22.03.2010

Die letzte Priesterin

Musikkritik: „New Amerykah Part II - Return of the Ankh“, die neue CD der Sängerin Erykah Badu
Der Zauber dieser Sängerin beginnt mit ihrem Namen: Erykah Badu. Als sie auf die Welt kam, hieß sie noch Erica Abi Wright, 1971 war das, im Süden der texanischen Stadt Dallas, ihre Mutter war Schauspielerin, ihr Vater verließ die Familie früh. Doch schon als Teenager verwandelte sie das gewöhnliche "i" in ein geheimnisvolles "y", schrieb das unauffällige "c" in ein "k" um und hängte dem Ganzen ein stilles "h" an. Fertig war die Erykah. Und dann "Badu". Im Arabischen hat das Wort etwas mit Licht und Wahrheit zu tun, das sagt die Badu zumindest selbst, vor allem ist es aber ein Name mit einem Silbenfluss wie Worte im Scat-Gesang des Jazz.
Tatsächlich rufen die Background-Sängerinnen ihre Chefin des Öfteren auch so auf die Bühne: "Baduuu, Baduuu, Baduuu, Baduuu." Und dann taucht sie auf. Sie ist nicht groß, trotzdem wirkt sie so, wahrscheinlich weil sie sehr schlank ist. Meist hat sie ein buntes Tuch um die Haare geschlungen; auf der Bühne angekommen, macht sie ein paar elegante Tanzbewegungen und beginnt das Publikum in ihren Bann zu ziehen.
Erykah Badu ist die Hohepriesterin des Soul, die wahrscheinlich letzte. Denn die Idee dieser Musik, die Anfang der Sechziger antrat, um den Gospel zu modernisieren, indem die himmlische Liebe zu Gott durch die irdische Liebe zum Mitmenschen ersetzt wurde (ohne darüber freilich den Herrn zu vergessen), funktionierte ja nur so lange, wie es die dazugehörige Gemeinde auch wirklich gab, das schwarze Amerika der Bürgerrechtsära. Dieses ist aber heute zersplittert. Die schwarze Mittelschicht hat sich längst in die gleichen Vororte abgesetzt wie die weiße. Die schwarze Unterschicht aus den armen Innenstadtgegenden will von Solidarität und Idealen nichts mehr wissen und hört am liebsten rabiaten Ellbogen-HipHop.
Bleibt Erykah Badu, die mit ihrer Musik versucht zusammenzuhalten, was langsam, aber sicher auseinanderfällt. "New Amerykah Part II - Return of the Ankh" heißt ihr neues und fünftes Studioalbum, der zweite Teil einer Serie, die sie vor zwei Jahren mit "New Amerykah - 4th World War" begann.
Jene Platte war ein großer und wütender Kommentar auf die Euphorie, die den Obama-Wahlkampf begleitete, das Cover zeigte eine Zeichnung ihres Gesichts, aus der riesigen Afrofrisur wuchs eine Welt heraus, die von Drogen, Gewalt und Rassismus zerfressen wurde. Badu weigerte sich demonstrativ, daran zu glauben, dass unter einem anderen Präsidenten alles besser werden würde. Ganz anders das neue Album. Für "Return of the Ankh" richtet sich ihr Blick nun nach innen. Das "Ankh" ist eine altägyptische Hieroglyphe und steht für Leben. Das Album handelt von Beziehungen, Liebe, Leidenschaft. Es ist jazzig, leicht und beschwingt.
Als Neo-Soul wurde die Musik von Erykah Badu nach der Veröffentlichung ihres Debüts "Baduizm" (1997) oft bezeichnet, was verständlich war, denn zwischen all den futuristischen Entwürfen, mit denen der schwarze Pop der Jahrtausendwende zu bestechen wusste, klang ihre Musik mit den akustischen Instrumenten und warmen E-Piano-Klängen reichlich retro. Passenderweise erinnerte Badus Stimme auch noch an früher - an die Jazzsängerin Billie Holiday nämlich.
Aber bei aller Ähnlichkeit der Intonierung: Badu steht für ein anderes Frauenbild als Holiday. Diese war das prototypische Opfer, die Schmerzensfrau, die all die Kraft ihres Ausdrucks aus dem Leid bezog, das Männer ihr zugefügt hatten, an dem sie sich abarbeitete. Billie Holiday hatte den Blues.
All das gilt für die Badu nicht: Sie ist die selbstbewusste Mutter von mittlerweile drei Kindern, die sie mit drei Männern gezeugt hat. Sie ist sexy, ohne Opfer zu sein. Und sie kontrolliert selbst, wie ihre Musik zu klingen hat.
Wie Jazz, wenn sie in dem Song "Window Seat" einem verflossenen Liebhaber hinterhersingt. Nach einer Anleihe an die britische Band Radiohead im Song "20 Feet Tall", in dem sie davon singt, wie sie die Wand zwischen ihr und einem Mann überwinden wird. Wie HipHop, wenn sie in "Turn Me Away (Get Munny)" die Rolle eines Luden übernimmt und ihrem Mann das Geld abknöpft. "I look like a model … I want your money." Einmal wagt sie sich sogar an die Form der Suite: Für "Out My Mind, Just in Time" baut sie ein Beziehungsdrama in drei Teilen nach.
In einem Interview hat Erykah Badu gesagt, sie könne keine Noten lesen. Tatsächlich läuft sie mit der intuitiven Sicherheit der großen Jazzmusiker durch die Musikgeschichte und nimmt sich, was der jeweilige Song gerade braucht.
Es ist keine Nostalgie, die diese Musik antreibt. Eher schon die Sehnsucht, dass, wenn schon nicht mehr viel die schwarze Community zusammenhält, zumindest die schwarze Musik noch einem gemeinsamen Quellcode folgen möge.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 12/2010
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