08.03.2010

STROMHANDELWindiges Minus

Verkehrte Welt an der Energiebörse: Dort rutschen die Preise immer wieder ins Minus. Käufer bekommen Geld, wenn sie Strom abnehmen.
Die Wettervorhersage verhieß nichts Gutes am ersten Weihnachtstag des vergangenen Jahres. Über der Nordsee hatte sich ein gewaltiges Sturmtief zusammengebraut. Orkanartige Böen jagten über die Küstenlandschaft, entwurzelten Bäume und deckten Dächer ab. Selbst im Flachland verzeichneten die Meteorologen noch Windgeschwindigkeiten von bis zu 90 Stundenkilometern.
Nicht nur das Wetter schlug Kapriolen. An der deutschen Strombörse in Leipzig registrierten Händler und Kunden zeitgleich ein Phänomen, das lange eine eher theoretische Rolle gespielt hatte. Innerhalb weniger Stunden drehte der Strompreis am Spotmarkt in den negativen Bereich. Wer sich in dieser Zeit eindeckte, erhielt nicht nur den Strom umsonst, sondern obendrauf noch eine Prämie für die Abnahme.
Zwischen 23 und 24 Uhr etwa "kostete" die Megawattstunde minus 199 Euro, wenige Stunden später rutschte der Preis sogar auf den Tagestiefstand von minus 230 Euro ab. Rund 14 Millionen Euro konnten professionelle Käufer an nur diesem einen Tag auf ihren Konten gutschreiben lassen - inklusive des dazugehörigen Stroms, versteht sich.
Zwar dauerte die Phase der Minuspreise am 26. Dezember besonders lange an, ein einmaliger Ausrutscher jedoch war das Ereignis nicht. Genau an 29 Tagen sind die Strompreise seit Anfang September in den negativen Bereich abgedriftet. Selbst ein Minus von 1500 Euro wurde kurzfristig gestreift. Was da passiert, ist selbst für langjährige Strommanager "kaum noch nachvollziehbar".
Grund für die absurden Zustände an der Leipziger Strombörse ist auch die unkoordinierte Energiepolitik der Bundesregierung. Über Jahre hinweg haben Politiker jedweder Coleur den Aufbau alternativer Energien gefördert - mit Erfolg. Dank milliardenschwerer Hilfen, die über das sogenannte Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ausgezahlt wurden, entstanden in ganz Deutschland gewaltige Windparks. Auf rund 26 Gigawatt ist die installierte Leistung inzwischen angewachsen. Das entspricht knapp einem Fünftel der gesamten Kraftwerksleistung.
Wenn der Wind kräftig weht, werden gewaltige Mengen Ökostrom in die Netze eingespeist. Und genau hier liegt das Problem. Denn den Ausbau der notwendigen Infrastruktur hat die Bundesregierung trotz ihrer ambitionierten Förderprogramme stark vernachlässigt. Es fehlen Leitungen, intelligente Netzschaltungen und vor allem Anlagen, die in der Lage wären, den Ökostrom in windstarken Zeiten zu speichern, um ihn bei Bedarf später wieder ins Netz einzuspeisen.
Die fatalen Folgen zeigen sich, wenn, wie an Weihnachten, eine schwache Stromnachfrage auf hohe Windstrommengen trifft. Dann nämlich müssten die Energieversorger eigentlich ihre großen Kohle- oder Atomkraftwerke vom Netz nehmen. Doch die Prozedur des An- und Abschaltens ist langwierig und auch teuer. Bei nur wenigen Starkwindstunden, heißt es bei den Betreibern lapidar, lohne sich der Aufwand oft nicht.
Die Konsequenz dieses Verhaltens: Die Strommenge steigt in kürzester Zeit rapide an, Netze werden instabil, die Preise brechen ein, und die Stromproduzenten bieten den Kunden über die Börse schließlich sogar Geld an, damit diese die überschüssigen Strommengen abnehmen.
Bezahlen müssen den Irrsinn auch ganz normale Haushaltskunden. Denn sie profitieren nicht von den negativen Strompreisen.
Im Gegenteil: Ökostrom hat in Deutschland eine gesetzlich festgeschriebene Sonderstellung. So erhalten Windstromanbieter eine Art Mindestvergütung, die derzeit noch deutlich über den jeweiligen Börsenpreisen liegt.
