schwang Sorge mit, ein Vorwurf, die Angst, es könne mir etwas zugestoßen sein.

SPIEGEL: Auch das ist ein Zeichen der Zuneigung.

Millet: Unbestreitbar. Nur dachte ich nicht weiter darüber nach.

SPIEGEL: Ihre Eifersuchtskrise brach nach einer zufälligen Entdeckung aus, wie Sie im Buch erzählen: Sie fanden Nacktfotos einer jungen Frau, noch dazu einer schwangeren, auf dem Schreibtisch Ihres Mannes, und dann fingen Sie an, in seinen Notizheften zu forschen.

Millet: Jacques und ich sind Freudianer, da ist der Zufall nicht immer zufällig. Vielleicht hatte Jacques diese Fotos herumliegen lassen, um mir etwas mitzuteilen, vielleicht fand ich sie, weil ich etwas suchte, nach dem ich verlangte. Ich will damit sagen, dass diese Krise vielleicht ausgelöst werden musste, weil sie am Ende heilsam war, obwohl ich jahrelang durch die Hölle ging.

SPIEGEL: Wie lange?

Millet: Ungefähr drei Jahre. Es war eine schreckliche Zeit, aber gleichzeitig auch eine Möglichkeit, die Dinge zwischen uns zu bereinigen, die Frage nach der Freiheit, auf die wir unsere Beziehung gegründet hatten, neu zu stellen und schließlich mit einem größeren Vertrauen ineinander aus der Seelenqual herauszufinden.

SPIEGEL: Das hört sich nach etwas ganz anderem als einer banalen Ehekrise an.

Millet: Die Gewalt, mit der sie über mich kam, lag zweifellos an meiner Neurose. Ich habe das erst verstanden, als ich das Buch fertiggeschrieben hatte. Im französischen Titel verbirgt sich ein Wortspiel: Jour de souffrance, jour de jouissance, Tag des Leidens, Tag der Lust. Ich habe erst zum Schluss verstanden, wie viel Befriedigung ich in diesem Leiden gefunden habe.

SPIEGEL: Sie wollten sich selbst quälen?

Millet: Ich habe das Messer in der Wunde herumgedreht, ich empfand eine masochistische Freude daran, der Eifersucht immer neue Nahrung zu geben. Als ich die ersten Beweise für das, was man Untreue nennt, gefunden hatte, suchte ich immer weiter, obwohl mir zwischendurch klar wurde, dass ich mich in einem Gefängnis einschloss. Aber dieses Verlangen, Spuren seines Verrats zu finden, war stärker als ich, es entzog sich meiner Kontrolle, genauso wie ein sexueller Trieb. Ich würde diesen Impuls sogar mit dem eines Sexualtäters vergleichen: Er weiß, dass er einem anderen weh tut, und kann doch nicht anders.

SPIEGEL: Kamen Ihnen Gewissensbisse, wenn Sie in den Aufzeichnungen Ihres Mannes stöberten?

Millet: So etwas tut man nicht, das war mir die ganze Zeit bewusst. In der Sexualität habe ich eine, na ja, exzentrische Moral, aber im zwischenmenschlichen Umgang bin ich sehr respektvoll. Diese Schranke hielt nicht. Je mehr Geheimnisse ich aufdeckte, das Unbekannte in dem mir so bekannten Mann, umso stärker erlag ich dieser Faszination des Auskundschaftens. Mein sexuelles Verlangen nach ihm erwachte dabei aufs Neue mit ungeahnter Gewalt.

SPIEGEL: Die anderen Frauen waren jünger als Sie, das klassische Szenario. Hatten Sie Angst, Ihren Mann zu verlieren?

Millet: Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er mich verlassen würde mit einer dieser Frauen. Er hatte es auch nicht vor. Aber der weibliche Narzissmus empfindet die Existenz einer Jüngeren immer als Kränkung. Sie haben völlig recht, es gibt Tausende solcher Geschichten, die Frauenmagazine sind voll davon. Ich spürte sogar einen gewissen Trost darin, ein Klischee geworden zu sein - das Drama der reifen Frau, das ist schlechte Literatur, aber das Bewusstsein, nicht allein zu sein, hat auch etwas Beruhigendes.

