08.03.2010

ESSAY Das grüne Band der Sympathie

Der Islam, die Intellektuellen und ihr Hang zum Appeasement
Als die Sowjetunion auf dem Höhepunkt ihrer Macht war, nachdem sie die Aufstände in Ungarn und der Tschechoslowakei niedergeschlagen hatte, zweifelte niemand daran, dass die Rote Armee jederzeit wieder losmarschieren würde, um Abweichler zur Ordnung zu rufen. Sie hatte nicht nur die "reaktionären Kräfte" vor der eigenen Haustür geschlagen, sondern auch eine glaubwürdige Drohkulisse gegenüber dem Westen aufgebaut. Die Friedensbewegung in der Bundesrepublik, von der man noch nicht wusste, dass sie vom KGB und der Stasi gesponsert wurde, trat für die einseitige Abrüstung ein. Ihre Vertreter reisten zu Friedensfesten und Konferenzen nach Moskau, Prag und Warschau, wo sie von der Richtigkeit der Losung "Lieber rot als tot" überzeugt wurden. Helmut Schmidt und andere Vertreter der "Doppelstrategie" (Aufrüsten und Verhandeln) galten als Kriegstreiber, die lieber ein atomares Inferno riskieren als der Wirklichkeit ins Auge sehen wollten: Die Sowjetunion, die Heimat aller Friedensfreunde, war unbesiegbar. Wer sich mit ihr anlegte, hatte seinen Untergang vorprogrammiert.
Zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wiederholt sich die Geschichte, nur dass diesmal nicht die Farbe Rot am Horizont aufscheint, sondern das grüne Band der Sympathie entrollt wird.
Der Islam, manche sagen lieber: der Islamismus, ist auf dem Vormarsch, wobei er sich natürlich anderer Mittel bedient als der Kommunismus. Da ist zum einen die demografische Waffe, die Europas Gesicht jetzt schon stärker verändert hat, als es die Debatten um den Bau von Minaretten und das Tragen von Burkas vermuten lassen, und zum anderen eine Ideologie, die viele aufgeklärte Menschen, vor allem Intellektuelle, recht attraktiv finden, nicht obwohl, sondern weil sie so radikal einfach ist: Die Welt ist schlecht, wir wollen und werden sie verbessern. Wir wissen, wie das geht. Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns. Ihr habt die Wahl.
Und schon melden sich Freiwillige zum Einsatz. Nicht, um sich der heranrollenden Übermacht in den Weg zu stellen, das wäre gefährlich, sondern um ihr den Weg zu weisen, so wie ein Lotse ein Schiff in den Hafen steuert. Es sind naturkluge und gebildete Köpfe darunter, die sich sonst weder von Parolen wie "Geiz ist geil" zum Kauf eines Flachbildschirms noch von Last-Minute-Angeboten für Reisen in die Karibik verführen lassen, die nun aber dem Charme eines neuen Totalitarismus erliegen.
Wie zum Beispiel Andreas Zielcke, ein Autor der "Süddeutschen Zeitung" ("SZ"). Vor kurzem schrieb er einen Artikel, in dem er vorschlug, das westliche Rechtssystem durch die Scharia, also durch das islamische Recht, zu ergänzen, und in dem er bedauerte, dass andere mit einem solchen Versuch bereits gescheitert waren:
Als Georg Barfuß, der als Integrationsbeauftragter Bayerns vorgesehen war, vorschlug, "die islamische Scharia in Teilen auch hier anzuwenden", kostete ihn das den Posten. Als der Erzbischof von Canterbury anregte, Großbritannien sollte "einige Elemente der Scharia" anerkennen, war die öffentliche Entrüstung gewaltig: "Appeasement", "spaltend", "soziales Chaos".
Zielcke, der mit solchen Folgen nicht rechnen muss, fand sogar einen Experten, der bestätigte, es könne eine Scharia ohne "Gräuel" geben, eine Scharia ohne "Enthauptungen und Verstümmelungen". Es war Mathias Rohe, ein Richter am Oberlandesgericht und Professor für Internationales Recht in Erlangen. Er sagt: "In Deutschland wenden wir jeden Tag die Scharia an."
