22.03.2010

ZEITGESCHICHTESchlagkraft statt Sühne

Eine neue Studie untersucht die sexuellen Übergriffe deutscher Soldaten während des Krieges gegen die Sowjetunion - und zerstört die Legende von der sauberen Wehrmacht.
Was immer der Generalmajor auf dem Feldzug Richtung Osten an Gegenwehr, Not und Elend erlebte - nie vergaß er in seinem Kriegstagebuch auch die angenehmen Momente festzuhalten. Etwa wenn seiner Einheit ein Posten Rotwein oder Sekt in die Hände fiel, wenn es echten Bohnenkaffee zum Frühstück gab oder wenn sein Bataillon nach der Einnahme eines Dorfs mit dem weiblichen Geschlecht in Kontakt kam: "Auch ein Wohnwagen mit Damens für die tapferen Russen wird erbeutet; die Insassinnen sind allerdings durch das MG-Feuer leicht beschädigt, aber warum ziehen sie auch in den Krieg. 'Leckere Mädchen', meinen die Landser, als sie zurückkommen."
Der flapsige Eintrag des Artilleristen der 20. Infanteriedivision wirft ein Licht auf ein ebenso heikles wie bislang weithin unerforschtes Thema: das Sexualleben deutscher Soldaten an der Ostfront.
Dass die japanische Armee bei der Eroberung Chinas grausam hauste, ist bekannt; die Massenvergewaltigungen der Roten Armee beim Einmarsch ins Deutsche Reich sind Gegenstand vieler Bücher und Filme. Doch wie sich das Personal verhielt, das den größten und blutigsten Feldzug des Zweiten Weltkriegs bestritt, darüber lag lange ein Schleier des Nicht-wissen-Wollens. Bis in die neunziger Jahre hinein wurden die Verbrechen der Wehrmacht als Tabu behandelt.
Im Laufe des Krieges kämpften zehn Millionen Soldaten an der Ostfront, ihnen folgten SS-Männer und Polizisten, Eisenbahner und Bauarbeiter, Postbeamte, Verwaltungskräfte und Geschäftsleute, meist junge Kerle. Sie nahmen Dörfer und Städte ein, die fast nur von Frauen und Kindern bewohnt waren, die Männer kämpften an der Front.
Nach den ideologischen Vorgaben der Nazi-Planer sollten sich die Eroberer und Besatzer dort keusch und rassebewusst benehmen; es galt ja, Lebensraum zu erobern und nicht die dort wohnenden Frauen. So weit die Theorie.
Wie die Praxis ausgesehen hat, das ermittelte die Historikerin Regina Mühlhäuser vom Hamburger Institut für Sozialforschung. Sie wertete zahllose Quellen aus: Tagebücher, Feldpostbriefe und Augenzeugenberichte, den Schriftverkehr zwi-
schen verschiedenen Dienststellen und die Urteile von Wehrmachtsgerichten.
Ihre jüngst veröffentlichte Studie(*1) argumentiert gleich gegen zwei Mythen an: Da ist zum einen die Legende von der sauberen Wehrmacht, von Soldaten, die sich im Feld stets ritterlich verhalten hätten und ihr Begehren allein auf die in der Heimat harrenden Liebsten richteten. Und zum zweiten das Diktum feministischer Forschung, dass Gewalt gegen Frauen als Mittel der Kriegführung strukturell jedem von Männern geplanten und ausgeführten Krieg innewohne, ganz unabhängig von den Umständen.
Die Historikerin zeichnet hingegen ein differenziertes Bild: "Sexuelle Ge-waltverbrechen" seien "keine Ausnahme" gewesen, sie wurden von oben aber auch nicht befohlen. Allerdings legte Hitlers "Kriegsgerichtsbarkeitserlass" fest, dass Übergriffe von Soldaten gegen Zivilisten nicht geahndet werden mussten. Entsprechend konnten Truppenführer ihren Soldaten durch seltenes Einschreiten und laxe Sanktionen "Freiräume" ermöglichen.
Und die nutzten Landser offenbar häufiger aus, als Apologeten der Wehrmacht lieb sein kann. So beklagte etwa das Armeeoberkommando 9 schon im August 1941 mangelnde Disziplin, die Vergewaltigungen hätten merklich "zugenommen". Drei Monate später notierte ein Adjutant beim LV. Armee-Korps in Charkow: "Eine Russin wurde in den Keller eingesperrt und dort von 6! Soldaten, einer nach dem anderen, vergewaltigt."
Ein Infanterist berichtet in seinem Kriegstagebuch, wie er bei einer Einquartierung die Tochter der Familie vor einem deutschen Gefreiten beschützen musste: "Er war von zwei Oberwachtmeistern geschickt. Auch gestern hatte er das Mädchen in deren Auftrag geholt. Sie hatten es vergewaltigt."
Der Vernichtungsfeldzug, den die Deutschen im Osten führten, erleichterte solche Gewalttaten. Das Oberkommando der Wehrmacht verfügte, bei der Partisanenbekämpfung auch "gegen Frauen und Kinder jedes Mittel anzuwenden" - für Sadisten in der Truppe ein Freibrief, zu foltern und zu vergewaltigen.
