01.03.2010

Aufstieg einer Sünderin

Die Bischöfin Margot Käßmann fiel tief, nachdem sie mit zu viel Alkohol im Blut eine rote Ampel überfahren hatte. Doch ihr schneller, schnörkelloser Rücktritt macht sie zum Maßstab. Bislang verhalten sich Politiker eher verdruckst, wenn sie Schuld auf sich geladen haben.
Es ist kurz vor 23 Uhr, Hannover, Haarstraße 6, Samstag, der 20. Februar. Vor drei Tagen hat die christliche Fastenzeit begonnen, die Zeit des Verzichts. Auf die Frage, worauf sie in jenen Tagen verzichte, hat Margot Käßmann einmal gesagt: "Ich verzichte auf Alkohol." Sie war da noch die Landesbischöfin von Hannover und Ratsmitglied der Evangelischen Kirche in Deutschland.
Jetzt sitzt sie in einem VW Phaeton, ihrem Dienstwagen, und drückt auf den Schalter für den elektrischen Fensterheber. Draußen steht ein junger Polizist. Sie weiß, dass sie eben über eine rote Ampel gefahren ist. Sie weiß auch, dass sie zu viel Alkohol im Blut hat. "Guten Abend, Routinekontrolle", sagt der Polizist.
Er bittet sie höflich, sich einer Alkoholkontrolle zu unterziehen. Die Bischöfin nimmt das Testgerät in die Hand und bläst in das Röhrchen hinein, so wie es wohl Hunderte Deutsche jeden Tag machen müssen. 1,1 Promille zeigt das Gerät bei Käßmann an. Sie muss die Polizisten auf das Revier begleiten und sich Blut abzapfen lassen. Im Labor stellt sich heraus, dass der tatsächliche Wert bei 1,54 Promille liegt.
Am Mittwoch vergangener Woche ist Margot Käßmann von allen Ämtern zurückgetreten. Sie ist nicht mehr Bischöfin, sie ist nicht mehr Ratsvorsitzende. Aber jetzt ist sie die Frau, die einen neuen Maßstab für Rücktritte gesetzt hat.
Am Dienstag und am Mittwochvormittag wurde sie mit Spott und Häme übergossen - eine Bischöfin, die sich betrinkt und dann bei Rot eine Ampel überfährt. "Lalleluja" titelte das Boulevardblatt "Berliner Kurier". Am Mittwochnachmittag erntete sie so viel Respekt wie nie zuvor in ihrer Karriere.
Schneller hat sich eine öffentliche Stimmung selten gewandelt. Einen so entschiedenen, schnörkellosen Rücktritt hat Deutschland nicht oft erlebt. Meistens ist es ein großes Gedruckse und Gekrampfe, der Fehltritt wird beschönigt oder vertuscht, der Rücktritt kommt spät oder gar nicht.
Margot Käßmann war ja schon gerettet. Ihre Kirche hatte ihr das Vertrauen ausgesprochen, sie hätte den Spott nur aussitzen müssen. Aber das wollte sie nicht. Sie wollte die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen.
Auch das ist die deutsche Öffentlichkeit nicht gewöhnt. Gerade zuletzt hat sie erlebt, wie Leute, die große Schuld auf sich geladen haben, einfach weitermachen, zum Beispiel die meisten Spitzenbanker, die für die Finanzkrise mit verantwortlich sind. Auch Oberst Georg Klein, der das Bombardement bei Kunduz befohlen hat, mag nicht einsehen, dass dies ein Fehler war, der viele Unschuldige das Leben gekostet hat.
Da wiegt die Schuld im Fall Käßmann weit weniger, und doch ist sie zurückgetreten. Der Tübinger Moraltheologe Dietmar Mieth, ein Katholik, findet das richtig: "Sie zeigt der Politik, wie man wirklich konsequent handeln kann, denn sie kann nicht mehr dieselbe im Amt sein, die sie war, als sie es anfing." Sie könne "den Fehler nie wirklich entsorgen". Eine unterschwellige Schmäh würde immer bleiben, ihre Autorität hätte auf Dauer einen Knacks. "Die Öffentlichkeit kann zwar sagen, wir stehen zu dir, aber ein Fehler ist ein Fehler, man kann das öffentliche Gedächtnis nicht auslöschen."
Genau davor hatte Margot Käßmann Angst: über Jahre mit einer lächerlichen Zahl verknüpft zu sein, 1,54 Promille; zu wissen, dass jeder daran denkt, der sie sieht. Sie hatte Angst vor dem Grinsen und dem unterdrückten Grinsen, das sie sogar hinter einer freundlichen Miene vermuten würde.
Es ist ein großer Unterschied, ob man sich schuldig macht oder ob man sich schuldig macht vor aller Augen, vor der Öffentlichkeit eben. Wer Schuld auf sich lädt und kein Zyniker ist, der will sich am liebsten verkriechen, der will den Kreis der Mitwissenden so klein wie möglich halten. Einer Margot Käßmann war das nicht möglich. Wer prominent ist, dessen Vergehen wird öffentlich verhandelt, der Kreis der Mitwisser geht in die Millionen. Damit steigt der Grad der Blamage.
