08.03.2010

ERZIEHUNG „Mütter, entspannt euch!“

Die Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert über emotionale Bedürfnisse von Kleinkindern, Anforderungen an die Eltern und die Fremdbetreuung bei Naturvölkern
Ahnert, 58, bildet an der Wiener Universität Psychologen aus. In der DDR hat die gebürtige Thüringerin erlebt, wie schwierig es ist, objektive Wissenschaft unter dem Diktat der Ideologie zu betreiben: Sie erforschte die Auswirkungen der Krippenbetreuung auf die kindliche Entwicklung. Nach der Wende lernte Ahnert im US-Gesundheitsministerium und an westdeutschen Universitäten die andere Seite kennen. Ihr neues Buch fasst den Stand der Forschung über Kinderbetreuung zusammen(*1).
SPIEGEL: Frau Ahnert, Ihr Buch trägt den Titel: "Wieviel Mutter braucht ein Kind?" Wieso bloß fragt niemand nach dem Vater?
Ahnert: Aber das tun wir doch auch! Nur beschäftigt sich die Forschung bisher eben hauptsächlich mit der Person, die überall auf der Welt die wichtigste fürs Kleinkind ist. Und, sorry, das ist nun mal immer noch die Mutter.
SPIEGEL: Und was ist mit den Vätern?
Ahnert: Natürlich muss auch Papa ran - und Papa will das auch! Die Männer wollen mehr Bedeutung im Leben ihrer Kinder haben …
SPIEGEL: … so behaupten sie in Umfragen. Tatsächlich beschäftigen sich Väter im Schnitt, das Wochenende eingerechnet, 20 Minuten am Tag mit ihren Kindern. Der Soziologe Ulrich Beck nennt das "verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre".
Ahnert: Tatsache ist, dass Väter ungeheuer wichtig sind, wenn es darum geht, beim Kleinkind das Explorationsverhalten zu wecken, die Eroberung der Welt durch Neugier und Spielen. Aber um Papa und Kind zusammenzubringen, müssen auch die Mütter etwas tun. Sie müssen den Männern zutrauen, die Kinder zu versorgen und sie ihnen entsprechend vertrauensvoll überlassen. Das ist oft ein Problem.
SPIEGEL: Die Mütter müssen also, neben all ihren anderen Aufgaben, auch noch ihren Mann für die Vaterrolle trainieren?
Ahnert: Ich verstehe den genervten Ton. Es stimmt schon, die Entwicklungspsychologie verlangt viel von den Müttern. Sie müssen jederzeit feinfühlig die Bedürfnisse ihrer Kinder erkennen, sowohl prompt als auch angemessen darauf reagieren und dabei deren Individualität achten; gleichzeitig sollen sie die Neugier der Kleinen fördern, Sicherheit geben, Gefühle regulieren helfen und dann auch noch Verständnis für die Autonomiebestrebungen des Kindes haben.
SPIEGEL: … und am besten auch noch im Teilzeitjob dazuverdienen. Wer, bitte schön, kann das leisten?
Ahnert: Deswegen vertreten wir ja das Konzept der "hinreichend guten" Mutter. Sie muss eben nicht perfekt sein. Sie legt nicht, was viele immer noch denken, in den ersten zwei oder drei Jahren mit jeder ihrer Taten unwiderruflich das Fundament für alles, was später aus dem Kind wird. Und sie muss auch nicht, wie es lange Doktrin war, mit Haut und Haar und Tag und Nacht ausschließlich für den Nachwuchs da sein. Mütter, entspannt euch!
SPIEGEL: Ein Plädoyer für die Krippenbetreuung?
Ahnert: Nein, so will ich das nicht verstanden wissen. Ein Kind, das einzig bei Mama aufwächst, wird in der Regel keinen Schaden nehmen. Aber es ist auch wahr, dass ein Säugling oder Kleinkind nicht die Stunden ihrer An- oder Abwesenheit zählt. Es kommt auf die Qualität seiner Bindung zur Mutter an. Und dafür ist vor allem eines wichtig: dass sie seine wirklich wichtigen emotionalen Bedürfnisse wahrnimmt. Dies wiederum gelingt ihr oft sogar besser, wenn sie das Kind auch mal abgeben kann - wer über ein zuverlässiges Betreuungsnetz verfügt, ist eine bessere Mutter mit mehr Humor, mehr Spielideen, einem feinfühligeren Umgang.
SPIEGEL: Die staatlich verordneten Krippen in der DDR waren gewiss zuverlässig, im Westen galten sie eher als Verwahranstalten …
Ahnert: … und doch hatten die Mütter ebenso gute Beziehungen zu ihren Kindern wie die Frauen im Westen. Ende der achtziger Jahre haben wir eine entsprechende Studie in Ost-Berlin gemacht, und zufällig hatten die Kollegen in West-Berlin eine beinahe identische Untersuchung vorgenommen. Wir verglichen unsere Ergebnisse und stellten fest: Es gab hüben wie drüben genauso viele Kinder, die über eine sichere Bindung zur Mutter verfügten.
