Von Pfeil, Gerhard
Am dritten Tag der Olympischen Spiele geht Willy Bogner in einem Restaurant am Hafen essen. Deutschland hat die erste Goldmedaille gewonnen, Felix Loch, ein Rodler; in Downtown haben am Vortag Olympiagegner randaliert, die Polizei setzte Schlagstöcke ein. Bogner hat nichts mitbekommen. Er hat keine Zeit, durch Vancouver zu spazieren.
Bogner, 68, ist der Chef der Bewerbungsgesellschaft "München 2018", die bayerische Landeshauptstadt will in acht Jahren die Winterspiele austragen. Auch Annecy in Frankreich und die südkoreanische Stadt Pyeongchang haben sich beworben. Bogner ist nach Kanada gekommen, um das Internationale Olympische Komitee (IOC) davon zu überzeugen, dass München die beste Wahl ist.
Er wohnt im offiziellen IOC-Hotel, trifft jeden Tag IOC-Mitglieder, 70 Termine hat er bereits hinter sich. Manchmal sind es schwierige Gespräche, die Vertreter aus Afrika hätten "wenig Ahnung von Wintersport", sagt Bogner. Er sieht nicht mehr ganz wach aus. Aber es muss weitergehen. Er will mindestens 100 IOC-Leute in Vancouver treffen. Es geht um Olympia, er kämpft für Deutschland.
Bogner schlingt eine Portion Hühnerfleisch runter und eilt zurück ins Hotel.
Christl Freier kämpft auch. Weit weg von Vancouver, nicht für Deutschland, aber für ihre Heimat. Die Grundschullehrerin aus Oberammergau steht auf einem Wanderweg am Ortsrand, es ist kalt und still. Freiers Blick fällt auf verschneite Wiesen und Berghänge. "Ich brauche Olympia hier nicht", sagt sie.
In Oberammergau, gut 5000 Einwohner, berühmt für Holzschnitzkunst, weltberühmt für die Passionsspiele, sollen 2018 die Biathlon- und Langlaufwettbewerbe stattfinden. Auf den Wiesen unterhalb der Romanshöhe sollen Loipen angelegt werden, Tribünen und ein Pressezentrum entstehen. Nach Olympia will man alles wieder abbauen. Und nach ein paar Jahren soll sich die Natur erholt ha-
ben von dem Spektakel. So der Plan. Der Gemeinderat in Oberammergau stimmte vorigen November mit 16:1 für Olympia. Die Spiele, hieß es damals, würden den Ort, der vom Tourismus lebt, noch bekannter machen. Die einzige Gegenstimme kam von Christl Freier, Abgeordnete der Frauenliste. Sie erklärte: "Wir setzen unsere Natur aufs Spiel, wir schlittern da in etwas rein, und keiner weiß, was uns das am Ende kosten wird."
Freier musste sich nach der Abstimmung ein paar spitze Kommentare im Ort anhören. Aber sie ist eine starke Frau, und mittlerweile sind auch viele andere Oberammergauer nachdenklich geworden. Die Bauern im Ort werden zu einem Problem für die Münchner Olympiabewerber, manche wollen ihre Grundstücke nicht für die Spiele hergeben. Ihnen dämmert, dass sie sich da auf etwas Unberechenbares eingelassen haben.
Olympische Spiele sind eine gigantische Show. Sie verändern für knapp drei Wochen ein Land, eine Stadt. Sie können, wie jetzt in Vancouver, Energie freisetzen, eine nationale Freude, die in die Welt hinausstrahlt. Olympia ist aber auch ein Machtspiel, ein Moloch, es geht um Politik, um Profit. Das IOC gibt Veranstaltern keine Garantien, keine Sicherheiten, es stellt Forderungen, die erfüllt werden müssen. Man diskutiert nicht gern im IOC. Wer sich auf Olympia einlässt, muss aufpassen, nicht unter die Räder zu kommen.
Willy Bogner, der Bewerbungschef aus München, kennt Christl Freier nicht. Er trifft am Nachmittag im Hotel IOC-Leute aus Südamerika. Der Bundesinnenminister Thomas de Maizière und der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude sind nach Kanada gereist, um mit ihm für Olympia in Deutschland zu werben. Es sind Mitarbeiter der Bewerbungsgesellschaft in Vancouver, um sich schon mal hinter den Kulissen der Spiele umzugucken. Es sind Lobbyisten unterwegs, die die Stimmung im IOC ausloten. Alle arbeiten für die große Sache. "Es geht hier um die nächste deutsche Wintersportgeneration", sagt Bogner.
