15.03.2010

NATIONALKONSERVATIVEDer Unschweizer

Verleger Roger Köppel ist das Gegenteil seiner Landsleute: laut, schrill, provokativ. Die rechtskonservativen Positionen, die er vertritt, sind in seinem Land nicht mehrheitsfähig. Trotzdem gilt er im Ausland als die neue authentische Stimme der Eidgenossen. Von Marc Hujer
Irgendwo zwischen den Hügeln kommt das Navigationssystem nicht mehr mit, und Roger Köppel weiß nicht mehr genau, wann er abbiegen muss. Er nimmt erst eine Abfahrt zu früh, dann eine zu spät, wendet, fährt zurück, wendet wieder, verirrt sich auf Waldwege und in Häusereinfahrten, bis er schließlich mitten auf einem Bauernhof steht.
Da sitzt er nun, der Intellektuelle der Schweizer Rechten, der Chefredakteur der "Weltwoche", in seinem silbernen Volvo Kombi mit dem Zürcher Nummernschild, der Chiffre der Zivilisation, und wartet darauf, dass sein Navigationssystem zu ihm spricht.
Er ist auf dem Weg zu einem Landgut auf halbem Weg zwischen Zürich und der Urschweiz, es ist ein Ort, den man nicht nennen darf, weil die mittelständischen Unternehmer, die er dort trifft, keinesfalls erwähnt werden wollen. Er will einen Vortrag halten über "Liberalismus und Berge", in dem er die Bauern zu den großen Bewahrern der Freiheit erheben will, zu wahren Patrioten. "Bergluft macht frei" lautet sein Slogan.
Köppel schaut sich um, nichts tut sich auf dem Bauernhof, nicht einmal ein Hund bellt, da duckt er sich plötzlich hinter das Lenkrad und zischt: "Achtung, gleich kommt der Bauer aus der Tür und zielt mit der Flinte auf mich." Ein Grinsen zieht sich über sein Gesicht. Er kann über die Leute lachen, die er gleich zu Helden erklären wird.
Roger Köppel ist ein Mann Mitte vierzig, der ewig jung wirkt, mit seinen leicht verwuschelten Haaren, der runden Nickelbrille, er ist bemerkenswert schlank und trägt wie immer einen teuer aussehenden Anzug. Köppel passt nicht hierher, in diese Welt der Bauernhöfe, in die ländliche Schweiz, in der die Schweizerische Volkspartei, die SVP, in den vergangenen 20 Jahren mit ihrem Kampf gegen Europa, gegen Zuwanderung und für die marktliberale Wirtschaft zur stärksten Partei des Landes aufstieg.
Aber Köppel, der Journalist aus der Stadt, hat sich dieser volkstümlichen Partei und ihrem Anführer Christoph Blocher verschrieben, und es ist dieser Widerspruch, der Köppel über die Schweiz hinaus bekannt gemacht hat. Vor dreieinhalb Jahren hat er die Schweizer "Weltwoche" gekauft, die einst eine linksliberale Wochenzeitung war, klug, behäbig, politisch korrekt, und hat sie zu einem rechtskonservativen Meinungsmagazin umgeformt.
Er ist Chefredakteur und Verleger, und es kommt selten vor, dass er in seinen Kommentaren anderer Meinung ist als die Partei, der er selbst nicht angehört. Er verkörpert den Typus des polemischen rechten Intellektuellen, einer, der ausgerechnet in der kleinen, neutralen Schweiz lautstark rechte Parolen ausgibt, es sind Töne, die man hier bisher so nicht kannte: "Alle deutschen Minister, welche die Schweizer Grenze überschreiten, wären zu verhaften", fordert Köppel, nachdem in Deutschland eine CD mit gestohlenen Schweizer Bankdaten gekauft wurde. "Durch den Ankauf des Diebesguts macht sich Deutschland zum Hehler", sagt er in Talkshows. "Die deutsche Regierung stiftet Denunzianten mit Millionen an, Schweizer Recht zu brechen."
