15.03.2010

KARRIEREN Alles auf Rot

Karl-Theodor zu Guttenberg war viele Monate ein Politiker, dem alles möglich schien. Er konnte sich sogar auf einem Dinosaurier fotografieren lassen. Vor dem Untersuchungsausschuss geht es jetzt um die Frage, ob der Minister ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit hat. Von Matthias Geyer
Es ist noch einer dieser Tage, in denen Karl-Theodor zu Guttenberg immer größer wird. Dieter Friedel schließt die Tür, er ist weit weg von Berlin, in Rosenheim. Manchmal werden die Dinge ja klarer, wenn man aus der Ferne auf sie guckt. Auf dem Tisch in seinem Arbeitszimmer blubbert ein kleiner Brunnen mit Elektromotor, darüber hängt ein Kruzifix.
Friedel, ein Mann in Trachtenjacke, sagt "KaTe", wenn er über den Verteidigungsminister spricht. Er ist Leiter am Ignaz-Gün-ther-Gymnasium, Guttenberg hat an dieser Schule sein Abitur gemacht. In der Eingangshalle steht eine Büste von Sokrates, es ist ein humanistisches Gymnasium. Friedel hat Guttenberg von der zehnten Klasse an unterrichtet, es war ein Griechisch-Leistungskurs.
Sagt das etwas über jemanden? Ein Griechisch-Leistungskurs?
Neben Dieter Friedel sitzt Rainer Janka, er ist kleiner als Friedel und hat milde Augen. Janka war Guttenbergs Sozialkundelehrer. Er hört dem Gespräch eine Zeitlang zu, dann sagt er: "Menschen, die sich für Griechisch entscheiden, sind meistens besondere Menschen. Sie haben ein Luxusbedürfnis, sie beschäftigen sich mit etwas, was nicht sofort verwertbar ist. Es ist nicht nützlich, aber sinnvoll." Friedel nickt.
In den letzten Monaten hatten Friedel und Janka viel über Guttenberg in der Zeitung gelesen. So hatte Janka erfahren, dass er im Urlaub Platons "Politeia" auf Griechisch liest. Janka sagt: "Das bedeutet, dass sich jemand abgrenzen möchte von einem Betrieb, in dem man nicht mehr zum Denken kommt. Es ist ein Hinweis darauf, dass er das kann und dass andere das vielleicht auch können sollten."
Friedel erzählt, dass er damals hin und wieder mit Guttenberg darüber gesprochen hatte, was nach der Schule kommen könnte. Es sei nicht einfach gewesen, bei der Familie. Es konnte nichts sein, was andere auch können. Anwalt kam nicht in Frage.
"Irgendwie war immer klar, dass der KaTe in der Politik landet", sagt Friedel.
Warum?
Friedel denkt etwas länger über die Frage nach, er findet nicht sofort die richtige Antwort. Dann dreht er seinen Kopf zu Rainer Janka, und Janka sagt: "Man braucht ja, wenn man wirken will, eine Bühne."
Die beiden Lehrer hatten ihn schon länger nicht mehr gesehen. Aber sie scheinen ihn damals ganz gut kennengelernt zu haben.
Es gab in dieser Zeit noch keine Krisen für ihn, keine entlassenen Staatssekretäre und Generalinspekteure, keinen Untersuchungsausschuss.
Ein paar Wochen vor diesem Gespräch in der Schule kam Karl-Theodor zu Guttenberg eine Schlucht im Gebäude des Deutschen Bundestags entlanggelaufen, neben ihm lief ein Mann, der dünne Unterlagen dabeihatte. Es war der Tag, an dem in Berlin das Kabinett der neuen Koalition vereidigt wurde. Guttenberg trug einen gutsitzenden Anzug, halbhohe Wildlederschuhe und eine hellblaue Krawatte, wie sie auch Horst Köhler trägt. In drei Stunden würde er Verteidigungsminister sein.
Als ihn ein Journalist, den er noch nie zuvor gesehen hatte, fragte, ob man kurz stören dürfe, blieb er stehen, streckte seine Hand aus und sagte: "Ach, hallo, grüß Sie." Das war ein seltsamer Satz für jemanden, der gleich seinen Eid auf Gott und die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland schwören würde. Es war eher ein Satz von Kai Pflaume.
