08.03.2010

RESOZIALISIERUNGAuferstanden aus Ruinen

Die CDU in MecklenburgVorpommern feierte ein Jubiläum. Und Angela Merkel rehabilitierte einen wegen Betrugs verurteilten Weggefährten.
Zugenommen hat er. So viel, dass ihn kaum jemand erkennt, als er sich vergangenen Mittwoch in die Warteschlange im Foyer des Mecklenburgischen Staatstheaters in Schwerin einreiht. Dabei ist der schwere Mann mit dem breitkrempigen schwarzen Hut und dem dunklen Lodenmantel einer der Stars der Veranstaltung. Gefeiert wird der 20. Geburtstag der CDU Mecklenburg-Vorpommern. Und Günther Krause soll an diesem Abend eine Rede halten. Gleich nach Angela Merkel, der Bundeskanzlerin und Ex-Vorsitzenden der Landes-CDU. Als Parteichef war Krause ihr Vorgänger, von 1990 bis 1993, als er noch schlank und bekannt war.
Von Januar 1991 bis zum Mai 1993 war Krause auch mal Bundesverkehrsminis-ter, davor Bundesminister für besondere Aufgaben. Und davor hatte er als Staatssekretär der ersten frei gewählten DDR-Regierung mit Helmut Kohls Innenminister Wolfgang Schäuble den Einigungsvertrag ausgehandelt.
Seit seinem Rücktritt 1993 hat sich Krause, der nach zahlreichen Affären über eine vom Arbeitsamt subventionierte Putzfrau stolperte, als Unternehmer versucht. Nicht sonderlich erfolgreich. Er hinterließ Schulden in Millionenhöhe und ist seit März 2009 rechtskräftig wegen Betrugs und Insolvenzverschleppung verurteilt. Die Freiheitsstrafe wurde zur Bewährung ausgesetzt.
Dass ein Mann wie Krause an der Seite der Kanzlerin auferstehen darf, zeigt, wie belastbar die christlichen Fundamente der Union noch immer sind. "Im Mittelpunkt unserer Politik steht der Mensch, nicht nur mit seinen großartigen Eigenschaften, sondern auch mit seinen Widersprüchen und Fehlern", sagt Merkel in ihrer Rede.
"Immer noch" sei sie Krause "dankbar", dass er ihr 1990 geholfen habe, einen Wahlkreis zu ergattern, in dem sie ein Bundestagsmandat erringen konnte. Sechsmal in ihrer 40-minütigen Rede sagt sie "lieber Günther". In diesen Momenten wechselt Krauses Gesichtsfarbe von blass-rötlich in päpstliches Purpur.
Als er schließlich selbst zum Rednerpult schreitet, geht er - trotz seiner Leibesfülle - wie auf Wolken. Und dann erzählt er, wie Merkel ("Ich glaube, es war auf Erich Mielkes Schreibmaschine, liebe Angela") jenen Antrag getippt habe, mit dem die Schwesterpartei DSU in der DDR-Volkskammer am 17. Juni 1990 den sofortigen Beitritt der DDR zum Bundesgebiet gefordert hatte.
Manch einer im Saal schaut fragend seinen Nachbarn an: Merkel auf Mielkes Schreibmaschine? Warum blieb ein solch symbolträchtiges Detail der Wendegeschichte bislang unerzählt? Weil es nicht stimmt und frei erfunden ist?
An diesem Abend ist das egal. Krause reiht Anekdote an Anekdote, und das Publikum dankt es ihm mit Gelächter und Applaus. Der verlorene Sohn der MeckPomm-CDU will ohnehin nur beweisen, dass die Kanzlerin ohne ihn, ohne das Wunderkind der Wende, nicht da wäre, wo sie heute ist.
Und es stimmt ja auch. Irgendwie. Die mächtigste Frau Europas verdankt ihre Karriere in Teilen einem Mann, der später seine langjährige Sekretärin um zwei Jahresgehälter geprellt hat. Und der dann auch noch Beschwerde einreichte, als ihm die Richter auferlegten, der Frau wenigstens einen Teil des Geldes zu zahlen.
Doch davon wollen die Kanzlerin und ihre Parteifreunde im Schweriner Theater an diesem Abend nichts wissen. "An Festtagen spricht man nicht über die schwierigen Stunden", sagt Merkel, und Krause nickt. Für den ehemals als Architekt der deutschen Einheit Gefeierten ist der Abend ein voller Erfolg. Die Fotos vom Handschlag mit der Kanzlerin dürften Gold wert sein bei der Akquise von Beratungsaufträgen, mit denen sich Krause über Wasser hält.
Denn allzu gut lief es offenbar auch in letzter Zeit nicht. Selbst im brandenburgischen Wittenberge wollen sie vom Ex-Minister nichts mehr wissen. Knapp zwei Jahre agierte er dort als "Gründungsrektor" der "Preußischen Akademie für Zukunftsentwicklung", die als "private Elite-Uni", so Krause, das deutsche Hochschulwesen revolutionieren sollte.
Viel Zukunft hat er dabei nicht entwickelt. Das Berufsbildungszentrum, unter dessen Dach die neue Uni-Landschaft blühen sollte, ist wirtschaftlich am Ende. Der Insolvenzverwalter, von dem Krause angeblich Akademie-Anteile kaufen wollte, hat vom Gründungsrektor seit Oktober nichts mehr gehört.
Auch mit dem in Kirchmöser an der Havel geplanten Akademie-Ableger geht es nicht recht voran. Hier wollte Krause aus Stroh und Abfall Erdöl gewinnen, "das schwarze Gold", wie er es nennt. ,"Was in 10 Millionen Jahren in der Erde geschah, machen wir in 10 Sekunden", tönte er im Juli 2008. "Um Erdöl muss man dann keine Kriege mehr führen."
Doch der Weltfrieden ist nach Lage der Dinge in weiter Ferne. Die brandenburgischen Ölquellen sprudeln noch nicht und werden es womöglich auch in Zukunft nicht tun. Denn aus Stroh Gold zu machen hat vor Krause bislang nur einer geschafft: Rumpelstilzchen.
Von Latsch, Gunther

DER SPIEGEL 10/2010
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