SPIEGEL: Aber warum haben Sie dieses zweite Buch überhaupt geschrieben? Fürchteten Sie nicht, selbst schlechte Literatur zu produzieren?

Millet: Das Schreiben ist eine Art Therapie, wie die Psychoanalyse, es hilft, den Prozess der Selbstfindung zu objektivieren. Außerdem glaube ich, dass die Eifersucht auch Stoff für gute Literatur bieten kann.

SPIEGEL: Hatten Sie Vorbilder?

Millet: Ich will nicht vermessen sein, aber ich bin schon früh eine sehr ausdauernde Leserin von Marcel Proust gewesen.

SPIEGEL: Dessen monumentales Werk "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" auch eine allegorische Suche nach der Wahrheit ist. Bei Ihnen dagegen ist man unsicher, ob Sie nicht, hinter der Fassade eines nüchtern-objektiven Erzählstils, Wirklichkeit und Phantasie wild durcheinanderwirbeln.

Millet: Oh, natürlich lüge ich - aber nicht in meinen Büchern.

SPIEGEL: Sie gelten als rationale, intellektuelle Frau, als unabhängiger Geist mit einem fast kalten analytischen Blick. So haben Sie sich porträtiert. Wie wurden Sie damit fertig, plötzlich irrationalen Emotionen ausgeliefert zu sein?

Millet: Ja, ich bin sehr rational, aber in manchen Augenblicken war ich zur Selbstanalyse nicht mehr in der Lage, als hätte ich den Verstand verloren. Ein guter Freund, der Maler Gérard Garouste, hat vor kurzem seine Autobiografie unter dem Titel "Der Unruhige" veröffentlicht, in der er seine gravierenden psychischen Probleme beschreibt. Das Erstaunliche daran ist, dass man, wie er, sehr intelligent, gebildet und rational sein kann, mit einem normalen, ja sogar herausragenden Leben, und plötzlich öffnen sich Klammern, tun sich weiße Flecken auf - die Vernunft ist mit einem Mal weg, man ist nicht mehr bei sich selbst.

SPIEGEL: Wie ein Blick in den Abgrund?

Millet: Anders als Gérard Garouste musste ich nicht in die Psychiatrie. Aber ich habe mich immerhin einer Psychoanalyse unterzogen. Ich spürte, dass ich immer wieder meine Fähigkeit zu denken verlor, ich hatte das Gefühl, in eine Abwesenheit von mir selbst zu gleiten.

SPIEGEL: Was haben Sie von Ihrem Mann erwartet, als Sie ihn zum ersten Mal mit den Ergebnissen Ihrer Nachforschungen konfrontierten? Eine Beichte, Reue, Zerknirschung?

Millet: Ich weiß es selbst nicht so genau. Von all dem etwas wahrscheinlich, aber zuallererst eine Liebeserklärung. Ja, ich denke, ich wartete auf eine Liebeserklärung.

SPIEGEL: Haben Sie sie bekommen?

Millet: Nein. Jacques verstand nicht, wie ernst es mir plötzlich war. Er war ein bisschen schockiert, weil ich ihm nachspioniert hatte, aber er erkannte das Drama nicht. Er versuchte einfach, mich zu besänftigen. Er blieb der Rationale, der sagte, gut, reden wir darüber, es bedeutet nicht viel. Als ich ihn kennenlernte, war ich 24, und Jacques bat mich damals, etwas mehr Ruhe in mein ausschweifendes Sexualleben zu bringen, wenn auch nicht, es ganz zu beenden. Und da er zehn Jahre älter als ich war, dachte ich, er müsse automatisch etwas treuer sein als ich, nicht ganz, aber ein bisschen. Es waren nicht die Affären an sich, die meine Eifersucht weckten, sondern das Empfinden, dass er Aufmerksamkeit, Zeit von mir abzog und sie anderen, jüngeren Frauen zuwandte. Ich war wie ein Kind, das mehr väterliche Fürsorge reklamierte.

SPIEGEL: Entschuldigung, das klingt ziemlich naiv und egoistisch. Ihr sexuelles Leben war doch immer frei von Besitzansprüchen?

