DER SPIEGEL



SPIEGEL-GESPRÄCH

Nicht ohne Liebe

Von Thimm, Katja und Hage, Volker

Der Schriftsteller Martin Walser, 82, über seine Tagebücher, sein zerrüttetes Verhältnis zu Marcel Reich-Ranicki und das Glück, Vater von Töchtern zu sein

SPIEGEL: Herr Walser, Sie führen seit langem Tagebuch. Mögen Sie uns erzählen, was Sie gestern Abend notiert haben?

Walser: Ach, das war ein ziemlich langer Eintrag. Ich war in Kopenhagen zu einer Lesung eingeladen, aus meinem Roman "Ein liebender Mann". Die Lesung war auf Dänisch. Und ich schaute immerzu auf den Schauspieler, der in dieser mir fremden Sprache aus meinem Buch vortrug und dachte: Diese Gesten, diese Mimik, das bin doch ich! Ich verstand alles, was er sagte, so ähnlich war er mir. Dabei kann ich kein Dänisch. Wie gut muss die dänische Übersetzerin gearbeitet haben! Das war ein Pfingsten, ein Sprachwunder.

SPIEGEL: Jetzt werden Ihre Tagebucheinträge aus den Jahren 1974 bis 1978 publiziert. Die Notizen aus den Jahren 1951 bis 1973 sind schon erschienen. Warum lassen Sie Ihre privaten Aufzeichnungen schon zu Lebzeiten veröffentlichen?

Walser: Weil diese Tagebücher sprachliche Biotope sind, in denen Sätze und Szenen emporwachsen. Und immer, wenn ich die Notizen für meine Romane ausgebeutet habe, merkte ich, dass sich diese Sätze und Szenen gehalten haben, selbst wenn sie 60 Jahre alt sind. Sie sitzen, und ich bin mit ihnen zufrieden. Mehr Begründung brauche ich nicht.

SPIEGEL: Haben Sie in dem Bewusstsein Tagebuch geschrieben, dass es einmal veröffentlicht werden würde?

Walser: Nein, nein, nein. Ich muss schreiben. Es ist eine Lebensart, eine Ausdruckssüchtigkeit. Eine Sitzung des Schriftstellerverbandes zum Beispiel, die kann ich in ihrer Detailverliebtheit nicht ertragen, ohne jedes Detail mitzuschreiben. Und wenn dann so etwas geschieht wie in diesem Jahr 76 - undenkbar, dass ich es nicht aufgeschrieben hätte.

SPIEGEL: 1976 war Ihr Roman "Jenseits der Liebe" erschienen, und Marcel Reich-Ranicki hatte in der "FAZ" geschrieben, es lohne nicht, auch nur eine Seite des Buches zu lesen. Es sei "ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman". Dabei hatten Sie auf seine Rezension hingefiebert, im wahrsten Wortsinn, begleitet von Bauchschmerzen.

Walser: So war es. Elendes Fieber.

SPIEGEL: Die "FAZ"-Überschrift lautete "Jenseits der Literatur". Fühlten Sie sich aus dem Reich der Dichter verwiesen?

Walser: Genauso habe ich es erlebt: als eine Exquartierung. Dabei war die Literatur das einzige Quartier, das ich von Anfang an brauchte: Ich bin hineingekommen wie in ein Paradies, ich habe nirgendwo sonst so viel Schönheit erlebt. Meinem Vater gehörte eine Ausgabe von "Robinson Crusoe", und als ich das Buch als Bub gelesen hatte, gab es nur noch Literatur. Und R-R sagt: "Jenseits der Literatur". Dabei hatte ich angenommen, es müsse bei Dichtern anders zugehen als bei Waffenfabrikanten. Ich bin immer gegen Machtausübung empfindlich gewesen. Und die Macht von R-R war illegitim, weil er sie nicht begründet hat. Er hat mir einfach vorgeworfen, ein revolutionärer Bajazzo und Kommunist zu sein.

SPIEGEL: Sie galten damals als ein Intellektueller mit Sympathien für die DKP.

Walser: Das hat ihm nicht gepasst, und so hat er meine Person rezensiert. Er hat mich zum Kommunisten gemacht, der ich nie war. Solch eine Machtausübung, die einem so weh getan hat, erlischt nicht. Ich habe notiert: Es habe doch etwas Gutes, so ein Misserfolg, dann sei man wenigstens froh über den Tod der Mutter - weil sie das alles dann nicht mitkriegt.

