01.03.2010

TV-SHOWSKampf der Kulturen

„Deutschland sucht den Superstar“ und „Unser Star für Oslo“ sind die aktuell populärsten Castingshows. Es geht um Musik, aber mehr noch um zwei Milieus, die gegeneinander antreten.
Dies ist die Geschichte von zwei Welten. In der einen lebt Lena Meyer-Landrut, 18, deren Großvater einst unter anderem als deutscher Botschafter in Moskau wirkte. Das Einzelkind bereitet sich zu Hause in Hannover ge-rade auf die letzten Abiturprüfungen vor, nutzt die knappe Freizeit für Ausdruckstanz und hat in der Poesiealbum-Rubrik "Berufswunsch" früher gern "Tierärztin" und/oder "Sängerin" notiert. Straffällig ist sie nach eigenem Bekunden bisher nicht geworden.
Lena ist außerdem Favoritin der Castingshow "Unser Star für Oslo" ("USFO"), mit der ProSieben und das Erste zurzeit nach Gesangsnachwuchs für den Schlager-Grand-Prix suchen.
In der anderen Welt lebt Menowin Fröhlich, 22, der endlich einen Schlussstrich ziehen möchte unter seine bisherige "Karriere", die von Betrug über Diebstahl bis Drogenbesitz und Körperverletzung reicht. Zu zwei Jahren Haft verurteilt, hat er seine Strafe abgesessen, wenngleich er zwischendrin jahrelang auf der Flucht war. Poesiealben spielten in seiner Welt bisher eine eher untergeordnete Rolle.
Menowin ist außerdem Favorit bei "Deutschland sucht den Superstar" ("DSDS"), das bei RTL gerade Quotenrekorde bricht.
"USFO" und "DSDS" sind die populärsten Castingshows, die das hiesige Fernsehen derzeit zu bieten hat. Es ist anzunehmen, dass Deutschlands Jugend die Namen der Kandidaten weit besser kennt als etwa die des Berliner Kabinetts.
Rund neun Millionen schauen jede Woche zu, wie Lena hier und Menowin dort weiterkommen. Tatsächlich können beide ja singen. Sie klingt ein bisschen wie Björk, die zu viel grünen Tee geraucht hat, er wie die Ruhrpott-Karikatur eines Gangsta-Rappers. Aber es geht nicht nur um Musik. Subkutan werden in den beiden Shows Gesellschaftsmodelle inszeniert und verhandelt, die unterschiedlicher kaum sein könnten.
Wer zum Beispiel am Dienstag vergangener Woche "USFO" sah, erlebte eine Welt wie einen bonbonfarben illuminierten Waldorfkindergarten bürgerlicher Boheme. Da singt die Germanistikstudentin neben dem Lehramtsanwärter neben der gelernten Fremdsprachenkorrespondentin, alle sind supi-fröhlich drauf, weil es ja Wichtigeres im Leben gibt als eine Fernsehshow und die Atmosphäre so locker, freundlich und herzlich ist.
Lena sagt dann: "Das Verhältnis zu den anderen Kandidaten ist toll. Wir verstehen uns alle super. Die Atmosphäre ist sehr locker, entspannt, freundlich, herzlich." Ihre Mitstreiter heißen Katrin, Kerstin oder Christian. Und wenn doch mal jemand Sharyhan heißt, ist die Mama Opernsängerin und der Migrationshintergrund allenfalls noch ein exotisches Accessoire. Das von Oberjuror Stefan Raab präsentierte Format bildet die Illusion einer polyglott-sorgenfreien Mittelschicht ab. Als Castingshow ist das übrigens so aufregend wie ein Taizé-Gebetskreis.
Neulich erschrak man fast ein wenig, als einer Kandidatin mehr "Arschbombe" empfohlen wurde. Das sollte heißen, dass sie beim nächsten Auftritt ein bisschen mehr riskieren könnte. Aber natürlich war auch das total nett gemeint.
Wer dann samstags "DSDS" verfolgt, erlebt einen anderen und anders furchtbaren Kosmos. Es ist eine Welt der Demütigungen, Zoten und Konkurrenzkriege, in der Karriere schierer Kampf bedeutet. Wer dort überleben will, musste sich zunächst durchsetzen gegen mehr als dreißigtausend Verlierer, Spinner und Garnichtskönner, deren Scheitern RTL in etlichen Vorabfolgen weidlich ausgeschlachtet hat, inklusive der Zurschaustellung eines Jungen, der mit nassem Fleck im Schritt vors feixende Strafgericht von Oberjuror Dieter Bohlen trat.