Köppel ist laut, schrill, provokativ, so anders als seine Landsleute, ein Unschweizer eigentlich. Er polemisiert gegen Sozialmissbrauch, Ausländerkriminalität, Feminismus und gegen Europa. Wenn er im Fernsehen auftritt, spricht er schärfer und eloquenter als mancher Politiker. Anfang Februar druckte er ein Titelbild, auf dem Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einer Peitsche den schweizerischen Finanzminister Hans-Rudolf Merz zureitet. Das Votum gegen die Minarette ist für ihn "kein Ausdruck von Angst, sondern von Mut". "Das Minarett ist das sichtbare Symbol der islamischen Landnahme", schreibt er.
Was treibt Roger Köppel? Will er nur provozieren, oder glaubt er wirklich, was er sagt und schreibt? Will er Aufmerksamkeit, oder geht es ihm um Erkenntnis? Ist er noch Journalist oder längst schon Politiker?
Später an diesem Tag, nachdem das Navigationssystem Köppel dann doch noch sicher über Hügel und Feldwege gelenkt hat, steht er in einem Konferenzsaal des Landgutes, vor ihm Handwerker, Kaufleute, Kleinunternehmer, Klinikdirektoren und Möbelhändler.
Köppel hält eine Rede, und er beschwört darin den Mythos einer Schweiz, die viele Kommentatoren in diesen Tagen in der Krise sehen, es ist die Schweiz des Bankgeheimnisses, des Rütli-Schwurs und des wehrhaften Wilhelm Tell. Köppel spricht wie ein Politiker, er geißelt die Dominanz des "Mainstreams" im Land, der nicht mehr an das bewährte Bild der Schweiz glaubt. Warum die Schweizer so sehr ihre Freiheit lieben? "Weil sie in den lebensfeindlichen Bergen wohnen und deshalb bewusst für sich selbst verantwortlich sein wollen", sagt er. Er preist die direkte Demokratie und die Klugheit des einfachen Mannes. Es gehört zu Köppels Widersprüchen, dass er, der Elitäre, an diesem Tag über die Eliten im Land schimpft.
Am Ende seines Vortrags, nachdem ihn sein Publikum gefeiert hat, meldet sich ein Mann und fragt, ob Köppel sich vorstellen könne, in ein paar Jahren der Schweizer Regierung anzugehören. "Von einem Publikum, das die ,Weltwoche' liest", sagt Köppel, "hätte ich kritischere Fragen erwartet." Mehr sagt er nicht.
Köppel war einmal ein linksliberaler Journalist, zunächst Sportredakteur der "Neuen Zürcher Zeitung", dann Kulturredakteur beim "Tages-Anzeiger". Bald wurde er Chefredakteur der angesehenen Wochenendbeilage "Das Magazin", er machte auf sich aufmerksam mit unpolitischem, originellem Journalismus.
Dann kam der Tag, an dem er Christoph Blocher traf, den Anführer der SVP, den Übervater der Schweizer Rechten, einen Mann, dem man in Köppels Kreisen mit Abscheu begegnete. Es war Frühjahr 2000, es sollte ein kurzes Interview werden, eine halbe Stunde, am Ende dauerte es drei Stunden, und Köppel hatte, sagt er, immer noch Fragen an ihn. Er wollte ihn wieder treffen, über ihn schreiben, positiv, anders als alle anderen.
Seit er ihn das erste Mal interviewte, ist Köppel zu Blochers Bewunderer geworden. Er verehrt ihn für seine natürliche Autorität und für seine Leistung, als Unternehmer ein Milliardenimperium aufgebaut zu haben und gleichzeitig die Schweizer Politik zu dominieren. Köppel sagt: "Nehmen wir an, wir säßen mit Blocher in einem Raum und müssten eine Aufgabe lösen. Ich garantiere Ihnen, egal, was diese Aufgabe ist, wir würden sie zuerst immer Blocher zu lösen geben." Die Führungsprinzipien von Blocher bewundert er: Mitarbeiter müssen sich unterordnen, dürfen nichts verlangen. Sie dürfen ihren Chef nichts fragen, weil das Beantworten von Fragen Energie raubt. Stattdessen müssen sie einen "Antrag" stellen.