Dem gemeinen Zeitungsleser kommt eine solche Feststellung ein wenig seltsam vor, kann er sich doch noch an einen Fall vor einem hessischen Familiengericht erinnern, bei dem die Richterin in einer Scheidungssache der Klägerin den Rat gab, noch ein wenig bei ihrem aus Marokko stammenden Mann zu bleiben, obwohl er sie prügele. Die Richterin begründete dies so: Es sei "für diesen Kulturkreis nicht unüblich, dass der Mann gegenüber der Frau ein Züchtigungsrecht ausübt. Hiermit musste die in Deutschland geborene Antragstellerin rechnen, als sie den in Marokko aufgewachsenen Antragsgegner geheiratet hat".
Dieser Beschluss löste bundesweite Empörung aus und führte dazu, dass der Richterin der Fall entzogen wurde.
Zielcke, selbst ein Jurist, ist zwar nicht der Ansicht, "dass der Westen Abstriche bei seinen Grundwerten zulassen muss, um die komplizierte Integration der Muslime zu erleichtern", aber er findet zugleich, dass der Westen, "verankert in seiner nicht verhandelbaren Rechtskultur, auch gegenüber dem Islam seine zivilisierte Anschlussfähigkeit über alle ideellen Gräben hinweg beweisen" müsse.
Ein klares Sowohl-als-auch, das jedes Juristenherz höher schlagen lässt. Zwar sei die westliche Rechtskultur "nicht verhandelbar", dennoch ist es der Westen, der gegenüber dem Islam "seine zivilisierte Anschlussfähigkeit" beweisen muss, nicht umgekehrt der Islam dem Westen gegenüber.
Wie weit die von ihm geforderte Flexibilität des Westens inzwischen geht, macht Zielcke an einem Beispiel klar. Polygamie, die "in vielen islamischen Regionen noch praktiziert wird (wenn auch abnehmend)", könne in Deutschland nicht akzeptiert werden. Aber: "Stirbt der Ehemann und hinterlässt mehrere Witwen, dann verteilt das deutsche Sozialrecht die Rentenansprüche auf sie alle." Offen bleibt nur die Frage, welche deutsche Behörde einem Mann mit mehreren ihm angetrauten Ehefrauen die Einreise in die Bundesrepublik erlaubt beziehungsweise die spätere Familienzusammenführung ermöglicht hat.
Auf diese Weise, sagt Zielcke, könne man jedenfalls "die Polygamie ausschließen, aber die nachteiligen Konsequenzen des Ausschlusses auffangen".
Sind das die Probleme, mit denen sich deutsche Juristen beschäftigen, während sie bei "Ehrenmorden" manchmal dazu neigen, mildernde Umstände gelten zu lassen? Ist eine Form der Scharia in Deutschland in Kraft, die man als "Scharia light" bezeichnen könnte - wie ein Oktoberfest ohne Kampftrinken und wie Rosenmontag in Köln ohne Prinz, Bauer, Jungfrau und Kamelle?
Immerhin - auch Zielcke erkennt: "Die Normen der Scharia wandern wie blinde Passagiere mit den Immigranten ein." Statt aber diese Erkenntnis mit der Folgerung zu verbinden, die "blinden Passagiere" wieder nach Hause zu schicken, will er die Normen der Scharia modifizieren. Das klingt, als ob er den Siegern von morgen schon heute zurufen möchte: "Ich bin auf eurer Seite! Bitte merkt es euch!"
Wahrscheinlich liegt das daran, dass fürsorgliche Intellektuelle wie Zielcke, die sich gern verfolgter Minderheiten annehmen, die Wirklichkeit nur partiell wahrnehmen.
Im Fall der Scharia, die sich in das westliche Rechtssystem einschleicht, übersehen sie, dass Millionen Muslime ihre Heimatländer verlassen haben, um Barbareien wie der Scharia zu entkommen. So wie in der Vergangenheit Millionen Europäer Europa in Richtung Amerika verlassen haben, um in Freiheit leben zu können, von den Pilgrim Fathers bis zu den Stetl-Juden. Was ist nun mit den Interessen der Muslime, die von der Scharia nicht eingeholt werden möchten?
