22.02.2010

UNGLÜCKEUnfassbarer Murks

Neue Erkenntnisse zum Pfusch beim Kölner U-Bahn-Bau bringen Verantwortliche immer stärker in Bedrängnis. Selbst ICE-Strecken könnten betroffen sein.
An Karneval und den Tagen danach ruht in Köln weitgehend das öffentliche Leben - Erholung ist angesagt. Doch vergangene Woche, ausgerechnet am Aschermittwoch, setzte in Amtsstuben schlagartig Hektik ein. Bei der Staatsanwaltschaft in der Domstadt hatte sich telefonisch ein Zeuge gemeldet.
Was er mitzuteilen hatte, elektrisierte die Ermittler. Beim Bau der ICETrasse München-Nürnberg sei gepfuscht worden, behauptete der Mann, dieselbe Firma arbeite auch beim Bau der Kölner U-Bahn mit. Vergangenen Freitag standen Fahnder im Büro des Unternehmens und durchsuchten - wieder einmal.
Und wieder einmal schleppten sie Unterlagen mit, die nun geprüft werden. In Köln, das scheint schon jetzt sicher, wurde im Untergrund getürkt und gelinkt, und es könnte sogar sein, dass deshalb vor einem Jahr das Stadtarchiv einstürzte. Zwei Menschen starben.
Es geht um Metallanker, die für Stabilisierung sorgen sollen - und möglicherweise nicht funktionsfähig oder gar nicht eingebaut waren. Um fehlende Stahlbügel, um zu wenig Beton und um mindestens 26 Messprotokolle, die perfekte Arbeiten vorgaukeln, aber offenbar gefälscht sind. Nun überprüfen auch Düsseldorfer Experten, was bei ihnen unter Tage vor sich geht. Hier arbeiteten nämlich teilweise dieselben Firmen, derselbe Polier, derselbe Bauleiter und derselbe Oberbauleiter wie in Köln.
Mittlerweile sind sie suspendiert, ihr Arbeitgeber, der Bauriese Bilfinger Berger, versucht sich in Schadensbegrenzung. Sein Aktienkurs kam unter Druck, und schon jetzt scheint klar, dass das Unternehmen aus den Turbulenzen nicht so schnell herauskommt.
Die Kölner Staatsanwaltschaft prüft derzeit, ob sie ihr Ermittlungsverfahren ausweiten muss - momentan gibt es elf Beschuldigte. Nun geraten Führungskräfte des Baukonzerns ebenso ins Visier wie Verantwortliche der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB), Bauherr der U-Bahn. Ende letzter Woche stellte sich heraus, dass offenbar auf zwei weiteren Baustellen Vermessungsprotokolle frisiert wurden, die KVB-Verantwortlichen sprechen von "einer neuen Qualität einer möglichen Manipulation".
Immer neue Schweinereien kommen ans Licht. Die Zustände in Köln, sagt der Prüfingenieur Heinrich Bökamp, seien ein "hochkriminelles System, entstanden durch extrem mangelhafte Kontrolle". Bökamp ist Präsident der Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen.
Er kritisiert, dass die KVB "de facto sich selbst kontrollieren durfte", dabei seien Kontrolleure von eigenen Gnaden öfters gefährlichen ökonomischen Zwängen ausgesetzt. Deshalb nennt Matthias Vollstedt, Hauptdezernent Verkehr bei der Düsseldorfer Bezirksregierung, die in der Betriebsverordnung zum Bau von Straßenbahnen verankerte Möglichkeit der Eigenüberwachung "unfassbaren Murks".
Obschon es noch Monate dauern wird, bis die Ursache des Einsturzes feststeht, scheint sich alles auf ein Riesenbauwerk ("Schlitzwand") unterhalb des früheren Archivs zu konzentrieren und hier auf die Lamelle elf. Einen früher vermuteten "hydraulischen Grundbruch", also einen plötzlichen Wassereinbruch von unten, hält der vom Landgericht Köln eingesetzte Gutachter Hans-Georg Kempfert für "eher unwahrscheinlich". Also bleibt wohl nur die Lamelle. Weil sie offenbar nicht standfest genug war, könnte hier Grundwasser eingebrochen sein und das Drama ausgelöst haben.
Nach dem Unglück beantragten die KVB am 9. März 2009 bei Gericht ein Beweissicherungsverfahren, um mögliche Ansprüche auf Schadensersatz zu untermauern und Regressforderungen abwehren zu können. Als unabhängigen Experten bestellte das Gericht Kempfert.