Köppels weiterer Weg ist eng mit dem Blochers verbunden. Vor der Nationalratswahl 2003 gab Köppel, inzwischen als "Weltwoche"-Chefredakteur, eine Wahlempfehlung für Blocher ab, danach wurde Blocher tatsächlich in die Regierung gewählt. Blocher sei für ihn eine "Kernfusion aus Margaret Thatcher, Ronald Reagan und Franz Josef Strauß", hat er einmal geschrieben, und wenn man ihm vorwirft, Blocher nur nach dem Mund zu reden, vergleicht er ihn mit Diego Maradona. "Es hat keinen Sinn, Maradona schlechtzuschreiben. Er bleibt trotzdem der überragende Fußballspieler unserer Generation."
Köppel wechselte als Chefredakteur der "Welt" für zwei Jahre nach Berlin, bis er schließlich vom Tessiner Finanzier Tito Tettamanti das Angebot bekam, die "Weltwoche" als Chefredakteur und Verleger zu übernehmen. Köppel steckte sein gesamtes Erspartes in den Kauf und nahm Kredite auf, die er mit Aktien der "Weltwoche" absichern ließ. Von Blocher, wie so oft behauptet, kam kein Geld, sagt er. Tettamanti erwartete von ihm, das Blatt auf einem strammen Rechtskurs zu halten.
Seit seiner Rückkehr ist Köppel politisch so unerbittlich wie nie zuvor, und obwohl die Auflage der "Weltwoche" mit 81 000 Exemplaren deutlich hinter den führenden Tageszeitungen zurückbleibt, ist Köppel bekannter als jeder andere Schweizer Chefredakteur.
Er ist jetzt 44 Jahre alt und hat das Gefühl, dass er sich alles leisten kann: In der "Weltwoche" hat er sich von allen Mitarbeitern getrennt, die seinen rechtskonservativen Kurs nicht mittragen wollten. Der Verlag ist nun sein Labor, und die Mitarbeiter, die geblieben sind, dienen ihm als treue Begleiter, die da sind, um seine Thesen zu schärfen. "Ich brauche qualifizierte Gegenrede", sagt er, wenn sie nichts sagen. Er ist ein Chef, der niemandem verantwortlich ist, nur seinem eigenen wirtschaftlichen Erfolg. Und er liebt das so.
Schon als Kind musste er früh allein klarkommen. Beide Eltern gingen arbeiten, der Vater hatte ein Bauunternehmen, die Mutter kümmerte sich um die Buchhaltung. Als sich seine Eltern scheiden ließen, blieb er bei der Mutter. Sie starb, als er 13 Jahre alt war, er zog zu seinem älteren Bruder. Es war kein leichtes Schicksal, sagt er, aber aus der Bahn geworfen hat ihn das alles nie.
Seine Redaktion belegt eine Etage in einem Bürokasten im eher tristen Nordwesten von Zürich, 5. Stock, die anderen Etagen mietet der Springer-Konzern. Köppel sitzt im Konferenzraum an einem langgezogenen Eichentisch, seine Ressortchefs sind versammelt, es ist Mittwoch, der erste Tag für die Planung der neuen Ausgabe. "Wer war noch mal dieser berühmte deutsche Bankier unter Bismarck?", will Köppel wissen. Er will eine Anekdote erzählen, aber dazu braucht er erst den Namen. Wie hieß er denn noch? Die Frage ist auch ein Test. Weiß jemand, was er nicht weiß? Als niemandem in der Runde der Name einfällt, weiß er ihn plötzlich doch. "Das ist doch der, über den Fritz Stern geschrieben hat", sagt Roger Köppel. "Gerson von Bleichröder", sagt Köppel, und alle nicken beeindruckt davon, wie belesen er ist.
Es ist sein liebster Blick auf die Welt: Die anderen müssen erst entdecken, was er schon längst weiß, er ist ihnen immer mindestens einen Gedanken voraus.
Auch wenn es um dieses neue Werbeformat geht: Ein Hersteller von Basler Leckerli, einem Lebkuchengebäck, möchte gern eine Werbekampagne in der "Weltwoche" schalten, in der die Namen der Redakteure vorkommen. Der Werbespruch würde zum Beispiel lauten: "Roger Köppel, nehmen Sie den Mund nicht zu voll". Bei der Konferenz fragt er die Redakteure, ob sie damit einverstanden wären. "Hat jemand kategorisch ein Problem damit, dass sein Name verwendet wird?" Niemand sagt etwas. "Also ich habe damit kein Problem."