Die weiblichen Kandidaten wurden gern aufgefordert, sie müssten schon alles zeigen, was sie hätten - nicht nur Stimme. Prompt sah man dann viele gut eingeölte Körper und einen Moderator, der ähnlich schmierig die Kandidatin Steffi fragte, ob sie ihren Brüsten Namen gegeben habe wie Pamela Anderson. Wer das alles überlebt, muss am Ende ausdauernd bestätigen, wie existentiell "DSDS" als große, einzige, letzte Chance ist und dass keinerlei Plan B existiert.
Am Mittwoch vergangener Woche saß Menowin im Studiokomplex Coloneum in Köln und sagte: "Das hier ist die große, einzige, letzte Chance, die ich habe. Das ist für mich alles. Ich habe keinen Plan B."
Am 10. August wurde er aus dem Knast entlassen. Am selben Tag hat er sich wieder bei "DSDS" beworben, wo er vor fünf Jahren schon einmal aufgetreten war, bevor er sich Richtung Justiz verabschieden musste. Seit seiner Entlassung wohnt er bei einer Tante und lebte von Hartz IV. Zu Vater und Mutter hat er den Kontakt längst abgebrochen, die Geschwister kennt er kaum, weil die früh zu Pflegeeltern gesteckt wurden. Seine neue Familie sind jene restlichen acht Kandidaten, mit denen er sich eine RTL-WG teilt.
Es sind Menschen wie Helmut, der 30-jährige "Musiker", der auch schon Vorstrafen gesammelt hat wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch. Und Nelson, der traurige Schwarze mit Wurzeln in Mali, wo Sänger auf der gesellschaftlichen Leiter angeblich ganz unten stehen, weshalb seine Mutter nicht zu den Shows kommt. Oder Mehrzad, Ex-Meister im Thaiboxen, der schon mal von einem Messerstecher attackiert wurde und seinen Bruder bei einem Autounfall verlor.
Migrationshintergrund bedeutet bei Bohlen nicht multikultiges Musizieren wie bei Raab, sondern Risiko. Biografie heißt vor allem Beichte von Familienelend, Tod und Drama. Kaum ein Kandidat, der nicht wenigstens für eine krebskranke Oma singen will oder schon mal an Selbstmord gedacht hat.
"DSDS" ist ein Alptraum. Es zeigt eine böse und erbarmungslose Realität zwischen Plattenbau und Plattenvertrag, Arbeitsamt, "Bravo"-Cover und Bewährungsstrafe, in der Bohlen als Juror, Kumpel, Gott wenigstens mit der Möglichkeit einer Kurzfrist-Apotheose winkt.
"DSDS" ist hemmungslos in seiner aufrichtig inszenierten Verlogenheit. "USFO" ist verlogen in seiner hemmungslos inszenierten Aufrichtigkeit. Kerstin Freking kennt beide Welten, denn sie hat beide schon probiert.
Es ist Donnerstag vergangener Woche, und die 21-jährige Kunststudentin sitzt in ihrem Atelier an der Osnabrücker Uni und erzählt, dass sie später gern von der Malerei oder ihrem Gesang leben würde. Wenn daraus nichts wird, kann sie immer noch Lehrerin werden, sagt sie. Kerstin ist reflektiert bis in die Haarspitzen.
Vor zwei Jahren hat sie es bei Bohlen versucht, der sie "altmodisch" fand. Sie kam dennoch in die zweite Runde, den Recall, den sie nach einer vergrübelten Nacht wieder verließ. "Da passte ich nicht rein zwischen all die Checker und aufgemotzten Tussis. Ständig wurde ich nach meinem Privatleben ausgeforscht. Das war das Einzige, was dort interessierte. Ich empfand das als massiv unangenehm."
Nun tritt sie bei Raab auf. Es gibt keine sabbernden Juroren und keine kreischenden Angehörigen, die sie in selbstbedruckten Fan-T-Shirts anfeuern. Es gehe dort "nachhaltiger" zu. Im Vergleich zu "DSDS" ist diese Nachhaltigkeit bisweilen aber unfassbar öde.
Wer die eine Show sieht, sehnt sich deshalb schnell nach der anderen und umgekehrt. Und das wäre vielleicht noch gar nicht so schlimm, wenn sich hier nur zwei Gesellschaftsschichten präsentierten. Aber sie werden als Modelle gegeneinander in Stellung gebracht. Die Identifikation des eigenes Lagers beginnt mit der Abgrenzung zum anderen.
"USFO" gegen "DSDS", das ist ein ins Fernsehen verlegter Verteilungskampf, in dem die Raab-Truppe nicht müde wird, sich als bessere Musikprofis, ja bessere Menschen zu präsentieren.
