01.03.2010

ESSAYMenschliche Drohnen

„Avatar“, nominiert für neun Oscars, ist ein perverser Film.
Kein Film hat mir je so die Eingeweide umgedreht wie James Camerons "Avatar". Ein Inneres, das zwar hingerissen war von einigen Bildpassagen, aber gleichzeitig ungläubig aufgewühlt von dem Gefühl, dass dies so nicht geht.
Die Handlung kommt als Indianergeschichte daher: Ein Eingeborenenmädchen rettet dem Soldaten Jake Sully bei seinem ersten Einsatz in der Fremde das Leben; sie verliebt sich in ihn und er sich in sie. Eine Neu-Version des Pocahontas-Mythos - nur dass Cameron den Indianerkontinent auf einen fernen Planeten namens Pandora verlegt hat. Die Indianer von "Avatar" sind keine mit Federn ausstaffierten Schauspieler, sondern fremde Wesen von unirdisch anziehender Schönheit. Geschöpfe einer anderen Art, computergenerierte Katzenmenschen von göttergleicher Geschmeidigkeit. Mit blauer Haut und blassen Streifen, spitzen Ohren und grüngelben Augen, aber ausgerüstet mit Pfeil und Bogen. Damit wehren sie sich gegen Sullys Armee, die auf ihrem Planeten den Abbau des "wertvollsten Rohstoffs" aller bekannten Galaxien sichern will. Diese Armee ist klar kenntlich als heutige hochgerüstete U. S. Army.
"Avatar" zeigt Ungesehenes, überwältigend schöne Momente. Unter den Tieren des Planeten gibt es urweltlich fliegende Dino-Vögel, hyperelegant und bemalt wie von Niki de Saint Phalle, auf denen die Indianer dieser Galaxie in taumelnden Spiralen durch die Lüfte segeln. Es ist die pure Lust, sich ihren Flügen zuschauend zu überlassen. So hat "Avatar" Momente, in denen man fast vergisst, welche technologische Power dieser Film auffährt, um uns Traumzustände einer vorzivilisatorischen Urwelt-Natur im Zustand göttlich unversehrbarer Körperlichkeit vor Augen zu führen.
Aber darunter wächst das Unbehagen. Einmal weil "Avatar" seine technologisch-elektronischen Spektakel im Gewand diverser esoterischer Akte präsentiert. Gelockt wird die "gläubige" Menschheit im Rahmen einer Erzählung, in der das Technische das Böse ist und das naiv-urweltlich-religiös Tierisch-Menschliche das Gute. Und dies Gut-Gemisch siegt über das Technologische mit Hilfe von Pfeil und Bogen.
Ist es möglich, heutigen Menschen, den abgebrühten Kinogängern aller Weltteile, so etwas zu verkaufen zu Beginn des Jahres 2010? Offenbar. "Avatar" war, kaum zwei Monate nach seinem Start, bereits der erfolgreichste Film aller Zeiten.
Nur: Ebenjenem Technologiewahn, den "Avatar" bekämpft, verdankt der Film seine ganze Bilderwelt. Vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis seines Welterfolgs. Kein einziges dieser Bilder der Schlacht gegen das Böse, gegen die Technologie, wäre möglich ohne die ausgefuchsteste Computertechnologie, die die Welt kennt. Wenn das nicht pervers ist, weiß ich keinen Sinn für dies Wort. Was an sich nicht schlimm wäre, die Kunst hat immer Raum für Perversionen. Doch im Körper rumort es: Camerons 3-D-Spektakel reißt den Zuschauer mit und zerreißt ihn zugleich. Der Film feiert den Kampf der galaktischen Indianer gegen die Industrie-Büttel der US-Armee als antikolonialistischen Aufstand - allerdings unter Einsatz der imperialistischsten Technologie, die überhaupt möglich ist.
Auf der Story-Ebene siegt in "Avatar" die Urwelt, hier wechselt Jake Sully die Fronten und verwandelt sich vom Soldaten in einen Krieger, der auf einem fliegenden Saurier erfolgreich gegen modernste amerikanische Zerstörungstechnologie kämpft. Während in der Wirklichkeit außerhalb des Kinos dieselbe Technologie, mit der der Film seine Bilder generiert, im Innern amerikanischer Kriegsgeräte jede Sekunde auf der Welt in Kriegen zum Einsatz kommt.
Doch der Film handelt nicht nur vom Kampf der "Indianer" gegen die "militärische Hochtechnologie". Genauso lässt er zwei Technologien gegeneinander antreten. Auf der einen Seite die Schwer-industrie (alt, kriegerisch, kolo-nialistisch), die sich unter dem Schutz der Armee der Bodenschätze des Planeten Pandora bemächtigen will. Auf der anderen Seite die Computertechnologie (neu, friedlich, ökologisch), mit deren Hilfe Sully und die verbündete Wissenschaftlerin versuchen, die Natur und die Na'vi zu verstehen und zu erhalten. Daran könnte man seinen Spaß haben, käme diese Konfrontation mit ironischer Leichtigkeit daher.
Sie kommt aber als voller Ernst, und sie kommt volles Rohr. Und da wird es wirklich ernst, denn außerhalb des Kinos liegen die zwei Technologien eben nicht im Widerstreit miteinander. Die Elemente, die der Film gegeneinanderstellt, kämpfen draußen als Verbündete: In den amerikanischen Drohnen, unbemannten Kampfflugzeugen, die in Afghanistan und sonst wo ihre menschlichen Ziele finden, sind neue elektronische und alte metallurgische Flugindustrie perfekt vereinigt. Keine dieser Tötungsmaschinen fliegt ohne die Technologie, die die Märchenbilder von "Avatar" ermöglicht.