Die sind Zielcke vermutlich egal. Er spielt gern den Vormund, der ein Mündel braucht, um sich entfalten zu können. Früher waren es die Verdammten dieser Erde, das Proletariat, von dem inzwischen nur ein lumpenproletarischer Rest übrig geblieben ist und das sich als vollkommen immun gegen alle Annäherungs- und Mobilisierungsversuche seiner Fürsprecher erweist. Dann waren es die Armen und Ausgebeuteten in der Dritten Welt, die sich ebenfalls eine Einmischung in ihre Angelegenheiten verbitten, seit sie herausgefunden haben, dass sie mit dem Aufbau touristischer Strukturen viel weiter kommen als mit dem Einsatz terroristischer Mittel gegen ihre vermeintlichen Unterdrücker. Die Einzigen, die noch als Mündel taugen, sind Muslime, die vom Westen immerzu beleidigt, gekränkt und verletzt werden. Durch den Papst und seine Regensburger Rede, durch Kurt Westergaard und seine Mohammed-Karikatur, durch Geert Wilders und seinen Film "Fitna".
Wobei Muslime, die sich weder beleidigt noch gekränkt und auch nicht verletzt fühlen, also als Objekte aufgedrängter Fürsorge nicht taugen, übersehen oder niedergemacht werden. Die ungeheure Wut, die sich im Lauf der sogenannten Islamdebatte über Persönlichkeiten wie Necla Kelek, Seyran Ates (Ateş) und Ayaan Hirsi Ali entladen hat, zeugt vor allem von der Frustration der Vormunde über autonome Muslime, in diesem Fall sind es sogar Muslimfrauen, die keine Mündel sein wollen. Und wie steht ein Vormund ohne Mündel da? Wie Mutter Teresa, der die Waisenkinder davongelaufen sind.
Ende Februar wurde, nach deutschem und niederländischem Vorbild, in Wien der "Zentralrat der Ex-Muslime" in Österreich gegründet. Der Erste Vorsitzende, ein vor 30 Jahren in Österreich geborener Muslim, sagte in einem Interview: "Die Ex-Muslime sind notwendig, um die längst überfällige, aufklärerische Bewegung innerhalb eines Islams voranzutreiben. Viele hier lebende Muslime sind bereits Ex-Muslime, ohne es zu wissen. Ihre Lebensweisen haben mit dem von Strenggläubigen gepredigten Islam nicht mehr viel zu tun."
Und je mehr Muslime sich zu Wort melden, die nicht bevormundet werden wollen, umso hysterischer verteidigt das Feuilleton seine Richtlinienkompetenz als Bauchredner des Guten und des Wahren.
Andrian Kreye, den man wie seinen "SZ"-Kollegen Zielcke ebenfalls zu den Klügeren seines Gewerbes zählen muss, hat nach dem Mordanschlag auf Kurt Westergaard geschrieben, was den dänischen Karikaturisten von dem Verfasser der "Satanischen Verse", dem Schriftsteller Salman Rushdie, unterscheide, gegen den vor über 20 Jahren von Ajatollah Chomeini eine Todesfatwa verhängt wurde:
Man kann ein Werk der Weltliteratur, in dem sich einer der klügsten Schriftsteller unserer Zeit auf kulturgeschichtlich höchstem Niveau mit den religiösen Spannungen seines Heimatlandes Indien auseinandersetzt, nicht mit der plumpen Witzelei eines dänischen Karikaturisten vergleichen. Das eine ist eine intellektuelle Meisterleistung, die es zu verteidigen gilt; das andere eine bewusste Provokation, die ungefähr so intelligent ist, wie der Versuch, einen Tiger zu erziehen, indem man ihm erst ein Schinkenbrot anbietet und es ihm dann wieder wegnimmt.
Man muss kein studierter Linguist sein, um dieses Geschwurbel auf seinen Kern zu reduzieren: Um Rushdie wäre es schade gewesen, um Westergaard nicht. Sogar Kreye hat es gemerkt und kurz darauf in seinem Blog eine Klarstellung versucht, wobei er alles nur verschlimmbessert hat, wie ein Arzt, der bei einer OP statt des Blinddarms die Mandeln entfernt und sich damit entschuldigt, der Patient habe verkehrt herum auf dem Tisch gelegen.
Auch Kreye möchte gern ein Vormund sein, der darüber entscheidet, welches Mündel was darf beziehungsweise nicht darf, was als "intellektuelle Meisterleistung" und was als "bewusste Provokation" gelten soll. Das ist albern und selbstüberschätzend.
