22.03.2010

ARCHÄOLOGIE Rätsel der heiligen Huren

„Weihedirnen“ in Jerusalem, Tempelsex im Dienst der Aphrodite - viele antike Autoren beschreiben in drastischer Form sakrale Prostitution. Alles nur Legenden? Historiker suchen nach dem wahren Kern der Berichte. Der Verdacht: Es gab einst Götterstätten, die nebenbei Bordelle betrieben.
Die "hässlichste Sitte" in Babylon, meinte der Historiker Herodot (um 490 bis 425 vor Christus), sei die massenhafte Kuppelei im Ischtar-Tempel. Einmal im Leben müssten alle Frauen des Landes dort niedersitzen und sich - gegen Geld - "einem Fremden preisgeben".
"Reiche und hochmütige" Damen, lästerte der Altgrieche, fahren im "verdeckten Wagen" vor.
Ähnlich schändlich trieben es angeblich die Perser am Schwarzen Meer. Dort würden "jungfräuliche Töchter" - kaum zwölf Jahre alt - der Kultprostitution geweiht, behauptete Strabon: "Sie behandeln ihre Liebhaber so freundlich, dass sie sie sogar bewirten."
Zuhauf liegen derlei Berichte aus dem klassischen Altertum vor: Von Sizilien bis Theben sollen Völkerschaften perversen religiösen Bräuchen gefrönt haben.
Auch die Juden: Rund ein Dutzend Stellen im Alten Testament kreisen um "Kedeschen". Der Name steht für weibliches und männliches Kultpersonal. Die Bibel nennt sie "Weihebuhlen" und "Lustknaben". Im 5. Buch Mose wird Strichjungen verboten, ihr "Hundegeld" dem Haus des Jahwe zu stiften.
Forscher des 20. Jahrhunderts griffen die - oft dunklen - Hinweise begierig auf. Bald galt es als Tatsache, dass die Pries-ter im Morgenland Zwangsdeflorationen durchführten; es habe "Mitgift-Prostitution" gegeben und eine "geschlechtliche Vereinigung am Kultort".
Tempelsex, so hieß es im "Lexikon für Theologie und Kirche", sei die "sittliche und gesundheitliche Pestbeule am Leibe der Völker" gewesen.
Aber stimmt das? Immer mehr Wissenschaftler stoßen sich an den Erotikfabeln der Altvordern.
Denn neuentdeckte Keilschriften zeigen ein entschärftes Bild. Immer klarer wird: Die Forscher früherer Jahrzehnte haben das Thema aufgebauscht. Für den Ritus der Zwangsentjungferung zum Beispiel findet sich in Wahrheit nicht ein einziger Beleg.
Eine Fraktion von Gender-Forscherinnen sieht nun alles noch radikaler. Sie streitet die heilige Prostitution in Gänze ab. Die Sache sei erstunken und erlogen.
Erst hätten einige griechische Schriftsteller fremden Völkern ehrabschneidende Schmuddelbräuche angedichtet, um deren sittliche "Verwerflichkeit" herauszustellen, heißt es in einem neuen Buch zum Thema(*1). Aus diesem Schlamm sei dann in der Moderne ein "Forschungsmythos" entstanden.
Die US-Altorientalistin Julia Assante, Wortführerin der Bewegung, ist sicher: Heilige Huren gibt es nur in der "Männerphantasie".
Gemäßigten Gelehrten geht diese Deutung jedoch auch wieder zu weit. Zwar zweifeln sie ebenfalls an manchen der schwülstigen Lehrmeinungen der Vergangenheit. An der Existenz des Phänomens aber halten sie fest. Demnach gab es einst
‣ Heiligtümer, die nebenbei Bordelle führten;
‣ Tempel, in denen Mädchen - noch vor ihrer ersten Menstruation - höchste Priesterämter ausübten;
‣ Profi-Dirnen, die aus eigener Tasche Kultorte stifteten - etwa für eine Göttin "Aphrodite Porne".
Eine erbitterte Debatte wogt da. Feministisch gesinnte Assyriologinnen kabbeln sich mit Lehrstuhlinhabern al-
ten Schlages. Während die einen stets "Alles gelogen!" rufen, versuchen die anderen, unter Verweis auf die sumerische Grammatik, ihre vermeintlich "patriarchalische Sichtweise" zu verteidigen.
Immerhin: Einigkeit besteht über den normalen Straßenstrich im Altertum. Grell geschminkt und mit gelbem Schal standen Athens Dirnen am Fuß der Akropolis. Spezielle "Flötenmädchen" boten den Freiern zuerst Musik auf dem Aulos an, ehe sie keck zur Tat schritten.