De facto steckt Cameron die gesamte moderne Kriegselektronik in "Avatar" ins Gewand von Greenpeace. Seine Botschaft: Der böse rohstoffraubende Amerikaner wird vom Erdboden verschwinden, wenn die Unterdrückten und Unterentwickelten dieser Erde sich entwickelt haben zum Ur-Indianer - in dessen Seele die neuesten Computer ticken. Computer, die tierisch an Gott glauben, die keine Schäden anrichten - fundamentalistische Friedenscomputer. Das potentiell Tötende selbst tritt uns entgegen in Gestalt betender, blaugefärbter Naturmenschen aus dem All, die Frieden für ihren Planeten fordern.
In der Psychoanalyse Anna Freuds gibt es für das, wozu "Avatar" das Publikum anleitet, einen Begriff: Identifikation mit dem Aggressor. Das Aggressionspotential dieser Technologien wird im neuen Naturmenschen unkenntlich gemacht und in Gestalt der Medusen, die in Camerons 3-D-Verfahren in den Zuschauerraum hineinschweben, in uns hineingesenkt.
Offenbar sind wir, die kinogehende Menschheit, bereit, unserer Ersetzung durch technologische Wesen zuzustimmen. Dieser heftig ersehnte "neue Mensch" darf nur nicht mehr in der Utopie des Roboters vor uns treten - dieses metallische Maschinenwesen ist historisch negativ besetzt. Das technische Wesen muss als Teil einer Urwelt erscheinen. In "Avatar" sind das die Na'vi, galaktische Urmenschen, computergeneriert zwar, in 3-D mit Pfeil und Bogen, aber fest im Glauben an eine Große Mutter-göttin. Die neuen Technologien müssen dafür nur ihre bisherige Gestalt wechseln, die Raketen, Panzer, die bombenwerfenden Kriegsgeräte und Schnellfeuergewehre verlassen, in der sie heute noch zu Hause sind. Der neue Mensch, wenn ganz und gar computerdurchdrungen bis ins nanotechnologisch neustrukturierte Fleisch, wird den Krieg nicht mehr nötig haben.
Wir, die Menschheit der modernen Technowelt, sind so weit, Tod und Teufel zu akzeptieren, wenn sie in Gestalt elektronischer Friedensengel kommen. Genau für solche Operationen nutzen die Computergötter die Neue Religiosität, was "Avatar" eindrucksvoll vorführt. Babys in dieser Welt kommen aus Computern, als Erwachse-ne. Über Geschlechtsteile verfügen die neuen Menschen von Pandora nicht, nur sekundäre Geschlechtsmerkmale, rudimentär, im Verschwinden. Gott ist in diesem Film eine "Frau", verkörpert in einem weißen Zauberbaum mit schwebenden Samen.
Zu all dem durchschwillt eine unsägliche Eso-Musik jene Zauberhöhlen, die immer noch Kinos heißen, aber keine mehr sind. Zumindest ist es nicht mehr Film, was in ihnen gezeigt wird. "Avatar" besteht aus Bits. Seine Kameras sind Rechner. Die Raumtiefe von "Avatar" ist kein Produkt der Linse. Sie ist berechnet, um uns in einen Raum zu führen, der keiner mehr ist. Die Dreidimensionalität schluckt paradoxerweise den Kino-Raum - das Kino verwandelt sich in ein computeranimiertes Puppentheater. Der Raum ist Computerspace geworden. Das alte Raumschiff Kino ist nun ein Großcomputer, in dem wir mit elektronischen Signalen beschossen werden, auf dass wir uns umformen zu Teilen seiner Eingeweide.
"Avatar" will uns physisch elektronisieren. Genau das, wofür dieser Begriff in der Sprache der Programmierer erfunden wurde: Avatar ist dort der elektronische Doppelgänger, die Maske einer Menschfigur. Der Film erzählt die Geschichte eines Avatars, der aufhört, Maske zu sein. Erst dann wird Frieden. Genau dieses Geschöpf schlägt im letzten Bild die Augen auf. Und schaut uns an, blauäugig, katzenäugig, stumm. Erwachend im Zeitalter der Post-Humanität. Der letzte Mensch, das Monster, hat ausgedient. Von Pandora vertrieben wird er in einem halbstündigen Kampfspektakel. So viel Tribut an den Indianerfilm muss sein. Pocahontas erledigt den US-General mit zwei Pfeilschüssen mitten ins Herz.
James Cameron sagt, er wolle dem Publikum zeigen, was es noch nie gesehen habe. Das ist ihm gelungen. Aber schärfer kam der Bock noch nie als Gärtner. Märchenhaft. Sagenhaft. So ambitioniert wirkt dieser Film, als wäre er auf den Gewinn von 200 Oscars programmiert. Wenn "Avatar" eines gezeigt hat, dann: Was richtig programmiert ist, das läuft.
Klaus Theweleit, 68, ist Kulturwissenschaftler und Schriftsteller und lebt in Freiburg. Er hat mehrere Bücher zum Pocahontas-Mythos geschrieben. Zuletzt veröffentlichte er zusammen mit Rainer Höltschl: "Jimi Hendrix. Eine Biographie".
Cameron steckt die moderne Kriegselektronik ins Gewand von Greenpeace.
Von Klaus Theweleit

DER SPIEGEL 9/2010
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