22.03.2010

USADämonen im Kopf

Im Irak-Krieg rettet der US-Obergefreite Joe Dwyer einen Jungen. Das Foto macht ihn zum Nationalhelden. Fünf Jahre später tötet er sich mit Chemikalien. 2009 starben mehr US-Soldaten durch Suizid als auf dem Schlachtfeld im Irak.
Am Nachmittag eines Sommertages wird die Polizei von Pinehurst im US-Bundesstaat North Carolina zu einem weißen Farmhaus gerufen. Pinehurst ist eine idyllische Kleinstadt mit Wäldern, Plantagen-Architektur und acht Golfplätzen. Es gibt viele Rentner, die Polizei hat meist nicht viel zu tun. Aber zu dieser Adresse sind die Beamten in den vergangenen Monaten immer wieder gekommen. Der Eigentümer, ein junger Mann, hatte sich in seinem Haus verschanzt, mit seinen Pistolen und seinem Gewehr.
Diesmal brechen die Polizisten die Tür auf. Der Mann liegt auf dem Boden und ringt nach Luft. Er ist besudelt mit Kot und Urin. Um ihn herum liegen Dutzende leere Sprühdosen, Marke "Dust-Off". Mit dem Spray kann man Computer reinigen. Man kann sich auch damit betäuben. Nur irgendwann schädigt die Chemikalie das Herz und die Lunge. "Hilf mir, ich kann nicht atmen", fleht der Mann einen der Polizisten an.
Eine Taxifahrerin hatte die Beamten gerufen. Sie fuhr den Mann seit Monaten jeden Tag zu Geschäften in der Umgebung, wo er sich die Sprühdosen kaufte. Sein eigenes Auto hatte er zu Schrott gefahren, als er einem Gegenstand am Straßenrand auswich. Er hielt ihn für eine irakische Bombe.
Der Mann hieß Joseph Dwyer, er war ein Hüne mit rotbraunem Haar.
Er stirbt an diesem Junitag 2008, gerade 31 Jahre alt, auf dem Weg ins Krankenhaus. Ein paar Tage später wird er beerdigt, mit militärischen Ehren. Am Ende fällt ein Offizier vor Dwyers Ehefrau Matina auf die Knie. Er überreicht ihr die gefaltete Flagge von Joes Sarg - eine Ehrenbezeugung der Armee der Vereinigten Staaten von Amerika.
Denn Joe Dwyer, allein und kläglich umgekommen, war ein Held der USA. Es gibt ein Foto von ihm, auf dem er einen kleinen irakischen Jungen in Sicherheit bringt, gleich nach einem Feuergefecht. Zeitungen in ganz Amerika druckten im März 2003 die Aufnahme auf ihrer Titelseite. "Es war das Bild des Krieges, das jeder sehen wollte", sagt Warren Zinn, der Fotograf. Denn so wollte Amerika sich selbst sehen: mutig, mitfühlend, helfend und mit besten Absichten im Nahen Osten. Vielleicht hat Joe Dwyer den Irak-Krieg nicht überlebt, weil er wirklich so war, wie Amerika gern sein wollte.
Matina, Joes Witwe, trägt ihre braunen Haare kurz, um den Hals baumelt ein filigranes Silberkreuz. "Joseph hat nicht Selbstmord begangen", sagt sie. "Er ist an seinen Kampfwunden im Kopf gestorben." Sie sitzt in einem Restaurant in Pinehurst, stochert in ihrem Hühnersalat und sagt Sätze, um die sie lange ringt. "Es gibt mir Frieden, dass er nicht mehr jeden Tag mit seinen entsetzlichen Erinnerungen kämpfen muss", zum Beispiel, oder: "Ich kann nur deshalb ertragen, dass er tot ist, weil das vielleicht seine Art war, anderen zu helfen."
Denn ein Psychologe der US-Armee begann, nachdem er Dwyer traf, neue Therapien zu entwickeln, um verstörten Kriegsheimkehrern zu helfen.
Joe Dwyer litt an Posttraumatischer Belastungsstörung, PTBS. Immer mehr Soldaten kehren mit dieser Krankheit heim nach Amerika, aber auch nach England und Deutschland. Etwa jeder fünfte US-Uniformierte, der den Krieg am Hindukusch oder am Euphrat überlebt, quält sich mit traumatischen Neurosen. Schätzungsweise 300 000 US-Veteranen leiden an PTBS, viele trauen sich nicht zum Arzt, aus Angst, für verrückt erklärt zu werden. Nur die Hälfte derer, die ihre Scham überwinden, werden bisher wenigstens "minimal ausreichend" behandelt, so das Ergebnis einer Studie der US-Denkfabrik Rand Corporation.