Mit der Prominenz wächst auch die Verantwortung und damit das Risiko, ihr nicht gerecht zu werden. Ein Prominenter wird schnell zum Vorbild erhoben, er muss sich besser benehmen als alle anderen, denn wenn er sich einen Fehltritt leistet, so der Verdacht, liefert er anderen die Begründung, es sich ebenfalls leichtzumachen. Gutsein wird zur Pflicht.
Das gilt umso mehr für die berufsmäßigen Moralisten, zu denen manche Politiker und alle Kirchenvertreter zählen, also auch Margot Käßmann. Sie, die andere zur guten Lebensführung ermahnt, fällt besonders tief, wenn eine Tat ihren Worten widerspricht. Je weiter die Lücke zwischen beidem klafft, desto größer ist die Schadenfreude und desto lauter der Ruf nach Sühne.
Mit dem Fall Käßmann ist erneut die Frage aufgerufen, wie eine Gesellschaft und wie einzelne Mitglieder mit Schuld und Sühne umgehen. Es ist ein sehr deutsches Thema, weil die Schuld aus Holocaust und Weltkrieg hierzulande immer wieder Debatten ausgelöst hat.
Der Fall Käßmann hat bei weitem nicht diese Dimension. Und doch beginnt damit ein neues Kapitel in der langen Geschichte im Umgang mit Schuld. Ihr schnelles Handeln weist weit über sie hinaus.
Dabei sollte es nur ein harmloser, fröhlicher Abend werden für sie. Endlich ein Samstag ohne Terminkalender, ein unbeschwerter Abend im Kreis von Freunden; man ist zum Kino verabredet, am Raschplatz, anschließend will man noch etwas trinken gehen. Dem Fahrer ihres Dienstwagens hat sie freigegeben. Es ist klar, dass es spät werden wird, außerdem hat er an diesem Abend selber eine Verabredung, da will sie nicht im Wege stehen.
Die Stimmung ist unbeschwert, niemand rechnet nach, wie viele Gläser es am Ende sind. Sie erinnert sich an ein Glas Prosecco und zwei Gläser Weißwein, "mehr nicht". Käßmann hat wenig gegessen, sie achtet sehr auf ihr Gewicht, ihr Aussehen war ihr immer wichtig.
Kurz vor 23 Uhr verlässt sie mit einem Freund das Lokal in der hannoverschen Innenstadt, zu ihrer Wohnung ist es nicht weit, nur sieben Minuten mit dem Auto. Sie überlegt kurz, den Wagen stehen zu lassen, der um die Ecke parkt, aber nachher, denkt sie, bricht ihn noch jemand auf. Außerdem fühlt sie sich nicht betrunken, also setzt sie sich ans Steuer. Es ist eine dieser Augenblicksentscheidungen, deren Tragweite sich erst später erweist und die man dann in Gedanken immer wieder durchspielt.
Es wäre so einfach gewesen. Sie hätte ein Taxi nehmen oder jemand anderes bitten können, sie zu fahren. "Warum hast du uns nicht angerufen, wir hätten dich doch abgeholt", schimpfte eine der Töchter, als sie von der Blutprobe erfuhr.
Das ganze Wochenende habe sie sich Vorwürfe gemacht, sagt Käßmann: "Ich habe mich immer wieder gefragt: Wie konnte mir das nur passieren? Aber was nützt jetzt das Jammern, das ,hätte', ,könnte', ,sollte' - es ist passiert, und nun muss ich die Konsequenzen tragen."
Sie sitzt zu Hause und schaut auf eine Tabelle zum Alkoholkonsum, die sie in den Medien gefunden hat. Sie sieht darin die Bestätigung, dass sie nicht maßlos gesoffen hat. "0,6 Liter Wein ergeben bei meinem Körpergewicht die 1,54 Promille", sagt sie. Sie heftet sich die Tabelle an die Wand. "Ich bin wütend über mich selbst", sagt sie, "ich schimpfe mit mir über meine eigene Dummheit. Ich fahre doch nie mit Alkohol, es war so unglücklich und ist mir vor mir selbst peinlich. Ich könnte in einem Loch versinken."
Die Bischöfin war immer ein konsequenter Mensch, auch unerschrocken, wenn es sein muss, das hat sie in der Kirche groß gemacht. Bis zum Mittwochmorgen vergangener Woche hatte sie noch überlegt, eine Auszeit vom Amt zu nehmen und die Antwort auf die Frage nach dem Rücktritt aufzuschieben, zumindest Bischöfin wollte sie da noch bleiben. Auch die Mitarbeiter bestürmten sie, ja keine voreilige Entscheidung zu treffen, aber als Käßmann das Presseecho sah, wusste sie, dass sie sich davon nur durch einen Rücktritt befreien konnte. Mit der gleichen Entschiedenheit, mit der sie bislang für ihre Anliegen in die Öffentlichkeit ging, zog sie sich nun vorläufig ins Private zurück.