SPIEGEL: Wie haben Sie sich geholfen?

Walser: Ich fuhr zu meinem Verleger Siegfried Unseld. Und ich schrieb dabei. Ich musste schreiben. Ich verfasste eine Rede an R-R, einen offenen Brief, es ist der Tagebucheintrag vom 27. März. Es ist vielleicht komisch: Aber wenn man antwortet, geht es einem besser. Wenn man nicht antwortet, bleibt man der Gewatschte.

SPIEGEL: Allerdings riet Unseld Ihnen davon ab, den Brief zu veröffentlichen. Sie hatten darin gedroht, den Kritiker zu ohrfeigen. Sind Sie froh, dass Unseld Sie zurückhielt?

Walser: Ich glaube schon. Die Antwort kommt eben jetzt, mehr als 30 Jahre später. Ich war fast gierig darauf, dass diese Tagebücher nun endlich publiziert werden. Bei keinem anderen Band war es mir so wichtig. Es sollen schon noch die Leute lesen, die damals beteiligt waren.

SPIEGEL: Zeigen Sie sich nicht schutzlos?

Walser: Nur so schutzlos, wie ich war. Und bin. Ein Text, der einen einmal aus einer Situation befreit hat, hört nicht auf, einen zu befreien. Auf den Lesereisen hier und da werde ich den Brief an R-R noch und noch lesen - die ganze Strecke. Ich würde ihn natürlich heute nicht mehr ohrfeigen. Aber diese Lesereisen sind befreiend.

SPIEGEL: Auch wenn Sie ihn heute nicht mehr ohrfeigen würden, so haben Sie jetzt den nicht abgesandten Brief quasi nachträglich veröffentlicht. Erwarten Sie eine Antwort?

Walser: Schön wär's.

SPIEGEL: Der Kritiker solle bitte die Ankündigung der Ohrfeige und "ihre gelegentliche Ausführung" nicht für antisemitisch halten, haben Sie ihm im Brief angeraten. Wie kamen Sie 1976 auf eine derartige Idee - bevor Ihnen überhaupt Antisemitismus unterstellt wurde?

Walser: Das hieß doch nichts anderes als: Lassen Sie, bitte, unseren Zwist da, wo er hingehört, im Literaturbetrieb, und zerren Sie ihn, den Zwist, nicht vor ein Moralgericht, vor das er nicht gehört.

SPIEGEL: Nur zwei Jahre nach der Kränkung erschien Ihre Novelle "Ein fliehendes Pferd". Sie brachte Ihnen anhaltenden Erfolg - und Reich-Ranicki lobte Sie.

Walser: Das war so grotesk. Er wandelte meinen Erfolg in seinen um. Und niemand lachte ihn aus.

SPIEGEL: Allerdings erreichen Ihre Bücher seit dem Zerwürfnis mit Marcel Reich-Ranicki hohe Auflagen. Haben Sie je den Gedanken gewagt, er könne Ihnen tatsächlich zum Erfolg verholfen haben?

Walser: Ich brauche niemanden, der mich erst verreißt und anschließend lobt. Das ist allenfalls ein väterliches Verhalten in parodistischer Extremform. Was die Machtverhältnisse angeht, bleibt der Autor immer ein armes Kind.

SPIEGEL: Sie glauben, Reich-Ranicki wollte Sie mit diesem Lob zu seinem Geschöpf machen?

Walser: Es ist zwar lächerlich, aber so lässt sich das sehen.

SPIEGEL: Haben Sie an Rache gedacht?

Walser: Der Begriff der Rache entstammt nicht meiner Sprachwelt. Als ich 25 Jahre später das Buch "Tod eines Kritikers" schrieb …

SPIEGEL: … dessen Hauptfigur Marcel Reich-Ranicki auffällig ähnelt ...

Walser: … da habe ich diese Kritikerfigur ja auch nicht anders behandelt als alle meine anderen Romanfiguren: mit Liebe. Ich kann nicht ohne Liebe schreiben. Ich habe diesen Herrn auf die Ebene großer Romanhelden gehoben.

SPIEGEL: Oder zu einer Karikatur gemacht. Mit diesem Buch haben Sie immerhin den Vorwurf des Antisemitismus auf sich gezogen. Wenn Ihnen das Wort Rache nicht zusagt, dann vielleicht Empörung?

Walser: Seine Machtausübung war durch das "Literarische Quartett" ja noch verstärkt worden. Da saß ein Publikum, für das ein Buch hingerichtet wurde, das es nie zur Hand nehmen würde. Auch darauf war der Roman eine Antwort.