Oberammergau ist für ihn gerade sehr klein, sehr weit weg.
Im Juli 2011 wird das IOC bekanntgeben, wer 2018 die Winterspiele austragen darf. Die Spiele in Vancouver sind für die Bewerber eine wichtige Zwischenstation. Die drei Kandidaten dürfen im internationalen Medienzentrum ihr Konzept der Weltöffentlichkeit vorstellen. Es ist eine Art Casting. Jeder Bewerber hat 30 Minuten. Deutschland ist nach Annecy und vor Pyeongchang dran.
Am Tag vor dem Auftritt ist Bogner nervös. Er hat eine Rede vorbereitet, jedes Wort wurde von Redenschreibern abgewogen. Das Münchner Olympiamotto lautet nun: "Die Reise der Freundschaft".
Bogner ist ein großer Anhänger der olympischen Idee. Sein Vater hat bei den Spielen 1936 in Garmisch-Partenkirchen den olympischen Eid gesprochen, Bogner trat bei den Spielen 1960 in Squaw Valley und 1964 in Innsbruck als Skirennläufer an. Seine Modefirma entwirft seit Jahrzehnten die Kleidung des deutschen Winterolympiateams. Bogner drehte den Bewerbungsfilm für die russische Olympiastadt Sotschi, wo die nächsten Winterspiele 2014 ausgetragen werden.
In Vancouver kann man sehen, wie leicht Olympia sein kann. Die Spiele werden nicht erstickt von Pathos oder Sicherheitswahn. In der ersten Woche regnete es manchmal in Strömen, aber die Arenen für das Public Viewing waren voll, das Publikum feiert Snowboarder und Freestyle-Skiläufer, Sportler, die bei Olympia bislang eher an den Rand gedrängt waren.
Bogner wünscht sich für München auch leichte, moderne Spiele. Aber Deutschland gewinnt keine Medaillen in der Halfpipe. Deutschland gewinnt im Bob, auf dem Schlitten. Der deutsche Sport orientiert sich am Medaillenspiegel.
Der traurigste Ort bei Olympia ist das Deutsche Haus in Vancouver, eigentlich gedacht als Begegnungsstätte, die der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) in einer Universität eingerichtet hat. Wenn man aus dem Trubel der Arenen dorthin kommt, wird man augenblicklich emotional entsaftet. Die Gewinner des Tages werden in einem schallgedämpften Konferenzraum mit grauen Wänden vorgeführt. Manche Sportler liefern starke Auftritte. Die Biathletin Magdalena Neuner wurde nach ihrem ersten Sieg per Videokonferenz zugeschaltet. Sie erzählte, dass sie ihren Körper 13 Jahre lang darauf vorbereitet habe, Olympiasiegerin zu werden.
Man versteht in solchen Momenten, welche Bedeutung Olympische Spiele für Sportler haben. Im nächsten Augenblick hört man aber, wie sich in einem Nebenraum eine Sponsoren-Reisegruppe zuprostet, und der Zauber ist dahin. Sportler sieht man jenseits der Pressekonferenzen nicht so oft im Deutschen Haus, sie haben es geprüft und bleiben nun weg.
Der deutsche Wintersport könnte eine Erneuerung gut vertragen, wenn er für kommende Generationen interessant bleiben will. Willy Bogner könnte mit der Münchner Bewerbung einen Wandel einleiten. Bislang hat es die Bewerbungsgesellschaft versäumt, die Menschen mitzunehmen, sie heranzuführen an ein Großereignis, das bei vielen eher Ängste schürt.
Christl Freier beispielsweise traut Olympia nicht. In Bayern, in Ruhpolding, entsteht gerade ein modernes Biathlonstadion, 2012 wird dort die WM ausgetragen. Freier versteht nicht, warum Herr Bogner nicht das Ruhpoldinger Stadion nutzt und stattdessen in Oberammergau eine Arena auf die grüne Wiese pflanzen will, die danach wieder abgebaut werden muss. Es koste nur zusätzliches Geld, es sei "ökologischer Unfug", sagt Freier.