Es ist ein Abschied Knall auf Fall, ohne lange Selbsterklärungen oder Interviews, das macht ihn fast noch dramatischer. Nur ein einziges Mal war Käßmann vergangene Woche zu sehen. Es waren nur vier Minuten am Mittwochnachmittag, in denen sie im Blitzlichtgewitter ihre Rücktrittserklärung vorlas. Gefasst wirkte sie bei diesem Auftritt, ein paarmal lächelte sie sogar, doch bevor jemand eine Frage stellen konnte, war sie durch einen Seiteneingang der Bischofskanzlei schon wieder entschwunden.
Für Tage hat Käßmann ihre Wohnung nicht mehr verlassen. Draußen, in der Haarstraße, lauerten die Fotografen und Kamerateams, um ein Bild der Sünderin zu erhaschen. Aber alles, was sie zu sehen bekamen, waren Blumen, die ins Haus getragen wurden, Blumen und Briefe, so viele, dass die Kirche die Zusteller schließlich bat, sie an anderer Stelle abzugeben. Auch die Telefone standen nicht still: Manche Anrufer weinten, ein Mann aus Niedersachsen drohte, sich umzubringen, weil Käßmann eine Hoffnung bedeutet habe, die nun erloschen sei. Nur mühsam konnten die Mitarbeiter in der Bischofskanzlei den Anrufer von seinen Selbstmordgedanken abbringen.
Lange nicht mehr hat ein Vertreter der Kirche die Menschen so bewegt wie die Pastorin aus Niedersachsen. Schon ihre Wahl zur Ratsvorsitzenden galt als eine Sensation: Erstmals stand eine geschiedene, linksliberale Mutter von vier Kindern an der Spitze der evangelischen Kirche.
Margot Käßmann versprach einen entschiedeneren, den aktuellen Sorgen und Nöten der Menschen radikal zugewandten Protestantismus. Viele nahmen Anstoß an der Frequenz, mit der sie sich bald zu allen möglichen Fragen äußerte, zu Ladenöffnungszeiten, Halloween, zu Afghanistan, zu Westerwelle oder zum Zweiten Weltkrieg. Freunde rieten ihr zu mehr Zurückhaltung. Doch wo immer die Bischöfin auftrat, füllte sie die Säle und hinterließ begeisterte Fans.
Käßmann gehört einer Generation von Theologen an, die den Auftrag der Kirche weniger in der spirituellen Anleitung der Gläubigen, sondern vielmehr im weltlichen "Engagement" sahen. Diese Generation, aufgewachsen und politisiert in den siebziger Jahren, fand im Protest gegen die Nachrüstung und deutsche Atomkraftwerke zusammen; ihre Erweckungsorte sind Mutlangen, Brokdorf und der Bonner Hofgarten, wo große Demonstrationen stattfanden. Zu den Schlüsselbegriffen ihrer Zeit zählen "Angst" und "Betroffenheit".
Das Persönliche hat bei Käßmann immer eine bedeutende Rolle gespielt, die Schilderung eigener Erlebnisse und Befindlichkeiten macht es vielen Menschen leicht, sich mit ihr zu identifizieren, dar-in gründet ein Teil ihres Erfolgs.
Einige ältere Kollegen mochten die Nase rümpfen, mit welcher Offenheit sie über ihre Krebserkrankung oder die Scheidung von ihrem Mann berichtete, ihr Publikum schloss sie dafür umso fester ins Herz.
In ihrer radikalen Subjektivität, für die das eigene Empfinden zum Maßstab der Weltbeurteilung wird, vertrat Käßmann eine dezidiert moderne Theologie, darin unterschied sie sich auch von ihrem Vorgänger Wolfgang Huber, den viele wegen seiner intellektuellen Kühle eher abweisend fanden, unpersönlich eben. "Authentisch" zu sein ist bei Käßmann nicht nur Selbstanspruch, sondern beinah eine religiöse Kategorie. Dazu gehört auch, dass ihr das "Ich" wichtiger wurde als das Amt.
Käßmann hat sich gelegentlich darüber beklagt, wie Persönliches auch gegen sie gewendet wurde. "Es hat mich gestört, dass die Lebensmitte einer Bischöfin gerade in den Anfechtungen für andere zum öffentlichen Diskussionsthema wurde", heißt es in der Einleitung zu ihrem Buch "In der Mitte des Lebens", das binnen weniger Wochen auf Platz drei der Bestsellerliste kletterte. Die Öffentlichkeit unterscheidet nicht zwischen den Erlebnissen, die man teilen will, und solchen, die einem eher peinlich sind und die man deshalb unter Verschluss halten möchte - diese Erfahrung mussten auch andere schon machen, die ihr Privatleben ausstellten.
Sie sei über sich selber erschrocken, lautete Käßmanns erste Reaktion, als sie von der "Bild"-Zeitung mit Details der Alkoholfahrt konfrontiert wurde. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen: Diese Art von Kontrollverlust passt eigentlich nicht zu der energischen, ehrgeizigen Frau, die es mit einer ungeheuren Disziplin an die Spitze der evangelischen Kirche brachte.