SPIEGEL: Hat Sie der Vorwurf, der Roman weise antisemitische Züge auf, härter getroffen als der Verriss Reich-Ranickis?

Walser: Der Vorwurf, in einem Roman antisemitisch geschrieben zu haben, ist der härteste Vorwurf überhaupt. Das kann sich jemand, dem dieser Vorwurf noch nicht gemacht worden ist, überhaupt nicht vorstellen. Auch die, die einem diesen Vorwurf machen, haben keine, keine, keine Ahnung, wie dieser Vorwurf weh tut. Sonst würden sie diesen Vorwurf

nicht machen. Also, das war dann der wirkliche Tief- und Schmerzpunkt meiner sogenannten Laufbahn. Ich konnte nur noch denken: Kennen denn die nicht, was ich geschrieben habe über Kafka, Proust, Rudolf Borchardt und andere, meine Aufsätze zum Thema Auschwitz, mein Stück "Der Schwarze Schwan"? Nein, sie kennen es nicht und beschuldigen drauflos, weil das der Zeitgeist gerade so will.

SPIEGEL: Im Tagebuch schreiben Sie auch über die Träume Ihrer Frau, über Hoffnungen und Ängste Ihrer vier Töchter. Haben die Frauen bei Ihnen zu Hause nie gesagt: Moment mal! Was geht unser Familienleben die Öffentlichkeit an?

Walser: Das haben wir sehr deutlich besprochen. Wenn Sie genauer hinschauen, also nicht den Stoff werten, sondern den Ausdruck, dann sehen Sie, dass es sich um bemerkenswerte Sprachstückchen handelt, die eben übers Private hinausreichen. Die Kinder hatten beim zweiten Band an einigen Stellen Anstoß genommen. Also hatte ich beschlossen, ihnen in Zukunft alles rechtzeitig zu zeigen. Ich habe ihnen das Manuskript per E-Mail zugeschickt: "Was Ihr raushaben wollt, streicht!" Die Kinder haben keine einzige Stelle gestrichen. Sie sind eben auch Sprachmenschen.

SPIEGEL: Ihre Frau tippt Ihre Tagebücher ab. Vielleicht hat sie heimlich etwas ausgelassen?

Walser: Nein, wie kann sie etwas nicht abgeschrieben haben? Das würde sie mir sagen. Sie würde sagen: "Du, das lass gefälligst raus!"

SPIEGEL: In einem früheren Tagebuch heißt es im April 1967: "Ich möchte wieder mit einer Frau schlafen. Aber es ist mir unmöglich. Ganz unmöglich mit Käthe. Sie weiß alles." Gerieten Sie über solche Sätze nie in Konflikte?

Walser: Bitte, das habe ich ungefähr acht Tage nach dem Tod meiner Mutter geschrieben. Verstehen Sie? Selbst wenn man dann mit jemandem schlafen möchte, dann geht das nicht. Basta. Käthe hat genau gewusst, was diese Stelle bedeutet.

SPIEGEL: Dennoch dringt etwas sehr Intimes an die Öffentlichkeit.

Walser: Wenn etwas richtig ausgedrückt ist, ist es nicht mehr "etwas sehr Intimes". Dass es dieser oder jener sprachlich nicht Erreichbare dann doch für "etwas sehr Intimes" hält, ist seine Sache.

SPIEGEL: Die autobiografische Erzählung "Montauk" von Max Frisch bezeichnen Sie als "Ehrlichkeitsattrappe". Verschweigen Sie in Ihren Tagebüchern bisweilen Ereignisse, die Ihnen zu nahegehen?

Walser: Nein. In solchen Fällen schreibe ich ganz von selbst in der dritten Person. Es gibt Genauigkeiten, die in der Ich-Form unglaubwürdig wären. Dafür gibt es ja persönliche Fürwörter! Ich ändere die Sätze auch nicht im Nachhinein. Allenfalls kürze ich sie. Das nenne ich die Unschuld der Hingeschriebenheit. Und ich würde nie eine Autobiografie schreiben. Das zwingt zu einer mir unangenehmen Art von Lüge. Die Lüge im Roman ist wunderbar. Sie ist eine Variation der Wahrheit. Aber die Lüge in den Memoiren, die möchte ich nicht.

SPIEGEL: Warum erwähnen Sie Ihren leiblichen Sohn Jakob Augstein nicht in Ihren Tagebüchern?