Angehörige eines Reserve-Polizeibataillons berichteten in einer Vernehmung nach dem Krieg, wie ihr Hauptmann einen Schauprozess gegen eine gefangene junge Frau führte: Er stellte sie auf einen Stuhl, schlug sie und zog ihr die Unterwäsche aus. Er griff mit der Bemerkung in ihre Vagina, dass Spioninnen dort Nachrichten zu verbergen pflegten. Ein Untergebener musste die Frau anschließend im Türrahmen erhängen.
Auch der Völkermord an den Juden im Rücken der Front, maßgeblich begangen von der SS und ihren Schergen, bot reichlich Gelegenheit zu sexueller Gewalt. Jüdische Frauen galten sowieso als vogelfrei, Ghetto-Räumungen und Erschießungen waren häufig von Übergriffen begleitet. So schilderte 1965 ein Soldat der 46. Infanteriedivision vor der Staatsanwaltschaft München, wie er in einer SS-Unterkunft in Kertsch auf der Krim in mehreren Zimmern auf SS-Männer stieß, die jüdische Mädchen zum Sex zwangen - und sie später ermorden ließen.
Wie häufig sich Wehrmachtsangehörige sexueller Verbrechen schuldig machten, darüber wagt auch Regina Mühlhäuser keine Schätzung. Die Wehrmachtsgerichte verurteilten bis 1944 insgesamt 5349 deutsche Soldaten wegen "Sittlichkeitsdelikten", etwa für "Notzucht", "verbotenen Geschlechtsverkehr" oder "Unzucht mit Männern". Die Zahl der tatsächlichen Sexualdelikte ist fraglos weit höher.
Die Schlagkraft der Armee war wichtiger als Sühne - vor allem im Osten, wo, so ein deutscher Militärrichter zynisch, "die verletzte Frauensperson einem Volk angehört, dem der Begriff der Geschlechtsehre nahezu völlig entschwunden ist".
Auch der Oberbefehlshaber des Heeres Walther von Brauchitsch verteidigte seine Männer: Es sei unausweichlich, dass "auf sexuellem Gebiet da und dort Spannungen und Nöte auftreten, denen gegenüber man die Augen nicht verschließen kann und darf". Es sei "nicht angängig, einmalige Entgleisungen auf sittlichem Gebiete stets so zu ahnden, wie es bei normalen Verhältnissen angebracht ist".
Die Dienststellen versuchten daher, das Sexualleben ihrer Soldaten zu kanalisieren: Ab 1943 richtete die Wehrmacht auch im Osten Bordelle ein, insgesamt rund 20, unter anderem in Riga, Wilna, Charkow, Lemberg oder Smolensk.
Die Sorge galt dabei weniger der Unversehrtheit der einheimischen Frauen als vielmehr der Gesundheit der Soldaten. Bei den Sanitätsdiensten und Amtsärzten häuften sich Berichte über Lues oder Gonorrhö. Der Truppe wurde deshalb auferlegt, sich nach dem Geschlechtsverkehr in eigens eingerichteten "Sanierstuben" präventiv behandeln zu lassen.
Doch viele Soldaten unterliefen solche Vorschriften fürs Geschlechtsleben. Der Wirtschaftsstab Ost mahnte im März 1942 wohl vergebens: "Gemeinsame Trinkereien, intime Annäherung an einheimische Frauen und Mädchen, das Tanzen mit ihnen sowie die Gewährung von Gefälligkeitsfahrten in dienstlichen Fahrzeugen sind unter allen Umständen verboten." In den Städten der Etappe schlenderten Deutsche Arm in Arm mit einheimischen Frauen durch die Straßen oder posierten für Erinnerungsfotos. Einige Paare reichten Heiratsgesuche ein.
Angesichts der sexuellen Aktivitäten seiner Männer musste sogar der oberste Rassekrieger seine Vorgaben anpassen. Zwar betonte der Reichsführer SS Heinrich Himmler 1941, dass ihm jeder Verstoß gegen das Verbot von Sex "mit Frauen einer andersrassigen Bevölkerung" persönlich zwecks Sanktionierung zu berichten sei. Später aber lockerte er seine Haltung: "Unerwünschter Geschlechtsverkehr" sei "zu vermeiden, soweit es geht".
Im Mai 1943 empfahlen die Vorsitzenden Richter der SS- und Polizeigerichte in den besetzten Gebieten, das GV-Ver-bot vorübergehend außer Kraft zu set-zen. Andernfalls müsse man zu viele SS-Angehörige verurteilen - mindestens die Hälfte der Männer halte sich nicht daran.
(*1) Regina Mühlhäuser: "Eroberungen. Sexuelle Gewalttaten und intime Beziehungen deutscher Soldaten in der Sowjetunion 1941 - 1945". Hamburger Edition, Hamburg; 416 Seiten; 32 Euro.
Von Jan Friedmann

DER SPIEGEL 12/2010
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