In ihrer Familie galt Käßmann sogar eher als spießig, weil sie jahrelang ihre Kinder sorgfältig anschnallte und dann doch nicht schneller als 120 Stundenkilometer fuhr. "Ich bin seit 34 Jahren im Besitz meines Führerscheins, ohne je einen Punkt in Flensburg gemacht zu haben", sagt sie. Das schlimmste Verkehrsvergehen, an das sie sich erinnern kann, ist "das Falschparken beim Kirchentagsbüro in Fulda".
Noch 2007 hatte Käßmann in einem Interview mit dem TÜV Nord "mangelndes Verantwortungsbewusstsein" von Autofahrern kritisiert, "insbesondere wenn Alkohol oder Drogen mit im Spiel sind". Solche Zitate standen jetzt zur Illustration neben ihrem Bild in der Zeitung, das schmerzte besonders.
Käßmann kommt aus einfachen Verhältnissen, der Vater Kfz-Schlosser mit eigener Werkstatt, die Mutter Krankenschwester, eine pflichtbewusste, hart arbeitende Frau, gläubig, aber dabei nicht dogmatisch.
Margot Käßmann ist eine Aufsteigerin, auch in der Kirche, trotz früher Heirat mit 23 Jahren und vier Kindern. Sie wirkt frisch, sympathisch und machte rasch Karriere. Immer muss es bei ihr schnell gehen, manchmal zu schnell, aber das wird ihr verziehen. Ihre Anhänger würdigen die gute Absicht. Was andere als schrecklich unbedarft empfinden, sehen diese als Beweis für ihre moralischen Standfestigkeit. Ein gutes Beispiel für ihre Naivität ist ihre Forderung nach "mehr Phantasie für den Frieden" in Afghanistan.
Viele ihrer Bewunderer fanden den Rücktritt übertrieben, sie hätten eine Entschuldigung als ausreichend empfunden. "Auch eine Bischöfin ist keine Heilige, sondern nur ein Mensch, der fehlbar ist", sagte der ehemalige bayerische Ministerpräsident und stellvertretende EKD-Synodenpräses Günther Beckstein in einer ersten Reaktion. Tatsächlich fühlen sich viele Menschen ja gerade wegen ihrer scheinbaren Nahbarkeit zu Käßmann hingezogen, kaum etwas verbindet mehr als Verletzungen und Schicksalschläge, die man so ebenfalls erlebt hat.
Nun ist sie wieder eingemeindet bei denen, die das durchschnittliche Leben führen. Aber das muss nicht ewig so bleiben.
Trunkenheitsfahrten sind nicht unbedingt ein Grund für ein Karriereende. Am 29. Oktober 1983 verschuldete der damalige CSU-Generalsekretär Otto Wiesheu mit 1,7 Promille auf der Autobahn von München nach Nürnberg einen schweren Verkehrsunfall, bei dem ein Mensch starb und ein weiterer schwer verletzt wurde. Wiesheu bekam eine Freiheitsstrafe von zwölf Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Zudem musste er 20 000 Mark zahlen und seinen Führerschein abgeben.
Wiesheu trat zunächst als Generalsekretär zurück. Sein Mandat als Abgeordneter behielt er. Im Jahr 1993, zehn Jahre nach seiner Todesfahrt, wurde er Minister für Wirtschaft, Verkehr und Technologie in Bayern. 2006 wechselte Wiesheu in den Vorstand der Deutschen Bahn und übernahm dort den Bereich Marketing und politische Beziehungen.
Ein Rücktritt unterbricht eine Karriere, muss sie aber nicht beenden. Zunächst jedoch wird dieser Schritt erwartet als zeitgemäße Sühne für den prominenten Amtsinhaber. Er verliert in der Regel sein Gehalt, seinen Dienstwagen, vor allem aber verliert er Aufmerksamkeit. Und dies ist die eigentliche Währung dieser Tage.
Heute buhlt ein großer Teil der Bevölkerung um mediale Aufmerksamkeit, als Bewerber bei "Deutschland sucht den Superstar" oder "Germany's next Topmodel" oder als Blogger im Internet. Der moderne Mensch erkennt deshalb den Verlust an Aufmerksamkeit als Höchststrafe. Ein Rücktritt gilt somit als nachhaltiger Akt der Reinigung.
Ein so klarer, entschlossener Schnitt wie bei Margot Käßmann ist allerdings selten, zumal bei Politikern. Bei ihnen gibt es eine Typologie im Umgang mit Schuld und Rücktritt. Drei Gruppen sind zu unterscheiden.
Da sind zum einen die Männer und Frauen, die durch öffentlichen Druck oder die eigenen Parteifreunde zum Rücktritt gezwungen werden müssen. Von sich aus haben sie nicht die Kraft dazu, weil sie an ihrem Amt hängen und die eigene Verfehlung kleinreden.
