01.03.2010

INTERNETDie Menschenlotterie

Ein Moskauer Schüler hat das Web-Portal Chatroulette entwickelt. US-Konzerne und ein russischer Oligarch möchten sich daran beteiligen.
Ein Wagen mit verdunkelten Scheiben steuert im Norden Moskaus auf einen schmächtigen Jungen zu. "Bist du bereit, Andrej?", ruft der Mann im schwarzen Anzug und reißt die schwere Tür der Limousine auf. "Uns interessiert, was du tust. Steig ein!"
Andrej Ternowski, braunes Stoppelhaar, schlackernde Jeans, ist 17 und notorischer Schulschwänzer. Er nimmt auf dem Lederpolster der Rückbank Platz und fragt sich, was Felix, der Fremde, mit dem er sich über Internet und Telefon verabredet hat, wohl bieten wird: eine Million Euro vielleicht oder drei?
Denn Felix' Auftraggeber hat Geld - und Andrej hat, wonach sie alle suchen: eine geniale Idee.
Sie fiel ihm an einem verregneten Nachmittag im vergangenen Herbst ein: ein Web-Portal, das er Chatroulette.com nannte, weil es über einen Zufallsgenerator funktioniert. Der lost rund um den Globus Chatpartner einander zu, die dann per Videoaufnahme kommunizieren - eine Menschenlotterie per Computer. Das ist neu, aber nicht immer appetitlich. Neben Jugendlichen, die neugierig sind auf andere Menschen in anderen Ländern und Kontinenten, tummeln sich Spinner und Exhibitionisten auf der Web-Seite.
Im November kannte Andrej noch jeden Chatter, er hatte die Seite ursprünglich für sich und Freunde geschrieben. Schnell tauchten die ersten Unbekannten an den Monitoren auf. Sie saßen in den USA und Korea, in Kapstadt und Berlin. 500 Nutzer hatte Chatroulette Anfang Dezember, 50 000 im Januar. Jetzt besuchten täglich 1,5 Millionen Menschen die Seite, sagt Andrej. Vertreter von Skype, Google und dessen russischer Konkurrenz Yandex buhlen um ihn. Und der Moskauer Web-Magnat Jurij Milner, zu dem Felix ihn bringen soll.
"Ihr solltet jetzt investieren", hatte Andrej zum Jahresende zu seinen Eltern gesagt, "ich expandiere." Umgerechnet 8000 Euro bekam er von Mama und Papa, das reichte für den kleinen Server, der jetzt unter Mutters Tisch schnurrt. Weitere Rechnerkapazitäten mietete Andrej in Frankfurt am Main an. Aber um das World Wide Web zu erobern, braucht es mehr. Deshalb hat er sich zu einem Treffen mit Milner bereit erklärt.
Felix fährt in das Geschäftsviertel "Moskwa City", Moskaus Antwort auf Manhattan. Hier, in der 57. Etage eines Wolkenkratzers, residiert Milner mit seiner Firma Digital Sky Technologies, kurz DST.
Der russische Unternehmer kündigte Ende Februar an, noch eine weitere Mil-liarde Dollar in das amerikanische soziale Netzwerk Facebook und andere Internetfirmen zu investieren. Mehr als fünf Prozent von Facebook gehören ihm bereits, er ist der einzige nichtamerikanische Großanteilseigner. Sein Vermögen wird
auf knapp eine halbe Milliarde Euro geschätzt.
Anderthalb Stunden redet Milner mit Andrej. Der Multimillionär will Kompagnon des Teenagers werden, der in der Schule vor dem Rausschmiss steht, weil er seit Wochen nicht mehr hingeht. Jetzt ist Andrej ein Geschäftsmann, Milner möchte zehn Prozent an Chatroulette kaufen. Andrej soll einen Preis nennen, aber er lässt den Unternehmer zappeln.
Auf keinen Fall will Milner den neuen Trend verpassen. Schon jetzt zieht der Internetmagnat mit einem E-Mail-Dienst und sozialen Netzwerken angeblich 70 Prozent aller russischsprachigen Seitenaufrufe auf seine Angebote. Die ausländische Konkurrenz hat er bisher auf die Plätze verwiesen. Chatroulette könnte sein Imperium um ein Juwel erweitern.
Milner könnte damit an höchster Stelle punkten. Präsident Dmitrij Medwedew berief ihn vor kurzem in seine Kommission zur Modernisierung der Wirtschaft, zusammen mit vier Ministern und dem Oligarchen Michail Prochorow, laut US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" Russlands reichster Mann.
Medwedew, selbst ein begeisterter Internetnutzer und gelegentlicher Blogger, will Amerikas Hegemonie im Cyberspace brechen. Das klingt vermessen, die Marktführer der Internetwirtschaft stammen aus den USA. Allein der Wert von Google, Microsoft und Facebook summiert sich auf knapp eine halbe Billion Dollar, das entspricht etwa einem Drittel der Jahresleistung der russischen Volkswirtschaft. Will Russland, mit über 50 Millionen Internetnutzern einer der am schnellsten wachsenden Märkte, aufholen, muss es Talente wie Andrej in der Heimat halten.
Doch der unterschreibt fürs Erste nicht bei Milner, er will nachdenken. Wie viel ist seine Idee tatsächlich wert? Manche schätzen sie schon jetzt auf 10 bis 30 Millionen Euro. Soll er sich an einen russischen Partner binden oder an einen US-Konzern?
Andrej sitzt zu Hause in seinem Neunquadratmeterzimmer: ein Tisch, ein Stuhl, keine Poster an den Wänden, zwei Monitore. Auf einem checkt er seine E-Mails. Allein gestern hat er beinahe hundert Interviewbitten erhalten, er lässt sie alle unbeantwortet.
Auf dem anderen Monitor läuft Chatroulette. Der Reigen der Chatter ist ein Kampf um Aufmerksamkeit, wer öde wirkt, wird binnen Sekunden weggeklickt. Andrej arbeitet daran, die "Freaks und Fucker", wie er sie nennt, von der Seite fernzuhalten.
Der junge Russe verehrt die amerikanische Hacker-Legende Kevin Mitnick, hundertmal soll der in die Systeme des Verteidigungsministeriums eingebrochen sein. Andrej war 8, als seine Mutter merkte, dass ihr Sohn sich auf Hacker-Seiten rumtrieb, mit 15 knackte er die Systeme der Moskauer Schulbehörde - und verschaffte sich die Prüfungsunterlagen, indem er sich als Schuldirektor ausgab.
"Das Internet", sagt Andrej, "ist meine Welt. Es verbindet Moskau mit dem Westen." Sein Traum, erklärt er, sei eine eigene Firma im Silicon Valley, dem Hightech-Park in Kalifornien, der Wiege von Yahoo, Intel und Apple.
Wortfetzen gehen Andrej durch den Kopf, die Milners Sendbote Felix ihm mit auf den Weg gab: Wir geben dir alles Geld, das du brauchst. Was suchst du in Amerika, in Russland sind die Steuern niedriger. Wenn schon, dann lass uns zusammen reisen. Wir machen dir Kontakte.
Andrej setzt sich in ein Taxi. Er hat einen Termin. Nervös tippt er auf dem Smartphone herum. In der kommenden Woche möchte er eine Reise machen, allein, ohne Felix. Das Taxi hält vor einem gewaltigen Botschaftsgebäude. Andrej muss ein Visum beantragen. Für die USA.
(*1) Vor dem Wohnblock in Moskau, in dem er mit seiner Mutter lebt.
Von Benjamin Bidder

DER SPIEGEL 9/2010
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