Die Frage war dann, ob er Interesse haben würde an einem längeren Gespräch, über dies und das, über ihn ganz allgemein. Guttenberg wippte einen Moment lang in den Beinen, dann sagte er: "Ich rufe Ihnen da ein Stück Schüchternheit zu." Es sah so aus, als würde er vor irgendetwas zurückschrecken, aber es war nicht klar, wovor.
Bis jetzt war immer alles gut gelaufen. Er war, mit 36, Generalsekretär der CSU geworden, dann der jüngste Wirtschaftsminister, dann der jüngste Verteidigungsminister der Bundesrepu-blik Deutschland. Er war sogar bei Thomas Gottschalk in "Wetten, dass …?" gewesen, er hatte "Thomas, servus, grüße dich" zu Gottschalk gesagt und seine Frau Stephanie mitgebracht. Er sprach im Fernsehen auch über seine Ehe, er sagte: "Unser Interessenfeld ist so gewaltig groß, dass wir in der Hinsicht uns aneinander am meisten freuen", dann fuhr er mit Gottschalk und seiner Ehefrau in einem Golfwagen durch die Halle und wedelte dabei mit der Hand ins Publi-kum. Es hatte schon lange keinen Politiker mehr gegeben, der so cool war. In den Umfragen war er immer beliebter geworden.
Vielleicht lag es daran, dass er häufig von Ehrlichkeit sprach. Davon, dass Politiker eine deutliche Sprache sprechen sollten. "Klartext", sagt er oft. Das hörte sich unpolitisch an, frei von Taktik. Ein unpolitischer Politiker. Vielleicht war es das.
Irgendwann sagte Guttenberg auf dem langen Flur im Deutschen Bundestag: "Ach, wissen Sie, solche Porträts sind ja immer wieder interessant, auch für mich, weil man ja auch immer wieder neue Aspekte über sich selbst entdeckt. Vielleicht fällt Ihnen ja ein guter Brückenschlag ein."
Er drehte sich zu dem Mann mit den dünnen Unterlagen und sagte: "Herr Moritz steht neben Ihnen." Herr Moritz, ein Mann mit kreidiger Stimme, war der Sprecher des Ministers, er sagte, dass er sich melden werde.
Am frühen Nachmittag gab ein älterer Herr oben an der Garderobe im ersten Stock einen großen, schwarzen Hut ab und einen schwarzen Mantel. Er trug einen schwarzen Anzug darunter mit einem Einstecktuch. Es war Enoch zu Guttenberg, ein bekannter Dirigent und Karl-Theodor zu Guttenbergs Vater. Sein Großonkel war von den Nazis umgebracht worden. Sein Großvater gehörte zu den Widerständlern des 20. Juli. Sein Vater hatte vor dem Kriegsgericht gestanden, weil er sich geweigert hatte, Juden zu erschießen. In einem Interview hatte er mal gesagt: "Wir sind so erzogen, dass man für das, was man für richtig hält, zur Not auch sterben können muss. Ich weiß nicht, ob ich es könnte, aber das ist das Familienideal. Und das schafft fast einen Zwang zur Unabhängigkeit."
Enoch zu Guttenberg setzte sich auf die Zuschauertribüne und sah dabei zu, wie sein Sohn unten im Plenum den Amtseid schwor.
Auf dem Weg zurück zur Garderobe wurde er von einem Journalisten gefragt, ob er einen Moment Zeit habe. Enoch zu Guttenberg sagte: "Belästigen Sie mich nicht. Ich belästige Sie auch nicht."
Er nahm seinen Hut und seinen Mantel, ging damit eine Etage tiefer ins Restaurant und wartete auf seinen Sohn. Als der Sohn ins Restaurant kam, stand der Vater auf, nahm ihn in den Arm und schlug ihm auf die Schulter. Der Sohn setzte sich an den Tisch, zog sein Handy aus der Jacke und begann, darauf herumzudrücken.
