03.04.2010

KRISENDie Vermehrung der Schafe

Ein Land steht vor dem Abgrund - und niemand hat es kommen sehen. Die Geschichte einer ganz normalen griechischen Familie zeigt, wie die kleinen Korruptionen des Alltags einen ganzen Staatenverbund ins Wanken bringen können.
Jetzt haben sie sogar einen erschossen, erzählt Nikos. Die Polizei hatte ihn gestoppt, eigentlich nur zur Verkehrskontrolle. Aber dann gab es eine Schießerei.
Sie sitzen auf dem Balkon, auf Plastikstühlen, die Tabakglut leuchtet in der Dunkelheit. Zu ihren Füßen stehen Geranientöpfe, es ist mild, ein Frühlingsabend im Norden von Athen. Nikos fummelt in seinen Jackentaschen nach Streichhölzern, sein Zigarillo ist ihm ausgegangen, er geht ihm dauernd aus.
Erzähl weiter, sagt Danai.
Nikos ist der künftige Schwiegersohn der Familie, sympathisch, gutaussehend auf eine etwas teddybärhafte Art, er kennt sich mit Shakespeare aus, unterrichtet Englisch an einer Privatschule, unten in der Innenstadt. Er sei ganz zufrieden, sagt er. Die Bezahlung könnte besser sein. Das Leben liegt vor ihnen, im September jedenfalls wollen sie heiraten, Nikos und die schöne Danai, die zweitälteste Tochter der Familie. Danai ist Mitte zwanzig, eine temperamentvolle Person, sie studiert noch, Musik auf Lehramt. Jetzt wirft sie Nikos Streichhölzer zu.
Wer war denn der Mann, der erschossen wurde? Einer von den Streikenden? Oder war es ein Anarchist?
Nein, kein Streikender, sagt Nikos. Er zündet seinen Zigarillo an.
Der Typ, sagt Nikos, den sie erschossen haben - ihr glaubt es nicht!
Erzähl, sagt Danai.
Sie sitzen auf dem Balkon, so, wie sie es all die Jahre gemacht haben - aber die Welt, in der sie bislang lebten, droht zusammenzubrechen, das Land, in dem sie aufwuchsen, steht vor der Pleite, ihre Generation geht in eine Zukunft, die Angst macht.
Die kleinen, schmutzigen Geheimnisse der Griechen, jetzt sind sie offenbar: frisierte Zahlen, um in die Europäische Währungsunion zu gelangen - Kredite von Goldman Sachs und anderen Investmentbanken, die nicht als Kredite ausgegeben, sondern als Einnahmen deklariert wurden. So tauchten diese Kredite auch nicht in der Schuldenstatistik auf, praktischerweise.
Dazu ein Haushaltsdefizit von fast 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts 2009. Rückgang der Exporte um beinahe 18 Prozent. Dazu der Rückgang der Einnahmen aus dem Tourismus um 13 Prozent. Inflation im Februar dieses Jahres in Höhe von 2,8 Prozent, aufs Jahr gerechnet wären das mehr als 30 Prozent. Dazu Streiks in allen Spielarten, aus allen Gründen, Einstellungsstopps für Beamte, Straßenbarrikaden in Athen, Tränengas, Erhöhung der Steuern, Kürzung der Gehälter.
Die Regierung hat ein brutales Sparprogramm verabschiedet, und Minister-
präsident Georgios Papandreou musste nach Berlin und Paris reisen, wo er um Geld bat, ohne um Geld zu bitten.
Aber Geld ist nicht alles. Papandreou braucht auch die Hilfe seiner Bürger. Er braucht ein neues Denken, in der Gesellschaft, die eine Doppelwelt ist, die eine offizielle Seite hat, in der es gesittet und europäisch zugeht, daneben existiert eine in Jahrzehnten gewachsene Parallelwelt aus Betrug, Durchstecherei, Bestechung.
Auf Druck und Gesetze allein kann er nicht bauen. So viele Gesetze kann man gar nicht in aller Eile durchwinken, und wo ein Gesetz ist in Griechenland, muss man nach dem Schlupfloch nicht lange suchen. Papandreou braucht Gemeinsinn, den Bewusstseinswandel, die Hilfe der Bürger, der kleinen Leute, der Familien. Eine Familie wie die Papadakis soll plötzlich ihr Land retten.