Der frühere thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) ist so ein Fall. Althaus stieß am Neujahrstag 2009 auf einer Piste im Skigebiet Riesneralm in Österreich mit einer Frau zusammen. Sie starb an ihren Kopfverletzungen, Althaus trug ein schweres Schädel-Hirn-Trauma davon. Er hatte einen falschen Weg genommen und war deshalb schuld an dem Unfall. Althaus wurde wegen fahrlässiger Tötung zu eine Geldstrafe von 33 000 Euro verurteilt.
Zehn Wochen nach dem Unfall kündigte Althaus seine Rückkehr in die Politik an, nicht auf einer Pressekonferenz, sondern in der "Bild"-Zeitung. Dort machte er auch klar, wie der Unfall aus seiner Sicht zu bewerten sei: "Ich glaube, Schuld ist nicht die richtige Kategorie."
Im Wahlkampf instrumentalisierte Althaus den Unfall für sich. Er habe für die tote Frau an deren Grab gebetet, erzählte er in einem Interview. Schuld sollte in einen Vorteil umgemünzt werden, indem Althaus einen intimen Akt persönlicher Schuldbewältigung öffentlich machte. Der Witwer des Opfers fand Althaus' Verhalten unangebracht und pietätlos.
Das fanden offenbar auch die Wähler. Die CDU stürzte bei der Landtagswahl Ende August von 43 auf 31 Prozent ab. Althaus trat erst nach vier Tagen widerwillig zurück. Knapp eine Woche später kehrte er zur allgemeinen Verblüffung in die Erfurter Staatskanzlei zurück, um eine Kabinettssitzung zu leiten. Erst dann konnten ihm seine Parteifreunde endgültig klarmachen, dass seine Zeit vorbei war. Er kann damit als Anti-Käßmann gelten oder sie als Anti-Althaus.
Manchmal gelingt es Politikern, im Amt zu bleiben, obwohl nach den allgemeinem Anstandsregeln nur ein Rücktritt angemessen wäre. Roland Koch ist das beste Beispiel für diese zweite Gruppe. Koch war Anfang 1999 zum Ministerpräsidenten von Hessen gewählt worden. Einige Monate später wurde bekannt, dass schwarze Kassen der Landes-CDU existierten. Der langjährige Schatzmeis-ter der Partei, Casimir Prinz zu Sayn-Wittgenstein, hatte das Geld aus dem Ausland in die Parteikasse transferiert und erklärt, es handele sich um jüdische Vermächtnisse.
Koch behauptete zunächst, er habe davon nichts gewusst. Später musste er einräumen, dass er die Öffentlichkeit wochenlang belogen hatte. So waren mit seinem Wissen 1,5 Millionen Mark Schwarzgeld kurzerhand in einen Privatkredit Sayn-Wittgensteins umdeklariert worden.
Dennoch sah Koch keinen Grund zum Rückzug, im Gegenteil. Er werde "brutalstmöglich aufklären", kündigte er an. Als er von den schwarzen Kassen erfahren habe, sei er "den Tränen nahe gewesen". Selbst in der CDU haben dies nur wenige geglaubt. Parteichefin Angela Merkel gehörte nicht dazu. Im Vier-Augen-Gespräch legte sie Koch den Rücktritt nahe. Er lehnte ab und kam damit durch.
Ganz ohne Opfer ging es allerdings nicht ab. Um Koch zu retten, musste sein engster Vertrauter, Franz Josef Jung, als Staatskanzleichef zurücktreten, obwohl der nach eigener Aussage nichts von den Schwarzgeldkonten wusste. Solche Bauernopfer sind in der Politik nicht selten. Auch der nordrhein-westfälische CDU-Generalsekretär Hendrik Wüst legte in der vergangenen Woche sein Amt nieder, um Ministerpräsident Jürgen Rüttgers in der Affäre um Briefe für Sponsoren zu schützen.
Es gibt, wenn auch selten, Politiker, die aus einem Fehlverhalten die Konsequenzen ziehen, selbst wenn dies nicht zwingend ist. Dies ist die dritte Gruppe.
Der frühere Innenminister Rudolf Seiters ist so ein Fall. Im Juni 1993 wollten Polizeibeamte auf dem Bahnhof des mecklenburgischen Ortes Bad Kleinen die RAF-Terroristen Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams verhaften. Die Aktion lief aus dem Ruder, Grams erschoss einen Beamten der Spezialeinheit GSG 9 und anschließend sich selbst. Der SPIEGEL meldete eine Woche später, Grams habe sich möglicherweise nicht selbst umgebracht, sondern sei von Polizisten regelrecht hingerichtet worden.
Seiters trat sofort zurück, obwohl ihm niemand persönliches Fehlverhalten vorwarf. Er wolle seiner Familie und sich selbst eine unwürdige Diskussion darüber ersparen, "wer in dieser Angelegenheit wem Verantwortung zuschiebt", sagte er. Seiters' Schritt war so honorig wie überflüssig. Es stellte sich heraus, dass die Vorwürfe aufgrund unzuverlässiger Zeugenaussagen erhoben worden waren.
Ganz anders ist der Umgang mit Schuld in den Vereinigten Staaten von Amerika. Der Rücktritt wird noch schneller gefordert als in Deutschland, kann aber leichter abgewendet werden. Dafür verlangt Amerika Läuterung.