Guttenberg machte Tempo. Er raste. Er versorgte die Wunden, die Franz Josef Jung, ein eher tantenhafter Vorgänger, offen zurückgelassen hatte. Er gab der "Bild"-Zeitung ein Interview und sagte darin, in Afghanistan herrschten "kriegsähnliche Zustände". Er bestellte die Presse in sein Haus und sagte, er halte, nachdem er den viele hundert Seiten langen Untersuchungsbericht der Nato gelesen habe, den Luftschlag von Kunduz für "militärisch angemessen". Er wollte ja Klartext reden. Endlich sagte jemand mal solche Sachen.
Er flog nach Afghanistan zur Truppe, es gab gutausgeleuchtete Fotos von dieser Reise. Er hatte vorher ein paar SMS verschickt, an die Chefredakteure und Herausgeber der großen Zeitungen. Er schrieb, dass er sich freuen würde, wenn sie ihn begleiten könnten. Chefredakteure und Herausgeber. Er hatte auch viele Freunde bei Facebook.
Die Zeit ging dahin, und irgendwann verschickte das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung ein Telefax. Darin wurde auf einen Termin hingewiesen, um 16.30 Uhr im Verteidigungsministerium, mit Bundesminister zu Guttenberg und Ralf Möller. Ralf Möller ist ein ehemaliger Bademeister aus Recklinghausen, der später Bodybuilder wurde und danach Schauspieler. Möller spielte in Filmen mit, die "Hai-Alarm auf Mallorca" heißen. Inzwischen lebt er in Kalifornien.
"Thema: Ergebnisse des Gespräches", stand in dem Fax. Es war nicht selbstverständlich, dass der Verteidigungsminister an diesem Tag mit Ralf Möller zusammentraf, denn es war ein politisch bedeutender Tag gewesen. Vormittags hatte es noch eine Klausur der neuen Regierung im Schloss Meseberg gegeben, bei der es um die großen Linien der Innenpolitik gegangen war. Abends flog Guttenberg im Flugzeug weg, erst nach Paris, dann nach Washington, er machte seine Antrittsbesuche bei den wichtigen Verbündeten, es ging also um die großen Linien der Außenpolitik. Und zwischendrin klemmte ein ehemaliger Bademeister.
Die Vermutung lag nahe, dass es irgendwie um Afghanistan gehen musste. Möller war voriges Jahr unten bei der Truppe gewesen. Er hatte ein paar Fitnessgeräte mitgebracht und mit den Soldaten Würste gegrillt. Dabei sprach er darüber, was man im Leben erreichen kann, wenn man es will.
Guttenberg trug wieder einen Anzug, die halbhohen Wildlederschuhe und die Köhler-Krawatte, sein Gesicht glänzte rosig. Möller war schlecht rasiert, sein Hemd spannte über der Brust.
Guttenberg sagte, Möller sei ein Freund. Er habe sich, als er in Afghanistan war, die Fitnessgeräte selbst anschauen dürfen, und die seien ja toll eingeschlagen.
Möller sagte, die Lage in Afghanistan sei kompliziert. Es sei nicht einfach für die Männer da unten, am Wochenende ins Café zu gehen. Guttenberg schob den Kopf nach vorn. Dann fassten sie sich am Arm. Es war wie "Wetten, dass ...?", nur im Verteidigungsministerium und ohne Golfwagen.
Weil niemand Fragen hatte, redete Möller einfach weiter. Erst über die Fitnessgeräte, dann über Guttenberg. Möller nannte ihn einen "Wunderminister" und sagte: "Er ist überall einsatzbar, in jedem Bereich einsatzbar. Viele sehen ihn ja schon als Kanzler, also, mit meiner Unterstützung kann er rechnen, jederzeit."
Guttenberg schüttelte den Kopf hin und her, und man hatte den Eindruck, dass er weniger mit dem Inhalt nicht zufrieden war, eher mit der Form. Möller hatte sich angestellt wie ein Auftragskiller, der es versemmelt hat.