Entgegen einem liebevoll gepflegten Missverständnis fühlen sich auch freie Geister von der Unfreiheit angezogen. Die einen kokettieren mit der Scharia, andere haben es auf die "Schnittmengen zwischen linker Politik und islamischer Religion" abgesehen, wie Oskar Lafontaine, der in einem Interview mit dem "Neuen Deutschland" erklärte:
Der Islam setzt auf die Gemeinschaft, damit steht er im Widerspruch zum übersteigerten Individualismus, dessen Konzeption im Westen zu scheitern droht. Der zweite Berührungspunkt ist, dass der gläubige Muslim verpflichtet ist zu teilen. Die Linke will ebenso, dass der Stärkere dem Schwächeren hilft. Zum Dritten: Im Islam spielt das Zinsverbot noch eine Rolle, wie früher auch im Christentum.
So wird, wenn es darauf ankommt, die Scharia sogar mit dem Eisenacher Programm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei von 1869 harmonisiert. Dass die Idee der "Gemeinschaft" im Islam archaisch, autoritär und totalitär ist, dass sie der Entwicklung von Demokratie, Gewaltenteilung und Menschenrechten im Wege steht, dass sie Frauen, Kinder und Ungläubige zu Wesen zweiter Klasse degradiert, scheint den Sozialisten Lafontaine so lange nicht zu stören, wie das "Zinsverbot noch eine Rolle" spielt.
Wenn aber ausgerechnet im Islam sozialistische Träume in Erfüllung gehen, dann kann man es den Freidenkern des Feuilletons nicht verübeln, dass sie den Islam in Schutz nehmen und "Islamkritiker" als "Hassprediger" und "Fundamentalisten der Aufklärung" denunzieren.
"Es muss nur irgendetwas geschehen, ein missglücktes Attentat wie Anfang Februar zum Beispiel, und schon geht die Debatte wieder los, mit immer den gleichen Argumen-ten …", klagt Thomas Steinfeld in der "Süddeutschen Zeitung".
Schlimmer als das "missglückte Attentat" auf ein vollbesetztes Flugzeug der Delta Airlines auf dem Weg von Amsterdam nach Detroit ist laut Steinfeld nur noch, dass sich immer dieselben inkompetenten Leute zu Wort melden, zum Beispiel die Berliner Soziologin Necla Kelek mit diesen Worten: "Die Muslime müssen sich von der Scharia lösen, sie müssen den politischen Islam ächten und sich vorbehaltlos zur Bürgergesellschaft und (zu) deren Rechten und Pflichten bekennen."
Dieser maßlosen Forderung einer Ahnungslosen setzt Steinfeld das abgeklärte Votum des Experten entgegen:
Wenn man aber mit den 'westlichen Werten' ebenso kämpferisch umgeht, wie es der radikale Islam mit seinen heiligen Schriften tut, dann verhält man sich wie der, den man sich zum Feind erkoren hat. Und schlimmer noch: Man zerstört die sozialen und moralischen Einrichtungen, die man zu verteidigen vorgibt. Das liegt an der Dialektik dieser 'Werte': Wer auf Toleranz beharrt, für den kann die Toleranz nicht aufhören, wenn ein anderer nicht tolerant sein will.
Auch nach mehrmaligem Lesen bleibt der Satz, was er ist: selbstmörderischer Unsinn. Steinfeld ruft zur Toleranz gegenüber Intoleranz auf und warnt die Vertreter der "westlichen Werte" davor, so zu werden wie die Repräsentanten des "radikalen Islam". Diese Logik der Äquidistanz ist die vornehme Form der bedingungslosen Kapitulation. Konsequent angewandt würde sie dazu führen, die Geschwister Scholl in der Nazi-Ecke zu entsorgen und Martin Luther King als heimlichen Ku-Klux-Klan-Mann zu demaskieren. Und sehen die Gegner der Todesstrafe nicht denjenigen zum Verwechseln ähnlich, die sie befürworten?