Ein Mittel dazu ist die zur Schau gestellte Reue. "Apology dramatics" heißt das, die Dramaturgie der öffentlichen Reuebekundung. Man muss sie beherrschen, um den Rücktritt zu vermeiden, man muss glaubwürdig vor das Volk treten, sich entschuldigen und Besserung geloben. Amerika fordert diesen Akt öffentlicher Beichte als Katharsis.
Es geht darum, dass die öffentliche Moral wiederhergestellt wird. Wer persönliche Schuld auf sich geladen hat, sei es durch Alkohol oder Sex, hat seine Funktion als "Role Model" verloren, als Vorbild für die Gesellschaft. Man kann sie nur zurückgewinnen, wenn man sich stellt und durch das "Fegefeuer der Öffentlichkeit" geht. "Level with the American people" heißt das, sich auf Augenhöhe mit dem Volk begeben. Erst dann kann der Sünder auf die Absolution durch die Öffentlichkeit hoffen.
Es hat in der amerikanischen Geschichte meisterhafte Schuldbekenntnisse gegeben, das von Richard Nixon etwa, der sich 1952 als Vizepräsidentschaftskandidat des Vorwurfs erwehren musste, fragwürdige Wahlkampfspenden angenommen zu haben. In der sogenannten Checkers-Rede erklärte er, das einzige Geschenk, das er je angenommen habe, sei ein Cockerspaniel namens Checkers gewesen, und diesen habe er nur behalten, weil seine kleinen Töchter den Hund liebten. Er sprach über seine schwere Jugend, über wirtschaftliche Schwierigkeiten seiner Familie und warb damit offen um Mitleid und Vergebung. Es gelang. Erst als Nixon viele Jahre später Präsident war und sich im Watergate-Skandal weigerte, mit den Behörden zu kooperieren, musste er zurücktreten.
Eine gelungene Entschuldigung braucht die richtige Dramaturgie, die richtige Haltung, feuchte Augen, eingängige Worte, die echte Reuebekundung, und wenn es um einen Sexskandal geht, natürlich die Ehefrau oder den Ehemann. Vor zwei Jahren hat dies Silda Spitzer durchgestanden, als ihr Mann, der damalige New Yorker Gouverneur Eliot Spitzer, eine Affäre mit einem Callgirl zugeben musste.
Ein Dementi kann gefährlich sein, ein berühmtes ist das von Bill Clinton. Lange Zeit gab er nicht zu, ein sexuelles Verhältnis mit der Praktikantin Monica Lewinsky gehabt zu haben. "Ich hatte keinen Sex mit dieser Frau", sagte er, als ihm längst kaum noch geglaubt wurde und es Beweise gab, dass er sehr wohl Sex mit Lewinsky hatte. Clinton musste sich einem entwürdigenden Amtsenthebungsverfahren stellen. Er kam durch, aber seine Autorität war beschädigt.
Eine amerikanische Sühnekampagne wie aus dem Lehrbuch lieferte in den vergangenen Wochen der Golfspieler Tiger Woods ab. Er hatte außereheliche Beziehungen mit rund einem Dutzend Frauen, auch aus der Pornobranche, die von Liebesnächten mit Woods und Kurznachrichten mit der Bitte "Schick mir was ganz Geiles" berichteten.
Die Häme, die über den vermeintlichen Saubermann hereinbrach, war enorm. Gleich in den ersten Wochen kündigten ihm die Telekommunikationsfirma AT&T sowie die Unternehmensberatung Accenture das Sponsoring. An der Börse sammelten Firmen, die auf Tiger Woods als Werbepartner setzten, Verluste von fünf bis zwölf Milliarden Dollar.
Zunächst tauchte Woods für Wochen ab. Dann ging er in eine Klinik für Suchtkranke in Mississippi. In Amerika gilt die sogenannte Sexsucht als therapierbar.
Am 19. Februar gab Woods eine Pressekonferenz in Florida. Im Haus des US-Golfverbandes legte er einen Seelenstriptease hin, als stünde er vor dem Allmächtigen persönlich. Er kehrte sein Innerstes nach außen und bettelte um Gnade für seine Verfehlungen.
Das wirkte schon deshalb seltsam, weil er nur ein Sportler ist und kein öffentliches Amt bekleidet. Niemand hätte seinen Rücktritt fordern können. Aber Woods verhielt sich wie ein Politiker, weil er die Gunst seiner Fans nicht verlieren will.
Noch einmal anders sind die Regeln auf dem Sühnemarkt für Künstler. Im August 2003 wurde der inzwischen verstorbene Maler Jörg Immendorff gemeinsam mit neun Prostituierten in einer Düsseldorfer Hotelsuite beim Liebesspiel erwischt. Auf einem Tablett lagen Linien mit Kokain nebst griffbereitem Röhrchen. Ein paar Linien waren schon gezogen worden. Immendorff litt damals im fortgeschrittenen Stadium an der Muskelkrankheit ALS. Auf die Fragen des Richters an Immendorff, was der Sinn dieser Treffen gewesen sei, antwortete dieser: "Lebensgier."