So wird aus zwei TV-Shows allmählich ein Kampf Bürgertum gegen Prolls, Bildung gegen Breitreifen, Uni gegen Hauptschule, oben gegen unten. Dass diese Schlacht ausgerechnet von Raab und Bohlen ausgetragen wird, kann nur auf den ersten Blick überraschen.
Natürlich ist der Bürgerspross Bohlen mit all seinen Plattenmillionen längst ganz oben in der multimedialen Nahrungskette. Aber als Künstlergenie, als das er sich selbst sieht, wurde er dort nie akzeptiert. Also gibt er nun den Paten der Zukurzgekommenen, den Heiligen der Hartz-IV-Geschädigten, denn deren schiere Masse wiederum betoniert seinen Ruhm.
"DSDS" ist letztlich Bohlens Rache am Establishment.
Und Raab war ohnehin nie wirklich jener TV-Proll, als der er sich jahrelang inszeniert hat. Der einstige Jesuitenschüler hat früh das Credo internalisiert: "Spare, lerne, leiste was, dann haste, kannste, biste was!" Er ist der personifizierte Leistungsgedanke, der daraus mehr als eine Show wie "Schlag den Raab" gemacht hat, wo er seinen manischen Ehrgeiz regelmäßig unter Beweis stellen kann.
"USFO" ist letztlich Raabs Rache an den jugendlichen TV-Legasthenikern, denen er einst erste Popularität verdankte.
Raab und Bohlen - sie sind sich ähnlicher, als ihnen lieb sein kann in der Art, wie sie das Prekariat instrumentalisieren. Jeder auf seine Weise.
Vor einigen Jahren prägte der Historiker Paul Nolte den Begriff "Unterschichtenfernsehen", auf den viele Privatsender reflexhaft entsetzt reagierten. Sie hyperventilierten nicht wegen des Vorwurfs, dass ihr Programm deutsche Unterschicht und deren Probleme zeigt. Das ist schwer zu leugnen. Vielmehr fürchteten sie, man könne ihr Publikum für Unterschicht halten, denn das würde die Werbewirtschaft verschrecken und insofern bares Geld kosten.
Also wühlten sie sich durch ihre Statistiken und stellten fest: Die Intelligenzija sitzt in durchaus großer Zahl vor der Glotze, wenn Peter Zwegat proletigen Pleitekandidaten den Haushalt neu ordnet oder die Super-Nanny zerrüttete Trash-Familien in Grund und Boden berät. Der Blick nach unten schafft wohligen Grusel wie eine Ausflugsfahrt im Geländewagen durch soziale Brennpunkte.
So grenzt sich die durch Wirtschaftskrisen und Sozialabbaudebatten unsicher gewordene Mittelschicht immer mehr ab: Sie lacht lauter über Politiker, die sich mit schlechten Englischkenntnissen blamieren wie Günther Oettinger. Sie trennt zwischen teurem Humor (Bastian Pastewka) und billigem (Mario Barth etc.). Aber insgeheim delektiert sie sich eben auch an den Kämpfen der "DSDS"-Eleven: Bohlen lockt in absoluten Zahlen weit mehr Akademiker, Top-Verdiener und Entscheider an als Raab.
Lena Meyer-Landrut würde sich trotzdem nie bei "DSDS" bewerben, "weil dort das Private so in die Show einbezogen wird", sagt sie. Menowin Fröhlich würde es nie bei "USFO" versuchen, "weil das nicht meine Welt ist". Er ahnt gar nicht, wie recht er hat, denn moderne Marktforschung ordnet die gesamte deutsche Gesellschaft sogenannten Sinus-Milieus zu:
Oben schweben in soziodemografischen Wolken die "Postmateriellen": liberal, intellektuell, sozial aufgeschlossen, ohne Existenzsorgen. Sie misstrauen der Verführbarkeit durch Geld, verlieren lieber richtig, als falsch zu gewinnen, und wollen sich nicht verkaufen. Wie Lena, Kerstin und Co.
Weit drunter liegt das Milieu der "Konsum-Materialisten". In den Worten der Soziologen wollen sie "Anschluss halten an die Konsumstandards der Mitte als Kompensationsversuch sozialer Benachteiligungen". Kurz: weniger Bildung, weniger Chancen, dickeres Auto. Bohlen ist ihr Schutzpatron.
Der einzige Berührungspunkt der beiden Milieus ist noch die Glotze, die zugleich schon aus dramaturgischen Gründen dafür sorgen muss, dass sie immer weiter auseinanderdriften.
Der Ex-Knacki Menowin und die Abiturientin Lena - sie werden nie zueinanderfinden. Ihr Leben ist mehr als Show. Es ist Programm. ,
Von Markus Brauck Thomas Tuma

DER SPIEGEL 9/2010
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