22.03.2010

MEDIZIN Gottesfürchtige Giftmischer

Würzburger Forscher testen die Heilmittel mittelalterlicher Klöster: Einige Rezepte sind erstaunlich wirksam.
Dieses eine Medikament schmeckt echt lecker", sagt Johannes Mayer, 56, mit verzücktem Blick. "Und es hilft tatsächlich gegen Verdauungsbeschwerden und Erkältung."
Ebenso verblüffend wie seine Wirkung ist seine Zusammensetzung: mit Essig getränkter Kümmel, in Rotwein eingelegte Datteln, getrocknete Ingwerwurzel und grüner Pfeffer; all das im Mörser zerstoßen und mit Natron und Honig zu einer klebrigen Masse verrührt.
Auch der Name der Arznei klingt merkwürdig: Diaspolis. "Wir haben keine Ahnung, was das heißen soll", gesteht Medizinhistoriker Mayer. "Da hat der Schreiber offensichtlich Mist gebaut."
Mayer ist ein ausgewiesener Kenner der mittelalterlichen Klostermedizin. Der Gelehrte sitzt in einem neonbeleuchteten Raum voller überquellender Bücherregale im Würzburger Institut für Geschichte der Medizin. Vor ihm auf dem Schreibtisch liegen detailgetreue Kopien mittelalterlicher Handschriften. Sein Lieblingsrezept mit dem komischen Namen stammt aus dem "Lorscher Arzneibuch", dem ältesten erhaltenen Buch der Klostermedizin, entstanden um 795 nach Christus in der Reichsabtei Lorsch bei Worms.
Zusammen mit Pharmazeutinnen, Ärztinnen, einem Altphilologen und einem Zisterzienserpater, der zugleich promovierter Biologe ist, versucht Mayer, das Heilwissen der Mönche und Nonnen erstmals systematisch zu erfassen und die Wirksamkeit zu bewerten. Bis in Europa die ersten Universitäten entstanden, konzentrierte sich das medizinische Wissen vor allem in den Klöstern; denn deren Bewohner gehörten zu den wenigen Auserwählten, die lesen und schreiben konnten. Krankenhäuser gab es damals noch nicht, aber in den meisten Klöstern mindestens einen Heilkundigen und eine Krankenstation.
In mühseliger Kleinarbeit entschlüsseln die Würzburger Forscher, welche Pflanzen, Mineralien und tierischen Stoffe in den Texten beschrieben sind und wie sie dosiert und kombiniert wurden. Dann prüfen sie die Rezepturen auf ihre pharmakologische Wirksamkeit.
Rund 600 Heilpflanzen haben Mayer und seine Teamkollegen bislang identifiziert und etwa 120 davon ausführlicher untersucht. Finanziert wird die Forschungsarbeit zu einem großen Teil von Pharmafirmen, die sich von den Überlieferungen Inspiration für neue, mutmaßlich naturnahe Medikamente erhoffen.
Bei manchen Rezepten dürften sich die Marktchancen allerdings in Grenzen halten. So empfiehlt das "Lorscher Arzneibuch" bei einem geschwollenen Fußknöchel: "Eine mit Öl zerriebene Maus lindert die Beschwerden."
Obskure Passagen finden sich auch im "Macer floridus", einem weiteren Standardwerk der Klostermedizin. "Wenn eine Schwangere den Duft der verwelkenden Blüte mit der Nase einsaugt, soll dies die Leibesfrucht abtreiben", dichtete dort ein Mönch in schwungvollen lateinischen Hexametern über den Aronstab. Die gleiche Wirkung erfolge, "wenn die gestampfte Wurzel mit einem Wollzäpfchen von unten zur Gebärmutter eingeführt wird".
Mönche, die Abtreibungstipps geben? Der Medizinhistoriker findet das gar nicht so befremdlich. "Ihre harte Haltung zum Schwangerschaftsabbruch hat die katholische Kirche erst im 19. Jahrhundert formuliert", erläutert Mayer. Vorher sei das nicht so eindeutig gewesen. Außerdem hätten medizinisch tätige Ordensleute ja auch wissen müssen, wie sie abgestorbene Föten aus dem Mutterleib holen konnten: "Operieren war damals bekanntlich noch recht schwierig."
Die Abtreibungsmethode mit dem Zäpfchen könnte sogar funktioniert haben: "Der Aronstab ist ja richtig giftig." Allerdings dürfte der Eingriff auch für die Schwangere nicht ungefährlich gewesen sein. "Im Mittelalter wurde sehr häufig mit giftigen Substanzen hantiert", erklärt Mayer. "Die Klosterleute wussten zwar um die Risiken und Nebenwirkungen, aber sie hatten oft keine besseren Alternativen."
Die Herbstzeitlose zum Beispiel hilft nach heutigem Kenntnisstand ziemlich sicher gegen Gicht - nur ein paar Milligramm zu viel sind allerdings tödlich. Damit nicht auf einen Schlag die ganze Giftmenge ins Blut der Kranken gelangte, wurde die Pflanze in winzigen Portionen in Plätzchen eingebacken.
Manche Rezepte klingen skurril, entpuppen sich jedoch bei näherer Betrachtung als gar nicht so abwegig. "Unterschenkelgeschwüre" bestrichen die gottesfürchtigen Giftmischer mit einer Paste aus Käseschimmel, weichem Schafdung und Honig. "Wir werden dazu nie eine klinische Studie machen", sagt Mayer und grinst, "aber es wäre plausibel, dass aus dieser Mischung ein Antibiotikum entstehen könnte."
Die Würzburger Forscher konnten zeigen, dass ein beträchtlicher Teil der modernen Kräuterheilkunde auf die Klostermedizin zurückgeht: Aloe vera wurde schon im Mittelalter als Abführmittel verwendet, Fenchel oder Kümmel bei Blähungen verabreicht, Hopfen als Schlafmittel und Johanniskraut zur Aufhellung des Gemüts.
Bei Hautausschlägen galten Johannisbeerkerne als Mittel der Wahl - dies hatten die Klosterleute, wie so manches, von den Arabern gelernt. Mayer: "Inzwischen wissen wir, dass die Kerne Gamma-Linolensäure enthalten, einen wirksamen Entzündungshemmer."
Auch dem Baldrian schrieben die Araber eine entzündungshemmende Wirkung zu - und so wurde er in Europa ebenfalls zur Behandlung von Wunden und Lungenkrankheiten verschrieben.
"Da haben die Mönche allerdings danebengegriffen", sagt Mayer. Der Baldrian, der im heutigen Iran wachse, enthalte zwar tatsächlich entzündungshemmende Stoffe - die europäische Art jedoch nicht.
(*1) Links: Handschrift aus dem 9. Jahrhundert; rechts: Zeichnung aus dem 14. Jahrhundert.
Von Shafy, Samiha

DER SPIEGEL 12/2010
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