Millet: So versuchte er auch zu argumentieren: Affären, Geschichten, nichts weiter. Er beichtete mir sogar mehr, als ich herausgefunden hatte. Das versetzte mich in Panik. Eifersucht geht einher mit Paranoia. Ich sah überall Zeichen vermeintlicher Seitensprünge, bildete mir ein, dass er mich mit meinen eigenen Freundinnen betrog. In diesem Augenblick wird die Grenze zwischen Realität und Phantasie aufgehoben, man gleitet in virtuelle Welten. Vor meinem inneren Auge stellte ich mir Jacques immer wieder beim Sex mit anderen vor - und masturbierte beim Zusehen.

SPIEGEL: Sie schildern in Ihrem Buch auch eine rührende Szene: Nach der Rückkehr von einer Vortragsreise im Ausland kommen Sie nach Hause, sehen Ihren Mann, lehnen Ihren Kopf an seine Schulter und weinen. Er streichelt Sie und sagt "mein Liebling". Und dann schreiben Sie: So etwas sei Ihnen leider zum ersten Mal passiert. Ist das nicht in Wahrheit ein trauriges Geständnis?

Millet: Das ist Ihnen aufgefallen? Sie müssen verstehen, dass Jacques und ich nun wirklich keine Romantiker sind.

SPIEGEL: Vielleicht sind Sie ja eine Romantikerin, die sich verleugnet?

Millet: Ich habe eine starke Hemmung, mich meinen Gefühlen hinzugeben. Ich bin ein sehr beherrschter Mensch. Und Jacques ist ebenfalls, wenn es ums Intime geht, sehr schamhaft, er zeigt nicht gern kleine Gesten der Liebe. Unkontrollierte Hingabe ist nicht unsere Sache, sentimentale Ausbrüche verbieten wir uns.

SPIEGEL: Das sexuelle Leben, das Sie in Ihrem ersten Buch ausgebreitet haben, war ja überhaupt nur möglich, weil Sie beim Sex mit zahllosen Bekannten und Unbekannten, in allen denkbaren Situationen, auf Parkplätzen, im Bois de Boulogne, auf Partys, im Büro, im Freien, mit Männern, die häufig gesichtslos blieben, keinerlei innere Anteilnahme empfanden.

Millet: Praktisch nie. Was ich in diesen Beziehungen suchte, war ausschließlich sexuelle Befriedigung ohne emotionale Bindung.

SPIEGEL: Ist das möglich? Lässt sich das Körperliche vom Emotionalen, vom Geistigen völlig trennen?

Millet: Mir scheint, das habe ich in meinen Erfahrungen zur Genüge bestätigt gefunden.

SPIEGEL: Darin liegt aber auch die abstoßende Wirkung Ihres Bestsellers - in der präzisen, leidenschaftslosen Beschreibung einer Sexmechanik.

Millet: Mir wurde von der Kritik oft das völlige Fehlen von Gefühlen vorgeworfen. Wenn diese Frau, die ich war, die Männer lediglich als Objekte betrachtet hat, so lag gerade darin, wie ich zugeben muss, eine bestimmte Form der Lust. Aber selbst in einer extrem flüchtigen Beziehung kann sich ein gewisses Interesse, wenn auch kein sentimentales, für die Person dahinter entwickeln. Viele der Männer, mit denen ich verkehrte, waren liebenswürdig, sanft, angenehm, ja, ich würde sagen galant. Also waren sie in meiner Wahrnehmung doch mehr als bloße Objekte. Das machte die Begegnung schöner. Mehr aber auch nicht.

SPIEGEL: Es kommt einem vor, als wären Sie aus sich herausgetreten, als betrachteten Sie sich selbst während eines Lebens in verschiedenen parallelen Welten. Wo ist die Person Catherine Millet in ihrer ungebrochenen Identität? Fand die erst in der Eifersuchtskrise zu sich selbst?