Im Jahr 2009 starben mehr US-Soldaten durch Suizid (334) als auf dem Schlachtfeld im Irak (149). Schon 2008 stellten Militärärzte fest, dass jeden Monat 1000 Veteranen versuchen, sich das Leben zu nehmen. Weit über 100 Ex-Kämpfer aus dem Irak und aus Afghanistan sind durchgedreht und haben Menschen getötet; ein Drittel der Opfer waren Freundinnen, Ehefrauen oder andere Familienmitglieder.
Die ersten Zeichen dieser Epidemie bemerkt John Fortunato vor fünf Jahren. Der Psychologe der US-Armee arbeitet auf der Basis Fort Bliss in El Paso, Texas. Die jungen Irak-Heimkehrer, die damals vor seinem kleinen Praxiszimmer war-ten, sprechen von Schuld, Panik, Wut und Gedanken, die sie Tag und Nacht verfolgen.
Er verschreibt Pillen, ebenso wie die anderen Armee-Psychologen. Wenn er Zeit hat, redet er auch mit den Soldaten. Meist aber schreibt Fortunato am Ende nur Gutachten. Er entlässt die Soldaten aus der Armee, untauglich für den Krieg, aber auch untauglich fürs Leben.
Als Fortunato 2006 ein solches Gutachten für seinen Patienten Joe Dwyer schreiben muss, geht ihm das nah. "Dwyer war ein feiner Kerl mit viel Humor", sagt Fortunato. Sein langsamer Verfall bewegt den Psychologen, selbst ein Behandlungszentrum aufzubauen, um aus den Kriegswracks wieder Menschen zu machen. 2007 werden die Baracken feierlich eingeweiht, Offiziere halten Reden, ein General durchschneidet das Band.
Joe Dwyer ist 24 Jahre alt, als er sich zur Armee meldet. Er wird in El Paso stationiert und sitzt mit vier Kameraden in einem fensterlosen Zimmer, Sanitätsdienst. Die vier - Joe Dwyer, Dionne Knapp, Angela Minor und ihr Chef Jose Salazar - mögen sich. "Wir haben über das gesprochen, was uns berührt, das tiefgehende Zeug", sagt Dionne Knapp, eine junge, ernste Frau mit Locken und einer kleinen Zahnlücke. "Joe war der kleine Bruder, den ich nie hatte." Die anderen Soldaten nennen sie die "vier Musketiere".
Dann bekommt eine von ihnen, es ist Dionne, ihren Marschbefehl in den Irak. Sie sagt zu Joe, sie könne ihre beiden Kinder nicht alleinlassen. Sie würde eher desertieren, als in den Krieg zu gehen. Am nächsten Tag meldet sich Joe bei seinem Vorgesetzten. "Warum schickt ihr nicht mich?"
Im Februar 2003 bringt Matina ihren Mann zum Bus. Er erzählt ihr, dass er in ein Krankenhaus in Kuwait abkommandiert werde. Das stimmt nicht.
Joe Dwyer wird dem 7. Kavallerieregiment zugeteilt, einer legendären Einheit, der "Spitze der Speerspitze" beim Marsch auf Bagdad, so ein Offizier. "Es dauerte 21 Tage bis nach Bagdad", sagt Dwyer später. "Wir hatten vier Tage, an denen nicht auf uns geschossen wurde."
Auch der Fotograf der "Army Times", Warren Zinn, ist mit Dwyers Einheit unterwegs. Am fünften Kriegstag muss der sechs Kilometer lange Tross von US-Armeefahrzeugen vor einer zerstörten Brücke anhalten. Links und rechts schlagen irakische Raketen ein. Auf einmal läuft ein Iraker mit einem verletzten Jungen im Arm auf den Konvoi zu. Dwyer rennt als Erster aus der Deckung, ihm entgegen. Er nimmt das Kind in seine Arme und dreht sich um. In diesem Moment drückt Zinn auf den Auslöser. Ein anderer Sanitäter zieht später einen Granatsplitter aus dem Knie des Jungen. Er ist vier Jahre alt, er heißt Ali.
Das Foto geht um die Welt. Dwyers Frau Matina sieht das Bild bei der Arbeit auf der Titelseite der großen Tageszeitung "USA Today". In North Carolina sieht auch Dwyers Mutter Maureen das Bild. Sie hat eine Vorahnung - dass ihr Sohn nie mehr heimkehren werde.
