01.03.2010

SPIEGEL-GESPRÄCH „Humanismus ist ein Aberglaube“

Der britische Philosoph John Gray über den Fortschrittsmythos, die Suche nach dem Sinn der Geschichte und den menschlichen Hang zur Selbstzerstörung
SPIEGEL: Professor Gray, in Ihren Schriften unterziehen Sie den modernen Fortschrittsglauben einer radikalen Ideologiekritik. Sie gehen sogar so weit, den "Abschied vom Humanismus" zu verkünden. Was bleibt dann noch? Verzweiflung oder Zynismus?
Gray: Mir geht es darum, die menschliche Beschränkung aufzuzeigen und anzuerkennen. Der Mensch hat keinen Anspruch auf eine gottähnliche Sonderstellung in der Natur. Deshalb plädiere ich für eine Abkehr von unserer Selbstüberhöhung, vom Anthropozentrismus, als könnten wir immer und überall die Herren unseres Schicksals sein. Wir Menschen können die Welt nicht retten, doch das ist kein Grund zu verzweifeln. Wenn Sie so wollen, drehe ich die berühmte elfte These von Marx zu Feuerbach um: Es geht nicht darum, die Welt
zu verändern, sondern darum, sie richtig zu sehen.
SPIEGEL: Dennoch klingt das sehr pessimistisch, zweihundert Jahre nach der europäischen Aufklärung. Sind Sie ein Misanthrop in der Tradition des deutschen Griesgrams Arthur Schopenhauer?
Gray: Ich sehe mich eher in der Tradition des gelassenen Skeptikers Michel de Montaigne. Aber Sie haben recht: Die erste und vielleicht noch immer unübertroffene Kritik des Humanismus hat Schopenhauer vorgetragen. Er glaubte nicht an die universelle Emanzipation des Menschen, wie es der Zeitgeist Mitte des 19. Jahrhunderts verhieß.
SPIEGEL: Man könnte auch sagen, er war ein reaktionärer Einzelgänger, einer der ersten Neoliberalen.
Gray: Er erwartete wenig vom Staat außer Sicherheit des Lebens und Schutz des Eigentums, ja. Aber man muss seinen Charakter von seinem Denken unterscheiden. Was für uns, vor allem für die Linke, in Europa und noch mehr in Amerika so schwer erträglich scheint, ist sein Leugnen einer übergreifenden Logik, eines höheren Sinns in der Geschichte. Diese Auffassung teile ich.
SPIEGEL: Und welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?
Gray: Es bedeutet jedenfalls nicht, dass ich in jeder geschichtlichen Konstellation ein Pessimist bleibe. So glaubte ich schon in den siebziger, achtziger Jahren an den Zusammenbruch des Kommunismus, zu einer Zeit, als eine solche Vorhersage noch als eine ziemlich romantische Wunschvorstellung galt. Doch als es dann tatsächlich geschah, hielt ich es mit George Bush dem Ersten, der ein viel weiserer Präsident war als sein Sohn: Bloß nicht triumphieren, lasst uns nicht frohlocken, denn es wird eine Zeit großer Unsicherheit, wenn nicht von Chaos und Anarchie, kommen.
SPIEGEL: Sie glaubten nie an das Ende der Geschichte, an den weltweiten Sieg demokratischer Ideale?
Gray: Es gibt keine Kohärenz, keinen Fortschritt in der Geschichte der Menschheit in der Art, wie Hegel und später Marx dies annahmen. Die Geschichte ist nicht die stetige Entfaltung der Vernunft.
SPIEGEL: Weil immer Rückschläge drohen?
Gray: Nicht nur. Das westliche Denken hat so etwas wie einen säkularen Monotheismus entwickelt. Die Idee des Fortschritts in der Geschichte ist der ins Säkulare gewendete Glaube an die Vorsehung. Im Judaismus, im Christentum hat die Menschheitsgeschichte einen Sinn, weil sie auf das Heil zustrebt. Aber dieser Sinn ist von Gott gegeben, wir können ihn nicht erkennen. Deshalb sollten wir demütig bleiben, es wäre geradezu gotteslästerlich, wollten wir den Anspruch erheben, Gottes Ziel in der Geschichte zu entschlüsseln und herbeizuführen.
