15.03.2010

AFFÄRENAus der Spur

Die Schiedsrichter-Sexaffäre um Manfred Amerell eskaliert. Drei Zeugen berichten von angeblich systematisch geplanten Übergriffen. Der Ex-Funktionär hält mit Mails dagegen.
Die drei jungen Männer blicken nervös, einer errötet anfangs, wenn er spricht. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat belegte Brötchen kommen lassen. Es ist ein Airport-Hotel in Frankfurt, der Salon heißt Merkur, an der Decke hängen Lüster.
Die Männer wollen anonym bleiben, das haben sie sich zusichern lassen, sie sind allesamt Schiedsrichter, bis zur Zweiten Liga haben sie es gebracht, zumindest als Assistenten. Sie haben beschlossen, etwas zur Sprache zu bringen, das sie belastet. "Es muss weg von der Seele", sagt einer, und sofort sprudelt es aus ihnen heraus.
Das Schweigen, die Angst, behaupten sie, das alles habe ihnen den Lebensmut genommen, "die Lebensqualität, die Fröhlichkeit sind total zurückgegangen", sagt einer, der Älteste augenscheinlich.
Es sind die Zeugen in der sogenannten Sexaffäre um den ehemaligen Schiedsrichterfunktionär Manfred Amerell. Seit Wochen beschäftigt der Skandal den deutschen Fußball. Amerell, einem Hotelier aus Augsburg, wird sexuelle Belästigung vorgeworfen. DFB-Präsident Theo Zwanziger geriet in Bedrängnis, weil er Amerell allzu forsch und rechthaberisch öffentlich beschuldigte. Zwanziger hat es zugelassen, dass der junge Bundesliga-Schiedsrichter Michael Kempter sich in Interviews verbreitete, mit intimsten Details der angeblichen Annäherungsversuche seines Mentors. Amerell, der zurücktrat, aber die Belästigung bestreitet, konterte mit der Veröffentlichung privater Mails. Kempters Glaubwürdigkeit schwand, auch im DFB. Und Zwanziger sah sich zu einer Rücktrittsankündigung genötigt - für den Fall, dass er nicht recht behält.
Jetzt ist das Trio, das Amerell belastet, vielleicht Zwanzigers letzte Hoffnung.
Die Männer, zwischen Mitte zwanzig und Anfang dreißig, zwei davon Familienväter, erklären, sie seien aus freien Stücken gekommen. Die drei schildern ein systematisches Vorgehen Amerells, so nennen sie es. Es geht um Annäherungsversuche im Auto bei gemeinsamen Lehrfahrten zu höherklassigen Spielen, um geplante unbeobachtete Zweisam-keit, "Eins-zu-eins-Situationen" nennt es einer der Betroffenen im Fußballjargon. "Es ging von Küssen bis zu den Genitalien, bis zum Sich-dran-Vergehen", sagt einer. Der seelische Schock sei "immer noch da".
Ein Schiedsrichter spricht von Übergriffen in der Zeit von 2008 bis in dieses Jahr, der andere bezieht sich auf die Zeit zwischen 2005 und 2007, der dritte schildert Vorfälle aus dem Jahr 2009. Sie hätten jahrelang nicht gewusst, wem sie vertrauen sollten beim DFB. Sie wissen, dass Amerell die Vorwürfe abstreitet.
Natürlich hat Kempter den Anstoß gegeben, sich beim Verband zu melden. Aber ist das hier eine "Combo", wie die Gegenseite glauben machen wollte, eine Gruppe, die sich gegen Amerell verschworen hat?
Einer der drei sagt, er habe im Dezember mit Kempter über Kurzmitteilungen in Kontakt gestanden, da habe er sich ermuntert und in der Pflicht gesehen, eigene Erlebnisse anzuzeigen. Der andere wurde von Kempters Vertrauensmann, dem Schiedsrichterassistenten Jan-Hendrik Salver, zur Aussage ermutigt. Der dritte will erst Ende Januar erfahren haben, dass Kempter gegen den mächtigen Amerell, den Herrn der Schiedsrichter zumindest in seinem süddeutschen Regionalverband, ausgesagt hatte. Da schaltete er erst einmal für Tage sein Handy aus - so aufgewühlt sei er gewesen, so ratlos.
Doch wie hat Amerell die von ihm betreuten Schiedsrichter über Jahre zum Schweigen gebracht? "Man schämt sich und hat gedacht, das passiert einem nicht", sagt einer der Betroffenen.
Wie hat er solchen Druck ausüben können, war es Nötigung? "Für mich ist es Gewalt, wenn ich gegen den Willen eines Menschen etwas mache", sagt einer. Amerell war ein Vorgesetzter, er entschied über die Schiedsrichteransetzungen von der Regionalliga abwärts allein, er bestimmte, wer die Referees beobachtete.
Er habe oft den Begriff "in der Spur sein" benutzt; man sei nicht mehr in der Spur gewesen, wenn man Gefälligkeiten nicht geduldet habe. Und "wer nicht spurt, kommt in den Stall", habe es geheißen, das sei seine Drohung gewesen: kein Spieleinsatz, zu Hause bleiben.