Aber im Juni kommt Joe Dwyer dann nach Hause, nach nur drei Monaten im Irak. Er ist dünn geworden, ernst, einsilbig. Er trifft eine Abmachung mit Matina: Er will nichts erzählen, sie will von all dem Schrecklichen auch gar nichts hören. Dass sie genau das Falsche tun, wissen beide nicht.
Zurück bei der Truppe in Fort Bliss, verfolgt Joe nun dauernd am Computer, wo seine Einheit im Irak gerade steht. Er kauft sich zwei Pistolen und ein Gewehr. Damit ballert er auf dem Schießplatz herum. Er flippt aus, wenn ein Karton am Straßenrand liegt. Ist es eine Bombe? Im Restaurant wählt er immer einen Platz mit dem Rücken zur Wand, damit sich niemand von hinten anschleichen kann.
Als die Musketiere auseinandergehen, wird es schlimmer. Dwyer ruft fast jeden Tag bei Angela an. Dann weiß sie, dass er in seinem weißen Ford Taurus bei "Best Buy" auf dem Parkplatz steht und trinkt. Bier, zwölf Dosen hintereinander. Und er fängt an, "Dust-Off" zu schnüffeln. Um endlich, nur einen Moment lang, Ruhe zu haben vor seinen Dämonen im Kopf. Einmal, bedröhnt, wagt er, Angela ein paar Sätze zu erzählen. "Er sah Menschen sterben. Er sah Kinder sterben", sagt Angela.
Joe spricht von einem anderen irakischen Jungen. Der Junge sieht ein Gewehr auf dem Boden liegen. "Heb es nicht auf, heb es nicht auf", fleht der Soldat neben Joe leise. Der Junge hebt das Gewehr aber auf. Die Soldaten erschießen das Kind. "Ich weiß nicht, wer abgedrückt hat. Joe wollte nicht, dass wir es wissen. Er fühlte sich schuldig. Er hat nach Vergebung gesucht", sagt Angela, die Vertraute.
"Er fühlte, dass es für ihn keine Vergebung gab", sagt Matina, die Ehefrau.
Joe und Matina leben in einer bescheidenen Wohnung im ersten Stock der "Vista Village Apartments". Joe öffnet die Wohnungstür bald nur noch mit einer Pistole in der Hand. Jeden zweiten Abend, wenn Matina aus dem Büro nach Hause kommt, hält er seine eigene Frau für einen Iraker. Er ist ja im Krieg.
Dann wartet sie Stunden vor dem Haus in ihrem Auto. Bis er sich ohnmächtig geschnüffelt hat oder die Wahnvorstellungen vorbei sind. In der Nacht liegen die beiden nebeneinander, alle halbe Minute inhaliert Joe das Aerosol. Oder er liegt im Wohnzimmer auf dem Fußboden. Durch die Tür hört Matina das Geräusch der Sprühdose. Zschsch. Zschsch.
Sie fleht ihn an aufzuhören.
Zschsch. Zschsch.
Sie kniet sich neben ihn auf den braunen Teppich, mit der Bibel in der Hand. Sie liest laut: "Und ob ich schon wanderte im finstern Tal." Sie betet: Gott, mach, dass es aufhört.
Zschsch. Zschsch.
Matina Dwyer sagt, sie könne das Geräusch einer Sprühdose nicht mehr ertragen.
Dwyers Freunde sind schließlich so besorgt, dass sie beschließen, etwas zu tun. Angela Minor überzieht ihr Konto und fliegt aus New York ein. Zu dritt wollen sie Joe überzeugen, zumindest seine Waffen abzugeben.
Joe hat Freudentränen in den Augen, als er die drei sieht. Aber seine Waffen aufgeben? Niemals. Er denkt ja, er sei im Irak. Es ist ja Krieg. Der Plan der drei Freunde scheitert. Dionne ruft am nächsten Tag bei Beratungsstellen und Krankenhäusern an. Hilfe bekommt sie nicht.
Kurz danach, am 6. Oktober 2005, gegen neun Uhr abends, wird die Polizei zu den Vista Village Apartments gerufen. Joe Dwyer schiebt einen Spiegel aus dem Schlafzimmerfenster seiner Wohnung, um Iraker im Dämmerlicht auf dem Dach zu erspähen. Er gibt per Telefon im Militärcode die Koordinaten für einen Luftschlag durch. Er will Kampfjets zu seiner eigenen Adresse dirigieren. Dann hört er ein Geräusch: Iraker, die einbrechen wollen?
