22.02.2010

KIRCHETraumatische Vergangenheit

Immer neue Missbrauchsfälle setzen die katholische Kirche unter Druck. Doch die reagiert hilflos und verstört. Jetzt fordert die Bundesregierung bedingungslose Aufklärung von den Bischöfen.
Über Jahre hin plagten ihn Scham, Verunsicherung, Wut. Dann hat Jörg D. am 17. September 2009 an den Papst einen Brief geschrieben, vier Seiten über seine Not: "Ich bitte Sie um Hilfe, in welcher Form auch immer."
Doch Benedikt XVI. schwieg, bis heute gab es keine Antwort, "nicht mal einen Zweizeiler, nichts, überhaupt nichts", sagt Jörg D., heute 25 Jahre alt.
Auch sein zuständiger Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode hat ihm kaum geholfen. Er riet dem Missbrauchsopfer, er solle "vergeben und vergessen".
Sie alle sollen vergeben und vergessen, 14 Kommunionskinder und Messdiener aus einem Dorf nahe der niederländischen Grenze. 227-mal waren sie in den Jahren bis 1995 von ihrem Seelsorger sexuell missbraucht worden. Pfarrer Alois B. kam mit einer Freiheitsstrafe auf Bewährung milde davon. "Die Kirche kümmerte sich mehr um die Täter als um die Opfer", kritisiert Jörg D. "Sie besorgte und bezahlte ihnen Therapien, Kuraufenthalte, neue Wohnungen oder neue Stellen, verwischte beflissen ihre alten Spuren. Die missbrauchten Kinder wurden sich selbst überlassen."
Tag für Tag werden bei den Katholiken neue Fälle bekannt. Allein die Berliner Rechtsanwältin Ursula Raue zählte binnen drei Wochen 12 Verdächtige und 120 Opfer. Raue ist die Missbrauchsbeauftragte der Jesuiten, die Ende Januar noch von nur zwei Verdächtigen und sieben Betroffenen wussten. "Die Zahlen steigen täglich an", sagt sie. Etliche andere Orden, katholische Einrichtungen und Pfarrgemeinden sind betroffen, überall im Land melden sich neue Opfer, bei Bistümern, Zeitungen oder Beratungsstellen.
Dennoch tauchte Deutschlands oberster Katholik, Freiburgs Erzbischof Robert Zollitsch, während des Skandals wochenlang ab. Auf dem Treffen der Deutschen Bischofskonferenz Anfang dieser Woche in Freiburg war der Tagesordnungspunkt "sexueller Missbrauch" zunächst eher am Rande vorgesehen. Hauptthema sollte "die alternde Gesellschaft" sein.
Hilflos und erschüttert, teils in Sorge um die Opfer, teils störrisch, wirklichkeitsfremd oder ignorant - und insgesamt konfus: So reagieren die deutschen Bischöfe auf den seit Jahrzehnten wohl größten Skandal in ihren Reihen. Manche zeigen sich "betroffen und fassungslos". Andere, wie der Augsburger Bischof Walter Mixa, machen kurzerhand die "sogenannte sexuelle Revolution" für den Missbrauch mit verantwortlich.
In den Hintergrund gerät dabei, was am dringendsten erforderlich ist: konsequente Aufklärung, Verfolgung der Täter, Hilfe für die Opfer.
Nötig wäre eine unabhängige Kommission, die mit einem eigenen Mitarbeiterstab allen Hinweisen nachgeht und dafür sorgt, dass die Täter und ihre Mitwisser in der Kirchenhierarchie zur Verantwortung gezogen werden. Sie müsste zudem sicherstellen, dass den oft lange vernachlässigten Opfern endlich Beratung, Therapie und Entschädigungen zukommen.
So wurden Missbrauchsskandale der katholischen Kirche in Irland und den Vereinigten Staaten aufgeklärt. Die Kommissionen ermittelten insgesamt Tausende Täter. In Irland stand eine erfahrene Richterin an der Spitze, die geheime Kirchenakten einsehen und Beteiligte vernehmen konnte. Haben die deutschen Bischöfe vor so viel Transparenz und entsprechenden Ergebnissen Angst?