Immendorff erhielt eine Freiheitsstrafe von elf Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Er musste 150 000 Euro für gemeinnützige Zwecke zahlen.
Gleichwohl sollte sich die Affäre für ihn recht positiv entwickeln.
In der Kunstszene bewegte vor allem der Umstand, dass eine Person aus dem Rotlichtmilieu die Polizei auf Immendorffs Treffen aufmerksam gemacht hatte, die Gemüter. "Schlimm, wenn Prostituierte nicht mehr den Mund halten können", kommentierte Markus Lüpertz, damals Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie.
Auch Immendorffs Werk erschien von Neuem interessant. Im Kunstkompass des Magazins "Capital" schnellte der Maler von Platz 61 hoch auf Platz 13.
Vom Künstler wird die Sünde geradezu erwartet. Stellvertretend für die Braven lebt er die heimlichen Träume vom Exzess. Und er trägt dazu bei, dass sich die anderen besser fühlen können bei ihren Fehltritten. Gegen eine Nacht mit neun Prostituierten wirkt der normal übliche Bordellbesuch harmlos.
Die Nachsicht gegenüber dem Künstler gilt allerdings nicht, wenn er als Moralist auftritt und damit gleichsam Käßmanns Geschäft betreibt.
Kaum jemand beschädigte in den vergangenen Jahren die eigene Glaubwürdigkeit mehr als Günter Grass. Jahrzehntelang verschwieg der Schriftsteller ein wichtiges Detail aus seiner Vergangenheit und lebte eine biografische Unbeschwertheit, mit deren Hilfe er sich zu einer moralischen Autorität für Deutschland aufschwingen konnte. Doch in seinem autobiografischen Buch "Beim Häuten der Zwiebel" bekannte Grass im Sommer 2006, dass er als 17-Jähriger während der letzten Kriegsmonate in der Waffen-SS gedient hatte. Bis dahin hatte Grass sich als Flakhelfer und Soldat dargestellt.
Grass war der Mahner der Nation. Er betrachtete die Bundesrepublik als mögliche Wiederholungstäterin, immer kurz davor, sich in einen aggressiven Staat zu verwandeln. Er selbst sah sich in der Pflicht, das Land vor dessen Schwächen zu warnen. In einem seiner 13 Sonette "Novemberland" schreibt er 1993: "Das bleibt veränderlich sich gleich und ähnelt unterm Schutt der Moden - mal sind es Jeans, dann wieder Loden - den abgelebten Fotos aus dem ,Dritten Reich'."
"Sein Schweigen über die eigene SS-Vergangenheit führt nun seine früheren Reden ad absurdum", sagte Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. "An seiner Stelle würde ich den Titel als Ehrenbürger der Stadt Danzig zurückgeben", riet ihm der ehemalige Arbeiterführer Lech Walesa.
Er solle jetzt zur Unperson gemacht werden, klagte Grass und zeigte sich verletzt und falsch verstanden. Mit seinen Kritikern ging Grass 2007 in seinem Gedichtband "Dummer August" ins Gericht. Der "Süddeutschen Zeitung" sagte er: "Was hier in der Presse vor sich geht - eine Gleichmacherei, ein Niedermachen und ein Ausmaß an Niedertracht, wie ich es bisher nicht erlebt habe."
Das war Unsinn, und doch ist die Rolle der Medien in Sündenfällen nicht immer nur rühmlich. Die sogenannte Öffentlichkeit ist in erster Linie eine mediale Öffentlichkeit. Sie wird von Journalisten erstellt, bei Skandalfällen vor allem von Boulevard-Journalisten. Sie fabrizieren das, was dann "gesundes Volksempfinden" genannt wird, häufig aber eher Skandalisierungs- und Verkaufsinteressen ausdrückt. Auch der Fall Käßmann hat eine starke Medienkomponente.
Bundesinnenminister Thomas de Maizière, der sich selbst einen "prononcierten" evangelischen Christen nennt, sagt, dass diese Sache ihn "überwiegend traurig" stimme. Vor allem die Begleitmusik habe ihm missfallen, "die schnellen Kommentare, die Häme, die versteckten Anspielungen".
Auch Margot Käßmann hat die Medien erwähnt, als sie ihren Rücktritt am vergangenen Mittwoch begründete: "So manches, was ich lese in den letzten Tagen, ist mit der Würde des Amtes nicht vereinbar." Allerdings ist solche Medienschelte manchmal nur ein Mittel, um von den eigenen Taten abzulenken. Denn nichts hat die Würde des Amts so beschädigt wie die trunkene Fahrt der Ratspräsidentin Käßmann.
Gleichwohl begeben sich Journalisten in eine schwierige Rolle, wenn sie sich zu den obersten Moralisten des Landes aufschwingen. So wird von den Medien eine moralisch äußerst empfindliche Öffentlichkeit hergestellt, ohne dass die Medien als Ganzes über alle Zweifel erhaben wären.
