Von Brauck, Markus und Müller, Martin U.
Das Lifestyle-Magazin "Neon" ist erfolgreich und belächelt zugleich. Manche finden, es sei ein Zeitgeistblättchen für eine merkwürdig unpolitische Generation. So wichtig für die Aufklärung des Abendlands wie ein Actimel-Joghurt. Andere sagen, "Neon" liefere eine Art Neu-Biedermeier mit einer ordentlichen Portion Befindlichkeitsjournalismus.
Nur zwei Dinge sprach "Neon" bisher niemand ab: seinen Auflagenerfolg und seine Authentizität.
Auch deshalb ist der Skandal um gefälschte Interviews, der Ende vergangener Woche bekannt wurde, für die Illustrierte eine Katastrophe. "Neon" darf alles sein - nur nicht gelogen.
Für die zwei ebenso erfolgreichen wie ambitionierten Chefredakteure Timm Klotzek, 36, und Michael Ebert, 35, ist der Fall deshalb noch mehr als ein publizistischer Ausrutscher. Es ist der erste bekannt gewordene Schnitzer in einer ansonsten glatten Karriere.
"Neon" würde in einer seiner eigenen Titelstorys jetzt vielleicht fragen: "Alles nur Lüge? Warum Wahrheit für eine gute Beziehung so wichtig ist."
Im Mittelpunkt des Ärgers steht Ingo Mocek, Autor des Magazins, der bei Interviews mehrmals mit viel Phantasie nachgeholfen haben soll. Seine hemdsärmeligen Praktiken flogen aber erst auf, als sich das Management der amerikanischen Sängerin Beyoncé kürzlich beschwerte, ein von Mocek geführtes Gespräch mit dem Star habe so nicht stattgefunden.
Die "Neon"-Chefs bestellten ihren Autor ein, der die Zweifel nicht ausräumen konnte und sofort verabschiedet wurde. Mocek selbst war für den SPIEGEL nicht erreichbar.
"Das war keine Schlamperei, sondern eine Fälschung", sagt Andreas Petzold, Chefredakteur des "Stern", der zugleich "Neon"-Herausgeber ist, weil die Blätter im gleichen Verlag erscheinen: bei Gruner + Jahr am Hamburger Baumwall.
Moceks Fall erinnert sofort an einen anderen begnadeten Fälscher: den Journalisten Tom Kummer, der vor zehn Jahren noch als freier Mitarbeiter in den Diensten des Magazins der "Süddeutschen Zeitung" ("SZ") stand - bis sich herausstellte, dass etliche seiner Interviews und Storys erfunden waren.
Kummer hatte seine Dichtungen damals noch eine Zeitlang als eine besondere Form der Wahrheit verteidigt. Von Borderline-Journalismus war schnell die Rede. Es prallten in der Auseinandersetzung auch journalistische Selbstverständnisse aufeinander: hier die postmodernen Ich-Erzähler, für die Wahrheit ein merkwürdig dehnbarer Begriff ist, da die Anhänger investigativer Recherche, die sich dann auch dranmachten, die Affäre im eigenen Haus nachzuzeichnen.
Die "SZ" setzte eine interne Ermittlungsgruppe ein, veröffentlichte die Ergebnisse in der eigenen Zeitung und trennte sich am Ende sogar vom Chefredakteur des Magazins, Ulf Poschardt. Der setzte später mit viel Enthusiasmus die deutsche Ausgabe von "Vanity Fair" in den Sand. Mittlerweile sitzt er in der Chefredaktion der "Welt am Sonntag".
Die "Neon"-Chefredakteure initiierten ebenfalls schnell ein internes Ermittlungs-Team wie damals die "SZ". Das fand mittlerweile heraus, "dass auch an der Echtheit vier weiterer in ,Neon' veröffentlichter Interviews des Autors Zweifel bestehen".
Es geht dabei um Beiträge für eine Rubrik, in der Stars, in diesem Fall der Gitarrist Slash und die Pop-Röhre Christina Aguilera, ihre musikalischen Vorlieben verraten - oder eben nicht. Auch zwei Kurzinterviews mit den Musikern Snoop Dogg und Jay-Z wurden wohl nie so geführt, wie sie abgedruckt worden sind.
Die "Neon"-Chefredakteure rückten jedenfalls überraschend schnell von jeder Mitverantwortung ab. Das Führungsduo sieht sich als Opfer. Dabei hätten die beiden vielleicht mitbekommen können, dass es an der Art der Wahrheitsfindung ihres Autors Ingo Mocek schon früher Kritik gab. Diesen Vorwurf wiederum weist "Neon" zurück.
Er habe, gab Klotzek zu Protokoll, vorher nie einen Hinweis in dieser Richtung bekommen. "Wir hatten nie Zweifel an seiner Arbeit."
Beschwerden gab es dennoch. Mocek hatte im Jahr 2007 eine Geschichte verfasst, für die er auch bei den Berliner Wasserbetrieben recherchierte. Das Unternehmen beklagte sich später bei den Chefredakteuren bitter über den Text, über falsche Namen, Daten und Bezeichnungen.
In einem Brief schrieben die Wasserwerker, der Redakteur Mocek habe ihren Mitarbeitern "unabgestimmt ,Zitate' in den Mund" geschoben, "die schlicht falsch sind". Er habe Aussagen in seinem Sinn verändert, und sie seien "in diesem Wortlaut" nicht gemacht worden.
Es sei nicht unüblich, dass nach kritischer Berichterstattung Personen oder Institutionen behaupten, falsch zitiert worden zu sein, sagt Chefredakteur Klotzek. Man habe alle Beschwerdepunkte entkräften können, der damals anwesende Fotograf habe die angegriffenen Zitate bestätigt. Mocek habe, so der Fotograf zu "Neon", stets "blitzsauber" gearbeitet.
DER SPIEGEL 12/2010
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