Drinnen hat Mutter Antula den Tisch gedeckt, mit Choriátiki, Salat mit Gurken, Tomaten, Schafskäse, Dolmadákia und Tiropitákia, gefüllten Weinblättern und Blätterteigtaschen; Jannis, der Vater, entkorkt eine Flasche Rotwein, Nemea Imiglikos. Die Mutter schiebt Servietten unter die Teller und winkt die Familie herein.
Das Abendessen wird eine laute, fröhliche Angelegenheit. Am Tisch haben nicht alle Platz, Vater, Mutter, vier Töchter, dazu Nikos, der Schwiegersohn mit den Zigarillos. Sogar einen alten, müden Hund gibt es, aber der wird auf den Balkon gescheucht.
Jannis ist der Vater, ein vom Leben etwas erschöpfter Mann von Mitte fünfzig, graues Strubbelhaar, scharfe Falten, wache Augen. Er arbeitet bei einer Baufirma, zuständig für Klimaanlagen, Dunstabzugshauben. Antula, die Ehefrau, Mutter, Hausfrau, lässt sich mit ihrem Teller aufs Sofa fallen, zwischen ihre Töchter. Sofort reden sie drauflos. Jannis gießt sich noch ein Glas Wein ein.
Die Töchter sind Magdalena, genannt Mandy, sie hat Friseurin gelernt, arbeitet jetzt in der Werbung, sie ist die Älteste. Dann Natalie und Danai, beide Mitte zwanzig, Danai, die Lebhafteste, setzt sich neben Nikos, ihren künftigen Ehemann, und küsst ihn aufs Ohr.
Sie reden über die Krise, Europa, Badeanzüge, Religion, man lobt die Teigtaschen und den Wein. Magdalena erzählt von ihrem nächsten Job, für einen Werbefilm, für den sie einer Frau ein Bodypainting verpassen muss, auf den nackten Körper. Und Danai, die neben ihrem Studium mit einer griechischen Tanzband in Kneipen auftritt, jammert, dass sie übers Wochenende wieder spielen wird, zehn Stunden Sirtakimusik in einem verrauchten Schuppen, aber sie braucht das Geld, und alle bedauern und trösten sie damit, dass sie praktisch die tollste Sängerin von Athen sei. Jannis entkorkt eine zweite Flasche Rotwein, Mutter Antula setzt Mokka auf. Die griechische Familie an so einem Abend: ein Genre-Bild.
Die Familie als Institution hat für Jannis und die Seinen einen anderen Stellenwert als im Norden Europas. In Griechenland enthält die Familie den kompletten Genom-Satz der Gesellschaft. Der soziale Umbau kann nicht gelingen ohne den Veränderungswillen von Leuten wie Jannis und Antula, den Eltern.
Der Umbau wird auch nicht gelingen ohne die Zukunftsgläubigkeit von Mandy, Natalie, Danai, Nikos, den Jungen im Land. Um zu verstehen, was passiert ist in Griechenland in den vergangenen Jahren, und um zu ahnen, was geschehen wird, muss man die griechische Familie studieren, in ihrem Alltag, laut, chaotisch, verästelt, die Familien sind das Labor der Gesellschaft.
Sie sind die Lösung, aber auch Teil des Problems, jede einzelne Familie auf ihre Weise, und jedes Familienmitglied auf seine Art.
Jannis geht gern in ein bestimmtes Kaffeehaus, ein Kafenion in Neo Psychiko, dem Stadtteil, in dem er aufgewachsen ist, wo sie heute noch wohnen. Neo Psychiko liegt im Nordosten von Athen, graue und gelbe Mehrfamilienhäuser, ein paar schmale, staubige Gärten, durch die magere Katzen pirschen. Hier und da ein Schuster, eine Autoreparaturwerkstatt, in der Jannis auch sein Motorrad unterstellt; ein Stadtteil der Mittelschicht.
Das Kafenion gehört einem Armenier, der in Ohio gelebt hat und jetzt mit einer Griechin verheiratet ist, dort gebe es den wunderbarsten Cappuccino, sagt Jannis, im ganzen Viertel.