Guttenberg tauchte in diesen Wochen häufig in der "Bild"-Zeitung auf. Er bekam einen Preis und wurde "Politiker des Jahres". Die "Bild"-Zeitung erklärte das Geheimnis seiner schönen Frau, sie schrieb über bezaubernde Auftritte und hinreißende Kleider. Manchmal trug die Frau auch T-Shirts, die mit dem Foto ihres Mannes bedruckt waren.
Guttenberg wuchs in den Umfragen zum beliebtesten Politiker, und wenn er gefragt wurde, warum das so ist, sagte er solche Sachen: "Ich glaube, dass in unserer politischen Landschaft Klartext nicht schadet." "Man sollte authentisch bleiben." "Man sollte sich Humor leisten, das schadet unserem Geschäft auch nicht."
Das waren Sätze, wie man sie aus Kontaktanzeigen kennt. Man kann dahinter gut in Deckung gehen.
An einem Donnerstag kurz vor Advent rief das Büro Moritz an. Eine Mitarbeiterin sagte, dass Moritz leider eine Verabredung absagen müsse, "Sie können sich ja vorstellen, was heute bei uns los ist". Herr Moritz bat um Verständnis.
In der "Bild"-Zeitung war ein Bericht aufgetaucht, der das Verteidigungsministerium ins Rutschen brachte. Den Bericht hatten die Feldjäger der Bundeswehr geschrieben, es ging darin um Kunduz. In dem Bericht stand eigentlich nichts Neues, nichts anderes als das, was Guttenberg schon kennen musste. Die Feldjäger wussten auch nicht mehr als die Nato, und den Bericht der Nato hatte Guttenberg ja, wie er sagte, gelesen, bevor er den Angriff auf die Tanklaster als "militärisch angemessen" bewertet hatte. Es gab große Aufregung, so wie das manchmal ist in Berlin, im Feuer stand erst mal der frühere Verteidigungsminister Jung, aber Jung war eigentlich schon Vergangenheit.
Es ging jetzt auch um Karl-Theodor zu Guttenberg, aber anders als in den letzten Monaten. Er entließ in dem ganzen Gewühl zwei wichtige Leute, seinen Staatssekretär und seinen Generalinspekteur. Guttenberg begründete das damit, dass die beiden Männer ihm wichtiges Material vorenthalten hätten. "Unterschlagen", sagte er auch. Das bedeutet, dass er vorsätzlich getäuscht worden ist. Die Politik war hässlich geworden, zum ersten Mal nach der all schönen Zeit.
Es gab Fragen. Warum entlässt man zwei Angestellte wegen eines Berichts, in dem nichts Neues steht? Wenn der Chef eine Bewertung abgibt, die falsch ist, wer ist dann verantwortlich? Der Chef oder die Angestellten? Wann hört Politik auf, eine Bühne zu sein?
Es brummte also in Berlin-Mitte, und irgendwo mittendrin sitzt Michael Glos von der CSU in einem kleinen Büro und ist ganz ruhig. Glos war Guttenbergs Vorgänger als Wirtschaftsminister, er hatte keine gute Zeit in diesem Amt gehabt. Es war zu viel für ihn gewesen. Er war schnell grau geworden, man dachte, es sei wegen der Anstrengung, aber jetzt erzählt Glos, er habe sich früher ein bisschen die Haare gefärbt und dann damit aufgehört.
Sein Büro liegt im Zwielicht, es ist nicht richtig hell und nicht richtig dunkel, ein Mauseloch in der politischen Welt.
"Es gibt da draußen die Sehnsucht nach Eliten", sagt Glos, "irgendwie nach Stärke." Er selbst habe diese Sehnsucht nicht bedienen können, Guttenberg bediene sie. "Ich wär' gern auch so", sagt Glos.
Eine Bekannte hat ihm mal eine Geschichte erzählt, die er gut behalten hat. Die Bekannte und ihr Mann hatten einer Rede von Guttenberg zugehört und waren danach beeindruckt gewesen. Als etwas Zeit vergangen war, fragte die Frau ihren Mann: "Hast du eigentlich verstanden, was er gesagt hat?" Der Mann antwortete: "Nein, ich dachte, du hast es verstanden."