Walser: Es gab damals ja keine Lebensgemeinschaft mit ihm. In späteren Jahren, da traf ich mich mit ihm in Berlin, das wird man in den späteren Bänden, falls es sprachlich was gebracht hat, auch nachlesen können.

SPIEGEL: Als der SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein, der von Ihrer Vaterschaft wusste, 2002 starb, schrieben Sie in einem anrührenden Nachruf, er sei ein toller Kerl gewesen. Empfanden Sie nie Eifersucht auf ihn, weil er die Vaterrolle bei Ihrem Sohn ausfüllte?

Walser: Ich mochte ihn. Ich mochte den wirklich. 1998 haben wir gemeinsam ein Gespräch für den SPIEGEL geführt, über unsere Kindheit, über den Krieg, über alles Mögliche. Das war toll. Er durfte schon nicht mehr so viel trinken, wie er wollte. Ich durfte noch alles trinken. Verstehen Sie, der Jakob ist wunderbar, aber er lebte nie mit uns. Ich war immer glücklich, dass meine Mädchen Mädchen sind. Das ist ein nicht überbietbares Glück. Gestern Abend habe ich in Kopenhagen ein Theaterstück meiner Tochter Theresia besucht, und das Publikum hat ununterbrochen gelacht und begeistert applaudiert. In solchen Momenten bin ich so glücklich, wie ich es gar nicht sagen kann.

SPIEGEL: Söhne würden Sie weniger glücklich machen?

Walser: Ich kenne das ja nur vom Hörensagen: diese Beziehungsbelastungen, wenn die Kinder von Schriftstellern Buben sind. Damit hatte ich nie etwas zu tun. Ich bin ja aus einem Dorf, da sagen die Leute, wenn einer immer wieder Mädchen bekommt: Hauptsache ist, sie sind gesund. Ich sage: Hauptsache, sie machen die Welt schöner, als sie ist.

SPIEGEL: Drei Ihrer Töchter sind Schriftstellerinnen, eine hat den Schauspielberuf ergriffen. Wie kommen sie damit zurecht, einen berühmten Vater zu haben?

Walser: Einmal hat ein Zuhörer nach einer Lesung gesagt: Das wissen Sie schon, Herr Walser, dass Sie in der Literaturgeschichte nur als Vater von Johanna Walser auftauchen werden. Ich darauf: Etwas Schöneres kann mir nicht passieren. Alissa, mit ihrem neuen Buch, wird zurzeit öfter mit mir verglichen, obwohl ihr Roman wunderbar eigenständig ist. Allerdings, in den Tagebüchern heißt es jetzt einmal: Kinder, Geiseln in den Händen der Welt. Dass alles ein Kampf ist, darf nicht verschwiegen werden.

SPIEGEL: Geben Ihre Töchter Ihnen ihre Romane und Bühnenstücke vor der Veröffentlichung zum Lesen?

Walser: O ja.

SPIEGEL: Und dann sprechen Sie partnerschaftlich und gleichberechtigt darüber?

Walser: Zum Glück kommen wir aus, ohne partnerschaftlich und gleichberechtigt sein zu müssen. Es ist so, dass ich mich wahnsinnig freue, dass ich bei den Mädchen ein Talent sehe. Ein Talent, das sie ganz, ganz sicher nicht nur von mir bekommen haben können.

SPIEGEL: Zurzeit beherrscht Helene Hegemann das Feuilleton, eine Autorin, die fast Ihre Urenkelin sein könnte. Wie schätzen Sie deren Talent ein?

Walser: Wenn ich das lesen würde, könnte ich vielleicht etwas damit anfangen. Oder auch nicht.

SPIEGEL: Hegemanns Buch ist seit Wochen oben auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Ist das noch eine Kategorie für Sie - ein Platz auf der Bestsellerliste?

Walser: Die Liste ist ein Mittel gegen Verarmungsangst. Und die ist in mir drin, diese Angst: Aha, jetzt gibt es kein Geld mehr! Jetzt sind wir draußen. Man wird wohl, wenn man in anderer Hinsicht nicht erwachsen wird, auch in dieser Hinsicht nicht erwachsen. Früher rettete meine Mutter alles. Mein Vater hat Klavier gespielt, der Gerichtsvollzieher hat seinen Aufkleber ans Klavier geklebt, und den Vater hat es nicht gestört beim Spielen. Diese Angst vor der Not, die hört nicht auf. Das ist auch keine Einbildung.

