22.02.2010

HIRNFORSCHUNGAberglaube im Kinderzimmer

Ein neues Spielzeug soll eine Kugel mit der Kraft der Gedanken emporsteigen lassen. Funktioniert das wirklich?
Es fühlt sich an wie Magie. Der Spieler konzentriert sich, und der wundersame Ball vor ihm beginnt zu schweben. Dann lässt die Konzentration nach - und der Ball sinkt wieder hinab.
Auf der Spielwarenmesse Anfang des Monats in Nürnberg präsentierte der US-Konzern Mattel seine neuartige "Mindflex"-Maschine als große Attraktion: "Prüfen Sie die Leistungsfähigkeit Ihres Gehirns."
Um das Unglaubliche zu erleben, muss sich der Spieler ein Stirnband aufsetzen, mit dem angeblich seine Hirnaktivität gemessen wird. Mit reiner Willenskraft soll er dann einen Luftstrom regulieren, der einen Schaumstoffball auf- und absteigen lässt. "Je höher Ihre Konzentration, desto höher schwebt der Ball", heißt es in der Bedienungsanleitung.
Sobald der Spieler die Gedankensteuerung einigermaßen beherrscht, besteht seine Aufgabe darin, den Ball durch einen Hindernisparcours zu lenken. Laut Mattel ist Mindflex mehr als nur ein Spielzeug: "Der anspruchsvolle Hürdenlauf wird Ihre Konzentrationsfähigkeit schärfen." Im Herbst soll das Gerät für etwa 120 Euro auf den deutschen Markt kommen.
In den USA ist Mindflex schon jetzt ein Verkaufserfolg für den Barbiepuppen-Hersteller. Viele Nutzer äußern sich ge-
radezu euphorisch: "Besorgen Sie sich dieses Spielzeug!", rät der Psychologe Scott Herbst auf der Seite des Internethändlers Amazon. Mindflex könnte beim Zappelphilipp-Syndrom ADHS helfen, spekuliert er - und vielleicht sogar Medikamente ersetzen.
Doch wie genau funktioniert das wundersame Hirnjogging-Spiel? Mattel hüllt sich in Schweigen. Werden über das Stirnband wirklich - wie bei einem EEG - Hirnwellen gemessen und dann zur Steuerung des Balls genutzt?
In Wahrheit funktioniert Mindflex wohl viel einfacher: Ein Wissenschaftler der Berliner Charité hat das vermeintliche Hightech-Spielzeug jetzt als eine Maschine entlarvt, die den Aberglauben in die Kinderzimmer bringt.
John-Dylan Haynes gilt als einer der profiliertesten Hirnforscher weltweit. Vor zwei Jahren sorgte der 39-Jährige für Aufsehen: Mit Hilfe eines Magnetresonanztomografen konnte er zeigen, dass Entscheidungen bereits im Hirn fallen können, bevor sie dem Menschen überhaupt bewusst sind.
Im Auftrag des SPIEGEL versuchte er, hinter das Geheimnis von Mindflex zu kommen - mit einem Trick. Haynes nimmt den Plastikkopf einer Schaufensterpuppe und legt ein nasses Handtuch darüber. Dann zieht er das Hirnsteuerungs-Stirnband über das feuchte Tuch, dessen elektrischer Widerstand in etwa dem eines menschlichen Kopfes entspricht - und schaltet die Maschine ein.
Und siehe da: Wie von Geisterhand schwebt der Ball in die Höhe, kurz darauf sinkt er wieder ab - und zwar garantiert gedankenlos (Video unter: www.spiegel.de/ hirnspiel).
So geht das minutenlang. Keine Fehlermeldung erscheint. Danach verbindet Haynes die Kontakte des Sensor-Stirnbands mit Hilfe einer Büroklammer. Munter fliegt der Ball weiter. Die Mindflex-Maschine merkt nicht, dass da eine wichtige Zutat fehlt: ein menschliches Gehirn.
"Ich kann bei Mindflex nicht erkennen, dass Hautwiderstand oder Hirnaktivität einen entscheidenden Einfluss auf den Spielverlauf hätten", analysiert Haynes.
Alle Spieler versichern aber glaubhaft, genau zu spüren, wie das Auf und Ab des Balls von der eigenen Konzentration abhängt. Wie passt das zusammen?
"Bei Mindflex geht es nicht um Hirnforschung, sondern um Psychologie", erläutert Haynes. Der zugrunde liegende psychologische Trick sei schon seit 1948 bekannt. Damals fütterte der US-Psychologe Burrhus Frederic Skinner Tauben in regelmäßigen Abständen durch einen Automaten. Die Vögel lernten schnell - obwohl es nichts zu lernen gab. Wenn etwa eine Taube zufällig beim ersten Füttern eine bestimmte Körperdrehung vollführt hatte, wiederholte sie diese Bewegung immer wieder. Dann gab es Futter, ganz automatisch - und so verstärkte sich der Reflex wie von selbst.
Die Taube verhielt sich so, als könnte sie mit ihren Bewegungen das Futter herbeizaubern. Skinner nannte dieses Verhalten "Aberglauben". Auch Menschen lassen sich so konditionieren, dass sie eine nicht existierende Wirkung sehen. "Kontroll-Illusion" wird das genannt.
"Bei Mindflex werden Nutzer psychologisch darauf trainiert, einen Zusammenhang anzunehmen, wo keiner besteht", urteilt Haynes: "Diese Überzeugung kann sich sehr intensiv anfühlen."
Tatsächlich ist das Spielzeug eine buntverpackte Black Box. Sie enthält eine intelligente Steuerelektronik. Wie genau sie funktioniert - ob im Innern einfach nur ein Zufallsgenerator den Ball auf- und abschweben lässt - will der Hersteller allerdings nicht verraten.
"Sicherlich könnte man ein Spiel bauen, das mit einer Hirn-Computer-Schnittstelle funktioniert", sagt Haynes. "Doch das wäre derzeit deutlich teurer."
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 8/2010
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