Millet: Zunächst einmal glaube ich, dass ich nicht die Einzige bin, die ihr Leben aufteilt. Es gibt immer wieder extreme, überraschende Fälle von Menschen, die ein Doppelleben führen. Aber auch diesseits des Psychopathischen errichten viele Leute dichte Mauern zwischen den verschiedenen Abteilen ihres Lebens und können doch mühelos vom einen ins andere wechseln. Die Spaltung unserer selbst zerstört nicht notwendigerweise unsere Identität.

SPIEGEL: Nennt man das nicht, im harmlosen Fall, Verdrängung?

Millet: Unser Bewusstsein kann durchaus in verschiedenen Welten zu verschiedenen Zeiten leben. Das Gewissen wird dadurch von Schuld entlastet. Beim Wechsel von einem Teil des Lebens in den anderen wird jeweils ein Stück für eine bestimmte Zeit vergessen oder zumindest in Klammern gesetzt und dann wiedergefunden. Wissen Sie, das ist eine sehr französische Tradition: Der Mann, der eine Mätresse hat, fühlt sich gegenüber seiner Ehefrau nicht schuldig, weil er seine Verantwortung ihr gegenüber weiter wahrnimmt. Diesen Mechanismus der sektoriellen Aufteilung des Bewusstseins habe ich in meinen Büchern versucht zu erkunden.

SPIEGEL: Sie wurden sehr katholisch erzogen. Hat die Religion diese Art der Bewusstseins- und Gewissensspaltung erschwert oder erleichtert?

Millet: Erleichtert natürlich! Die Katholiken sind sehr gut darin, die Dinge im Leben zu trennen. Das macht vieles einfacher. Nicht von ungefähr nennt man einen Heuchler bei uns jesuitisch. Es gibt im Ka- tholizismus etwas, das einen zum parallelen Leben prädisponiert.

SPIEGEL: Fiel es Ihnen denn leicht, sich in Ihrem sexuellen Leben so aufzusplitten?

Millet: Schon sehr früh, als kleines Kind, habe ich angefangen, mich selbst in meinen Beziehungen zu anderen, zu meinen Eltern, meinen Geschwistern, zu beobachten. Vielleicht macht das meinen Narzissmus aus: Ich war zugleich drinnen und draußen. Es ist, als lebte ich in zwei Körpern, von denen ich den einen nur als Mieterin bewohne. Mir scheint, diese permanente Dualität ist die notwendige Bedingung dafür, sich selbst wahrzunehmen und klarsichtig über sich schreiben zu können.

SPIEGEL: Ist es schwieriger, sich selbst als Opfer, in der Rolle der Beherrschten, sogar der Besessenen, statt der Kontrollierenden zu betrachten?

Millet: Auf jeden Fall. Ich habe lange gebraucht, um dieses Buch zu schreiben. Ich musste mich an äußerst schmerzhafte Momente erinnern und versuchen, dabei aufrichtig zu bleiben. Während ich vor über zehn Jahren diese schreckliche Eifersuchtskrise durchmachte, kam mir zuerst die Idee, mein sexuelles Leben, das kein Widerstreben kannte, aufzuschreiben - als Entgegnung auf die imaginierte Sexualität meines Mannes, die mich so peinigte.

SPIEGEL: Hatten Sie keine Angst, sich so zu entblößen?

Millet: Ich habe damit angefangen, die Vornamen aller Männer zu notieren, an die ich mich erinnerte. Das Gedächtnis ist tückisch, es stellt viele Fallen auf. Bei der Schilderung des sexuellen Lebens der Catherine M. musste ich nur darauf achten, mich nicht zu irren. Im Fall von "Eifersucht" musste ich dagegen zu komplexen Gefühlen, zu Schmerz und Scham, zurückkehren. Ich musste an mir selbst arbeiten, aus mir herausfinden und mich nicht nur beim Agieren, sondern beim Erleiden beobachten.

SPIEGEL: Die Erfahrung des Schmerzes, des Kontrollverlustes, hat Sie auch physisch krank gemacht. Ihre Eingeweide rebellierten. Zeigt das nicht, dass Sie doch nicht aus Ihrem Körper heraustreten können?