Jannis ist hier, weil seine Frau, Antula, die Mutter der Familie, gleich um die Ecke eine Lesung hat. Denn sie ist nicht nur Hausfrau, sie hat auch ein Buch geschrieben, ein Kinderbuch, erschienen bei einem kleinen Verlag, noch kein Bestseller zwar, aber vielleicht wird es ja noch einer.
"Wir Griechen verwöhnen unsere Kinder exzessiv", sagt Jannis. "Ja, auch Mandy und Natalie und Danai. Sie wissen, sie können sich auf mich und ihre Mutter hundertprozentig, tausendprozentig verlassen. Darum sind sie so entspannt, so arglos, trotz der Krise. Eine unselbständige Generation ist da herangewachsen. Aber wir - meine Generation - bevormunden sie auch, sperren sie aus von Jobs und Verantwortung."
Der Cappuccino kommt, und dann erzählt Jannis von seiner Arbeit, von den ganzen vergangenen Jahren, und mit jedem Satz wird verständlicher, wie Griechenland zu dem wurde, was es jetzt ist.
Als Abteilungsleiter einer Konstruktionsfirma mittlerer Größe, 120 Mitarbeiter, kennt Jannis die griechische Schattenwirtschaft von innen. Er spricht von dem Bauboom, der mit dem EU-Beitritt einsetzte, damals entdeckten viele Griechen die Rosenzucht als Möglichkeit, Geld zu verdienen. Wobei es weniger um Rosen ging als vielmehr um die Treibhäuser. Denn für den Bau von Treibhäusern gab es EU-Subventionen.
"Wir bauten die Treibhäuser, wurden aber gedrängt, überteuerte Rechnungen auszustellen. Die Rechnungen lagen teilweise 20, 30 Prozent über dem Betrag, den wir tatsächlich bekamen, aber so war es abgemacht. Die überteuerten Rechnungen verhalfen den Treibhausbesitzern zu höheren Subventionen aus Brüssel."
Jannis hätte sich weigern können, das weiß er. Aber dann hätte ein anderes Bauunternehmen den Auftrag bekommen, und seine Firma gäbe es heute vielleicht nicht mehr. Und zu Hause warteten vier Töchter auf den Vater, vier Töchter mit Wünschen und Ansprüchen.
Jannis bestellt einen zweiten Cappuccino, dann fällt ihm die Geschichte von den Schafen ein. "Oh, die Story von den kretischen Schafen, den Phantomschafen, die ist wunderbar", sagt er grimmig.
Vor ein paar Jahren musste Jannis nach Kreta, dienstlich. Kreta ist bekannt für seine Schafherden, den berühmten Feta-Käse. Die kretischen Schafzüchter bekamen ebenfalls Agrarsubventionen aus Brüssel, nach einem komplizierten Schlüssel, aber vor allem ging es um die Anzahl der Schafe. Den Kontrolleuren, entsandt, um den Bestand der Herden zu ermitteln, hätten die kretischen Bauern ein wunderbares Schnippchen geschlagen, erzählt Jannis. "Sie taten sich zusammen, drei, vier Bauern, die einander kannten, vertrauten, und dann legten sie ihre Herden zusammen und machten daraus eine einzige, große Schafherde. Eine Herde, die Bauer A den Kontrolleuren als die seine vorführte. Und wenn die Kontrolleure am nächsten Morgen die Schafe von Bauer B zählen wollten, so fuhren oder trieben die Bauern in der Nacht dieselbe Herde zu den Weiden von Bauer B. Auf die Art wurden die Herden auf das Vier- oder Fünffache vergrößert, Phantomschafe."
Jannis rutscht, während er diese Geschichten erzählt, auf dem Stuhl hin und her, diese Dinge dürfe er eigentlich gar nicht erwähnen, sagt er. Er kann oder will auch keine Namen nennen, aber dass die Geschichte stimmt, dafür verbürgt er sich, und mit den Bauern hat er damals oft gesprochen, sie hätten kein schlechtes Gewissen gehabt, warum auch?
"Wir haben eben mehrere Moralebenen. Es gibt eine Moral, die innerhalb der Familie gilt, und es gibt eine dehnbare Moral, die außerhalb gilt."
