01.03.2010

FUSSBALL„Intime Berührungen“

Ein Bundesliga-Schiedsrichter beschuldigt einen Funktionär, ihn sexuell belästigt zu haben. DFB-Chef Theo Zwanziger spielt bei der Aufarbeitung der Affäre eine fragwürdige Rolle.
Manchmal sagt Theo Zwanziger, er sei gar nicht traurig, wenn es Krisen zu beackern gebe. Wettskandal, Schuhkrieg, Ärger mit dem Kartellamt, Vertragsstreit mit dem Bundestrainer, da ist der vitale Chef nach eigenem Bekunden in seinem Element. Fußball, sagt er mit einem staatsmännischen Lächeln, werde immer konfliktträchtig sein, "Fußball ist kein Paradies".
Diesmal hat der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) jedoch eine Affäre am Hals, die ihn offenbar überfordert. Der sogenannte Sexskandal im Schiedsrichterwesen hält den Verband in Atem, seit über zwei Wochen ist er das beherrschende Thema. "Ich kann immer noch nicht bewerten, wer hat recht oder unrecht", sagt Zwanziger an einem Tag.
Am nächsten sagt er: Er sei sicher, wer Opfer und wer Täter sei; zumindest "nach Aktenlage". Da sitzt Zwanziger, 64, in der Frankfurter Verbandszentrale, es ist der Tag nach Aschermittwoch, und der DFB-Chef zieht eine Zwischenbilanz.
In den Akten geht es um gravierende Vorwürfe. Der Bundesliga-Schiedsrichter Michael Kempter, 27, beschuldigt seinen langjährigen Förderer, den süddeutschen Obmann und Ausbilder Manfred Amerell, 63, der sexuellen Belästigung. Der ist von seinen Ämtern zurückgetreten, bestreitet aber die Anschuldigungen.
Besonders für Zwanziger steht dabei viel auf dem Spiel. Homophobie im Profifußball hatte der DFB-Präsident in den vergangenen Jahren zu seinem Thema gemacht, er sah in der Auseinandersetzung mit dem Sujet eine soziale Aufgabe seines Verbandes. Nur hatte er sich die Enttabuisierung anders vorgestellt. Und so wird die Behandlung der Affäre zur Nagelprobe für die Offenheit des Deutschen Fußball-Bundes.
Nun gibt der Präsident ein Interview nach dem anderen, der Rechtfertigungsdruck ist gestiegen. Zwanzigers Umgang mit der Affäre warf böse Fragen auf. Uneingeschränkt und allzu dezidiert hatte der DFB dem jungen Schiedsrichter aus dem südbadischen Saulgau in einer öffentlichen Erklärung recht gegeben. Dem beschuldigten Funktionär Amerell wurden alle Informationen, die Zeugenaussagen, die Akte der verbandsinternen Ermittlungen vorenthalten.
Doch Amerell wehrt sich, sein Anwalt hat die Sache vor Gericht gebracht. Auf seinen Antrag kommt es am Donnerstag vor dem Landgericht München zur Verhandlung, damit hat Zwanziger sich genau das Szenario eingehandelt, das er verhindern wollte: Die Aussagen seiner Informanten - darunter junge Schiedsrichter - werden öffentlich auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft.
Es geht um die Frage, ob der DFB künftig weiter behaupten darf, der Augsburger Betreuer Amerell habe ihm anvertraute Schiedsrichter bedrängt oder belästigt, und es sei zu "Übergriffen" gekommen. Beteiligte des Verfahrens erwarten "eine Riesenschlammschlacht", auch wenn der DFB seine Zeugen nicht in den Gerichtssaal führt.
Kempter nannte auf Vermittlung des DFB in der vorigen Woche angebliche Details der Kontakte: "intime Berührungen", "unter anderem mit Küssen". Zutage traten erste Widersprüche. Dem Fernsehsender DSF sagte der Referee, die ersten der "Annäherungsversuche" des Ausbilders lägen "sicherlich fünf Jahre" zurück. Im Interview mit der "Frankfurter Rundschau" war es dann "ungefähr zwei Jahre her". Dem SPIEGEL sagt er, er wisse es nicht genau.
Wurde ein Abhängigkeitsverhältnis missbraucht? Kempter behauptet einerseits, Amerell habe mit Konsequenzen für seine Spieleinsätze, für seine Karriere also, gedroht, als er ihm die Zimmertür im Hotel nicht geöffnet habe. Andererseits behauptet er, er sei nicht bevorzugt worden, denn Amerell habe seine Karriere auf diesem Niveau allein nicht mehr fördern können - das war "eine Kommission, in der mehrere Leute zuständig sind". Kempter pfeift seit 2006 in der Bundesliga. Dem SPIEGEL sagt er: Macht habe Amerell bis zuletzt besessen.
Jetzt wirft Amerells Anwalt Jürgen Langer dem DFB-Chef vor, er opfere die Ehre seines Mandanten und die Intimsphäre Kempters gleich mit. Langer selbst hatte bereits - gezwungenermaßen, sagt er - eine Kurzmitteilung des jungen Schiedsrichters an dessen Beobachter Amerell veröffentlicht: "Wieso machen wir alles kaputt? Tut mir echt weh! Komm doch ohne dich auch nicht klar! Michi." Das provozierte neue Deutungen über diese Art Kameradschaft. Angeblich gibt es noch mehr solcher Korrespondenz, die belegen soll, dass Kempter und Amerell ein einvernehmliches Verhältnis gepflegt hätten.