Was Guttenberg als Wirtschaftsminister genau wollte, war genauso schwer zu sagen wie bei Glos, aber Guttenberg machte es eindeutig besser. Glos hat die Schule mit der mittleren Reife abgeschlossen und danach eine Ausbildung zum Müller gemacht. Die CSU ist nicht der Ort der großen Leute, es war nie eine Frage, wo Glos politisch hingehören wür-
de. "Wenn Sie zu den Leuten auf die Versammlung gehen, dann wollen die von Ihnen wissen: Was kostet demnächst die Milch? Wann werden neue Straßen gebaut?", sagt er. Mit Milch hat sich Guttenberg nie beschäftigen müssen.
Michael Glos liegt in seinem Sessel wie ein plattgefahrener Reifen. Als er noch Kraft hatte, beförderte er Guttenberg in den Auswärtigen Ausschuss. Jetzt ist Guttenberg Minister, und Glos ist im Aus-wärtigen Ausschuss untergekommen. Vor kurzem hat er seinen Jagdschein gemacht.
Guttenberg hat Glos nie danach gefragt, wie das so ist im Wirtschaftsministerium. Worauf man vielleicht achten muss. Vielleicht wollte er seinen Rat nicht, vielleicht glaubte er, dass er keinen Rat brauche.
Als Glos zurückgetreten war, saß der Parteivorsitzende Horst Seehofer in München an einem Tisch mit Edmund Stoiber, sie dachten darüber nach, wer der neue Minister werden könnte. Guttenberg, damals noch Generalsekretär der CSU, setzte sich dazu. Er blieb einfach sitzen. Er saß bis drei Uhr in der Nacht an dem Tisch, so lange hatte es gedauert, bis klar war, dass er der neue Minister werden sollte. Einer, der auch dabei war, sagt, Guttenberg habe sich in dem Mo-
ment auch vorstellen können, Außenminister zu sein.
Glos sieht aus dem Fenster, die Unterredung ist eigentlich zu Ende. Draußen schwillt der Betrieb an, es soll gleich eine Debatte im Bundestag geben, wahrscheinlich wird es auch um Guttenberg gehen. Glos dreht sich vom Fenster weg und sagt: "Manchmal ist es in der Politik so, dass alle am Roulettetisch sitzen und alles auf Rot setzen. Aber irgendwann ist die Serie zu Ende. Irgendwann kommt Schwarz."
Die Debatte sollte um 18 Uhr beginnen, aber Karl-Theodor zu Guttenberg saß schon lange vorher auf der Regierungsbank. Außer ihm war noch kein Minister da, er sah etwas alleingelassen aus. Vor ihm lag ein schwerer Stapel mit Akten, 20, 25 Zentimeter hoch vielleicht. Alles Kunduz wahrscheinlich. Neben ihm saß ein Mitarbeiter, vor ihm hockte ein Staatssekretär auf dem Boden. Sie redeten auf ihn ein, so wie Betreuer in der Ringpause auf einen Boxer einreden, der Zuspruch braucht. Guttenberg nickte manchmal.
Irgendwann stand er auf, nahm die Akten unter den Arm und lief hinaus. Draußen wartete Herr Moritz. Sie redeten lange miteinander, Moritz stopfte neue Papiere unter den Arm des Ministers, der Brei aus Informationen dickte ständig nach.
Die Debatte im Bundestag war ungemütlich. Ein Mann von der SPD sprach davon, dass Politik eine ernsthafte Angelegenheit sei. Er drehte seinen Kopf zur Regierungsbank und sagte: "Herr Minister, es geht nicht nur um schöne Bilder."
Das vielleicht bemerkenswerte der vielen Bilder, die in den letzten Monaten entstanden waren, zeigt Karl-Theodor zu Guttenberg auf dem Bauch eines umgefallenen Dinosauriers. Das Maul des Dinosauriers ist aufgerissen, wie nach einem letzten Todesschrei. Guttenberg steht auf dem Tier in gutgeputzten Lederhalbschuhen, die Hemdsärmel sind hochgerollt, er sieht in die Weite. Zu seinen Füßen sitzt seine Ehefrau, barfuß, sie hält seine Hand und blickt zu ihm hoch. Es sieht aus wie eine Karikatur, aber es ist ein Foto.