Der Obergefreite Dwyer feuert. Durchs Fenster, in die Wand, in die Decke, mehr als 200-mal. Texanische Polizisten fackeln nicht lange mit Leuten, die in Wohnkomplexen herumballern. Aber jetzt ist Dwyers Vorgesetzter zur Stelle, er zeigt dem Leiter des Einsatzkommandos das Foto. Er sagt ihm, dass der Irre, der da schießt, ein amerikanischer Held ist, selbst Sohn und Bruder von Polizisten.
Die Beamten rufen Joes Bruder Brian in Long Island an, ihren Kollegen. Brian sitzt im Pyjama auf der Couch in seinem Wohnzimmer, er redet mit seinem kleinen Bruder. Nach drei Stunden ergibt sich Joe.
Am nächsten Tag schreibt Dionne dem Kommandanten von Fort Bliss eine Mail. "Das Militär, das stolz war, ihn als Helden vorzuzeigen, hat ihn im Stich gelassen", klagt sie. Nach der Schießerei wird Joe stationär behandelt. Er bekommt Medikamente, Gesprächstherapie. Ein anderer Veteran, der selbst an PTBS leidet, kommt jeden Tag, um mit ihm zu reden.
Aber nichts hilft.
Dwyer wird ehrenhaft aus der Armee entlassen. Ein gutes Jahr später, am 10. Juli 2007, wird in Fort Bliss das "Restoration and Resilience Center" eingeweiht.
Fortunato hat ein kleines Büro links vom Eingang der Tagesklinik. Er hat kurzgeschorene Haare und trägt Khaki-Hosen, seine Bürostühle und Bücherregale sind praktisch. Auf Äußerlichkeiten kommt es ihm nicht an. Fortunato ist Benediktiner-mönch, aber er war auch als Soldat in Vietnam. Als er von dort zurückkam, lag er "jedes Mal im Dreck", wenn ein Auto eine knallende Fehlzündung hatte. Wenn ein Soldat im Gespräch darauf beharrt, es gehe ihm prima, antwortet Fortunato: "Du glaubst wirklich, das geht schon irgendwie weg? Geh zur Brücke hier am Gaywick Boulevard, da sind die obdachlosen Jungs in meinem Alter. Scheint nicht weggegangen zu sein."
Ein Kriegstrauma erzeugt meist drei typische Verhaltensweisen: Soldaten vermeiden Situationen, die ihnen Angst machen. Wie Joe Dwyer, der nicht mehr ins Kino geht.
Immer wieder müssen sie sich erinnern: In ihrem Kopf laufen Filme in der Endlosschleife. Filme mit toten Kameraden, Filme, in denen sie selbst jemanden töten.
Und sie stehen ständig unter Strom. Im Kampf müssen alle Sinne des Soldaten geschärft sein. Im Krieg kann man nur so überleben. Im Frieden geht man so kaputt. "Nach einer Weile", sagt Fortunato, "ist das zentrale Nervensystem wie frittiert."
Die erste Antwort der Medizin darauf sind Beruhigungstabletten. In der Gesprächstherapie sollen die Soldaten dann von den Filmen im Kopf erzählen, um ihnen ihre Wucht zu nehmen. Es hilft, so etwas mit anderen zusammen zu machen, die Ähnliches erlebt haben. Aber oft hilft es nicht genug.
Fortunato hat deshalb für sein Programm neun Stellen in der Psyche von Soldaten identifiziert, an denen er eingreift. Zuerst versucht er, die Nervosität zu bekämpfen, die ständige Anspannung. Der Kopf mache den Körper verrückt, sagt Fortunato. Also soll sich wenigstens der Körper entspannen. Dazu gibt es Akupunktur, es gibt Massagen und Bio-Feedback, es gibt Reiki, eine japanische Methode - "das Abgefahrenste, was wir hier machen". Reiki ist ein bisschen wie Handauflegen, sagt Fortunato. Seine Vorgesetzten zeigten ihm anfangs den Vogel.
Zweimal die Woche spielen die Soldaten Wasserball. "Es hilft, sie wieder zu sozialen Wesen zu machen. Wie sollen Pillen das tun?", fragt Fortunato. Auch seine Patienten nehmen Psychoarzneien. Aber nur halb so viele, wie Ärzte ihnen sonst verabreichen.
