15.03.2010

BANKENHydra im Küsten-Klüngel

In Flensburg soll ein Sparkassendirektor jahrelang seine Bank für Vetternwirtschaft missbraucht haben. Jetzt wird Anklage erhoben.
In der Campushalle fühlt sich der Ex-Banker Frerich Eilts noch immer zu Hause. Als Präsident der SG Flensburg-Handewitt ist der 60-Jährige auch in dieser Saison bei den Heimspielen seiner Bundesliga-Handballer vor Ort. Der Mann jubelt und schimpft wie eh und je. Sein Temperament ist berüchtigt.
Doch jenseits des Sports fühlt sich Eilts nicht mehr ganz so wohl. Seine Vergangenheit als Vorstandschef der Flensburger Sparkasse holt ihn gerade ein. Die Kieler Staatsanwaltschaft bereitet eine Anklage gegen ihn vor. Der Vorwurf: gewerbsmäßige Bestechlichkeit und besonders schwere Untreue in mehreren Fällen.
Eilts soll etwa Immobilien, die mit Krediten der Flensburger Sparkasse finanziert worden waren, einem Makler unter Wert verschafft und gleichzeitig "Vorteile" unter anderem für seine SG angenommen haben, heißt es in der Staatsanwaltschaft. Ansonsten gilt dort: kein Kommentar.
Die Sparkasse scheint jahrelang eher wie eine Förderbank für den Küsten-Klüngel funktioniert zu haben. Gegen zehn Personen wird ermittelt, ständig kommen neue Hinweise. "Der Fall ist eine Hydra", sagt ein Ermittler. Eilts habe von seinem Schreibtisch aus den "heimlichen Herrscher von Flensburg" gespielt.
Seine Herrschaft endete allerdings abrupt. Nachdem 2008 faule Kredite von rund 74 Millionen Euro bekannt wurden, musste plötzlich eine Nothochzeit seiner Bank mit der Nord-Ostsee-Sparkasse arrangiert werden.
In einem Bericht der Flensburger Ratsversammlung skizzieren Abgeordnete, wie die Bank sich Ende der Neunziger von der Euphorie am Neuen Markt mitreißen ließ und teils gewaltige Kredite vergab. Als Sicherheit wurden Aktien der oft jungen Firmen akzeptiert.
Mit dem klassischen Geschäft einer Sparkasse sei diese Politik "allenfalls teilweise zu vereinbaren", schreiben die Lokalpolitiker und sprechen von "massiven unternehmerischen Fehlentscheidungen".
"Herr Eilts war derjenige im Vorstand, der für die Expansionspolitik verantwortlich war", sagt Frank Markus Döring, der für die CDU im Arbeitskreis Flensburger Sparkasse saß. Tatsächlich hatte Eilts mit den Krediten an Geschäftsleute aus dem Umfeld des örtlichen Erotikriesen Beate Uhse für die Bank ein gravierendes Klumpenrisiko aufgebaut.
Nach dem Zusammenbruch des Neuen Markts wurde auch die Bankenaufsicht aufmerksam und verordnete eine Sonderprüfung. Eilts versuchte zwar, das Engagement abzubauen, aber wichtige Sicherheiten wie die Aktienpakete von Beate Uhse und einer weiteren Erotikfirma waren faktisch unverkäuflich. Deren Börsenwerte galten als geschönt.
Auch in der Flensburger Handballwelt arbeitete der Banker mit unorthodoxen Methoden. Bei der Beschaffung von Sponsorengeldern zeigte sich Eilts besonders kreativ. Die Kieler Ermittler glauben, dass er für sportliche Zwecke seine beruflichen Verbindungen missbrauchte - zumindest die zu dem Immobilienmakler Herman Densch, einem der größten Norddeutschlands.
In Flensburg soll Densch unsaubere Absprachen mit Eilts und anderen Mitarbeitern der Sparkasse getroffen haben. Das jedenfalls lassen Aktennotizen vermuten, die man in seinen Büros gefunden hat.
Beim Verkauf zweier Immobilien über die Sparkasse gab es demnach die Vereinbarung mit Eilts, den Kaufpreis um je 30 000 Euro zu mindern. Im Gegenzug versprach Densch sportliches Engagement: "Zugesichert wurde eine Werbemaßnahme von ca. 60 000 Euro", heißt es in einer Notiz.
Eilts und Densch bestreiten einen derartigen Deal. Eilts erklärt, die Immobilien seien keinesfalls unter Wert veräußert worden. "Und es erfolgte auch nachweislich keine Zahlung." Densch dementiert die Verabredung ebenfalls vehement.
Trotzdem muss auch er jetzt mit Anklage rechnen. Densch fiel den Beamten zunächst aufgrund zweifelhafter Kreditgeschäfte auf. Der Makler vergab erhebliche Darlehen an klamme Kunden, freilich ohne entsprechende Banklizenz, wofür Densch später eine Geldstrafe kassierte. Ab November 2006 rückten Beamte deshalb mehrmals bei ihm zur Durchsuchung an.
Auf diese Weise fanden sie weit mehr brisantes Material, als sie erwartet hatten - zum Beispiel eine vielsagende Notiz über den Erwerb einer Immobilie für 650 000 Euro: "Der Ankauf war gegenüber der Flensburger Sparkasse eine Gefälligkeit", hieß es da. Dies müsse Herrn Eilts mitgeteilt werden. Es müssten zudem "Überlegungen angestellt" werden, ob der Verlust aus dem Geschäft "durch günstigen Ankauf weiterer Immobilien über die Flensburger Sparkasse ausgeglichen werden kann".
Der Verdacht der Ermittler: Densch hatte die Immobilie für einen Preis weit über Verkehrswert erworben, um der Flensburger Sparkasse so 150 000 Euro zukommen zu lassen - mit Hoffnung auf spätere Geschäfte.
Densch bestreitet das. Er will das betreffende Haus in Glücksburg gar als Schnäppchen verstanden wissen. "Der ursprüngliche Verkehrswert dieser Immobilie lag bei 800 000 Euro", schreibt er in einer Stellungnahme.
Auch Eilts sagt: "Der Vorwurf entbehrt jeder Grundlage", er habe keine Zugeständnisse gemacht.
Für Eilts indes sind Häuser nach wie vor eine gute Anlage. 2008 gründete er die Koch & Eilts GmbH & Co. KG. Geschäftszweck: Beratung für Immobilienfinanzierungen.
Von beat balzli und anne Seith

DER SPIEGEL 11/2010
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