SPIEGEL: Der Humanismus ist kein Rationalismus, sondern eine Religion?
Gray: Ich behaupte, dass die Grundüberzeugung der Humanisten, die Geschichte der Menschheit sei eine Fortschrittsgeschichte, ein Aberglaube ist. Insofern ist der echte religiöse Glaube ein nützlicher Damm gegen die menschliche Hybris. Für Humanisten enthält die Religion ein subversives Potential, deshalb bekämpfen und pervertieren sie sie.
SPIEGEL: In Ihrem Buch "Politik der Apokalypse" haben Sie das Wirken religiöser Überzeugungen, vor allem des Erlösungsgedankens und Heilsversprechens, im politischen Handeln analysiert. Aber sind nach dem Ende des Kommunismus Utopien nicht ein für alle Mal diskreditiert? Kämpfen Sie gegen Windmühlen?
Gray: Sicher, zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind überall die Trümmer politi-scher Utopien zu besichtigen. Doch während die Linke dahinkümmert, ist die Rechte - genauer der Rechtsliberalismus - zum Sammelort utopischer Verkündigungen geworden. Auf das Projekt des globalen Sozialismus folgte der globale Kapitalismus, angeblich Hand in Hand mit der globalen Demokratie. Auch eine Schimäre, wie es inzwischen zu dämmern beginnt.
SPIEGEL: Aber eine weniger menschenverachtende?
Gray: Da bin ich mir nicht so sicher. Sie hat in den USA so unterschiedliche Politiker wie Ronald Reagan und George W. Bush, in Großbritannien Margaret Thatcher und Tony Blair angetrieben, mit teilweise verheerenden Folgen. Wann immer ein Staatsmann sich als Instrument der Vorsehung begreift, ist das Schlimmste zu befürchten.
SPIEGEL: So wie bei dem Versuch, Demokratie und Menschenrechte mit Feuer und Schwert zu verbreiten, etwa im Irak oder in Afghanistan?
Gray: Ein Krieg, der nicht absolut notwendig ist - wie der gegen Hitler -, kann nicht gerecht sein. Wenn er unnötig ist, ist er nicht gerecht. Und ich glaube, dass der Angriff auf den Irak 2003 unnötig war. Politik kann kein Erlösungsersatz sein. Selbst die bestgemeinten politischen Programme sind nur Notbehelfe, bescheidene Versuche, unvermeidliche Übel zu lindern oder mit den Mängeln, die nicht abzustellen sind, zurechtzukommen.
SPIEGEL: Lässt sich das Böse nicht bekämpfen, muss man mit ihm leben? Eine fatalistische Geschichtsauffassung kann doch nicht die Lösung sein.
Gray: Ich glaube durchaus an universelle Werte, aber nicht an ihre Durchsetzung um jeden Preis. Wenn Sie das Unmögliche zu erreichen versuchen, schaffen Sie neues und oft genug noch schrecklicheres Böses. Deshalb widersetze ich mich ganz entschieden der Vorstellung, internationale Beziehungen zwischen Staaten als Bühne für die Verbreitung weitreichender Ideale zu benutzen - schon gar nicht als bewaffnete Mission.
SPIEGEL: Gibt es demgegenüber nicht ein Recht, ja sogar eine Pflicht zur Intervention, wenn vor aller Augen Verbrechen gegen die Menschheit begangen werden?
Gray: Natürlich kann die Alternative nicht Resignation sein. Völkermord muss verhindert werden. Aber wir müssen uns von der utopischen Idee eines Idealzustands, einer möglichen Vollkommenheit für die ganze Menschheit verabschieden. Anarchie kann schlimmer als Diktatur sein, und ich fürchte, etwas anderes als Anarchie - oder eine Mischung aus Demokratie, Anarchie und Theokratie - werden wir nach einem absehbaren Rückzug aus dem Irak und aus Afghanistan nicht hinterlassen. Bei einem erzwungenen Regimewechsel kommt fast immer etwas anderes als das Erhoffte heraus.
SPIEGEL: Kann das utopische Denken wenigstens wie ein Leuchtfeuer wirken, als ferner Orientierungspunkt am Horizont, der die Richtung vorgibt?