Der Professor untersuchte den Boden geophysikalisch, wobei auch elektromagnetische Wellen benutzt werden. Außerdem wurden die Schlitzwände thermografisch auf ihre Durchlässigkeit und auf mögliche Veränderungen hin überprüft. Dabei entdeckte der Spezialist "Anomalien".
Doch die von den Baufirmen angefertigten Messprotokolle enthielten keinerlei Hinweise auf Unregelmäßigkeiten. Die Dokumente stellten eine "sehr gute Ausführung dar", sagt Jürgen Fenske, Sprecher des KVB-Vorstands. Und genau dieser offene Widerspruch machte die Prüfer stutzig.
Ingenieure und Gutachter nahmen jetzt alle Protokolle unter die Lupe. Und als sich das Rätsel nach Wochen akribischer Arbeit löste, wollten es selbst die inzwischen skeptisch gewordenen KVB-Vorstände nicht glauben.
Da nämlich zeigte sich, dass für das schlecht verbaute elfte Teilstück Messprotokolle technisch einwandfreier Lamellen benutzt worden waren. Damit nicht auf den ersten Blick erkennbar war, dass die gleichen Werte verwendet wurden, hatten sich die Fälscher besondere Mühe gegeben. Diagramme, Balken und Kurven wurden mit hohem Aufwand verändert.
Damit, erinnert sich ein Beteiligter, sahen die Kurven auf den Protokollen alle unterschiedlich aus. Es habe Tage gedauert, bis der "üble Betrug" schließlich durchschaut wurde. "Auch bei größter Sorgfalt" könne man sich gegen Manipulationen nicht "vollständig schützen", sagt die Kölner Anwältin Gaby Münchhalffen. Sie berät ein KVB-Vorstandsmitglied.
Nicht nur die Messprotokolle der Lamellen fünf und elf sowie der Wandabschnitte sechs und acht auf der Baustelle unterhalb des Archivs glichen einander wie ein Ei dem anderen. Auf insgesamt vier weiteren Baustellen verorteten die Prüfer solche "Zwillinge" - und sogar "Drillinge". Der Verdacht: Dort, wo es mit den Schlitzwänden problematisch war, wurde manipuliert, um teure Verzögerungen zu vermeiden.
Die in diesem U-Bahn-Abschnitt federführende Baufirma Bilfinger Berger steht deshalb seit Tagen unter Druck. KVB und die Stadt Köln überlegen nun ernsthaft, sich von dem Baukonsortium zu trennen. Vor allem die Perfektion, mit der an den Messprotokollen gearbeitet wurde, lässt auf Methode schließen und bringt den Mannheimer Konzern in Erklärungsnöte. Immer noch hält man es dort auch für möglich, dass schlichtweg Daten vertauscht wurden. "Wir werden alles zur Aufklärung Notwendige beitragen", heißt es im Konzern.
Sollte sich in Köln bewahrheiten, dass der Zusammensturz des Archivs mit Tricksereien zusammenhängt, könnte das für die Unternehmen fatale Konsequenzen haben. Dann nämlich stellt sich die Frage, wer für den Schaden aufkommen soll. Bilfinger-Berger-Chef Herbert Bodner hat inzwischen erklärt, man sei ausreichend versichert. Der Aufforderung der KVB aber, die Police vorzulegen, ist das Unternehmen bislang nicht gefolgt.
Doch auch die Verantwortlichen der KVB werden nun kritische Fragen der Staatsanwälte beantworten müssen, zu Aufsichtspflichten, Kostendruck und womöglich unzureichenden Informationen an den Prüfingenieur Rolf Sennewald, der von der KVB selbst beauftragt wurde.
Bei seiner Zeugenvernehmung im April 2009 beklagte er, ihm seien Hinweise auf eine gefährliche Situation an der Baustelle vorenthalten worden. So habe er vor dem Unglück nichts von bereits im Herbst 2008 bekannten "Fehlstellen in der Schlitzwand mit zum Teil erheblichen Wassereinbrüchen" gewusst. In Kenntnis dieser Fakten wäre "ein sofortiger Baustopp" nötig gewesen.
So aufgeschreckt, prüfen nun die Düsseldorfer Behörden ihren U-Bahn-Bau. Rund 700 Schlitzwandprotokolle werden durchforstet. Noch gibt es keine Auffälligkeiten - allerdings sind erst 20 Prozent der Papiere gesichtet.
Bei der ICE-Trasse München-Nürnberg haben Untersuchungen nicht einmal begonnen.
Von Georg Bönisch, Andrea Brandt, Frank Dohmen und Barbara Schmid

DER SPIEGEL 8/2010
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