Unmissverständlich fordert nun sogar die Bundesregierung die Hirten zum Handeln auf - ein im Verhältnis von Staat und Kirche sehr ungewöhnlicher Vorgang.
"Ich erwarte von der katholischen Kirche konkrete Festlegungen, welche Maßnahmen für eine lückenlose Aufklärung ergriffen werden", sagt Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, "es ist wenig hilfreich, wenn sich einige Verantwortliche wie Bischof Mixa hinter polemischen Ausflüchten verstecken, statt zur Sachaufklärung beizutragen." Die FDP-Politikerin schlägt Ombudsleute und einen Runden Tisch von Staats-, Kirchen- und Opfervertretern vor. Ein solches Gremium sei "ein guter Weg, um die zahlreichen Missbrauchsfälle aufzuklären und der katholischen Kirche Gelegenheit zu bieten, mit den Opfern über freiwillige Entschädigungen ins Gespräch zu kommen".
Trotzdem ist im Klerus immer noch die Ansicht weitverbreitet, bei sexuellen Übergriffen handle es sich um Einzelfälle, um bedauerliche Verfehlungen verirrter Brüder. Unbedingt wollen die Bischöfe das Schicksal ihrer irischen Kollegen vermeiden, die vergangene Woche zur Strafpredigt nach Rom zitiert wurden.
Zugleich belegen etliche neue Verdachtsfälle, dass Missbrauch an Kindern und Jugendlichen offenbar quer durch die katholische Republik vorgekommen ist. Beispielsweise im Essener Franz-Sales-Haus, einer Behinderteneinrichtung, die gerade erst zum 125. Geburtstag als "ehrwürdige Institution mit einer großen Geschichte" gefeiert wurde. Sie stehe für "eine Kultur der Achtsamkeit", sagte der Essener Weihbischof Franz Vorrath.
Rolf-Michael Decker beschreibt, was ihm als 14-Jährigem dort passiert sein soll: "Wir wurden, etwa nach Ausreißversuchen, in Kammern unterm Dach eingesperrt. Eines Nachts stand Erzieher K. vor meinem Bett und sagte, ich solle mal mitkommen. Er nahm mich in sein Zimmer, schloss ab und forderte mich auf, mein Nachthemd auszuziehen. Er fing an, mich zu befummeln und zog sich dabei selbst aus. Mir war alles fremd, und ich fühlte mich unwohl, aber er drohte, sei still, sonst bleibst du noch lange eingesperrt."
Über Jahre hin, so Decker, sei es zu Vergewaltigungen und zu wiederholtem Analverkehr gekommen, den auch andere Jungs über sich ergehen lassen mussten. Auch einem Geistlichen, der im Hause tätig war, wirft er sexuellen Missbrauch vor. "Beim Beichten fragte er uns nach unanständigen Dingen und onanierte dabei." Decker, 55, hat mittlerweile noch vier andere Zeugen ausfindig gemacht.
Schon einmal, 2002, hätte es zur Aufklärung der dunklen Vergangenheit im Franz-Sales-Haus kommen können. Damals trat der Direktor nach dem Vorwurf eines sexuellen Missbrauchs - allerdings außerhalb der Einrichtung - sofort zurück, um "den guten Ruf des Franz-Sales-Hauses aufgrund der weit zurückliegenden Verfehlung jetzt nicht zu beschädigen". Die Kirche wollte anscheinend das Thema nicht weiter vertiefen. Immerhin: Nun will der heutige Leiter der Institution, Günter Oelscher, für Aufklärung sorgen; "ohne Rücksicht auf das Image der Einrichtung", sagt er.