Was Jannis beschreibt, ist ein orientalisches Phänomen: Wenn die Welt definiert wird durch den Blick aus der Familienkapsel, dann ist es verständlich, nachvollziehbar, dass unterschiedliche Moralsysteme koexistieren. Ein Betrug, der innerhalb der kretischen Bauernfamilie unerträglich wäre, den man zum Beispiel seinem Vetter niemals zumuten könnte, ohne schlimmste Katastrophen heraufzubeschwören - derselbe Coup kann draußen, außerhalb des Clans, mit ruhigstem Gewissen durchgezogen werden. Zumal er Geld einbringt, also der Familie nützt.
Die Globalisierung, mit ihrer hohen Schlagzahl und neuen, wechselnden Loyalitäten, unterhöhlt dieses traditionelle System. Aber Griechenland war bis Mitte der siebziger Jahre noch Diktatur, eine Gesellschaft hinter einer Zeitmauer. Die Griechen seien ein verspätetes Volk, sagt Jannis, mit nur schwach entwickeltem Gemeinsinn.
"Für uns ist doch schon der griechische Staat etwas Fremdes, Aufgesetztes. Der Staat war immer in der Hand von Besatzern, der Staat, das war die Welt draußen, eine Fülle von hochgeschraubten Forderungen und Schikanen", sagt Jannis.
"Und dann hieß es plötzlich: Europa! Wir werden Europäer! Aber was bedeutete das? Wer von den griechischen Bauern hatte denn schon ernsthaft eine Vorstellung von einem Land wie - etwa Dänemark? Anfangs hatten wir deshalb alle Angst: Jetzt werden wir Teil eines komplizierten Apparats. Ist das gut? Können wir uns behaupten? Aber dann stellten wir fest, dass es überall diese netten, kleinen Möglichkeiten gibt."
Und die netten, kleinen Möglichkeiten waren überzeugend, die Angst schlug um in Findigkeit, Dreistigkeit. Ein verspätetes Volk erkannte, dass nichts war, wie es auf den ersten Blick aussah. Auch die Bockigkeit, mit der die Griechen reagiert hätten, als Schwindel und Schulden ruchbar wurden, die Bockigkeit und Trotzigkeit der Streikenden und Anspruchsteller, das sei in Wahrheit Scham mit umgekehrtem Vorzeichen, Abbitte, auf den Kopf gestellt, sagt Jannis. Die Griechen wüssten, dass es so nicht weitergehen könne.
Können sich die Griechen ändern, Jannis?
"Wir müssen. Nehmen Sie mich als Beispiel: Was ich reingeholt habe an ein paar zusätzlichen Aufträgen und vielleicht Provisionen, ging auf der anderen Seite wieder raus, an Bestechungsgeldern hier, an kleinen Geschenken dort. Meine Töchter haben ihre Führerscheinprüfung erst bestanden, als sie zwei Fakelaki mitnahmen, Briefumschläge mit Geld, einen für den Fahrlehrer, einen für den Prüfer. Natalie war unsagbar wütend, sie wollte es nicht glauben. Aber so ist das eben. Der Fahrlehrer besticht mit dem Geld den Beamten vom Einwohnermeldeamt. Der besticht mit dem Geld seinen Kinderarzt. Und so weiter, ein Kreislauf unter der Wahrnehmungsschwelle von Staat und Statistik …" Jannis seufzt. "Effizient ist das alles nicht."
Aber irgendwer wird bei dem Spiel sehr reich?
Jannis nickt. "Irgendwer bestimmt, es gibt die alte Geld-Schicht und eine Kaste von Neureichen in Athen. Irgendwo bleibt das Geld hängen, irgendwo geht die Party weiter, aber bei mir leider nicht." Er lacht, doch es klingt nicht fröhlich.
Die Griechen fühlten sich geschmeichelt von dem romantischen Bild, das der Rest der Welt von ihnen hatte. Selbst wenn es eine Projektion war: aus Goethe und Lord Byron, aus Alexis Sorbas und den Philosophen der Antike. In der Wirklichkeit durchziehen tiefe Risse die griechische Gesellschaft, zwischen jenen, die ihren Besitzstand, ihre ungerechten Privilegien verteidigen wollen - und jenen, die niemals Privilegien hatten. Und Risse zwischen den Alten, Etablierten und der jungen Generation.
Die Eltern Papadakis, Jannis und Antula, stehen für die Generation nach der Militärdiktatur. Als die Diktatur zerbrach, 1974, waren sie beide voller Tatendrang und wollten eine neue, gerechte, demokratische Gesellschaft aufbauen. Antula erinnert sich heute noch, wie aufgeregt sie war, wie sie ihren Freundinnen und Freunden verbot, Coca-Cola zu trinken, die Limonade der imperialistischen Amerikaner, die die Diktatur gestützt hatten.