Millet: Wer bin ich? Dass ich so viele Sexpartner im Leben hatte, machte mir deutlich, dass nicht alle Menschen mich in derselben Weise ansehen. Man macht sich viele Vorstellungen von mir. Diese Bilder und Interpretationen meiner Person sind alle irgendwie real, und doch gibt es irgendwo inmitten aller dieser Projektionen ein tieferes Ich, von dem ich freilich nicht weiß, ob seine Existenz schwerer wiegt als die der anderen Ichs. Mein Körper existiert in unterschiedlicher Form.

SPIEGEL: Sie geben eine fast cartesianische Deutung Ihrer selbst, als wären Sie ein Geist in der Maschine. Aber man ist doch sein Körper, man kann sich nicht von ihm lösen.

Millet: Seltsam, Sie sagen da etwas, das auch Jacques zu mir sagte, vor kurzem erst. Ich konnte das sexuelle Leben der Catherine M. führen, weil ich den Körper vom Geist trennte. Vermutlich habe ich diese Aufspaltung übertrieben, aber mir hat es genützt, ich bin dabei auf meine Rechnung gekommen.

SPIEGEL: Die Trennung von Körper und Geist spiegelt sich auch in der Bedeutung des Imaginären in Ihrem Sexualleben. Neben den Akten sind die Phantasmen fast wichtiger. Aber in "Eifersucht" stehen nicht mehr Sie im Mittelpunkt der vorgestellten Welt, es ist Ihr Mann mit seinen Gespielinnen.

Millet: Das hat mich sehr destabilisiert. Ich hatte den Eindruck, dass Fremde von meiner Vorstellungskraft Besitz ergriffen hatten. Ich konnte Geist und Körper um so leichter trennen, als mein Geist bei Bedarf eine sehr blühende Phantasie entwickelt. Wenn ich mich in einer konkreten Situation befinde, die mir missfällt, kann ich mit Hilfe meiner Vorstellung daraus entfliehen. Das hat mich zu einer sehr geduldigen, anpassungsfähigen Frau gemacht. Ein kindlicher Rest, den ich in mir bewahrt habe.

SPIEGEL: Am Ende dann eben nicht mehr. Das Kind lehnte sich auf. Kam Ihr sexuelles Leben eigentlich zum Stillstand während der drei Jahre Eifersucht?

Millet: Nicht mit meinem Mann. Mit anderen schon. Aber mein Mann musste seine Liebesbeweise erbringen, als glückliches Ende nach den Szenen, die ich ihm machte.

SPIEGEL: Spürten Sie, dass auch er litt?

Millet: Er war wohl eher bestürzt als wütend oder verletzt. Aber natürlich, ich spreche in meinem Buch von meinem Leiden, er könnte seins erzählen.

SPIEGEL: Hatten Sie manchmal das Gefühl, dass Sie psychisch in Gefahr waren, dass Ihr Ich, das Sie auch über die Promiskuität konstruiert hatten, zu zerbrechen drohte?

Millet: Ich bin bestimmt nicht weniger verletzlich als viele andere, aber ich ertrage das Gefühl der Schwäche nicht. Deshalb verstecke ich es. Während all dieser Jahre legte ich großen Wert darauf, meine Not vor meinen Freundinnen zu verbergen. Sie sollten nicht mitkriegen, wie angeschlagen ich war.

SPIEGEL: Aber dann schreiben Sie ein Buch darüber und breiten alles in der Öffentlichkeit aus.

Millet: Das erscheint Ihnen kurios? Ich kann ja auch ganz unbefangen mit Ihnen hier darüber reden. Darüber zu schreiben, darüber zu reden gibt mir die Kontrolle über mich selbst zurück. Ich wähle die Wörter, mit denen ich meine Geschichte erzähle, ich bestimme über mein Erleben und meine Erinnerung.

SPIEGEL: Und Sie bleiben trotzdem aufrichtig?

Millet: Auf jeden Fall. Die erzählte Wahrheit ist eine beherrschte Wahrheit. Sie zu verfälschen wäre kontraproduktiv.

SPIEGEL: Sie wollten immer die Herrin Ihres Schicksals sein, eine selbstbestimmte Frau, die sich aus der Menge heraushebt. Ist zügellose Sexualität ein Mittel der Befreiung?