Roms Billighuren kosteten vier Asse (was der Kaufkraft von kaum zehn Euro entspricht). Das Callgirl Messalina hurte sich bis zur Kaiserin hoch.
Auch das fromme Land der Pyramiden bot sündiges Vergnügen. Die Dirnen dort rieben ihre Kunden mit Salben ein. "Dein Phallus ist in den Chenemet-Frauen", heißt es in alten Papyri: "Ein Mann kann besser kopulieren als ein Esel, nur seine Geldbörse hält ihn zurück."
Besonders aber im Zweistromland ging es locker zu. Bereits im Gilgamesch-Epos tritt eine Hure namens Schamchat ("Die Üppige") auf, die den Waldschrat Enkidu betört: "Sie machte ihren Busen frei, tat ihren Schoß auf, und er nahm ihre Fülle."
Vorbehalte gegen das Gewerbe gab es am Euphrat kaum. Eine Tontafel erzählt von einer jungen Frau, die im Haus der Eltern die Kunden empfängt. Als Lohn erhält sie Ferkelfleisch.
Nur was geschah in den Heiligtümern? Was passierte hinter den Tempelmauern der Ischtar? Darüber streiten sich die Gelehrten.
Riesige Bauten hat der Orient seiner Sex- und Liebesgöttin gewidmet. Hymnen priesen sie als "Herrin der Weiber" mit "verführerischem Reiz". "Honigsüß ist sie an ihren Lippen, Leben ist ihr Mund" - Hure Babylon.
Bald griff der Ischtar-Kult auch nach Norden aus.
Erst nach Zypern: Dort kamen griechische Siedler mit der Göttin in Kon-takt und tauften sie in Aphrodite um. Dem Mythos zufolge entstieg die Schöne einer blutigen Stelle im Meer, die rot gefärbt war und voller Spermien. Der Titan Kronos hatte dort zuvor das abgeschlagene Geschlechtsteils seines Vaters versenkt.
Unschuldig war die "Schaumgeborene" nie, eher voller Gier und Sinnenrausch. In Uruk feierte man vor 5000 Jahren einen orgiastischen Karneval zu ihren Ehren. Alte Listen zeigen, dass im Heiligtum der Ischtar Tänzerinnen und Schauspielerinnen arbeiteten.
Von Geschlechtsakten und Fruchtbarkeitsriten direkt am Altar, wie früher behauptet, fehlt indes jede Spur. "Für derlei magische Praktiken gibt es keinerlei Hinweis", erklärt der Würzburger Altorientalist Gernot Wilhelm.
Hat Herodot mit seiner Story vom Zwangsbeischlaf der Babylonierinnen also nur geschwindelt? So sehen es die Gender-Forscherinnen.
Wahrscheinlich aber steckt in der Geschichte ein tieferer Sinn. Denn zum Heiligtum der Sexualgöttin gehörte auch spezielles Kultpersonal, die "Harimtu". Das Wort bedeutet "Prostituierte".
Vor einiger Zeit hat der Experte Wilhelm eine spannende juristische Urkunde entdeckt. Sie ist rund 3300 Jahre alt. Dort wird berichtet, wie eine Harimtu vom eigenen Vater zur Buhlerei an den Ischtar-Tempel überreicht wird.
Der Hintergrund: Der Mann will von den Priestern einen Kredit erhalten und gibt ihnen das Kind als "Schuldhäftling" zur Darlehenssicherung.
Nur was genau machte die Verpfändete bei ihrem neuen Arbeitgeber? Wilhelm vermutet, dass das junge Mädchen anschaffen ging - "allerdings außerhalb des Gotteshauses".
Als Beleg nennt der Professor das alttestamentliche "Buch Baruch". Dort ist von Huren die Rede, die im staubigen Häusermeer von Babylon "an den Wegen" stehen. Auch sie sind irgendwie einer sakralen Organisation zugeordnet.
Das Lager der Totalzweifler will von alldem nichts wissen. Harimtu heiße gar nicht Hure, meint die Gender-Gelehrtin Assante; 150 Jahre lang habe die Assyriologie das Wort schlicht falsch übersetzt.
Vielmehr bezeichne der Ausdruck eine "Single-Frau", die als kultische Funktionärin wirkte und ohne Zugehörigkeit zu einem Männerhaushalt lebte.