Eine neue Welt erbauen. Doch die griechischen Krankheiten, die traditionelle Korruption und Klientelwirtschaft und Schlamperei, schleppten sich fort und fort. Jedes Mal und überall, wo ein Beamter bestochen, ein Briefumschlag mit Geld auf dem Schreibtisch eines Arztes landete, wurde das System zementiert.
Jannis hat das Spiel mitgespielt, weil es sonst ohne ihn weitergegangen wäre. Aber er fühlt sich mitschuldig. Auch Antula macht sich Vorwürfe, auch sie hat sich mit den Jahren an die Verhältnisse gewöhnt. Die immensen Schulden des Staates werden der nächsten Generation aufgeladen, Mandy, Natalie, Danai, Nikos und allen anderen. Jannis und Antula wissen das, ändern können sie es nun auch nicht mehr.
Irgendwo geht die Party immer weiter.
Das Restaurant heißt Diplohordo, es liegt in der Agias Lavras, im Stadtteil Galatsi. Die schöne Danai, Jannis' Tochter mit Locken und ausdrucksvoller Nase, tritt hier auf, mit ihrer Band. Es gibt eine kleine Bühne, auf der sich sieben Musiker drängeln, unten eine geflieste Tanzfläche, die jetzt, um Mitternacht, noch leer ist, und auf einem erhöhten Balkon rund um die Tanzfläche stehen Tische, sitzen Familien, vor sich riesige Fleischplatten, dampfende Aufläufe, duftend nach Auberginen, Hackfleisch und Zimt. Rauchschwaden hängen im Raum, die Kellner schleppen unentwegt Wein und Bier heran, Heineken. Für zwei Bier zahlt man 20 Euro, auf der Quittung, die der Kellner ausstellt, sehr unwillig, fehlt die Steuernummer.
Im Publikum viele Männer mit weißen Sakkos, Goldkettchen und grellen Krawatten, die Frauen haben sich in Taftkleider gezwängt, mit Hochfrisuren in allen Tönen zwischen weizenblond und signalgelb. Danai steht auf der Bühne und strahlt und singt, und ihre Band schrummelt, laut, fröhlich, ununterbrochen, Folklore, Tango, Pop, schon seit Stunden ohne Pause, und bis vier oder fünf Uhr morgens müssen sie spielen. Dafür kriegen sie etwa 2000 Euro, geteilt durch acht. Am nächsten Morgen kann Danai oft nur noch krächzen, obwohl sie unent-wegt Wasser trinkt, der Zigarettenqualm schlägt auf die Stimmbänder.
Im Publikum sitzt an diesem Abend auch Themis, ein Bekannter von Danai, er wollte sie mal singen hören. Er nuckelt sparsam an seiner Bierflasche, mehr als eine kann er sich keinesfalls leisten. "Wenn man das hier sieht", brüllt er, um die Musik zu übertönen, zeigt in den Saal, "dann fragt man sich, wo eigentlich die Krise ist?"
Themis findet die Krise gut. Staatsbankrott? Gern! Zusammenbruch? Großartig! "Wir brauchen die Krise, damit wir aufwachen."
Themis ist Mitte zwanzig, wie Danai, dieselbe Generation. Aber sie blicken aus verschiedenen Winkeln auf die Krise. Während Danai sich auf ihre Eltern verlassen kann und wenigstens noch ein bisschen Geld damit verdient, dieser seltsamen Gesellschaft vorzusingen, zum Tanz aufzuspielen, ist Themis selbst diese Möglichkeit versperrt. "Ich gehöre zur verlorenen Generation", sagt er.
Themis hatte mal hohe Ziele. Er studierte, Betriebswirtschaft und Marketing, er wollte sich selbständig machen, Unternehmer sein. Er brachte, sagt er von sich, Fleiß mit, auch Intelligenz und Ideen, aber das genügte nicht. Ihm fehlte, was wichtiger ist in der griechischen Gesellschaft: Geld und die richtige Familie. Sein Vater ist pensionierter Verkehrspolizist, seine Mutter war angelernte Krankenschwester. Mit der Rente können seine Eltern über die Runden kommen. Aber nur knapp; ihrem Sohn können sie nichts abgeben, sie können auch keine Beziehungen spielen lassen.