Besonders betroffen ist offenbar der Orden der Salesianer Don Boscos. Wie eine Sprecherin am vorigen Freitag auf SPIEGEL-Anfrage einräumte, gibt es derzeit Verdachtsmomente gegen vier teils frühere Ordensbrüder und Mitarbeiter. Sie beziehen sich auf das ehemalige Don- Bosco-Kinderheim in Berlin, wo sich zwei Patres und ein Mitarbeiter bis in die siebziger Jahre an Minderjährigen vergriffen haben sollen. Ein weiterer Vorwurf richtet sich gegen einen früheren Salesianer, der bis Mitte der sechziger Jahre im Schülerheim Don Bosco in Augsburg tätig war. Man werde "jedem Verdacht ohne Ansehen der Person" nachgehen, erklärte Ordenssprecherin Gabriele Merk-Horstmann, und Opfern den "uns zur Verfügung stehenden Beistand anbieten".
Übergriffe soll es auch im klösterlichen Kinderheim der Vinzentinerinnen im oberschwäbischen Oggelsbeuren gegeben haben. Ein Betroffener berichtet, wie er als Kind dem dortigen Pfarrer Essen aufs
Zimmer bringen musste. Dort zeigte ihm der Gottesmann Pornobilder und befummelte ihn dabei. Später wurde der Mann plötzlich ins Ausland versetzt. Ende vergangener Woche landete der Fall vor der Missbrauchskommission der Diözese Rottenburg-Stuttgart.
Im katholischen Maristen-Internat im bayerischen Mindelheim sollen bis Mitte der achtziger Jahre 13- bis 15-jährige Buben nachts ins Zimmer eines weltlichen Erziehers bestellt worden sein, das gleich neben dem Schlaftrakt der Schüler lag. Dort habe der Präfekt, so ein ehemaliger Zögling, die Kinder mit Weinbrand betrunken gemacht und anschließend missbraucht, teilweise auch vergewaltigt.
Die Zahl der betroffenen Jungen schätzt der Zeuge auf "10 bis 15", allein in seinem Trakt. Von dem Missbrauchsvorwurf habe er noch nie gehört, sagt der damalige Internatsdirektor Frater Winfried Schreieck heute. Er sei sich aber sicher, "dass sich die Verantwortlichen des Ordens um Aufklärung bemühen, wenn Missbrauchsopfer sich an den Orden wenden". Mit ähnlichen Berichten meldeten sich allein beim SPIEGEL in den vergangenen zwei Wochen Dutzende Betroffene. Manche ekeln sich noch Jahrzehnte später vor den Streicheleien, Anbiederungen und Küssen der Priester und Kirchenlaien, andere sind von Vergewaltigungen bis heute traumatisiert.
Die Namen der betroffenen Einrichtungen, Gemeinden und Orden lesen sich wie ein Who's who des katholischen Establishments. Die Franziskaner etwa müssen sich mit Übergriffen in ihrem seit langem geschlossenen Internat in Großkrotzenburg bei Hanau beschäftigen. Ein ehemaliger Zögling berichtet von Missbrauchshandlungen mehrerer Patres, die Ende der sechziger bis Anfang der siebziger Jahre passiert sein sollen. "Wir haben mit dem ehemaligen Schüler Kontakt aufgenommen, um im Gespräch die Vorwürfe aufzugreifen und wenn möglich aufzuklären", sagt der zuständige Franziskanerprovinzial Hadrian Koch.
Salvatorianer, Pallottiner, Pfarrgemeinden, kirchliche Kinderheime oder Pfadfinder: Sie alle werden sich mit den Beschwerden früherer Zöglinge beschäftigen müssen.
Angesichts ihrer Erfahrungen haben allerdings viele Opfer oft kaum noch Vertrauen in eine Aufklärung durch genau jene Institution, die Missbrauch oft jahre- oder jahrzehntelang verschwiegen hat.
"Das Erlebte hat etwas grundlegend bei mir verändert", sagt ein Mann, der als Aussiedlerkind im Übergangslager Unna-Massen war und von einem Pfarrer des Bistums Paderborn im Auto missbraucht worden sein soll: "Auf einmal war nichts mehr richtig in meiner Welt. So ein Täter weiß gar nicht, was er in einem kaputtmacht." Frank Hornig, Sven Röbel,
Von Marcel Rosenbach und Peter Wensierski

DER SPIEGEL 8/2010
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