Gegner schaudert es. Sie halten Assante vor, sie würde den eigenen Sozialstatus ins Vorchristliche verlängern.
Auch semantisch sei die Umdeutung Nonsens, meint der Wirtschaftshistoriker Morris Silver. Harimtu seien zweifellos "professionelle Prostituierte mit kultischen Verbindungen" gewesen, die im Auftrag des Tempels einen "sexuellen Service" anboten. Priester spielten dabei die Zuhälter und schöpften die Gewinne ab.
Selbst in Griechenland gab es wahrscheinlich solche Sakral-Puffs. Der Verdacht richtet sich hier vor allem auf das Aphrodite-Heiligtum von Korinth. Es lag auf einem Felssporn 575 Meter über dem Meer.
Dass es in der Stadt hoch herging, ist unstrittig. Hunderte Schiffe lagen abgetakelt an den Molen. Korinth war eine Drehscheibe des Seehandels. Freudenmädchen, gehüllt in Netzkleider und grell geschminkt, boten dicht bei dicht in den Häfen ihre Reize feil.
Aber auch im Kultbau der Liebesgöttin oben auf dem Felsen ging es angeblich zur Sache. Ihr Tempel "war so reich, dass er mehr als tausend Buhlmädchen besaß", heißt es bei Strabon.
Scharen von Matrosen und Kapitänen seien den Hang hochgekraxelt, um als "Sexhungrige" dort zu herbergen - so sieht es der Brite Nigel Spivey.
Die Altgeschichtlerin Tanja Scheer von der Universität Oldenburg schlägt jetzt eine bessere Lösung vor: "Die Berichte vom heiligen Bordell in Korinth gehen allesamt auf eine Ode Pindars zurück", erklärt sie. Dort wird erzählt, dass ein reicher Olympiasieger im Jahr 464 vor Christus dem Haus eine "hundertgliedrige" Schar von Huren weihte.
Dass sich diese Dirnen direkt am Altar räkelten, sei jedoch unwahrscheinlich. Vielmehr, so Scheer, habe der reiche Sportler eine Finanzspritze in Form von Sklavinnen gewährt: "Die Erträge ihrer Körper konnten eine regelmäßige und fortlaufende Einkommensquelle für das Heiligtum bilden."
Was für diese These spricht: Auch der Gesetzgeber Solon, der um 590 vor Christus in Athen staatliche Freudenhäuser gründete, belegte die Huren mit Steuern. Aus den Einnahmen bezahlte die Stadt sodann einen Bau zu Ehren der Liebesgöttin.
In dem Puff lebten offenbar blutjunge Mädchen, wie ein altes Komödienfragment verrät. Es erzählt von den "Fohlen" der Aphrodite, die "nackt der Reihe nach in einer Linie stehen". "Von diesen kannst du beständig und in Sicherheit für kleine Münze dein Vergnügen kaufen."
Womöglich aber trieb es die Antike doch weit schlimmer. Die Forschung diskutiert auch über sakralen Kindersex.
Wieder führt die Spur nach Babylon und zu dessen 91 Meter hohen Stufenturm - einem der Weltwunder des Altertums. Auf dessen Spit-ze befand sich ein Schrein mit einem Bett, berichten die Quellen. Nachts schlief dort eine Auserwählte, stets bereit zur "heiligen Hochzeit" - dem symbolischen Geschlechtsakt mit dem Gott Marduk.
Aber auch fernab, im Haupttempel von Theben, im Land der Pharaonen, gab es eine "Gottesgemahlin des Amun".
Besetzt wurde dieses Priesteramt von einer "schönen Jungfrau aus angesehenstem Geschlecht", heißt es bei Strabon. "Und sie gibt sich jedem hin, bis die natürliche Reinigung des Körpers einsetzt" (gemeint ist die Menstruation).
Kindesmissbrauch am Nil? Manche Wissenschaftler kommen angesichts der vielen Hinweise ins Grübeln - zumal ein neues Dokument die Debatte befeuert.
Es ist ein verschlissener Fetzen einer ägyptischen Schriftrolle, in der es ebenfalls um kleine Priesterinnen geht.
Bis zur ersten Regelblutung, heißt es in dem Text, dürften die Mädchen im Tempel arbeiten. Dann aber "verstößt man sie aus ihrem Dienst".
(*1) Tanja S. Scheer (Hg.): "Tempelprostitution im Altertum". Verlag Antike, Berlin; 416 Seiten; 59,90 Euro.
Von Schulz, Matthias

DER SPIEGEL 12/2010
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