Bei der Bewerbungsgesellschaft sagen sie, Oberammergau müsse sein. Das IOC mag es nicht, wenn Wettkampforte zu weit verstreut liegen. Zwei Zentren, sogenannte Cluster, müsste es bei Olympia geben. München wäre der "Eis-Cluster", Oberammergau und das nahe Garmisch-Partenkirchen würden 2018 das "Schnee-Cluster" bilden. Es gebe keine Alternative. Man müsse sich dem Willen des IOC fügen, sonst habe ein Olympiakandidat keine Chance.
Oberammergau ist in den vergangenen Wochen zu einer Art Labor geworden, in dem sich die deutsche Olympiastimmung messen lässt. Im vorigen Herbst stand fast das gesamte Dorf hinter Olympia. Nun bröckelt die Zustimmung. Weil niemand weiß, wer eigentlich die Garantie dafür übernimmt, dass die Wiesen, die man für die Spiele ruiniert, irgendwann wieder so aussehen wie heute. Weil laut Vertragsentwurf weder das IOC noch die Bewerbungsgesellschaft haften, sondern die Gemeinde, wenn beim Rückbau irgendetwas schiefgehen sollte. "Es braut sich was zusammen in Oberammergau", sagt Gemeinderätin Freier.
Bogner kann sich darum im Moment nicht kümmern. Am vierten Tag von Vancouver sitzt er auf einer Bühne im Konferenzraum "Quadra" im Medienzentrum. Der Saal ist vollbesetzt, Deutschland stellt sein Konzept für Olympia 2018 vor.
Bogner liest vom Blatt ab, genauso wie Münchens Oberbürgermeister Ude; Innenminister de Maizière gibt sich staatsmännisch und versichert, die Bundesregierung stehe hinter der Bewerbung. IOC-Vizepräsident Thomas Bach, Präsident des DOSB, verspricht die besten Spiele aller Zeiten. Alle tragen zum Zeichen der Solidarität weiße Krawatten.
Es ist ein trüber Auftritt. Nach 20 Minuten ist alles vorbei. Die Reporter scharen sich um Eiskunstlauf-Olympiasiegerin Katarina Witt, Kuratoriumsvorsitzende der Bewerbungsgesellschaft. Niemand interessiert sich für Ude, Bogner oder Bach. Die Experten sagen hinterher dennoch, dass die Entscheidung zwischen München und Pyeongchang fallen wird. Das Konzept von Annecy klingt auch sympathisch, aber die Wettkampforte liegen zu weit auseinander. Die Deutschen hätten gute Chancen, heißt es.
Aber es gibt da ein kleines Problem, das langsam größer wird: Oberammergau.
Um das Biathlonstadion und die Loipen bauen zu können, müssten 188 Grundstücksbesitzer ihre Flächen verpachten. Kürzlich hat die Gemeinde eine Umfrage gemacht, dabei kam heraus, dass 20 Prozent der Grundbesitzer dazu nicht bereit sind.
Es kann ein Desaster werden. Für Deutschland, für München, für Willy Bogner. Am Tag nach der Präsentation läuft er am Yachthafen von Vancouver vorbei. Die Sonne scheint. Ein paar hundert Meter vor ihm brennt das olympische Feuer. Er ist ganz nah dran.
Bogner überlegt, dann hat er einen Satz für die renitenten Oberammergauer Bauern, die ihre Grundstücke nicht abgeben wollen, obwohl der Gemeinderat für Olympia gestimmt hat. Bogner sagt: "Winterspiele sind ein Ereignis von nationaler Bedeutung, die Staatsbürger sollten sich an die Zusagen, die die Volksvertreter einmal gemacht haben, halten." Es ist ein harter, drohender Satz. Aber man kann in Deutschland nicht Bauern für ein Sportfest enteignen.
Christl Freier in Oberammergau ist ganz ruhig. Sie wartet ab. Sie hat gegen Olympia gestimmt, weil sie es für richtig hielt. Freier ist eine überzeugte Demokratin. Sie vertraut jetzt auf den gesunden Menschenverstand in ihrer Heimat.
Sie sagt: "Unsere Bauern hier am Ort haben ein sehr gutes Gespür dafür, wann jemand versucht, sie über den Tisch zu ziehen."
DER SPIEGEL 8/2010
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