Es war Günter Grass, der nur wenige Tage nach den Anschlägen vom 11. September 2001 um Verständnis für die Motive der Terroristen warb und die Ursachen des Terrors im Westen lokalisierte. Es sei unsere Politik, die aus den Ausgebeuteten Terroristen mache - auch wenn die Terroristen aus Mittelschichtfamilien kamen und die Vorteile des guten Lebens im dekadenten Westen genossen hatten. So machte Grass anlässlich der Bewerbung Lübecks zur Kulturhauptstadt Europas den Vorschlag, eine Lübecker Kirche zur Moschee umzuwidmen. Das wäre "eine große Geste", dazu angetan, die Beziehungen zu den Muslimen und zugleich die Chancen Lübecks bei der Wahl zur Kulturhauptstadt zu verbessern. "Wieder einmal hatte G. G. den G-Punkt seiner Klientel stimuliert, die im Bestreben, nicht intolerant zu scheinen, einen Masochismus pflegt, der der Selbstaufgabe nahe kommt", schrieb daraufhin Gunther Latsch im SPIEGEL (8/2004).
Auch in der Diskussion um die von der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" abgedruckten zwölf Mohammed-Karikaturen bezog Grass eindeutig Stellung. Er nannte die gewalttätigen Proteste empörter Muslime, bei denen dänische Vertretungen abgefackelt und Menschen getötet wurden, eine "fundamentalistische Antwort auf eine fundamentalistische Tat" und nutzte die Gelegenheit, um dem Westen Zurückhaltung zu verordnen: "Wir haben das Recht verloren, unter dem Recht auf freie Meinungsäußerung Schutz zu suchen. So lang sind die Zeiten der Majestätsbeleidigung noch nicht vorbei, und wir sollten nicht vergessen, dass es Orte gibt, die keine Trennung von Staat und Kirche kennen."
Inzwischen gibt es sogar islamische Autoritäten, die eine wesentlich differenziertere Position vertreten, wie den Londoner Gelehrten Tahir al-Kadri, der in einer 600 Seiten starken Fatwa Selbstmordattentäter und Terroristen als "Ungläubige" bezeichnet hat, die ein "altes Übel unter einem neuen Namen" verkörpern.
Grass und viele "kritische Intellektuelle" sind dagegen der Überzeugung, dass "wir" die Ursache des Problems seien, dass die Kreuzzüge, die Inquisition und der Holocaust den Westen dazu verpflichteten, gegenüber dem Islam beziehungsweise dem Islamismus nachsichtig zu sein und blutige Ausschreitungen aus nichtigstem Anlass als "fundamentalistische Antwort auf eine fundamentalistische Tat" zu akzeptieren; schließlich hätten auch "wir" lange gebraucht, um der Gewalt als Mittel der Kommunikation abzuschwören.
Möglich, dass solche Haltungen dem schlechten Gewissen der Urenkel von Gottfried von Bouillon, Tomás de Torquemada und Heinrich Himmler entspringen; denkbar aber auch, dass es nur ein einfaches opportunistisches Kalkül ist: Setzen sich die islamischen Fundamentalisten durch, werden sie sich für solche vorauseilenden Verbeugungen erkenntlich zeigen. Verlieren sie den "Clash of Civilizations", bleibt es also bei der "Hegemonie des Westens", macht es auch nichts. Denn die bürgerliche Gesellschaft nimmt erstens nichts übel, und zweitens hat sie ein kurzes Gedächtnis.
Die Affinität kritischer Intellektueller zu totalitären Systemen ist kein neues Phänomen. Halldor Laxness hat die stalinistischen Exzesse verteidigt, Egon Erwin Kisch war vom kulturellen Leben in der Sowjetunion beeindruckt, Luise Rinser hatte es der nordkoreanische Diktator Kim Il Sung so sehr angetan, dass sie am liebsten in seinem Reich geblieben wäre, wenn die Grünen sie nicht gebeten hätten, in Deutschland für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren.
Heute sind es die armen, verfolgten Muslime, die vor dem Furor der "Islamkritiker" beschützt werden müssen. Der Vormund hat wieder ein Mündel gefunden. Tolerant ist, wer der Intoleranz das Wort redet.
"Lieber rot als tot" - die Sowjetunion, die Heimat aller Friedensfreunde, war unbesiegbar.
Intellektuelle spielen gern den Vormund, sie brauchen ein Mündel.
Auch Kisch hatte eine Affinität zu totalitären Systemen.
Von Broder, Henryk M.

DER SPIEGEL 10/2010
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