Die Differenz bezahlen die Stromkunden - auch wenn der Ökostrom gar nicht in Deutschland verbraucht wird, sondern möglicherweise sogar ins benachbarte Ausland fließt.
Genau das scheint in größerem Ausmaß seit einigen Monaten zu geschehen. So verfügen Nachbarländer wie Österreich über gewaltige Pumpspeicherwerke. Und deren Betreiber haben sich ganz offenbar auf die wirren Marktverhältnisse in Deutschland eingestellt.
Ist viel Windstrom im Netz und der Strompreis niedrig oder gar negativ, werden große elektrische Pumpen angeworfen, mit denen gewaltige Wassermengen in höhergelegene Seen gepumpt werden. Ist Strom in Deutschland knapp, wird das Wasser durch steile Röhren in Turbinen gejagt. Der auf diese Weise erzeugte Strom wird dann zu Höchstpreisen wiederverkauft.
Für die Betreiber solcher Pumpspeicherkraftwerke, weiß man bei der Deutschen Energieagentur, ist das ein todsicheres Geschäft. Für die deutschen Verbraucher hingegen ein massives Ärgernis.
Denn die Zustände am zweiten Weihnachtstag sind längst kein Einzelfall mehr. An mehr als zehn Tagen sind die Preise allein seit Dezember in den negativen Bereich gerauscht. Am vergangenen Montag konnten sich Käufer zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens bis zu 190 Euro pro Megawattstunde als Bonus gutschreiben lassen.
Rund 14 000 Megawattstunden Strom wurden in der kurzen Spanne gehandelt, genug, um etwa 3500 Haushalte über einen Zeitraum von einem Jahr zu versorgen. Unter normalen Umständen hatte die Megawattstunde im Durchschnitt der vergangenen Wochen bei etwa 40 Euro gelegen.
Doch ein Ende der verkehrten Verhältnisse ist nicht in Sicht. Denn nicht nur ungenügende Speicher, moniert der auf Windkraft spezialisierte Ökonom und Professor von der Hochschule RheinMain in Wiesbaden, Lorenz Jarass, trügen zu der "grotesken Situation" bei. Fatal wirke sich auch die vor einigen Monaten von der Bundesregierung verabschiedete Änderung des EEG aus.
Bis dahin nämlich waren Stadtwerke und Energieversorger wie E.on oder RWE gezwungen, den Ökostrom zu bezahlen und ihn auch an die eigenen Kunden zu liefern. Notfalls mussten sie ihre Produktion drosseln und Kraftwerke abschalten. Nach der Änderung des EEG reicht es jedoch aus, wenn sie die Windstrommengen bezahlen und anschließend komplett an der Börse anbieten.
Für die Verbraucher und den Umweltschutz, glaubt Jarass, sei das "die schlechteste aller Lösungen". Denn der Druck auf die Energieversorger, ihren altersschwachen Kraftwerkspark auf schnelle und flexible Anlagen umzustellen, sei damit enorm gesunken.
Aufwendig produzierter CO2-freier Ökostrom aus Deutschland werde so immer öfter als "Graustrom" ins Ausland "verschenkt". Diesem völlig unhaltbaren Zustand, fordert der Wissenschaftler, müsse die Bundesregierung schnellstens einen Riegel vorschieben, zumal die Windstrommengen in den nächsten Monaten und Jahren noch weiter rapide anwachsen würden.
Doch in Berlin tut man sich schwer. Zwar hat die zuständige Bundesnetzagentur vor wenigen Tagen eine Verordnung erlassen, mit der bei ganz krassen Preisausbrüchen Limits beim Preis gesetzt werden können. Doch solche Eingriffe sollen nur in wenigen begründeten Einzelfällen passieren und auch nur für eine Übergangsphase von knapp einem Jahr.
Mittel- und langfristig, glauben die Beamten, werde sich die Stromwirtschaft auf die neue Situation einstellen und Lösungen erarbeiten. Bis dahin will man abwarten und den Markt weiter beobachten. Die Verbraucher dürften dafür nicht sonderlich viel Verständnis haben.
Von Frank Dohmen und Wolfgang Reuter

DER SPIEGEL 10/2010
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