SPIEGEL: Das heißt, eine frühe und intensive Krippenbetreuung wirkt sich nicht aufs Mutter-Kind-Verhältnis aus?
Ahnert: So ist es. Frauen, die sich souverän fühlen in ihrer Mutterrolle, behalten die gute Beziehung zum Kind in praktisch jeder Lebens- und Betreuungslage. Aber es gibt natürlich auch Frauen, die ein Problem damit haben, ihr Kind abzugeben. Zweifel, Schuldgefühle - darunter leiden immer noch viele Frauen, gerade in der westdeutschen Gesellschaft mit ihrem Muttermythos. Solche Unsicherheiten spiegeln sich in einer messbar brüchigeren, oft ambivalenten Bindung zum Kind wider.
SPIEGEL: Kann da die Erzieherin gegensteuern?
Ahnert: Dass die Erzieherin die bessere Mutter sein müsse, haben auch die Pioniere der Frühkindheitsforschung zunächst gedacht - um dann festzustel-len, dass die das gar nicht leisten kann. Woher soll sie denn die Motivation nehmen, die notwendige Feinfühligkeit an den Tag zu legen, bei jedem Pieps des Kindes zu springen? Eine solche Inves-tition sind nur Mütter bereit zu bringen.
SPIEGEL: Welche Rolle spielt denn dann die Erzieherin?
Ahnert: Zu Beginn der Betreuung sollte sie, als neue Person im Leben dieses Kindes, ihm Sicherheit geben, ihm helfen, mit seinen Emotionen umzugehen. Aber dann, nach der Eingewöhnung, verlagert es seine Bedürfnisse. Dann muss es der Erzieherin vor allem gelingen, die Neugier des Kindes zu wecken, ihm immer neue Angebote zum Welt-Erkunden zu machen.
SPIEGEL: Die Kinder sehen in ihr eher eine Spielleiterin?
Ahnert: Jedenfalls keinen Mutterersatz. Was sie brauchen, ist eine Mama, die entspannt ihre Rolle ausüben kann, und das kann sie nur in einem gesellschaftlichen Klima, in dem es zur Selbstverständlichkeit gehört, sein Kind auch anderen anvertrauen zu können.
SPIEGEL: Wie in der DDR?
Ahnert: Nein. Da hingen Transparente an den Kitas, auf denen stand: "Ich betreue dein Kind, als wäre es meines". Solche ideologischen Slogans haben die Probleme, die es natürlich gab, einfach zugedeckt. Heute dagegen haben wir das umgekehrte Problem: Es gibt eine Ideologie gegen die frühe Kinderbetreuung.
SPIEGEL: Was antworten Sie Krippengegnern, die es für widernatürlich halten, sein Kleinkind in den ersten drei Jahren fremdbetreuen zu lassen?
Ahnert: Dass das Unsinn ist. Es gibt kein naturgegebenes Betreuungssystem. Wenn wir uns ansehen, wie Naturvölker mit ihrem Nachwuchs umgehen, finden wir Systeme wie das der Efe in Zentralafrika, die ihre Säuglinge von Schoß zu Schoß weiterreichen. So ein Efe-Baby verbringt manchmal nur ein Fünftel der Zeit bei der leiblichen Mutter und hat im Schnitt 14 Betreuerinnen. Einige der Frauen stillen es sogar. Wir sehen aber auch Mütter wie die der !Kung in der Kalahari, die ihre Kleinen drei Jahre lang praktisch immerzu am Körper tragen. Was ist jetzt das Natürliche?
SPIEGEL: Einer amerikanischen Langzeitstudie zufolge haben Krippen durchaus Nachteile: Wer als Baby für viele Stunden täglich in die Krippe kam, war später ein aufsässiger Schüler.
Ahnert: Moment, das wird ganz unterschiedlich bewertet. Die einen sagen, die Kita-Kinder seien ungehorsam, die anderen behaupten, sie seien einfach selbstbewusst.
SPIEGEL: Wie politisch ist die Debatte?
Ahnert: Sehr. Deswegen mag ich mich nicht mehr einlassen auf die grundsätzliche Frage, ob wir die unter Dreijährigen aushäusig betreuen lassen sollten oder nicht. Das ist eine gestrige Debatte. Es ist doch so: Mütter möchten berufstätig sein und Kinder haben. Das geht nur mit Betreuungsnetzwerken. Also müssen wir Wissenschaftler herausfinden, welche Art von Betreuung am wenigsten Risiken fürs Kind mit sich bringt.
(*1) "Wieviel Mutter braucht ein Kind?". Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg; 325 Seiten; 24,95 Euro.
Von Bredow, Rafaela

DER SPIEGEL 10/2010
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