Oliver Mark hat es gemacht, er ist freier Fotograf in Berlin. Er interessiert sich nicht so sehr für die Tagespolitik, er ist keiner von denen, die im Plenarsaal auf der Tribüne stehen und auf den Glücksschuss warten.
Mark komponiert seine Bilder. Er hat Sigmar Gabriel einmal im Naturkundemuseum fotografiert, Gabriel hat einen Anzug an und eine Krawatte, er steht in einem künstlichen Wald und stützt sich auf ein ausgestopftes Reh. Gabriel sieht aus wie ein verwirrter Oberförster.
"Wie lange macht er es noch?", fragt Oliver Mark, es ist schon die Zeit, in der Guttenberg und Untersuchungsausschuss zu einem Begriff verschmolzen sind. Der Verteidigungsminister hatte seine Bewertung über die Bombennacht inzwischen rückgängig gemacht, der Angriff sei "militärisch nicht angemessen", hatte er jetzt gesagt. Er hatte also einen Fehler eingestehen müssen, es würde in den nächsten Wochen auch um seine Zukunft gehen. Das Foto mit dem Dinosaurier liegt da und sieht irgendwie alt aus.
Mark hatte es für ein Buch aufgenommen. Es sollte Prominente an ungewöhnlichen Plätzen zeigen. Als er hörte, dass er Guttenberg fotografieren soll, dachte er an die Dinosaurier im Treptower Spreepark. "Es gibt inzwischen so viele Bilder überall, da muss man etwas machen, was knallt", sagt er. Es muss immer etwas Besonderes sein. Als sich Mark und Guttenberg trafen, wollten sie dasselbe.
Mark hatte Guttenberg nur gesagt, dass sie sich im Park treffen könnten, nichts von Dinosauriern. Als Mark im Park ankam, stand der Dinosaurier noch. Er war aus Kunststoff, Mark warf ihn auf den Rücken, stellte einen Mann und eine Frau aus seinem Team darauf und drückte ein paarmal ab. Als Guttenberg kam, zeigte er ihm die Probeschüsse und sagte, so ungefähr stelle er sich das vor.
Wie hat Guttenberg reagiert?
"Er war sofort einverstanden", sagt Mark.
Das Foto erschien in ein paar Zeitungen. Dann bekam der Verlag eine Mail, mit Kopie an einen Rechtsanwalt. Es durfte nun nicht mehr gedruckt werden ohne schriftliche Genehmigung. Die Geschichte des Fotos ist eigentlich schon Guttenbergs ganze Geschichte.
Es wurde Januar, und im SPIEGEL sollte es eine Rekonstruktion der Nacht von Kunduz geben. Es ging dabei auch um die Rolle der Politik, um die Verantwortung von Ministern. Karl-Theodor zu Guttenberg sollte die Möglichkeit haben, Fragen zu beantworten, und das Büro Moritz hatte einen Termin gemacht.
Guttenberg kommt aus seinem Amtszimmer, Raum A02 R 107, er trägt zwei Tassen, zwei Untertassen, eine silberne Thermoskanne und gerollte DIN-A4-Blätter hinaus. Auf dem Flur warten drei SPIEGEL-Journalisten auf ihn.
"Grüß Sie", sagt Guttenberg. "Wer trinkt was? So viele Tassen nehmen wir mit." Er macht einen ganz vergnügten Eindruck. Dann läuft er mit dem Geschirr in einen Besprechungsraum. Herr Moritz setzt sich neben ihn.
Guttenberg sagt, er habe in den letzten Wochen lustige Bewertungen über sich lesen können.
Lustig?
Er wirft die DIN-A4-Blätter auf den Tisch, mit der Schrift nach unten, weit von sich, wie etwas Verfaultes. Es sind acht Seiten, die Zusammenfassung des Nato-Berichts, der viele hundert Seiten hatte. Geschrieben von leitenden Angestellten, die zu dem Urteil kamen: militärisch angemessen.