Gray: Ich bezweifle es. Leuchtfeuer können ein Schiff auf die Klippe locken. Darin liegt ja gerade das Trügerische des Fortschrittsgedankens. Die Humanisten sagen: Das Ziel mag einstweilen unerreichbar sein, aber wir können darauf zuhalten. Das sind Sirenengesänge.
SPIEGEL: Sie können doch nicht bestreiten, dass es moralische Fortschritte auch in der Politik gegeben hat - mindestens seit den Katastrophen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, eigentlich sogar schon seit der Französischen Revolution.
Gray: Das glauben Sie? Jeder vermeintliche Fortschritt ist ambivalent. Wissen kann man kumulieren, ethische Verbesserungen nicht.
SPIEGEL: Hier eine kleine unvollständige Liste: die Deklaration der Menschenrechte 1789, Abschaffung der Sklaverei, der Kinderarbeit, Emanzipation der Frau, Ächtung von Folter und Angriffskrieg. Nicht perfekt, gewiss, aber immerhin.
Gray: Was gewonnen wird, kann in einem Lidschlag der Geschichte wieder verlorengehen. In einem Lidschlag! Die irakischen Frauen waren unter dem Regime von Saddam Hussein freier, als sie es heute sind. Der Sowjetkommunismus war eine Art Industriesklavensystem, nicht nur im Gulag. Und wie leicht Folter wieder tragbar werden kann, haben wir in Guantanamo und in Abu Ghuraib gesehen. Ganz zu schweigen von den Menschenrechten in China, die von westlichen Gesprächspartnern mit Engelszungen angemahnt werden. Dabei ist China heute, verglichen mit dem Maoismus, eine aufgeklärte, ja wohlwollende Diktatur.
SPIEGEL: Natürlich gibt es Verstöße, so wie Verbrechen nicht verschwinden. Aber die Gültigkeit der Normen bleibt doch?
Gray: Waren die Folterungen von Häftlingen in Abu Ghuraib nur Exzesse Einzelner? Sicher, ihre Aufdeckung hat einen Aufschrei ausgelöst. Aber zugleich gab es rationale Denkversuche, Folter bis zu einem gewissen Grad als Mittel zum Zweck der Terrorismusbekämpfung zu rechtfertigen. Sklavenarbeit gibt es immer noch, man nennt sie nur anders.
SPIEGEL: Das ändert nichts daran, dass universelle Werte wie die Würde des Menschen nicht ernsthaft in Frage gestellt werden können. Die Idee lässt sich nicht zerstören. Dass sie nicht immer geachtet wird, steht auf einem anderen Blatt.
Gray: Das Schlimmste kann in der zivilisiertesten Gesellschaft passieren. Wir sind nie vor Barbarei gefeit. Für mich war der größte Denker der Aufklärung im 20. Jahrhundert Sigmund Freud. Er sah in der Zivilisation eine Schutzmaßnahme des Menschen gegen sich selbst. Denn der Mensch ist nicht nur Eros, sondern auch Thanatos - mit seiner Neigung zu Aggression, Grausamkeit und Zerstörung. Deshalb ist jeder Fortschritt zweischneidig. Die Mehrung des Wissens erhöht die Macht des Menschen, zum Guten wie zum Bösen, über die Natur wie über andere Menschen. Der Homo sapiens ist und bleibt immer auch ein Homo rapiens, ein Räuber mit ungeheurer destruktiver Kraft, der die Welt in den Untergang führen kann.
SPIEGEL: Dass Wissen befreit, dass Erkenntnis auch eine moralische Komponente hat, dass Einsicht und Vernunft das Gute befördern und das Böse zähmen, das ist die Quintessenz europäischer Philosophie. Ihr Abschied vom Humanismus ist ein frontaler Angriff auf das westliche Menschenbild und auf zweitausend Jahre Philosophiegeschichte.