In der Szene der Schiedsrichter wird die Beziehung jedenfalls differenzierter betrachtet als in der Verbandsspitze. Wie eine Marionette, sagt einer, habe der gerade zum Fifa-Referee aufgestiegene Kempter seinen Förderer für seine Karriere benutzt. Dann hätte Amerell wohl immer noch seine Amtspflicht verletzt, aber vielleicht niemanden belästigt. Ein Bundesliga-Schiedsrichter aus Süddeutschland meint sogar, dass Kempter das Vertrauen unter den Kollegen verwirkt habe. Kempter bleibt bei seiner Version.
Zumindest sind die Dinge komplizierter, als der DFB sie sich wünscht. Chef Zwanziger sprach von einer "Beziehung" zwischen Funktionär und Protegé, von einem verheimlichten "Liebesverhältnis", das sei "unstreitig". Dies allein reiche aus, eine Pflichtverletzung Amerells zu begründen, er habe die Leistungen nicht unparteiisch bewerten können. Kempter, ein Kundenberater bei der Sparkasse, dagegen bestreitet diese Art von Gemeinschaft. Er sei heterosexuell, stellte er klar.
Doch Kempter soll sich einmal einem Schiedsrichterkollegen genähert haben, was der dem DFB nun mitteilte. Der Verband verweist darauf, dass es "nicht relevant" sei, mit wem Kempter verkehre. Kempter selbst dementiert den Vorgang.
Wird nun vor Gericht erörtert werden müssen, wer welche sexuelle Neigung hat? Wird Schwulsein Gegenstand öffentlicher Beweisaufnahme? Das kann Zwanziger nicht meinen, wenn er einen Bewusstseinswandel im Profifußball fordert. Er gab an, ein Klima schaffen zu wollen, in dem sich schwule Profis problemlos outen könnten. Nach dem Selbstmord des Torwarts Robert Enke räsonierte er über die Tabuisierung von Depressionen, aber auch von Homosexualität.
Zwanzigers DFB unterstützt den Dachverband schwul-lesbischer Fußballfanclubs, nahm am Aktionsabend gegen Homophobie teil. Der Präsident wettert gern über "klassische Männergesellschaften". Er selbst wuchs nach dem Tod von Vater und Großvater in einem Frauenhaushalt auf.
Für seine im Fußballsport ungewöhnlich sensible Note heimste Zwanziger von außen Beifall ein. Er bekam den Tolerantia-Preis, im November erhielt er für sein Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und Rechtsextremismus den Leo-Baeck-Preis vom Zentralrat der Juden. Die "sozialen Aufgaben" und die "Kraft des Fußballs" gehören zu seinen Lieblingsbegriffen.
Innen, in den Abteilungen des DFB, halten manche das für scheinheiligen Populismus, auch wegen Zwanzigers manchmal ruppiger Art gegenüber Mitarbeitern.
Nun, da es darauf ankommt, wirkt sein Verband seltsam verklemmt. In einer Mitteilung zur Schiedsrichteraffäre erklärte er es für "unzulässig, die betroffenen Personen in den Kontext Homosexualität zu stellen", als wäre dies ein Schimpfwort. Corny Littmann, der schwule Präsident des Zweitligaclubs FC St. Pauli, wundert sich über "große Probleme" des DFB, "mit der Sexualität seiner leitenden Funktionäre umzugehen".
Tatsächlich fiel dem Generalsekretär Wolfgang Niersbach intern zunächst der unpassende Vergleich mit dem Skandal um den in den achtziger Jahren geschassten Bundeswehrgeneral Günter Kießling ein. Dem Militär wurde wegen vermuteter Homosexualität Erpressbarkeit vorgeworfen, man stufte ihn als Sicherheitsrisiko ein.
Den renitenten Amerell wäre die DFB-Spitze auch am liebsten ganz schnell losgeworden. Zweimal, am 1. und am 4. Februar, versuchte sie ihn vergebens zum Rücktritt zu bewegen, sie hätte in diesem Fall gar nicht erst ermitteln und niemanden informieren müssen. Als Amerell sich weigerte und zunächst nur seine Ämter ruhenließ, wurde der Skandal auf dubiose Weise, durch einen anonymen Anruf bei einer Zeitung, öffentlich bekannt.
Gern gibt sich Zwanziger als zupackender Krisenmanager. Doch von dem Tag, als er über Kempters Vorwürfe informiert wurde, bis zur ersten Anhörung vergingen zwei Wochen. Vier Tage ließ er verstreichen, bis er eine E-Mail Kempters sah, einen "schriftlichen Vorgang" also. Da erst ordnete er an: Nun müsse "gehandelt werden".
Zwanzigers Behandlung der Affäre folgt dem üblichen Reflex. Sobald sich der DFB-Chef persön-lich angegriffen fühlt, verengt sich der Blick.
So war es, als das Kartellamt anrückte und wegen vermuteter Sponsoring-Absprachen mit der Liga die DFB-Geschäftsräume durchsuchte. So war es auch, als der Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff überraschend maßlose Vertragsforderungen für sich und Bundestrainer Joachim Löw vorlegte. Da ging Theo Zwanziger auf die Barrikaden.
Als ihm jetzt Amerells Anwalt rechtsstaatswidriges Verhalten vor-geworfen hatte, überschlug sich seine Stimme. In dem Moment ergriff er Partei, die Souveränität ging verloren.
Für das verkrustete Schiedsrichterwesen kündigte er nun Reformen an. Zwanziger selbst will "vor Monaten" auf Defizite im Beobachtungssystem hingewiesen haben. Doch so ist es oft beim DFB: Mögliche Brandherde werden zeitig erkannt, gehandelt wird aber erst, wenn es etwas zu löschen gibt - dann schauen nämlich Leute zu.
Von Jörg Kramer

DER SPIEGEL 9/2010
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