"Da musste ich mich drauf verlassen", sagt Guttenberg.
Wie lange hat er gebraucht, um die vielen hundert Seiten zu lesen? Um sein eigenes Urteil zu fällen?
"Ach, das weiß ich nicht mehr. Ich weiß noch, dass ich sie mit in den Urlaub genommen habe." Er weiß auch nicht mehr, ob er sie auf Deutsch gelesen hat oder auf Englisch. Es scheint in dem Moment nicht ganz sicher zu sein, ob er sie überhaupt gelesen hatte.
"Die Bewertung ist unangefochten von der Spitze dieses Hauses abgegeben worden", sagt Guttenberg.
Man fragt sich: Wer ist eigentlich die Spitze dieses Hauses?
"Welchen Grund sollte ich gehabt haben, an der Bewertung der Fachkräfte, der Spitze meines Hauses, wohlgemerkt, zu zweifeln?"
Er will nicht weiter über die Spitze des Hauses sprechen, "zwei Herren", wie er sagt, sind ja sowieso nicht mehr da, "ich habe mir vorgenommen, mich in dieser Frage anständig zu verhalten".
Es ist kein sehr angenehmes Gespräch, es gibt viele Nachfragen, über Verantwortung und das, was anständig ist, "ja, hurra", sagt Guttenberg einmal und "ach, ja, hmmm".
"Ich habe auch schlechterdings keine Lust mehr, mich dazu einzulassen", sagt
Guttenberg. Er habe eine Fehleinschät-zung zugegeben. "Was aber in unserer Gesellschaft nicht reicht. Bitte sehr." Am Ende schwimmt die Verantwortung irgendwo zwischen der Spitze des Hauses und der Gesellschaft hin und her, und das Gespräch ist vorbei.
Herr Moritz hatte manchmal eine SMS in sein iPhone getippt. Zum Abschied sagte er, dass er sich melden werde.
Es vergingen ein paar Wochen, in denen es ruhig wurde. Herr Moritz meldete sich nicht mehr. Der Tag kam näher, an dem die beiden Männer, die der Minister entlassen hatte, vor dem Untersuchungsausschuss aussagen sollten. Sie hatten lange stillgehalten, und wahrscheinlich bedeutete das nichts Gutes.
Jedenfalls gab Karl-Theodor zu Guttenberg kurz davor noch mal ein Interview, das irgendwie überraschend war. Er sprach jetzt nicht mehr davon, dass ihm Dokumente vorenthalten worden waren. Es ging auch nicht mehr darum, dass etwas unterschlagen wurde. Der Vorwurf also, vorsätzlich getäuscht worden zu sein, war verdampft. Guttenberg sagte, dass ihm Unterlagen nicht vorgelegt worden seien. Und dass er nie den Eindruck hatte, dass jemand in dieser Angelegenheit böswillig gehandelt habe.
Vielleicht ist es so, dass es am Ende niemals Antworten gibt, sondern immer nur neue Fragen. Warum macht er das jetzt? Weil doch alles Taktik ist? Sogar das Verhältnis zur Wahrheit? Oder ist es einfach so, wie es in einer Zeitung stand, dass man jemanden auf einer Bühne beobachten kann, dem der Arsch auf Grundeis geht?
In den vielen Fragen wäre fast eine kleine Meldung untergegangen. Darin hieß es, Karl-Theodor zu Guttenberg habe im Verteidigungsministerium eine neue Abteilung eingerichtet, die sich um sein Ansehen kümmern soll. ◆
Er sagt Sätze, die man aus Kontaktanzeigen kennt. Man kann dahinter gut in Deckung gehen.
Es war nicht richtig hell und nicht richtig dunkel, ein Mauseloch in der politischen Welt.
Die Geschichte des Fotos ist eigentlich schon Guttenbergs ganze Geschichte.
(*1) Anlässlich der Verabschiedung von Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan (2. v. l.) und Staatssekretär Peter Wichert (r.) am 3. Dezember 2009 in Berlin.
(*2) Doppelseite aus der Zeitschrift "Cicero", im November 2009.
Von Geyer, Matthias

DER SPIEGEL 11/2010
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