Gray: Wissen macht uns nicht frei. Ja, das ist eine unstatthafte, schwer erträgliche Wahrheit. Seit Sokrates beruht das westliche Denken auf der Annahme, dass die Erkenntnis des Wahren unweigerlich zum Guten führt. Die Genesis der Bibel, der Mythos vom Sündenfall, sagt etwas anderes. Die Unschuld ist verloren, sie lässt sich nicht wiedergewinnen. Wir haben vom Baum der Erkenntnis gegessen, aber wir bleiben zu jeder Torheit und zu jeder Bosheit imstande.
SPIEGEL: Die Frage nach dem richtigen Leben hat Denker und Dichter, Propheten und Wissenschaftler von jeher beschäftigt. Falls die Hoffnung auf Fortschritt wirklich eine Illusion ist, wie Sie behaupten, wie sollen wir denn dann leben?
Gray: Der Nihilismus, auf dessen Gefahr Sie anspielen, verliert seinen Schrecken, wenn wir uns von der Zwangsvorstellung lösen, das menschliche Leben müsse vor dem Sturz in den Abgrund der Sinnlosigkeit bewahrt werden. Ein gelungenes oder erfülltes Leben beruht nicht auf der Kapazität, einen Beitrag zur Weltverbesserung zu leisten. Die Gewissheit, dass es kein Heil gibt, ist selbst das Heil, so hat es der Schriftsteller E. M. Cioran formuliert. Das Leben hat keine Bedeutung, die über es selbst hinausweist.
SPIEGEL: Das entbindet uns aber nicht von der Notwendigkeit zu handeln. Wie kann ein Staatsmann sich mit der Vergeblichkeit seines Agierens abfinden?
Gray: Indem er pragmatisch, also so geschickt, so ehrlich und so gut wie möglich mit der vorgefundenen Situation umgeht. Das gute Leben ist nicht die Summe von Weltverbesserungs- oder Fortschrittsträumen, es ergibt sich aus dem Bewältigen schicksalhafter und damit leider auch tragischer Zufälle. Für die Moralphilosophen ist die Kontingenz, die Zufälligkeit der menschlichen Existenz, ein permanenter Skandal. Aber im Grunde ahnen wir, dass uns nichts gegen Schicksal und Zufall verlässlich schützen kann.
SPIEGEL: Das Leben als eine Abfolge von Zufällen - besteht der freie Wille in der Kunst der Improvisation, nicht in der Entscheidung zwischen Gut und Böse?
Gray: Jedenfalls kann das richtige Leben nicht im Versuch bestehen, irgendein Ideal zu verwirklichen. Wir müssen erkennen - und uns damit abfinden -, wie unfrei wir in Wirklichkeit sind. Das selbstbestimmte Leben ist ein moderner Fetisch. Wer die Welt durch Willenskraft verändern will, kommt dem Terrorismus im Namen der Vernunft oder des Guten gefährlich nahe, wie die Jakobiner während der Französischen Revolution oder die Bolschewiken unter Lenin, Trotzki und Stalin gezeigt haben.
SPIEGEL: Tiere suchen nicht nach Sinn …
Gray: … weshalb sie auch keinen Genozid begehen, obwohl Massaker unter Schimpansen gelegentlich vorkommen sollen.
SPIEGEL: Aber woher kommt das menschliche Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit? Unterscheidet sich der Mensch vom Tier nicht doch dadurch, dass er ein metaphysisches Wesen ist?
Gray: Der Mensch ist sich seiner selbst bewusst und in sich gespalten, ein Opfer widerstreitender Tugenden und Instinkte. Das sind Tiere nicht. Dieses Selbstbewusstsein des Menschen führt ihn dazu, seine Sterblichkeit in Frage zu stellen, seine Endlichkeit. Manche Tiere können Trauer empfinden, doch Bestattungsrituale, Totenkult, Ahnengedenken praktiziert nur der Mensch. Der Tod ist ein Mysterium. Wir erleben den eigenen Tod nicht. Deshalb bezweifle ich, dass wir seine Endgültigkeit akzeptieren. Der Mensch bleibt das todesbestimmte Tier - das einzige.
SPIEGEL: Soll man daraus schließen, dass er ohne Religion nicht auskommt?
Gray: Humanisten sagen, dass die Religionen Illusionen sind - aber vielleicht sind sie notwendige Illusionen.
SPIEGEL: Aber gefährliche?