Millet: Der erste Sexualakt ist für jeden jungen Menschen die Behauptung seiner Unabhängigkeit. Ich bin in einem Milieu mit strengen Regeln und vielen Tabus aufgewachsen. Vielleicht musste ich mir meine Unabhängigkeit immer wieder von neuem beweisen. Ich wollte nie einer exklusiven Beziehung mit einem einzigen Mann unterworfen sein.

SPIEGEL: Hat dieser Freiheitsdrang Sie auch in die Welt der Kunst geführt?

Millet: Wahrscheinlich. Der Beruf der Kunstkritikerin war mir nicht vorherbestimmt. Schon eher beeinflusste mich die Vorstellung, die ich mir von gewissen Schriftstellern machte - so wie andere pubertierende Mädchen von der Schauspielerei träumen. Und es waren nicht unbedingt Klassiker wie Stendhal oder Balzac.

SPIEGEL: Sondern?

Millet: Françoise Sagan. Das mondäne Le-

ben, schnelle Autos, die befreite Frau mit 18 - das war die Vorstellung, die ich von einem Schriftsteller hatte.

SPIEGEL: Und der Feminismus? Simone de Beauvoir?

Millet: Kaum. Ich teilte natürlich ihre Forderungen, aber ich habe mich nie in der feministischen Bewegung engagiert, wahrscheinlich, weil ich in meinem beruflichen Leben als Kunstkritikerin nie auf große Schwierigkeiten stieß. Die Kunst bietet Frauen ein günstiges Umfeld.

SPIEGEL: Hat der Erfolg des Buches über Ihr Sexualleben Sie verändert?

Millet: Meinen Alltag so gut wie gar nicht. Ich habe mehr Geld, das ist alles.

SPIEGEL: Aber die Leute blicken seitdem anders auf Sie, wenn Sie auftreten: Das ist die Catherine M. Ist das nicht unbehaglich?

Millet: Wissen Sie, die Leute, mit denen ich zu tun habe, sind in der Regel sehr höflich und wohlerzogen. So wie Sie ja auch. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Frauen sich durch mich ermutigt fühlen, über sich selbst zu sprechen. Nein, ich höre kein unangenehmes Gewisper, wenn ich mich in der Öffentlichkeit zeige.

SPIEGEL: Erfüllte es Sie mit Genugtuung, plötzlich in der ganzen Welt als Tabubrecherin bekannt zu sein?

Millet: Ich bin keine Provokateurin, auch wenn ich durch das provoziere, was ich schreibe. Mein literarischer Ehrgeiz besteht darin, das Ungesagte zu sagen, unbeschriebene Verhaltensweisen zu beschreiben. Das ist wie in der Malerei: Der neue Blick entdeckt etwas, das niemand gesehen hatte und das nun plötzlich alle erkennen. Darin erschöpft sich mein Regelverstoß.

SPIEGEL: Montaigne definierte Eifersucht als Krankheit des Geistes, für die es viele Ursachen und gegen die es wenig Mittel gibt. Sind Sie heute geheilt?

Millet: Nicht ganz. Meine neurotische Eifersucht habe ich abgestreift. Aber der kleine Dämon bleibt einem erhalten, jederzeit bereit, wieder aufzuwachen. Die Psychoanalyse kann einem helfen, ohne dass man versteht, wie und warum sie geholfen hat. Es ist, als würde ein Klotz, ein schreckliches Gewicht im Unterbewusstsein verschoben. Mit sehr viel Glück plumpst es in den Abfallkorb. Aber das Heil? Darauf kann man nur hoffen, wenn man durch das Feuer der Hölle gegangen ist.

SPIEGEL: Madame Millet, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Catherine Millet

erzielte mit ihrem autobiografischen Bericht "Das sexuelle Leben der Catherine M." eine Millionenauflage. Die 1948 geborene Kunstkritikerin ist Herausgeberin des von ihr gegründeten avantgardistischen Magazins "Art Press". Mit "Eifersucht", das jetzt im Hanser Verlag auf Deutsch erschien (21,50 Euro), setzt sie die Erkundung des eigenen Ichs fort.


* Mit Redakteur Romain Leick in ihrem Büro in Paris.

DER SPIEGEL 7/2010
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