Auch habe Amerell sich beschwert, wenn man als junger Schiedsrichter abends zu lange ausging oder wenn man mal die Freundin zum Spiel mitbrachte. Man habe sich für das Privatleben rechtfertigen müssen, so formuliert es einer, der jetzt nicht mehr aktiv ist. Amerell habe überall seine Informanten gehabt.
Die drei Schiedsrichter werden immer redseliger, sie machen sich gegenseitig Mut. Sie schildern ein mysteriöses Abhängigkeitsverhältnis. "Das kann man schwer erklären." Losgegangen sei es damit, dass der Funktionär Vertrauen aufgebaut habe mit einer Sonderbehandlung, dies sei "das Schema" gewesen. Amerell soll den Betroffenen vorab Einblick in geheime Informationen über Ansetzungen und die eingeteilten Schiedsrichterbeobachter gewährt haben, auch hin und wieder in die Fragen und Lösungen anstehender Regeltests.
Das setzte voraus, dass man allein war, und wenn man mit ihm allein gewesen sei, dann sei das für ihn eine Gelegenheit gewesen zu grapschen.
So vergehen zwei Stunden im Salon Merkur, Amerell wird als "selbstherrlich und herrisch" geschildert, lange steht die Frage im Raum, wie sich die Schiedsrichter gewehrt haben. "Man kann es über sich ergehen lassen oder ihn umbringen. Ich wusste nicht mehr weiter", sagt der Älteste, aufgewühlt. Der Jüngste sagt: "Er hat gewusst, bei wem er so weit gehen kann. Es gibt nur ein kleines Zeitfenster, in dem man reagieren kann. Wenn man das verpasst, kommt man nicht mehr zurück." Und er sei sicher, bei Kempter sei es genauso gewesen.
Manfred Amerell sei für ihn gestorben, sagt einer am Tisch, der ganz links sitzt. Neulich, als Deutschland gegen Argentinien spielte, um 20.47 Uhr, habe Amerell, der Manfred, noch einmal versucht, ihn anzurufen. Der Name erschien auf dem Display. Er ging nicht ran.
Nach dem Gespräch steigen die drei Schiedsrichter in den Zug und fahren nach Hause. Am nächsten Morgen liegt in Augsburg Schnee. Die Sonne scheint. Manfred Amerell empfängt den SPIEGEL in seinem Hotel im Ortsteil Haunstetten.
Gegen Kempter, den ersten Ankläger, wehrte sich Amerell, indem er intime SMS und E-Mails veröffentlichen ließ. Man sollte sehen, dass die Beziehung zwischen den beiden einvernehmlich war. Auch auf die Vorwürfe der neuen Zeugen ist Amerell vorbereitet.
Er hat einen DIN-A4-Ordner mit abgehefteten Mails mitgebracht, eine weitere Mappe, vier Mobiltelefone, auch noch das vom DFB darunter, es sind noch SMS gespeichert, die wichtig sein könnten. Amerell sieht hager aus, er wirkt gehetzt. Er sieht ein "Kartell" am Werk, eine "Mafia", das will er beweisen. "Da fallen Sie vom Stuhl", sagt Amerell. Kempter habe die drei Kameraden instrumentalisiert, weil er "Schützenhilfe" gebraucht habe, um seine Aussagen zu untermauern.
Amerell weiß ja, wer ihn belastet, das hat er bei einem Gerichtstermin in München erfahren. Nun will er belegen, dass sich alle gut kannten, sie leiteten Spiele im Team. Amerell hat sogar eine Mail ausgedruckt, die einer der drei an Kempter geschrieben haben soll - sie könnte darauf schließen lassen, dass die beiden einen intimen Umgang pflegten.
Amerell selbst hat offenbar regelmäßig elektronische Post in vertrautem Ton von den drei Schiedsrichtern erhalten. "Hi und guten Morgen mein Freund", heißt es da noch im Februar, eine Mail endet mit "lguk" - lieben Gruß und Kuss, soll das heißen.
Am 8. Februar genau sei dieser rege Kontakt abgebrochen, sagt Amerell, zwei Tage bevor Kempter erneut beim DFB aussagte. Das soll die Glaubwürdigkeit der Referees erschüttern.
Er selbst habe in der Affäre "nicht ein einziges Mal gelogen", beteuert Manfred Amerell. "Ich habe sie weder belästigt noch bedrängt. Das ist für mich entscheidend." Über anderes diskutiere er nicht. Und seine Wendung "in der Spur sein"? Dass man sich auf jemanden verlassen können muss, das bedeute das, "im Ablauf führbar sein".
Wie Chorsingen kämen ihm die ähnlich lautenden Anschuldigungen vor, sagt Amerell. Dann schließt er seinen Ordner.
Wer lügt? Wer sagt die Wahrheit? Gab es ein System Amerell? Vielleicht können Gerichte alles aufklären. Die Staatsanwaltschaft Augsburg prüft derzeit die Protokolle der DFB-internen Anhörungen daraufhin, ob ein Anfangsverdacht für einen Straftatbestand vorliegt.
Von Cathrin Gilbert und Jörg Kramer

DER SPIEGEL 11/2010
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