Gray: Das lehrt uns die Geschichte der Religionskriege ebenso wie der Fundamentalismus der Gegenwart. Diese Gefährlichkeit schwindet indes nicht, wenn wir Gott für tot erklären wie Nietzsche und
die metaphysische Sinn- und Heilssuche
zur weltlichen, insbesondere zur politischen Aufgabe machen. Es gibt nichts Schrecklicheres, und zugleich nichts Menschlicheres, als die Bereitschaft zu töten und zu sterben, um seinem Leben einen Sinn zu verleihen. Der Selbstmordattentäter - ich ziehe den Begriff Selbstmordmörder vor - ist der größte Skandal in der Geschichte menschlicher Verirrungen: Er bringt den Tod, anderen wie sich selbst, um in die Ewigkeit einzutreten. Der Tod ist sein Mythos.
SPIEGEL: Fanatismus und Märtyrerkult sind nicht nur religiös bedingt. Sie kommen auch in den totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts zur Geltung.
Gray: Dort wird der religiöse Glaube ans Jenseits in den utopischen Glauben ans Ende der Geschichte umgewandelt. Beide Male herrscht mythologisches Denken. Die moderne Technik der Selbstmordanschläge wurde nicht nur von Islamisten, sondern vor allem von den Tamilen auf Sri Lanka angewandt. Die Tamilen-Tiger sind stramme Leninisten, also motiviert durch eine weltliche Ideologie, deren metaphysischer Kern das Versprechen der Freiheit in der Zukunft ist. Thomas Hobbes glaubte, dass die Geschichte sich aus dem Streben des Menschen nach Selbsterhaltung erklärt. Aber für den Menschen auf der Suche nach Sinn kann der Tod die Erfüllung bringen: das Ende als metaphysischer Sieg.
SPIEGEL: Karl Popper empfahl den Politikern Stückwerkreformen statt Meisterplänen. Der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt, der Popper sehr schätzt, empfahl Politikern mit Visionen, zum Arzt zu gehen.
Gray: Unbedingt! Politik ist kein Mittel der Sinnstiftung für das menschliche Leben. Wer Visionen hat, sollte sich als Mystiker in die Einsamkeit der Natur zurückziehen. Oder als Mönch ins Kloster. Oder seine seherischen Fähigkeiten in Dichtung und Kunst umsetzen - Kunstwerke sind Salbungen der Seele.
SPIEGEL: Das Dumme ist nur, dass die Menschen Visionäres von ihren Führern erwarten. Ist nach dem Scheitern des Freiheits- und Demokratiekriegers George W. Bush Präsident Obama dagegen gefeit?
Gray: Er hat Charisma, und Charisma ist eine Versuchung, deren Gefahren Max Weber in seiner politischen Typologie schon analysiert hat. Der Charismatiker versteht es, die Zweifel der Massen zu zerstreuen und vermutlich auch seine eigenen. Ich schätze Obama sehr, aber es könnte ihm ergehen wie Michail Gorbatschow, und er wohnt hilflos dem relativen Niedergang der imperial überdehnten Weltmacht bei. Das ist in seinem Drehbuch nicht vorgesehen. Obama hat Probleme geerbt, die unlösbar sind. Gut möglich, dass er deswegen nur eine Amtszeit regiert.
SPIEGEL: Professor Gray, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

John Gray ist einer der interessantesten und umstrittensten britischen Sozialphilosophen. Er lehrte in Oxford, war Gastprofessor in den USA und von 1998 bis 2008 als Professor für Europäische Ideengeschichte an der London School of Economics. Unter dem Einfluss von Isaiah Berlin wandte sich Gray, 61, der neoliberalen Schule Friedrich von Hayeks zu. Heute tritt er als scharfer Kritiker zügelloser Globalisierung und neokonservativer Vormachtansprüche auf. Zwei seiner wichtigsten Werke liegen nun auf Deutsch vor: "Politik der Apokalypse - wie die Religion die Welt in die Krise stürzt" und "Von Menschen und anderen Tieren - Abschied vom Humanismus" (beide im Verlag Klett-Cotta).

Das Gespräch führte der Redakteur Romain Leick.
Von Leick, Romain

DER SPIEGEL 9/2010
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