Themis ging noch zur Schule, als Griechenland der Europäischen Währungsunion beitrat, er war damals begeistert von der Vision, den Möglichkeiten. Er arbeitete in den Ferien, von dem Geld bereiste er Belgien, Frankreich, Deutschland, fuhr nach Brighton, Prag und träumte von Amerika, und eines Tages stand er andächtig in Brüssel, an der Rue de la Loi, vor dem EU-Kommissionsgebäude, die Welt wuchs zusammen, und er war ein Teil davon.
Aber alle Versuche, in Griechenland ein Geschäft auf die Beine zu stellen, sind bislang gescheitert, oder nahezu. Man werde blockiert, sagt er. Der Arbeitsmarkt sei dicht, für seine Generation. Überall säßen Frührentner, die mit 52 den Staatsdienst verließen, jetzt eine bequeme Pension bezögen und nebenher ein Geschäft aufgezogen haben. "Ich kenne Deutschland oder England, hier in Griechenland ist es wirklich anders", sagt er. "Wenn du nicht über deine Familie in ein Geschäft gedrückt wirst, sind immer alle Aufträge schon vergeben, alle Ausschreibungen hat eine andere Firma gewonnen, du wirst auf griechisch-höfliche Art geschnitten, ignoriert."
Griechenland sei eines der ungerechtesten Länder, die man sich vorstellen könne, hat einer der bekanntesten Schriftsteller gesagt, Petros Markaris. Aber dabei soll es nicht bleiben, sagt Themis. Er will in Zukunft dagegen ankämpfen, und auch Danai hat sich das vorgenommen, sie will Fälle von Korruption und Bestechung künftig aufdecken, melden. Unter der Regierung Papandreous wurde das Ombudssystem, bei dem solche Missbräuche anzuzeigen sind, verstärkt.
In der vergangenen Woche beschloss die Europäische Union einen Notfallplan, der die Europäische Zentralbank wie auch den Internationalen Währungsfonds einbezog. Die Märkte reagierten prompt: In New York sanken die Preise für Ausfallversicherungen, der Druck auf den griechischen Staat ließ nach, die Katastrophe schien zunächst abgewendet.
Die Papadakis packten da bereits ihre Koffer, für die Ostertage. Die Familie Papadakis, Vater Jannis und Mutter Antula, ihre Töchter und Nikos, wollten auf die Insel Sífnos fahren, ein paar Tage Ruhe und Wein und Sonne. Und dann, zurück in Athen, werden sie ihr Leben wiederaufnehmen, ihre Arbeit und ihre Familienabende, liebevoll inszeniert, mit gefüllten Weinblättern und Geschichten.
Geschichten wie die von dem Mann, der von der Polizei erschossen wurde.
Der Erschossene gehörte zur Terroristengruppe "Revolutionärer Kampf", erzählte Nikos an jenem Abend auf dem Balkon.
Er habe eine Handgranate gehabt und eine Pistole im Handschuhfach, und es heißt, er wollte eine Bombe an der Athener Börse deponieren, um ein Zeichen zu setzen. Er hatte alles gut geplant. Ursprünglich war es auch nur eine Verkehrskontrolle gewesen, in die er geraten war; aber dabei verlor er die Nerven und zog die Pistole aus dem Handschuhfach und schoss um sich.
Und wisst ihr, fragte Nikos, wieso die Polizei ihn kontrollierte, morgens um kurz nach vier im Stadtteil Dafni?
Nein, sagten die Schwestern.
Weil er ganz brav fuhr, sagte Nikos, total nach den Regeln, nirgends schneller als 50, und weil er an den Ampeln hielt, obwohl die Straßen bekanntlich ganz leer sind um diese Uhrzeit. Wer so fährt, kann ja nur ein Terrorist sein, dachte die Polizei, und so war es dann ja auch.
Alle schwiegen, einen Moment herrschte Stille auf dem Balkon, dann sagte Danai: Griechenland. ◆
(*1) Vorn: Tochter Danai, Mutter Antula, Tochter Mandy; hinten: Tochter Natalie, Vater Jannis, Tochter Myrsini.
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 14/2010
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