In der katholischen Kirche gibt es ein klares System, um Menschen einen Ausweg aus ihrer Schuld zu ermöglichen. Der Sünder muss seine Tat bereuen, und das bedeutet, dass er seine Schuld anerkennt und sie ihm von Herzen leid tut. Mit dieser "Reue im Herzen" bekennt der Sünder seine Fehler bei der Beichte. Der Beichtvater vergewissert sich, ob der Schuldige seine Tat wirklich bereut, und vereinbart je nach Schwere der Schuld eine Buße, spricht aber auch den Schuldigen von seiner Sünde frei.
Ganz anders ist das in der evangelischen Kirche: Die Themen Buße und Beichte spielen bei den meisten Protestanten kaum eine Rolle, doch auch die evangelische Kirche kennt die Buße - als Wille zur Umkehr. Protestanten müssen sich mit ihren Sünden ebenfalls auseinandersetzen und sie bereuen. Aber anders als bei den Katholiken ist die Buße keine Leistung, die von dem reuigen Sünder erbracht werden muss. Es gibt auch keinen Katalog mit guten Taten oder Gebeten, die man erledigen muss, um eine Sünde wiedergutzumachen. Der Sünder muss hart an sich arbeiten, muss zutiefst bereuen, nur dann kann das eigene Leben einen neuen Verlauf nehmen.
Käßmanns Rücktritt steht genauso im Einklang mit der existentialistischen Philosophie. Der Mensch ist zur Freiheit verdammt. In dem Maße, wie er sein eigenes Leben bestimmt, ist er auch für die Folgen seines Tuns verantwortlich. Jean-Paul Sartre schrieb dazu: "Alles, was mir zustößt, ist meins."
Eine entscheidende Radikalisierung im westlichen Verständnis von Schuld und Verantwortung markiert die Philosophie des dänischen Protestanten Sören Kierkegaard: Der Mensch kann der Verantwortung vor Gott vielleicht entgehen, indem er ihn leugnet. Er kann sich auch der Justiz entziehen, durch Flucht oder Täuschung. Aber dem eige-nen Gewissen entkommt er nicht. In diesem Sinne hat Käßmann gehandelt.
Es hätte ja Möglichkeiten gegeben, die eigene Schuld in ein milderes Licht zu rücken. "Reaktiver Alkoholabusus" ist eine Beschreibung, die Trunkenheit erklären und damit relativieren soll: Ich habe getrunken, weil ich unter Druck stand oder Ärger hatte. Gründe gibt es viele. Meist folgt die Bitte um Verständnis und Vergebung. Diesen Weg ist Tiger Woods gegangen. Er hat sich zum Kranken gemacht und dabei seine Würde verloren.
Käßmann hat das nicht getan und ihre Würde behalten. Ihr Verhalten zeigt aber auch eine Menge Stolz: Ich bekenne, weil ich nicht kleinmütig bin im Geiste. Ich stelle mich und fliehe nicht. Ich entscheide und bitte nicht. Auf der Pressekonferenz am vergangenen Mittwoch sagte sie: "Aber mir geht es nach dem Amt auch um Respekt und Achtung vor mir selbst und um meine Gradlinigkeit, die mir viel bedeutet." Das kratzte schon beinahe an Hochmut, und doch bleibt ihr Rücktritt eine wichtige Tat für dieses Land.
Als Bischöfin konnte sie kein Vorbild mehr sein, als Zurückgetretene ist sie eines geworden. Auch deshalb muss man sich um ihre Zukunft keine Sorgen machen.
"Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand", hat Käßmann zu ihrem Abschied gesagt. Das wird ihre Kirche jetzt nicht allzu wörtlich nehmen: Zwar muss die Theologin spätestens, wenn der Nachfolger feststeht, aus der Bischofskanzlei in der Haarstraße ausziehen, aber sie bleibt Pastorin und damit im Dienst der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.
Die Kirche hat viele Möglichkeiten, verdiente Geistliche angemessen zu versorgen. Niemand denkt daran, Käßmann zurück in die einfache Gemeindearbeit zu zwingen. Es gibt kirchliche Organisationen, die in aller Welt arbeiten, und überall wäre man froh über einen Star wie Käßmann, auch einen gefallenen. Sie hatte schon einmal damit geliebäugelt, die lutherische Pfarrstelle in Paris zu übernehmen.
Am Dienstag vergangener Woche sprach sie über die Vielzahl an Aufgaben, die ihr Leben ausfüllen könnten, nach dem Amt der Ratsvorsitzenden. "Es wird schon irgendwie weitergehen", sagte sie und klang dabei gar nicht verzagt. "Mit 51 steht man ja noch nicht am Ende des Lebens."
Gefasst wirkt sie bei ihrem Auftritt, ein paarmal lächelt sie sogar.
In Amerika müssen sich Sünder auf Augenhöhe mit dem Volk begeben.
Tiger Woods macht sich zum Kranken und verliert dadurch seine Würde.
Von Jan Fleischhauer, Marc Hujer, Kerstin Kullmann, Dirk Kurbjuweit, Romain Leick, Ralf Neukirch und Peter Wensierski

DER SPIEGEL 9/2010
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