SPIEGEL: Da muss für Sie 2004 der Bruch mit dem Suhrkamp-Verlag, dessen Autor Sie fast 50 Jahre waren, auch in dieser Hinsicht schmerzhaft gewesen sein. Man gab Ihnen damals die Rechte an Ihren Büchern nicht zurück.

Walser: Auch das war eine Machtausübung. Meine Bücher wurden zur Verramschung freigegeben. Doch das haben wir vor ein paar Wochen bereinigt.

SPIEGEL: Inwiefern?

Walser: Alle meine Bücher werden wieder normal lieferbar sein.

SPIEGEL: Werden auch wieder neue Bücher von Ihnen bei Suhrkamp erscheinen?

Walser: Mein Mund fühlt sich an wie zugenäht.

SPIEGEL: Es wirkt so, als räumten Sie gerade Ihr Leben auf.

Walser: Wenn, dann ordnet es sich von selbst. Ich beurteile das nur nach meiner Tätigkeit. So wie diese neue Novelle mit dem Titel "Mein Jenseits", die sich im Sommer von selbst hingeschrieben hat. Es war für mich sensationell, dass so eine Figur wie Augustin Feinlein von mir erzählt werden will. Als das Buch fertig war, habe ich gemerkt, dass ich vor fünf Jahren niemals über so ein Thema hätte schreiben können.

SPIEGEL: Sie meinen über das Altern?

Walser: Auch. Aber das Eigentliche ist etwas anderes. Ich wage es kaum in den Mund zu nehmen, es ist so offensichtlich. SPIEGEL: Versuchen Sie es trotzdem.

Walser: Augustin Feinlein hat Glaubenserlebnisse. Die Ausweglosigkeit in der Liebe macht ihn zum Glaubensspezialisten. Er entsinnt sich der Lehre eines Vorfahren, dass der Glaube größer ist als das, was wir wissen. Ich habe also aufgeschrieben, wie wichtig Glaubensempfindungen in einem Menschen sind, weil er sie nötig hat. Dabei habe ich doch eigentlich nicht so einen Kirchenfimmel.

SPIEGEL: Versöhnt Sie der Glaube mit dem Alter?

Walser: Sagen wir es so: Wenn ein Glaubensversuch etwas nicht schöner macht, kann man ihn auch lassen. Allerdings ist Glauben ja nicht etwas, das man positiv besitzt. Er ist eine andauernde Provokation. Die Größe des Glaubens wird kenntlich an der Größe des Unglaubens, so sagt es Kierkegaard. Also sagt man sich: Gut, werte ich das Ringen um den Glauben sportlich, das hält mich lebendig.

SPIEGEL: Im Dorf des Augustin Feinlein entwickeln alte Menschen sonderbare Eigenheiten, "Mödelen", wie es die Dorfbewohner nennen. Beobachten Sie bei sich selbst auch solche Mödelen?

Walser: Mödelen merkt man ja nicht selber. Aber diese Jenseitsorgie kommt ja nur dadurch zustande, dass dieser Augustin Feinlein aussichtslos ist bei einer Frau. Aussichtslosigkeit als persönliche Erfahrung. Dann die Anziehungskraft dessen, was unerklärlich bleibt, trotz allen Wissens. Ich habe mich gefreut, als Augustin Feinlein mir den Satz serviert hat: "Wir glauben mehr, als wir wissen".

SPIEGEL: In einem anderen Buch, dem Roman "Angstblüte", beschreiben Sie das Idealbild des Todes: "Man steht, denkt an nichts, fällt um, ist tot." Die meisten Menschen allerdings verlieren über Jahre Körperenergie und Geisteskraft und sterben langsam. Idealisieren Sie den Tod?

Walser: So wie es in "Angstblüte" steht, ist es doch schön. Wenn ich immer darauf hingewiesen werde, dass es so etwas gibt wie Tod und so ein Zeug, kann ich nicht viel sagen. Ich habe ganz wenige Leute in meinen Büchern sterben lassen. Wenn ich bei einem so wichtigen Vorgang so wenig Erfahrung habe, mische ich mich nicht naseweis ein. Ich bin ganz sicher, dass kein Mensch sagen kann, wie er reagieren wird, wenn es so weit ist. Deshalb schweige ich.

SPIEGEL: Sie haben sich immer in die Politik eingemischt. Wie gefällt Ihnen die Koalition?