Es ist für ihn am Ende alles eine Frage der Definition, des richtigen Arguments. Wenn die Schweizer gegen das Minarett sind, ist das nicht Fremdenhass, sondern Freiheitsliebe, wenn sie für den Erhalt des Bankgeheimnisses sind, ist das keine Billigung von Steuerhinterziehung, sondern ebenfalls Freiheitsliebe.
In seinem Editorial auf der dritten Seite der "Weltwoche" schreibt er wöchentlich, was er so denkt. Es sind kursorische Fragmente seiner Weltsicht. "Warum sind Frauen so links?", fragt er im November 2007 und kommt zu dem Schluss, dass es etwas damit zu tun haben müsse, "dass sich Frauen weniger intensiv als Männer um die marktwirtschaftliche Sicherung ihrer Existenz bemühen müssen. Wie die Linke generell sind auch Frauen durch-aus geübt darin, Geld auszugeben, das andere zuvor verdient haben." Feminismus bezeichnet er als "Rache der weniger schönen Frauen an den Männern mit den schönen Frauen".
In der Schule, erzählt er, habe er darunter gelitten, dass sich andere gewählter ausdrücken konnten. Ihn schüchterte es ein, wenn Kinder klug daherredeten, er hasste diese wichtigtuerische Geheimnistuerei von Leuten, die sich für etwas Besseres hielten. Heute ist er das Wunderkind, und für Bescheidenheit ist er nicht gerade bekannt. Wenn er seine Karriere beschreibt, zitiert er gern Hegel: "Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug."
Manchmal rudert Köppel auch mächtig, wie vor gut einem Jahr, als er zunächst forderte, das Bankgeheimnis für ausländische Steuerhinterzieher abzuschaffen. Eine Woche später schrieb er das Gegenteil und verteidigt seither das Bankgeheimnis auf allen Kanälen. "Da habe ich mich einfach getäuscht", sagt er heute. "Ich habe die Dinge anfangs falsch eingeschätzt."
Nicht zum ersten Mal: Während der Finanzkrise beschrieb er die Bank UBS als zukunftsfähig. Eine Woche später erklärte die UBS, sie benötige Staatshilfe.
Köppel will aufklären im Namen der Rechten im Land, die von den anderen Medien nicht ernst genommen werden. Es geht ihm um eine "konsistente Grundhaltung", sagt er. Die kann man dann gern konservativ nennen oder auch "nationalkonservativ", selbst wenn er weiß, dass das als Schimpfwort gemeint ist.
Er will ideologische Orientierung und denen Argumente geben, die sich bisher nicht trauten, ihre Meinung zu sagen: dem vom Abstieg bedrohten Mittelstand. Es geht ihm darum zu zeigen, dass man auch als aufgeklärter Schweizer rechtskonservative Thesen vertreten kann. Er sieht sich als Eroberer von geistigem Niemandsland.
Von der Redaktion fährt er ins Kino in der Zürcher Innenstadt, er hat sich für den Film "Avatar" verabredet, mit seiner Frau und einem befreundeten Ehepaar, die beiden Frauen warten schon. Köppel ist aufgekratzt. Er bestellt 3-D-Brillen für alle, dann erzählt er von seiner Taxifahrt, die er für erwähnenswert hält, weil das Taxi ein Toyota war, eines jener Autos also, die gerade zurückgerufen werden, weil das Gaspedal oft nicht funktioniert. "Ich bin heute zu früh da", ruft Köppel seinem Freund zu, als der das Kino betritt: "Ich war schneller. Ich bin in einem Toyota gekommen."
Sein Freund lacht laut, er arbeitet schließlich in der Branche, und da findet man diesen Scherz natürlich lustig. Man darf es nur nicht laut sagen. Und deshalb senkt er auch gleich die Stimme. Er erinnert daran, dass sich in Amerika Leute schon zu Tode gefahren haben. "Darüber darf man keine Witze machen", sagt er.
Und Köppel schaut ihn nur an. Das war ja gerade der Punkt. ◆
"Feminismus ist die Rache der weniger schönen Frauen an den Männern mit den schönen Frauen."
Von Hujer, Marc

DER SPIEGEL 11/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 11/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

NATIONALKONSERVATIVE:
Der Unschweizer