Matusseks Todsünden-Predigt: lässlich, muffig, untauglich. Auch ohne theologische Letztbegründung ist dauerhaftes moralisches Handeln möglich - da reichen die goldene Regel, Kants Imperativ oder Adornos Minimalmoral allemal. Und das der katholischen Sündenlehre unterlegte Menschenbild hält einer Analyse im Lichte moderner Anthropologie einfach nicht stand. Gegen religiösen Eifer und metaphysische Zumutungen hilft nur der zivilisatorische Weg: ethische Selbstertüchtigung statt Sündenangst.
Berlin Dr. Erhard Schwandt
Ausgezeichneter Journalismus, interessant geschrieben, Geschichte und Tatsachen verwoben. Herrlich. ... was habe ich in meiner Kindheit als Katholikin gelitten.
Lilienthal (Nieders.) Inge Reers
Die Titelgeschichte ist ein Meisterwerk der Sprachkunst schwarz auf weiß, ein Highlight an Lesevergnügen. Chapeau.
Schwaig (Bayern) Erich Steger
Matusseks unsäglicher antiaufklärerischer Essay kann und darf nicht unwidersprochen bleiben. Ist ohne Gottesglauben "dauerhaftes moralisches Handeln" tatsächlich "nicht möglich"? Wenn dem so wäre, müssten Atheisten wie ich im statistischen Mittel krimineller handeln als Gottgläubige. Die Sittengesetze sind bestimmt nicht aus den Wolken gepurzelt, sondern bildeten sich nach und nach in menschlichen Kommunen heraus.
Sandhausen (Bad.-Württ.)Rudolf Henke
Sünde hat es immer gegeben, aber niemals hat eine "Spaßgesellschaft" wie die unsere dieses Fehlverhalten auch noch auf eine solch perverse Art und Weise gefeiert. Nur mit Ihrem Fazit kann ich nicht übereinstimmen. Denn zu denken, dass wir uns die Hölle lediglich hier auf Erden selbst erzeugen und Gott am Tag des Jüngsten Gerichts all unseren Schmutz aufräumen und uns in sein Himmelreich aufnehmen wird, ist töricht. Paulus klärt uns auf: "Denn der Lohn der Sünde ist der Tod, die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus." Am Ende der Tage gibt es kein pauschales "Ticket to Heaven".
Hamburg Karsten Pagels
Gerade aus Frauensicht möchte ich Ihre Auslassungen zum (geplanten) Burka-Verbot in Frankreich nicht unkommentiert lassen: "Da trifft ... die libertäre Eitelkeit auf die organisierte Uneitelkeit, das System des Narzissmus auf die Dogmatik der Unterwerfung." Ich kann es beim besten Willen nicht als "eitel" oder "narzisstisch" auffassen, wenn sich Frauen mit unbedecktem Haupt in der Öffentlichkeit bewegen wollen. Da haben Sie sich wohl ein wenig vom literarischen Flow mitreißen lassen. Kurz und gut: Sündenbewusstsein schützt vor Sünde nicht, ebenso wenig wie die Androhung von Strafe vor kriminellem Verhalten. Das konstatieren Sie selbst. Warum betrauern Sie einen unbrauchbaren Begriff?
Kranzberg (Bayern) Jenny Radeck
Sünde ist ein antiquierter Begriff, dem ein negatives Menschenbild zugrunde liegt. Menschen werden niemals vollkommen sein, sondern Fehler machen. Das ist aber was anderes als Sünde. Deshalb sollte man das Wort durch den positiven Begriff Anstand ersetzen und lehren, dass man mit unanständigem Verhalten anderen Schaden zufügt und seine Selbstachtung beschädigt.
Much (Nrdrh.-Westf.) Toni Höck
Matussek beschwört das Über-Ich, verleugnend, dass nichts so manipulierbar ist wie diese intrapsychische Instanz. Entsprechend erscheint ihm die "besondere Anlage der Kirche zur Sünde" tragisch, anstatt zu erkennen, dass jede Ideologie den Missbrauch systemimmanent in sich trägt. Der Fortschritt besteht in der Rückführung des Über-Ichs ins Ich: "Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem andern zu." Matussek illustriert eindrucksvoll die ungebrochene Macht der Entfremdung des Menschen von sich selbst durch Aberglauben.
Neu Wulmstorf (Nieders.) Christel Przybille
Psychoanalytikerin
Brauchen wir die religiöse Daumenschraube der Sünde, das Herrschaftsinstrument der Religion als das ultimative "Über-Über-Ich", mit dem über das im Menschen tiefverankerte moralische Empfinden hinaus das reglementiert wird, was im Diesseits körperliche Freude bereitet? Gott behüte uns vor den Asketen, den zornigen Priestern und Philosophen! Sie sind für zu viele abartige moralische Verbiegungen verantwortlich.
Hamburg Prof. Dr. Hans-Jürgen Stellbrink
DER SPIEGEL 8/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.