Jeden Donnerstag müssen die Soldaten raus. Für jemanden, der in Falludscha im Häuserkampf war, ist der furchteinflößendste Ort Amerikas das örtliche Einkaufszentrum. "Die Soldaten nennen Wal-Mart das Reich des Bösen", sagt Fortunato - viele Menschen, unübersichtlich, schwer kontrollierbar. Also marschiert der Therapeut mit seiner Truppe immer wieder dorthin. Wenn die Panik kommt, müssen seine Patienten mit Atemtechniken versuchen, die Angst in den Griff zu bekommen.
Etwa 60 Prozent von ihnen sind nach seiner Behandlung gesund genug, um an die Front zurückkehren zu können. Normalerweise gelten 30 Prozent schon als Erfolg. Jeder Soldat, der wegen PTBS ausscheidet, rechnet Fortunato vor, kostet die Armee 350 000 Dollar. Fortunatos Programm kostet pro Patient gut 28 000 Dollar. Er sagt: "Mir sind die Zahlen egal, mir geht es um die Soldaten. Aber so habe ich es verkauft."
Inzwischen hatte Fortunato Besuch von so ziemlich jedem, der im US-Militär Rang und Namen hat: Verteidigungsminister Robert Gates war da, dazu Admiral Michael Mullen, der höchste Offizier Amerikas. Auch Senatoren und Kongressabgeordnete kamen, europäische Spitzenmilitärs.
Das Problem wird drängender, je länger der Krieg im Irak dauert, je gewalttätiger die Kämpfe in Afghanistan werden. Und es scheint, als sei Fortunato am weitesten vorangekommen.
Matina Dwyer sagt, ihr Mann habe sich oft gewünscht, dass er im Krieg ein Bein verloren hätte. Und nicht die Seele. Sie sagt, dass "Dr. Fortunato uns Dinge erklärt hat, von denen wir nichts wussten". Wie wichtig es ist zu reden, zum Beispiel.
Joe Dwyer bekommt nach seiner Entlassung als vollständig Behinderter eine Rente von 2700 Dollar. Er zieht mit Matina zurück nach North Carolina zu seinen Eltern, in deren wunderschöne Backsteinvilla mit Bootssteg direkt an einem See. Aber Joe wird den Irak nicht los, auch hier nicht. Er angelt jetzt, 16 Stunden am Tag. Er fährt ziellos mit seiner Har-ley herum. Er freut sich über seine neugeborene Tochter. Aber das Baby schreit, sobald der Vater nur in seine Nähe kommt.
Es wird schlimmer, als Dwyer das Ranchhaus in Pinehurst kauft. Rosenbüsche blühen davor, es riecht nach Kiefern. Aber Joe schließt die Rollläden und spielt Krieg am Computer. Er kauft sich ein AR-15-Gewehr. Als Matina es ihm wegnehmen will, droht er. "Jemand wird sterben." Im August 2007 kommt er noch einmal für ein gutes halbes Jahr in ein Veteranenkrankenhaus. Nach fünf Tagen zu Hause schnüffelt er schon wieder. Matina nimmt ihre Tochter Meagan und zieht aus.
Drei Monate später stirbt Joe Dwyer.
Kurz danach kommt Fortunato nach North Carolina. Er trifft sich mit Matina und mit Dwyers Eltern. Er überreicht ihnen Joes Erkennungsmarke. Er erzählt der Familie von seinem neuen Behandlungszentrum und davon, dass er Joes Foto groß an eine Säule im Eingang gehängt hat. "Es war schön, das zu hören", sagt Matina. Aber auch schwer: "Warum konnte Joseph das alles nicht haben?"
Dionne Knapp, Joes Kameradin, denkt viel daran, dass sie jetzt vielleicht an ihren Erinnerungen zugrunde gehen würde, wäre nicht Joe an ihrer Stelle in den Krieg gezogen. Warren Zinn, der Fotograf, hat später noch einmal Ali, den kleinen Jungen auf dem Foto, im Irak besucht. Ali hat überlebt, aber er kann kaum gehen. Und Maureen Dwyer, Joes Mutter, denkt an das Foto von Joe auf den Titelseiten der Zeitungen. Sie denkt an ihre Vorahnung, er werde nie zurückkommen.
"Und er ist nie zurückgekommen." ◆
"Nach einer Weile ist das zentrale Nervensystem wie frittiert."
Von Meyer, Cordula

DER SPIEGEL 12/2010
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