Walser: Ich habe Frau Merkel ja im letzten Sommer bereits einen offenen Brief geschrieben, weil ich es nicht ertrage, wie Deutschland in diesen Afghanistan-Krieg mit hineinstolpert. Es provoziert mich, dass dieses Land so dumm regiert wird. Es tut mir leid, aber Frau Merkel, die ich achten kann und sympathisch finde, kommt mir außenpolitisch unreif vor. Kommt das von der DDR-Kindheit? Ich weiß es nicht. In allen anderen Zusammenhängen formuliert sie immer so, dass ich nicht nur ihre Gescheitheit spüre, sondern auch ihre erfahrungsgesättigte Lebendigkeit. Aber außenpolitisch? Da kommt sie mir vor, als sage sie etwas ihr Vorgesagtes nach. Das sollte sie einmal überprüfen!

SPIEGEL: Was sagen Sie dann zur Arbeit von Außenminister Westerwelle?

Walser: Noch nichts. Es ist schrecklich genug: Die Großmacht Amerika ist auch mit Obama lernunfähig, und die Mittel- und Kleinmächte werden durch Propaganda eingefangen. Das Ausmaß, in dem die Ängste vor den Taliban geschürt werden, dient einer systematischen geistigen Vorbereitung auf den Krieg. Und wenn er vorbei ist, wird wieder so ein Oberbefehlshaber sagen: Dieser Krieg mit seinen zwei Millionen Toten war ein entsetzlicher Irrtum. Es ist mir unbegreiflich, dass man in Deutschland den Krieg für ein Mittel der Politik halten kann. Es war mir mein ganzes Leben lang unbegreiflich.

SPIEGEL: Ist das Ihr politisches Credo?

Walser: Ich habe mich oft hin und her geschoben gesehen. Zuerst nach links, sogar über den Boden des Grundgesetzes hinaus, dann hat man mich nach den Reden gegen die deutsche Teilung und 1998 nach der Rede in der Paulskirche, mit der ich mich für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bedankt habe, zum Nationalisten gemacht. Sei es drum. Ich brauche keine Vorstellung von einer kontinuierlichen Idee in mir: Ich fasse mich an den Kopf oder an die Ohren, dann spüre ich mich. Das muss reichen. Als Identität. Meine Formel fürs Tätigwerden heißt seit längerem, dass etwas fehlt. Nicht nur mir, sondern überhaupt. Meine Muse heißt Mangel. Und im Politischen war und ist das der Mangel an Gerechtigkeit.

SPIEGEL: Und in der Literatur?

Walser: Schreiben bedeutet für mich, etwas so schön zu sagen, wie es nicht ist. Und wenn man es dann hingeschrieben hat, hat man den Mangel beantwortet. Der beantwortete Mangel macht die Welt schöner.

SPIEGEL: Herr Walser, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

MARTIN WALSER


"Leben und Schreiben. Tagebücher 1974 - 1978"


Rowohlt Verlag, Reinbek;


592 Seiten; 24,95 Euro.



Die Leipziger Buchmesse, die am Donnerstag beginnt und am Sonntag endet, hat sich immer mehr zu einem Ort der Begegnung von - hauptsächlich deutschsprachigen - Schriftstellern mit ihren Lesern entwickelt. Gut 2000 Veranstaltungen mit 1500 Autoren sind in diesem Jahr geplant. Die rund 2100 Aussteller kommen aus 39 Ländern. Aus Anlass der Messe hat der SPIEGEL ein Gespräch mit dem Schriftsteller Martin Walser geführt. Weitere Themen des Literaturschwerpunkts: Auffallend viele deutsche Autoren haben die kleine Form der Erzählung für sich entdeckt; der Brite Julian Barnes versucht in einem Essay, Gott auf die Spur zu kommen; Anne Webers Roman "Luft und Liebe" ist für den Buchpreis der Messe nominiert. Und in Köln, auf der Lit.Cologne, trafen sich Nobelpreisträgerin Herta Müller und der chinesische Künstler Ai Weiwei zu einem Gipfelgespräch über Kunst und Politik.


(*1) Ehefrau Käthe, Töchter Johanna, Alissa, Franziska, Theresia, um 1980.(*2) Oben: mit Petra Schmidt-Schaller, Ulrich Tukur 2007; unten: mit den Redakteuren Katja Thimm und Volker Hage in einem Hotel in Kopenhagen.

DER SPIEGEL 11/2010
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DER SPIEGEL 11/2010

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